9punkt - Die Debattenrundschau

Es wird wohl ein sehr dickes Buch

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.05.2016. Die FAZ streitet über den Islam in Deutschland: Die einen sehen an den Schulen einen deutschen Islam entstehen, die anderen eher einen türkischen. Politico.eu trifft  den Präsidenten der Region Katalonien, Carles Puigdemont , der frohgemut auf einen Bruch mit Spanien zusteuert. London hat einen Bürgermeister pakistanischer Herkunft. Und was ist mit Paris?, fragt Libération. Die taz gedenkt Ulrike Meinhofs, und in der FAS äußert sich Christian Ströbele unzufrieden über eine aktuelle Biografie.

Europa

Carles Puigdemont, Präsident der Region Katalonien, ist entschlossener denn je, die Region von Spanien abzuspalten. Im Interview mit Stephen Brown und Hans von der Burchard von politico.eu ist er sicher, dass die EU sein Land schon bald wieder aufnehmen würde: "Puigdemont sieht es so, dass Katalonien, nachdem es mit Spanien gebrochen hat, die eine Tür nehmen wird, um aus der EU auszutreten, um gleich durch eine zweite wiedereinzutreten, denn Brüssel wird verzweifelt an einer ökonomisch mächtigen Region im Herzen der europäischen Kultur und Tradition festhalten. 'Ich sehe keinen Grund, warum Europa sich nicht genau so anstrengen sollte wie beim Vereinten Königreich, um es in Europa zu halten', sagt der Präsident und stellt die EU-Begeisterung von '7,5 Millionen europäischen Bürgern' in Gegensatz zum Mangel an Enthusiasmus in Britannien."

In London ist mit Sadiq Khan ein muslimischer Bürgermeister pakistanischen Ursprungs gewählt und in der Kathedrale von Southwark vereidigt worden. Und was ist mit Paris?, fragt in Libération Béligh Nabli. "Historisch ist Paris ist eine kosmopolitische und multikulturelle Metropole. Dieser wesentliche Aspekt der Stadt des Lichts steht im Gegensatz zur Morphologie der Stadtverwaltung, die auf pathologische Weise homogen ist. Die städtischen Wahlen von 2014 und der Austausch der Führungsmannschaften haben diesen Eindruck von 'Homogamie' und 'endemischer Endogamie' nur verstärkt."

Sollen auf dem Tempelhofer Feld in Berlin Flüchtlingsunterkünfte gebaut werden? Obwohl vor zwei Jahren eine Randbebauung des alten Flughafenareals durch Volksentscheid verhindert worden war? Eine Initiative "Volksentscheid retten!" will die Bebauung unbedingt verhindern und dazu die Verfassung ändern. In der Berliner Zeitung sieht Thomas Rogalla sehr peinliche Parallelen: "Mit einem 'Einspruchsreferendum' soll 'das Volk' dann Änderungen an Volksgesetzen durch das Parlament verhindern können. Vorbild ist Hamburg. Das klingt nach Pegida, und wer Parlamente als Einrichtungen betrachtet, die das Volk betrügen, wird ohne Zögern unterschreiben. Dabei kommt 'Volksentscheid retten' vor allem aus dem in Berlin verbreiteten linksalternativen Miljöh. Dessen politische Intention ist im Zweifel gegen die wachsende Rechte gerichtet, aber die antiparlamentarische Intonation ähnelt deren Parolen auf fatale Weise."
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Kulturpolitik

Max Hollein, scheidender Direktor der Schirn Kunsthalle, des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt, hinterlässt seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin wohl bestellte Häuser und einen bis 2019 reichenden Ausstellungszyklus, erklärt er im Interview mit der FR. Er selbst freut sich schon mal auf seinen neuen Job als Fine Arts Museums in San Francisco, wo "gerade die Frage neu verhandelt wird, wie sich die neuen privaten Vermögen in der Kultur engagieren sollen. Die Entwicklung des benachbarten Silicon Valley hat zu einem vollkommen neuen Typus von Unternehmer und jungem Wohlstand geführt. Die Leute, die in kürzester Zeit mit digitaler Technologie wohlhabend geworden sind, engagieren sich noch nicht kulturell. Das muss sich ändern."

Religion

FAZ-Redakteurin Karen Krüger hat kein Problem mit dem Islam in Deutschland und freut sich über ein den christlichen Kirchen ähnliches Verwachsen mit staatlichen Strukturen: Die "Islamkonferenz, ein Meilenstein des Dialogs zwischen Muslimen und der Politik, jährt sich 2016 zum zehnten Mal; seit 2008 wird der deutschsprachige bekenntnisorientierte islamische Religionsunterricht flächendeckend an Schulen eingeführt, vier Universitäten bilden islamische Religionslehrer und Imame aus - dass es nicht gut sein kann, wenn nur importierte Imame aus dem Ausland in Deutschland predigen, hat nicht erst die AfD erkannt. Diese Zentren der islamischen Theologie bieten die wichtigsten Impulse für einen 'deutschen Islam', der grundgesetzkonform, friedliebend, undogmatisch und unabhängig von fremden Staaten ist."

Regina Mönch sieht das - ebenfalls in der FAZ - ganz anders. Die islamischen Verbände, die Einfluss auf den Religionsunterricht in Berlin nehmen wollen, sind alles andere als undogmatisch: "Auf einer halboffiziellen Vorschlagsliste befanden sich Dachverbände mit großer Nähe zum Netzwerk der radikalen Muslimbruderschaft und zur islamistisch eingefärbten Milli Görus. Doch auch die konservative Ditib, mit der staatliche Institutionen so gern verhandeln, wäre alles andere als ein Garant für die autonome Lehre. Wer diesen Verbänden zu viel Einfluss zugesteht, wird nicht nur die bekannten Störungen provozieren. Er liefert ihnen auch mindestens drei Viertel aller Muslime aus, die mit ihnen nichts zu tun haben wollen und die für ihre Kinder einen Religionsunterricht wünschen, der das Niveau des protestantischen und katholischen hat."

In der Berliner Zeitung wendet Maritta Tkalec ein, dass ein klares Verhältnis nur hergestellt werden kann, wenn Deutschland ein klares Verhältnis zu den Kirchen insgesamt findet.

Froh, den Islam loszusein, ist der ebenfalls in der FAS schreibende Autor Salman Ansari, der jung nach Deutschland kam und den sein Vater in einem Brief anhielt, die Kunst zu lieben: "Du bist umgeben von unermesslicher Schönheit, was Kunst, Literatur und Musik betrifft. Nutze jede Sekunde, dieses Universum zu betreten, wo und wann immer Du nur kannst! Keine Religion der Welt kann das Verlangen nach Schönheit auslöschen. Einzig die islamische Welt wehrt sich anzuerkennen, dass die Künste Ausdruck der Sehnsucht nach besseren Welten sind. Wie kann man ein besserer Mensch werden ohne die Erfahrung der Schönheit?"

Weiteres: Christian Geyer fürchtet in der FAZ eine Anerkennung der Pius-Brüder durch Papst Franziskus.
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Gesellschaft

Hannah Lühmann berichtet in der Welt vom "Kongress zeitgenössischer jüdischer Positionen" am Gorki-Theater.
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Politik

"Die Republikanische Partei ist tot", schreibt Max Boot, der ehemalige außenpolitische Berater einiger Kandidaten der Partei, in der Los Angeles Times: "Sie war schon von der Tea Party verwundet worden, die auf politischer Reinheit bestand und jeden Kompromiss zurückwies. Nun ist sie von Donald Trump getötet worden. Trump ist ein ignoranter Demagoge, der sich in rassistischen und frauenfeindlichen Reden und verrückten Verschwörungstheorien suhlt. Er will Protektionismus und Isolationismus - die Art Politik, die uns Depression und den Zweiten Weltkrieg brachte... Aber er hat freundlich Worte für Tyrannen wir Wladimir Putin. Es hat in der Geschichte der Vereinigten Staaten keinen weniger qualifizierten Kandidaten gegeben."

In der SZ wendet sich Andreas Zielcke gegen die "Freihandelsideologie". Eines der Argumente: "'Die globalen Handelsströme sind für fast ein Viertel der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich', schreibt das Handelsblatt. Es ist also nicht übertrieben, von der ökologischen Verantwortungslosigkeit der Freihandelsabkommen zu reden, seien sie transatlantisch oder sonst wie interkontinental angelegt."
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Geschichte

Unzufrieden mit Stefan Reineckes Biografie äußert sich der ehemalige RAF-Anwalt und heutige Grünen-Politiker Christian Ströbele im Interview mit Anne Ameri-Siemens in der FAS: "Für das Buch gab ich ihm Interviews und stellte Material zur Verfügung. Darüber hinaus hat mich selbst gerade dieser Teil meiner Vergangenheit stark beschäftigt. Aber nicht nur über diese Zeit grübelte ich, wenn ich zuweilen nachts wach lag. Was hatte sich damals abgespielt, und wird es richtig verstanden, wenn jetzt darüber geschrieben wird? Irgendwann werde ich mich hinsetzen und eine Autobiografie schreiben - und die Unterlagen, die ich aufgehoben habe, einbeziehen. Es wird wohl ein sehr dickes Buch."

In der taz gedenkt Wolfgang Gast des Selbstmords Ulrike Meinhofs vor vierzig Jahren und zitiert als Moral von der Geschichte Klaus Wagenbachs damalige Grabrede: "Was Ulrike Meinhof umgebracht hat, waren die deutschen Verhältnisse: Der Extremismus derjenigen, die alles für 'extremistisch' erklärten, was eine Veränderung der Verhältnisse auch nur zur Debatte stellte. Das wollen wir nicht vergessen. Es sind unsere Verhältnisse, die wir nicht vergessen wollen."

Im Interview mit der FR erklärt der Historiker Peter Longerich, was neu ist in seiner Hitler-Biografie: Sie zeichnet Hitler nicht als Charismatiker oder "Unperson", sondern als gewieften, direkt eingreifenden Politiker: "Das erkennt man erst allmählich, weil die Vorgänge häufig nicht ausreichend schriftlich dokumentiert sind. Je mehr aber die Forschung dieses System durchdringt, umso mehr sehen wir seine aktive Rolle. Bei mir hat sich in diesem Punkt vor einigen Jahren ein Umdenken eingestellt, als ich in einem Gutachten Hitlers Rolle im Zusammenhang mit der Judenverfolgung darstellen musste und sah, wie sehr er den gesamten Prozess gesteuert und auch in Detailfragen eingegriffen hat. Es gilt aber auch für andere Bereiche wie die Kirchenverfolgung."

Geschichtspolitisch gibt es ein Tauwetter in Weißrussland, berichtet Felix Ackermann in der NZZ. Aber nur ein ganz kleines: "In der heroischen Kriegserzählung der offiziellen Erinnerungspolitik ist nach wie vor kaum Platz für die Opfer. Dabei sind im Kriegsmuseum die wichtigsten Opfergruppen, die nicht an der Front starben, durchaus erwähnt: sowjetische Kriegsgefangene, die Zivilbevölkerung in Städten und Dörfern, Zwangsarbeiter und Juden. Doch die Führung für die Schulklasse hält an den Vitrinen, die dem Holocaust gewidmet sind, kaum inne. Dass von den etwa zwei Millionen weißrussischen Opfern die meisten Kriegsgefangene und Juden waren, ist weithin unbekannt, denn ihr Tod widerspricht dem allgegenwärtigen heldenhaften Sieges-Narrativ."

Weitere Artikel: Kerstin Holm besucht für die FAZ das Moskauer GULag-Museum. Arno Widmann erinnert in der FR an Ferdinand Cohen-Blinds fehlgeschlagenes Attentat auf Otto von Bismarck 1866. In der Welt begrüßt Hannes Stein die Ablösung des Konterfeis des "Volkstribunen, Demokraten, Sklavenhalters, Kriegshelden, Antikapitalisten, Rassisten, Völkermörders" und amerikanischen Präsidenten Andrew Jackson durch das der Sklavenrechtlerin Harriet Tubman auf der neuen 20-Dollar-Note.
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Medien

Für die Welt am Sonntag beschreibt Wolfgang Büscher die Szene der Rundfunkgebühren-Verweigerer, in der er nicht nur rechtsextreme Verschwörungstheoretiker findet: "Foren wie GEZ-Boykott.de wollen den Protest aus der Spinnerecke holen. René Ketterer gründete es mit einigen Mitstreitern 2007. Er leitet die Plattform, sieben Moderatoren helfen ihm. 'Heute", sagt er, 'haben wir 12.700 Mitglieder und rund 1,5 Millionen Zugriffe im Monat.' Plus eine Million Zugriffe aufs Portal Online-Boykott.de - alles in allem 'circa 3,5 Millionen Zugriffe auf die gesamte Plattform. Das überrascht mich selbst!' Rund 100.000 Menschen haben seine Online-Petition gegen die Rundfunkgebühr unterschrieben."
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