9punkt - Die Debattenrundschau

Tratschtanten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.04.2016. Bei den Ermittlungen gegen Netzpolitik wegen Landesverrats ging es dem Verfassungschutz weniger um Netzpolitik als um die Dingfestmachung von Parlamentariern, berichtet Zeit online. Zeit online und taz fürchten die Abschaffung des Säkularismus in der Türkei. In der NZZ erinnert sich die Übersetzerin Wei Zhang an die Schrecken der Kulturrevolution. Laut politico.eu zieht sich International New York Times demnächst aus Europa zurück. An amerikanischen Unis wird inzwischen aus political correctness auf die Betätigung des Kopfes verzichtet, schreibt Ilija Trojanow in der taz.

Überwachung

Marcus Bensmann und David Crawford von Zeit online analysieren ein paar offizielle Dokumente, die ihnen zugespielt wurden und die offenbar zeigen, dass es bei den Ermittlungen gegen das Blog Netzpolitik wegen Landesverrats im letzten Jahr gar nicht in erster Linie um Netzpolitik, sondern gegen Bundestagsabgeordnete ging, die Dokumente an das Blog weitergeleitet hatten. Die Autoren entnehmen das unter anderem einem Redemanuskript des Verfassungsschutzchefs Hans-Georg Maaßen, der sich über Abgeordnete beschwerte und sich heuchlerisch beklagte, dass so das "Vertrauen in die parlamentarische Kontrolle" zerstört werde. Die Zeit-online-Autoren dazu: "Man muss sich diese Worte auf der Zunge zergehen lassen, um das Gewicht der Anschuldigungen zu erahnen: Maaßen hält die Abgeordneten, die seine Arbeit kontrollieren sollen, für Tratschtanten, die es nicht verdient haben, dass man ihnen vertraut. Die die Sicherheit Deutschlands gefährden. Selten hat ein Geheimdienstchef so klar vor Publikum seine Abneigung gegen die parlamentarische Kontrolle bekundet."

Weiteres: In der SZ fürchtet Andreas Zielcke, dass eine neue EU-Richtlinie zu Geschäftsgeheimnissen Whistleblower gefährdet.
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Europa

In der Türkei hat AKP-Parlamentspräsident İsmail Kahraman gerade erklärt, die Türkei sei "ein muslimisches Land", deshalb "brauchen wir eine religiöse Verfassung. Säkularismus darf in der neuen Verfassung keine Rolle mehr spielen." Will Erdogan also die Türkei zur islamischen Republik umbauen? Sieht ganz so aus, meint Lenz Jacobsen bei Zeit online: "Jahrelang erschien das als Verschwörungstheorie, als Geraune einer westlichen Elite, die sich gegen die neuen religiösen Emporkömmlinge wehren wollte. Doch Sätze wie die von Kahraman passen nun nur allzu gut in diese Erzählung. Ebenso wie die Rhetorik und Inszenierung Erdoğans, der seit ein paar Jahren immer offensiver Bezug nimmt auf das Osmanische Reich, auf die Symbolik der kämpfenden Sultane zu Pferd, auf die islamischen Eroberungen auf der ganzen Welt. 'Neo-Osmanismus' nennen das Beobachter." Jürgen Gottschlich bezweifelt allerdings in der taz, dass Erdogan sich durchsetzen wird: "Der Säkularismus gehört zu den Pfeilern der Republik und ist für die meisten Türken selbstverständlich." eine Zweidrittelmehrmehrheit zur Verfassungsänderung fehlt Erdogan ebenfalls.

Weitere Artikel: Kerstin Holm zeichnet in der FAZ ein Stimmungsbild Serbiens, wo man über EU, Amerika und den Internationalen Gerichtshof klagt. In der NZZ zeichnet Marc Zitzmann nochmal den erbitterten Streit zwischen den beiden französischen Islamwissenschaftlern Olivier Roy und Gilles Kepel nach. In der Welt fragt Ulf Poschardt angesichts der Farbsymbolik rechtspopulistischer Parteien in Europa: "Ist Blau das neue Braun?"
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Gesellschaft

Political Correctness verhindert an amerikanische Universitäten inzwischen die Betätigung des Kopfes, schreibt Ilija Trojanow in der taz: "Der somalische Schriftsteller Nuruddin Farah wollte anhand des Romans 'Winter in the Blood' von James Welch Vergewaltigung als literarisches Thema behandeln. Die Studentinnen weigerten sich, mit der Behauptung, Vergewaltigung sei kein 'Thema', sondern eine brutale Realität, die sich der intellektuellen Auseinandersetzung entziehe. Mit anderen Worten: Allein ihre emotionale Reaktion ist legitim; sie ersetzt Analyse und Urteilskraft."
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Internet

Ganz schlimm steht es laut tazler Fabian Kretschmer, der sich auf koreanische Studien bezieht, um die Wikipedia. In der freiwilligen Mitarbeiterschaft gebe es einen "drastischen Gender Gap". Und "weit über 80 Prozent aller Kontributoren sind männlich, haben vorwiegend einen naturwissenschaftlichen Hintergrund und stammen aus den führenden OECD-Staaten".
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Stichwörter: Gender, Wikipedia

Geschichte

Vor fünfzig Jahren brach in China die Kulturrevolution aus, die Hunderttausende Tote forderte. In der NZZ erinnert sich die Übersetzerin Wei Zhang weniger an die Ereignisse als an das große Schweigen darüber. 1975 sollte sie aus ihrer Schule als einzige für eine privilegierte Fremdsprachen-Mittelschule vorgeschlagen werden. Nur die politische Überprüfung der Familie stand noch bevor. "Als ich abends nach der Schule die Wohnung betrat, wollte ich nur eines - dass mein Vater die Stirn endlich nicht mehr runzeln würde. 'Ich habe es geschafft', rief ich in atemloser Eile und suchte ihm darauf alles über meine Kandidatur zu erklären. Zu meinem Erstaunen faltete sich seine Stirn zu einem übergroßen Knoten. Während des Essens wurde geschwiegen. Als ich abwaschen ging, hörte ich, wie meine Mutter anfing zu weinen. Danach unternahm ich zum ersten Mal einen langen Spaziergang allein mit dem Vater. Wir gingen über die verlassenen Geleise, weil es dort menschenleer war. Vater verriet mir seine Sorgen durch die Blume. Er vermied es, eingehend über meinen Großvater zu reden, bezeichnete ihn jedoch als einen unglücklichen Menschen."
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Stichwörter: China, Kulturrevolution

Kulturpolitik

Schweizer haben fleißig bei Nazis Werke der "entarteten Kunst" gekauft. Nun setzt sich im Kunstmuseum Bern eine Ausstellung mit Schicksal und Provenienzen einiger Werke auseinander. Trotz scharfer Kritik im Detail schreibt Hans-Joachim Müller in der Welt: "Man kann - und das vor allem lehrt die verdienstvolle Selbsterkundung des Berner Museums - man kann die Geschichte dieser Bilder nicht einfach wegrecherchieren. Immer wird sie ihnen anhaften - wie Flecken, gegen die es kein Mittel gibt."

Medien

Die International New York Times, die ohnehin nur noch ein Schatten der International Herald Tribune war, soll künftig nicht mehr von Paris aus erstellt werden, schreibt Alex Spence bei politico.eu: "Die International New York Times soll neu konzipiert und ihre Produktion aufgrund der ökonomischen Herausforderungen rationalisiert werden, sagten Manager. Die Druckversion soll zwar noch in Europa vertrieben werden, aber redaktionelle und druckvorbereitende Aufgaben werden künftigt von New York und Hongkong aus erledigt." Siebzig von 113 Arbeitsplätzen in Paris sollen wegfallen.

In der FAZ wird seit einigen Wochen über die von den öffentlich-rechtlichen Sendern (aber niemand sonst) gewünschte Übertragungsart DAB diskutiert. Der Medienwissenschaftler Hermann Rotermund hält sie für eine "digitale Ruine": "Das Internet wäre für den Hörfunk heute ein viel bedeutenderes Verbreitungs- und Kommunikationsfeld, wenn die Entwicklungskosten von DAB in Internet-adäquate Verbreitungsformen gelenkt worden wären. An die Stelle schlechter terrestrischer Sendequalität via UKW oder DAB+ könnten für ausgewählte Programme hochklassige Streams treten."
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