9punkt - Die Debattenrundschau

Heideggero-Post-Dekonstrukto-Identitäts-Ressentimentismus

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.05.2015. Charlie Hebdo bekennt seine Enttäuschung über sechs Autoren, die es schafften, in so wenigen Worten so viele desinformierte Dummheiten zu verbreiten. In der Zeit verlangt Jens Jessen mehr Fairness von den ermordeten Karikaturisten. In der FAZ erzählt Wladimir Putin, wie seine Familie den Krieg erlebte, und Fereshta Ludin beteuert, dass sie das Kopftuch ablegt, falls sich herausstellt, dass es ein Symbol der Unterdrückung ist. Für Tablet liest Paul Berman André Glucksmanns "Voltaire contre-attaque" und attackiert den Panglossismus unserer Tage.

Ideen

Jennifer Schuessler und Rachel Donadio von der New York Times haben die neue Nummer von Charlie Hebdo (der ja leider nichts ins Netz stellt) schon gelesen und zitieren das Editorial Philippe Lançons, der sich mit den sechs ursprünglichen Boykotteuren der New Yorker PEN-Gala auseinandersetzt: "Es ist nicht ihr Fernbleiben, das mich schockiert, es ist die Art ihrer Argumente. Dass Romanciers solcher Qualität - Peter Carey, Michael Ondaatje, Francine Prose, Teju Cole, Rachel Kushner, Taiye Selasi - es hinkriegen in so wenigen Worten so viele desinformierte Dummheiten zu sagen und dabei noch die Eitelkeit ihrer guten Seelen pflegen, enttäuscht den Leser in mir." Das Bild zeigt das aktuelle Cover von Charlie Hebdo.

In der Zeit greift Jens Jessen wenigstens mal die zwischen den USA und Frankreich tobende Debatte um Charlie Hebdo auf und bringt mit Leszek Kolakowski die Sackgassen zur Sprache, in die ein zu viel an Meinungsfreiheit, aber auch an Toleranz führen können (nämlich dass man in der eigenen Kultur ein gewichtiges Argument gegen Intoleranz verliert, wenn man sie einer anderen Kultur zubilligt). Aber dann schließt er doch in enger Verbundenheit zum juste milieu: "Was sich in der philosophischen Logik nicht befriedigend auflösen lässt, könnte sehr wohl in der gesellschaftlichen Wirklichkeit wenigstens ausbalanciert werden, durch Sinn für Fairness - und sei es, dass die Mehrheit ihre Macht einmal nicht dazu einsetzt, die Minderheit zu verspotten, sondern ihr zu neuem Selbstbewusstsein zu verhelfen. Insofern haben die zweihundert Autoren, die sich dem Konsens der Karikaturenverehrung entzogen, in New York etwas Großes getan."

Der deutsche Soziologe Heinz Bude sieht es ähnlich, berichtet Thekla Dannenberg im Perlentaucher. In einer Ringvorlesung über Kunstfreiheit stellte er diese zur Disposition und verlangt von Kunst mehr Respekt: "Auf den Einwand, ob Respekt als Kategorie in der Kunst wirklich an die Stelle der Kritik rücken solle, antworte er mit einer Nonchalance, die einen frösteln ließ: "Der Künstler, der auf sich die bürgerlichen Freiheitsrechte beruft, ist ja ein bisschen doof.""

Nicht nur die Kleriker verabscheuen Voltaire, schreibt in Tablet Paul Berman, der sich von André Glucksmanns "Voltaire contre-attaque" (deutscher Auszug) inspiriert sieht: "Auch die Akademiker haben ihm nie vergeben. Ihre eigenen doktrinären Absurditäten haben sich seit zweieinhalb Jahrhunderten nicht um ein Jota verändert, von der Metaphysiko-Theologo-Kosmolonigologie aus dem Schloss Thunder-ten-tronckh zum Heideggero-Post-Dekonstrukto-Identitäts-Ressentimentismus" ist es nur ein Schritt. Die Professoren stellen fest, dass Voltaire intellektuelle Systeme ablehnt und schließen daraus, dass er ein Feind des Intellekts ist, was fast so schlimm ist wie ein Feind Gottes. Sie verzeichnen bei Voltaire eine Leichtigkeit, die ihrer eigenen gewichtigen Wahrheiten niemals würdig ist. Sie machen eien höhnische Miene, und wir sollen es ihnen nachtun. Wir tun es ihnen nach, und das spricht nicht für uns." Lesenswertsetzt sich Berman in dem Artikel auch mit Voltaires Antisemitismus auseinander.

Ebenfalls in Tablet wendet sich Todd Gitlin gegen die Charlie-Kritiker.
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Europa

Heute wird in Großbritannien gewählt. Ben Judah untersucht in politico.eu die Visionen der verschiedenen Parteiführer und ordnet sie Ländern zu. Während Labour-Chef Ed Miliband Britannien zu einer Art Schweden machen wolle, ist die Orientierung bei den Tories nicht ganz so klar: "Nicht alle Tories teilen dieselbe Vision. Boris Johnson, der Londoner Bürgermeister - der Parteiführer werden könnte, wenn Cameron durchfällt - ist da noch am klarsten. Er sieht Britannien als eine Insel des freien Markts, komplett offen für ausländisches Kapital. Während Miliband seinen Hadsch nach Skandinavien macht, wendet sich Boris Dubai zu. Seine Welt ist die der handeltreibenden Stadtstaaten, und so sieht er auch London. In Dubai beschrieb er sich selbst als "Bürgermeister des achten Emirats" und verkündete: "Was die Dschungel von Sumatra für die Orang Utans sind, das ist London für die Top-Milliardäre.""

"Was will Deutschland eigentlich machen, wenn es Griechenland, Spanien und Portugal zerschlagen hat?", fragt der Schriftsteller Antonio Lobo Antunes in einer Zeit-Reportage von Georg Blume aus Lissabon.
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Medien

Georg Seeßlen denkt im Freitag über Bilder und Bilderpsrache nach und spricht in Anlehnung an Pauline Kaels Wort von der Vietnamisierung der Bilder von der "Islamisierung der Bilder": "Damit ist nicht nur eine neuerliche Reaktion der Bildwelten der populären Kultur hierzulande auf die Terrorbotschaften des IS, wie vordem auf die Folterbilder von Guantánamo, gemeint, sondern eine direkte und chaotische Begegnung von Bildern und Bilderverboten. Das islamisierte Bild entsteht aus Hysterie und löst Hysterie aus: Welche Kränkung enthält es? Welche Reaktion löst es aus? Welche visuelle Kriegserklärung stellt es dar? Das islamisierte Bild stellt nicht nur Gewalt dar, sondern ist schon selbst Teil einer Gewaltkette."

In der SZ gratuliert David Denk dem Journalisten-Zuchtmeister Wolf Schneider zum 90., der nach wie vor die "mangelnde Weltkenntnis" der Zunft beklagt. Und überhaupt: "Qualität kommt von Qual."
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Internet

Bastian Brinkmann berichtet in der SZ von der Berliner Bloggerkonferenz re:publica in Berlin, deren großer Antistar natürlich Günther Oettinger war. "Finding Europe" ist der Titel der Konferenz: "Der Medienwissenschaftler Ethan Zuckerman stellte im Eröffnungsvortrag vier Ansätze vor, um eine Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Das gehe über Gesetze, über Marktkräfte, über neue Normen - und über Programmcode, die Anleitungen für Computer. Das Internet verändert nicht auf magische Weise die Welt zum Besseren, sagt Zuckerman. Gesellschaftliche Updates müssen anstrengend programmiert werden, sie seien dringend nötig."
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Gesellschaft

Die Lehrerin Fereshta Ludin, die vor dem Bundesverfassungsgericht die Kopftucherlaubnis für Lehrerinnen erstritt, stellt in der FAZ ihre Sicht dar: "Ich habe schon früher gesagt: Wäre das Kopftuch ein Zeichen von Unterdrückung, ich wäre die Erste, die es absetzt. Mir ist wichtig, dass jede Frau ihren persönlichen Weg findet - ob mit oder ohne Kopftuch." In dem Artikel polemisiert sie scharf gegen Alice Schwarzer, der sie Verbreitung von Unwahrheiten vorwirft, und Necla Kelek, die sie in die Nähe des "Islamischen Staats" gerückt habe.
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Kulturpolitik

Einen Einblick in misslichste Niederungen Berliner Kulturpolitik gibt Esteban Engel von dpa (hier in der Berliner Zeitung) in einem Bericht über den Stand bei der Staatsoper, deren Renovierung immer teurer wird: ""Wir werden sicher die 400-Millionen-Grenze überschreiten", sagt die Grünen-Abgeordnete Sabine Bangert. Angesichts von drei Opernhäusern in Berlin hätte die Politik zunächst die Frage stellen müssen: was ist machbar und was will sich die Stadt leisten. "Die Kosten wurden politisch gesetzt" - und so kleingerechnet, sagt Bangert, die stellvertretende Vorsitzende im Untersuchungsausschuss ist. "Wer hat wen mit welchen Forderungen unter Druck gesetzt?""

In der SZ stellt Alex Rühle den Passauer Professor für Schulpädagogik Norbert Seibert vor, der seit Jahren dafür streitet, die Lehrerausbildung etwas zu modernisieren: "Seibert kam durch Zufall zu seinem Thema. 2004 ließ das Münchner Kultusministerium untersuchen, wie viele Lehrer frühpensioniert werden. Antwort des Amtsarztes: 94 Prozent."

Im Freitag erzählt Matthias Dell, wie der Berliner Senat mit dem Schweigen der Zuständigen gegen das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach Informationen zur Berliner Filmhochschule dffb kämpft.

Überwachung

Nach all den neuen Enthüllungen über die intensive internationale Zusammenarbeit der Geheimdienste schreibt Sascha Lobo schon mal eine Regierungserklärung für Kanzlerin Angela Merkel: "Ich glaube wie die meisten Politiker von CDU, CSU und SPD, dass Überwachung ein essenzielles Instrument für die politische Steuerung ist. Wir wollen mehr Überwachung, nicht weniger, am liebsten hätten wir ein Sicherheitsgesetz verabschiedet, das dem Staat jedwede Überwachung grundsätzlich erlaubt. So, wie es gerade in Frankreich geschieht."
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Geschichte

Die FAZ hat einen neuen freien Mitarbeiter. Er heißt Wladimir Putin und erzählt im Feuilletonaufmacher Krieg und Kriegsende aus Sicht seiner Mutter und seines Vaters: "Es gab ja keine einzige Familie, in der nicht jemand gefallen ist. Es gab viel Kummer, viel Unglück, Tragödien. Was verwunderlich ist: Sie empfanden keinen Hass gegenüber dem Feind. Ich kann das, ehrlich gesagt, bis heute nicht ganz begreifen. Meine Mutter war überhaupt ein sehr weichherziger, gütiger Mensch... Sie sagte: "Wie soll man diese Soldaten hassen? Es waren einfache Leute, und sie sind auch im Krieg gefallen." Das ist erstaunlich."

Passend dazu verfolgt im Zeit-Dossier Steffen Dobbert Gerüchte, wonach Putins Mutter nicht gestorben sei, sondern in Georgien lebe und mehrere Journalisten, die bei der Frau recherchiert hätten, ums Leben gekommen seien.

Während Russland zum siebzigsten Jahrestag des Kriegsendes sein "antifaschistisches" Geschichtsbild pflegt, desowjetisiert die Ukraine ihre Geschichte durch einige neue Gesetze, schreibt Anna Dolya in der huffpo.fr. Sowjetische Symbole sollen wie nazistische Symbole verboten werden. "Seit ihrer Unabhängigkeit lebte die Ukraine in enger Verbindung mit ihrer sowjetischen Geschichte, und Russland hat in diesem Prozess eine wichtige Rolle gespielt. Die Aufrechterhaltung des Gedächtnisses an die gemeinsame sowjetische Vergangenheit erlaubt es Russland, seinen Einfluss in vielen Ländern der ehemaligen sowjetischen Sphäre beizubehalten. Die Ukrainer lebten in vielen historischen Paradoxa. Während ihre Geschichtsbücher zum Beispiel Lenin als einen Verbrecher darstellten, hat praktisch jedes Dorf noch Lenin-Statuen und Straßen, die seinen Namen tragen."

Das Gedenken ist brüchig, schreibt Thomas Schmid in der Welt: "In der Tat, es gibt in Europa - vom großen Rest der Welt zu schweigen - 70 Jahre nach Hitlers Tod und ein Viertel Jahrhundert nach dem eigentlich befreienden Untergang der Ordnung von Jalta keine gemeinsame Deutung der Geschichte des Kontinents im vergangenen Jahrhundert. Wir sitzen nicht auf dem großen, wärmenden Kissen einer von allen geteilten Großerzählung."

Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeyer erinnert unterdes in der taz daran, dass vor hundert Jahren - also im Ersten Weltkrieg - ein deutsches U-Boot das britische Passagierschiff Lusitania mit 2000 Passagieren an Bord versenkte. Dem peinlichen Jubel über diese Untat enthielten sich allenfalls Mühsam, Tucholsky, Kraus und Heinrich Mann, nicht aber Thomas Mann: "Er feierte nämlich, wie er in seinen 1918 erschienenen "Betrachtungen eines Unpolitischen" freimütig bekannte, "die Vernichtung jenes frechen Symbols der englischen Seeherrschaft", mit der "einer immer noch komfortablen Zivilisation" und "dem welterfüllenden Zetermordio humanitärer Hypokrisie die Stirn geboten" werde."
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