Efeu - Die Kulturrundschau

Tanzt um euer Leben, wehrt euch!

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07.05.2015. Welt und SZ freuen sich über den widerborstigen, radikal zeitgenössischen deutschen Pavillon in Venedig. In der Zeit unternimmt Clemens Meyer Orts-Begehungen-mit Managern-Wahnsinn in deutschen Provinztheatern. Die NZZ meldet dagegen eine Blüte des britischen Theaters. In der taz ermuntert der Dokumentarfilmer Sergej Loznitsa den Kinozuschauer: Vergiss die Henne! Und die Berliner Zeitung klappert im Berghain mit ihrem Skelett fröhlich zu den Bass-Ostinati Peter Rehbergs.

Kunst

Auf der Biennale in Venedig läuft Swantje Karich für die Welt an den atmosphärisch gefälligen Pavillons Japans, der USA und Frankreichs vorbei und rennt sich dann fast den Schädel ein - bildlich gesprochen - am deutschen Pavillon: "Die Anlage ist geborsten. Das roh und grau zugemauerte Hauptportal weist ab. ... Ebners Fabrik ist eine Baustelle, aber im Abbruch begriffen, nicht im Aufbau. Wie Hausbesetzer wirken die Künstler. Es riecht nach Beton. Wo in echten Industriedenkmälern Jugendliche ihre Graffiti hinterlassen, sieht man hier Tobias Zielonys Fotos von Flüchtlingen aus Afrika, aufgenommen in Hamburg und Berlin. Zielony hat ihre Geschichten der afrikanischen Presse zur Verfügung gestellt. Eine Debatte wurde eröffnet, die unsere hiesigen Projektionen spiegelt: Wie stellen sich Menschen in den Heimatländern der Flüchtlinge eigentlich deren Leben vor? Viele Beiträge sind prominent in den Zeitungen erschienen, die der Künstler in Venedig dokumentiert. Dorthin gereist ist Zielony nicht. Er wollte in die Diskussionen nicht eingreifen." (Bild: Ausstellungsansicht Tobias Zielony. Foto: Manuel Reinartz, Courtesy Tobias Zielony & KOW, Berlin)

Auch SZ-Kritikerin Kia Vahland ist begeistert vom deutschen Pavillon. Sie kann sich kaum sattsehen an Hito Steyerls Videospiele-Installation: "So böse, so wahnwitzig und radikal zeitgenössisch wie Steyerl hat noch niemand den Deutschen Pavillon genutzt. Es ist das Ende der Trennung in Hochkunst und Videospiel. Mit großer Geste entreißt Steyerl die Computerästhetik den Nerds und wendet deren Waffen gegen sie selbst: Tanzt um euer Leben, wehrt euch, wenn ihr nicht vor einem Bildschirm verglühen wollt." Außerdem bringt die SZ eine Beilage zur Biennale in Venedig. (Bild: Hito Steyerl, Factory of the Sun MOV File, 2015, Installationsansicht. Courtesy Hito Steyerl, Foto Manuel Reinartz)

Besprochen werden Hans Ulrich Obrists Buch "Kuratieren!" (Freitag), Louise Bourgeois" "Strukturen des Daseins: Die Zellen" im Haus der Kunst in München (Skug) und Sebastião Salgados Schau "Genesis" im C/O Berlin (Freitag).
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Bühne

Am Theater von Dessau ist - beim "Götz!" - doch mehr los als in Castorfs Volksbühne in Berlin, donnert Autor Clemens Meyer in einer Brandrede in der Zeit allen entgegen, die das Theater in der ostdeutschen Provinz aufgeben wollen: "Orts-Begehung-mit Managern-Wahnsinn auch in Rostock. Latchinian raus, Latchinian rein ... alle Türen auf und wieder zu, nur die im Theater und die zu den Fördernmitteln bleiben erst mal DICHT. Ja seid ihr denn alle nicht ganz dicht? Schmeißt das Geld doch gleich der NPD hin in McPomm, begreift denn dieser Mann im Rathaus nicht, dass man sich am Ende selbst beschneidet, wenn man die Kunst beschneidet?"

Das britische Theater erlebt gerade eine Blütezeit - zumindest beim Publikum, erzählt Marion Löhndorf in der NZZ, das von der Aktualität der Themen mitgerissen wird: "Vielleicht wirkten die mit so eiserner Hand choreografierten Wahlkampagnen geradezu stimulierend auf ein Grundbedürfnis des Theaters, hinter Masken und Fassaden zu blicken. Mag sein, dass auch eine gewisse Symbiose zwischen Theater und Politik, die beide auf Rhetorik basieren, und die Ursprünge des westlichen Theaters in der griechischen Demokratie dabei eine Rolle spielen. Doch wie auch immer: Landauf, landab diskutieren die Bühnen die bevorstehende Abstimmung, fühlen den darin agierenden Figuren den Puls oder setzen sich mit Themen und Stimmungen im Land auseinander."

Im Freitag ärgert sich Christoph Twickel, dass die Hamburger Staatsanwaltschaft nach einer Anzeige aus dem AfD-Milieu gegen die Leitung von Kampnagel ermittelt, weil das Spielhaus einigen Flüchtlingen ohne Aufenthaltsgenehmigung eine Unterkunft geboten hatte. Zugleich schildert Sieglinde Geisel in der NZZ einen Themenabend über Flüchtlinge beim Berliner Theatertreffen, der sich mit eben solchen Fragen auseinandersetzte: Der Leiter des Berliner Refugee Club Impulse, Ahmed Shah, "berichtete, wie Hunderte von Flüchtlingen gezwungen waren, die Aufführung [des Stücks "Letters Home"] vorzeitig zu verlassen, denn die Busfahrer, die sie ins Flüchtlingsheim nach Spandau bringen sollten, fürchteten um ihren Feierabend. Stemann wiederum hätte den Flüchtlingen, die in seinen "Schutzbefohlenen" mitspielen, keine Gage zahlen dürfen, weil sie keine Arbeitserlaubnis haben."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel gratuliert Peter von Becker dem Schauspieler Felix von Manteuffel zum 70. Geburtstag. Merle Schmalenbach besucht für die Zeit den Rostocker Intendanten Sewan Latchinian "in seinem Exil".

Besprochen werden Robert Wilsons und Herbert Grönemeyers am Berliner Ensemble aufgeführter "Faust I+II" (Freitag), Jette Steckels bei den Wiesbadener Maifestspielen aufgeführte "Romeo und Julia"-Inszenierung (FR), Thom Luz" beim Berliner Theatertreffen aufgeführter "Atlas der abgelegenen Inseln" (Tagesspiegel) und Nurkan Erpulats "Onkel Wanja"-Inszenierung am Berliner Maxim Gorki Theater (SZ).

Archiv: Bühne

Literatur

Der vietnamesische Schriftsteller Nguyen Huy Thiep spricht im Interview mit der NZZ über die langen Kriegsjahre in Vietnam, seine Jahre als Dorflehrer, über Armut und Hunger ("Erst als ich 36 war und Schriftsteller wurde, hatte ich endlich genug zu essen"). Und natürlich über Literatur, etwa seine völlig unheroische Geschichte "Der pensionierte General", die in Vietnam 1987 wie eine Bombe einschlug: "Ich schreibe nur über Dinge, die ich selbst erlebt habe und die es wirklich gibt. Ich warne vor Phantasien und Utopien! Das zeigt sich auch in meinem Stil: Ich schreibe sehr schlicht. Im Vietnamesischen haben meine Sätze oft nur Subjekt und Objekt. Bis in die Zeit, als "Der pensionierte General" erschien, fehlte es der vietnamesischen Literatur an Ehrlichkeit. Im Krieg war die Literatur ja nur Mittel zum Zweck. Sie erzählte oft von Helden und von Schlachten und vom Durchhalten."

Im Freitag erinnert Konstantin Ulmer an die zunehmend in Vergessenheit geratene DDR-Schriftstellerin Irmtraud Morgner, die vor 25 Jahren gestorben ist. Deren Projekt bestand darin, "den "Eintritt der Frau in die Historie" zu beschreiben. Montagehaft. In einem eigenartigen Stakkatostil. Und mit blühender Fantasie. Den Zensoren schien diese Herausforderung zu groß. Sie kassierten 1965 Morgners Text "Rumba auf einen Herbst" kurz vor dem Druck."

Außerdem: Für den Freitag hat Achim Engelberg die lettische Schriftstellerin Valentīna Freimane in Riga besucht. Malte Henk erzählt in der Zeit die Geschichte von Raymond Chandlers Liebe zur 18 Jahre älteren Pearl Cecily, genannt Cissy. Außerdem gibt"s die neue KrimiZeit-Bestenliste.

Besprochen werden Anna Maria Carpis Gedichtband "Entweder bin ich unsterblich" (NZZ), Lisa Kränzlers Roman "Lichtfang" (NZZ), Victor Wittes "Hier bin ich" (ZeitOnline), Wolf Schneiders "Hottentottenstottertrottel" (Berliner Zeitung), Philippe Jaccottets "Sonnenflecken, Schattenflecken" (CulturMag), Anthony Phelps" "Der Zwang des Unvollendeten" (SZ) und Britta Waldschmidt-Nelsons "Malcolm X"-Biografie (FAZ).

Im CulturMag stellt Carl Wilhelm Macke Denise Levertovs Gedicht "O Taste and See" vor:

"The world is
not with us enough
O taste and see
..."
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Archiv: Literatur

Architektur

In der NZZ blättert holl. durch den neuen "Hoepli"-Führer zur Mailänder Architektur. Zum 50. Todestag von Le Corbusier tut sich Frankreich - etwa in einer aktuellen Ausstellung im Centre Pompidou - schwer mit Corbusiers Sympathien für die extreme Rechten, berichtet Rudolf Balmer in der taz. Arnold Bartetzky besichtigt in der FAZ den Neubau der Kirche der Leipziger Propsteigemeinde.
Archiv: Architektur

Film

Silvia Hallenslebens in der taz veröffentliches Fazit nach den Kurzfilmtagen in Oberhausen fällt nicht direkt enthusiastisch aus: Dass viele der gezeigten Filme längst von vornherein auf die Nischen der kuratorischen Praxis abzielen, sehe man ihnen ohne weiteres an. "Die Rezepte variieren, bevorzugen aber eine Melange aus privaten und politischen Andeutungen und kulturell-regionalen Stereotypen, die mehr oder weniger gekonnt mit medienreflexiven Elementen und Selbstverrätselung gewürzt werden. ... In den vor allem mit Hochschulfilmen bestückten deutschen Wettbewerben ging es angesichts der Weltläufe erstaunlich oft erstaunlich biedermeierlich zu."

Ausführlich spricht Sven von Reden in der taz mit dem Dokumentarfilm-Regisseur Sergei Loznitsa über das Verhältnis zur Geschichte, das dieser in seinen Filmen einnimmt: Sehr bewusst verzichtet er etwa in seinem Dokumentarfilm "Maidan" auf zentrale Protagonisten, um übergeordnete Strukturen in den Blick zu bekommen. Ob das im Medium Film nicht sehr schwer sei? "Wir sind es gewohnt, im Kino wie ein Küken der Henne hinterherzulaufen beziehungsweise dem Helden oder der Heldin. Vergiss diese Henne. Du bist als Zuschauer selber die Henne, der Hahn und Gott! ... Es gibt genug alte, langweilige Geschichten über Helden. Es ist Zeit für komplexere Erzählungen."

Die Horrorfans unter den Filmkritikern begeistern sich für Jennifer Kents "Der Babadook": Dietmar Dath (FAZ) räumt für diesen Film schon mal vorsorglich einen Platz "im Kanon des Terrorkinos" ein, Thomas Groh (taz) findet ihn schlicht "hervorragend".

Ach, Rainer Werner Fassbinder wollte eigentlich auch nur Kind und Familie? Schwer genervt reagiert Christiane Peitz im Tagesspiegel auf die zahlreichen Versuche (mit einer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Annekatrin Hendels Porträtfilm "Fassbinder", den Aktivitäten der Fassbinder-Foundation) den sperrigen Regisseur zu entpolitisieren und ins Kuschelige einzugemeinden: "Wer den politischen Fassbinder sucht, etwa seine Auseinandersetzung mit der RAF oder die wohl heftigste Fassbinder-Debatte um sein Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod", sucht vergeblich. Nichts über den jüdischen Frankfurter Immobilienspekulanten des Stücks, in dem viele Ignatz Bubis erkannten, nichts über die wiederholten hitzigen Auseinandersetzungen um Antisemitismus, die dazu führten, dass das Stück erst vor fünf Jahren in Deutschland überhaupt aufgeführt wurde."

Weitere Artikel: Silvia Hallensleben empfiehlt in der taz eine Berliner Werkschau mit den Dokumentarfilmen von Nikolaus Geyrhalter, ihre taz-Kollegin Carolin Weidner rät unterdessen zur Reihe "Die Welt in Waffen: Kapitulation" im Berliner Zeughauskino. Sonja Matuszczyk resümiert in der Spex das Berliner Festival FilmPolska. In der Zeit befasst sich Thomas Assheuer noch einmal eingehend mit Claude Lanzmanns Film "Der letzte der Ungerechten", der mit zwei Jahren Verspätung in die Kinos kommt. Lanzmann rehabilitiert darin den berühmt-berüchtigten Judenältesten von Theresienstadt, Benjamin Murmelstein, den Gershom Scholem noch gehängt sehen wollte. Jan Drees (Freitag), Daniel Kothenschulte (FR) und Gerhard Midding (Berliner Zeitung) verneigen sich vor Orson Welles, der gestern 100 Jahre alt geworden wäre: Thomas von Steinaecker unterhält sich für ZeitOnline mit Senta Berger über deren Erinnerungen an den großen Filmemacher. Und auf KeyFrame Daily sammelt David Hudson internationale Links zu Welles" Ehrentag.

Besprochen werden Russell Crowes "Das Versprechen eines Lebens" (Tagesspiegel, Welt, SZ), die britische Serie "Poldark" (Welt), Joanna Kos Krauzes und Krzysztof Krauzes "Papusza" (Tagesspiegel, FAZ), Marcus Vetters Dokumentarthriller "The Forecaster" (ZeitOnline) und Margarethe von Trottas "Die abhandene Welt" (taz).
Archiv: Film

Musik

Der Frühling macht auch vor den in der Berghain-Kantine gegebenen Düsterkrach-Konzerten nicht Halt, berichtet Jens Balzer, der sich für die Berliner Zeitung einen Auftritt von Peter Rehberg, Bill Kouligas und Oren Ambarchi angesehen hat, die ihren Sound allesamt anschmiegsamer als sonst gestalteten: Rehbergs "wie stets böse vibrierend aus dem Boden in die Körper hochkriechenden und die Skelette des Publikums kollektiv zum Klappern bringenden Bass-Ostinati beschmückte er diesmal mit ornamentalen Hochfrequenzsprenkeln, die zumindest nicht ausschließlich darauf abzielten, im Kopf wehzutun, sondern manchmal sogar zutraulich zwitscherten. ... Sein Basskrach [wirkte] an diesem Abend derart romantisch gefärbt, dass manche sich fragten, ob dieser Folterknecht nicht gerade frisch verliebt ist." Das Filmarchiv Austria hat kürzlich einen von Rehberg vertonten Kurz-Stummfilm auf Youtube hochgeladen:



Weiteres: Auf Electronic Beats sprechen die beiden Dance-Music-Historiker Sven von Thülen (mehr) und Michaelangelo Matos unter anderem über die Unterschiede zwischen europäischer und amerikanischer Clubkultur. In der taz porträtiert Malte Göbel die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano, die gemeinsam mit den Rappern Microphone Mafia gegen Nazis rappt. Thomas Groß streift für die Zeit durch Wien auf den Spuren des Austropops, dem gerade Bands wie Wanda, den Nino aus Wien und Monsterheart zur neuen Blüte verhelfen.

Besprochen wird Tocotronics neues Album (CulturMag).
Archiv: Musik