9punkt - Die Debattenrundschau

Angeblich so tiefe Geschichtskenntnis

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.05.2015. Eindrucksvolle Gedenkproduktion zum Ende des Zweiten Weltkriegs in deutschen Zeitungen. 15 Seiten taz, zehn Seiten SZ. Das Gedenken selbst ist erneut zum Schlachtfeld geworden, meint die Welt. In der Huffpo.fr untersucht Liliane Kandel die Mentalität französischer Linker, die "nicht Charlie" sind. Mathias Döpfner will laut Horizont auch Geld von Google - aber nicht als Zuckerbrot aus der "Digital News Initative", sondern als Lohn ehrlicher Lobbyarbeit in Brüssel. Ein Verlierer der britischen Wahlen steht laut politico.eu schon fest: die Zeitungen - trotz ihrer Liebe zu Cameron.

Geschichte

Die taz erinnert auf 15 Seiten an das Kriegsende vor siebzig Jahren, unter anderem sorgt sich der Historiker Norbert Frei um das historische Gedächtnis angesichts "schwindender Zeitgenossenschaft": "Während unsere politische Klasse bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Notwendigkeit des "Erinnerns" postuliert, wird überall im Land der Geschichtsunterricht zusammengestrichen. Darin zeigt sich einmal mehr die Krux einer Politik, die von historisch-politischer Reflexion nichts wissen will." Auch die SZ bringt zehn Sonderseiten zum Kriegsende.

Klaus-Helge Donath berichtet unterdessen, wie russische Staatsanwaltschaften reihenweise Teenagern hinterher jagen, die mit frivolen Tanzvideos vor geschichtsträchtigen Orten das vaterländische Gedenken besudelten: "Diese Verbindung aus Patriotismus und Konservatismus hat es in sich. Denn die Empörung über sexuelle Freizügigkeit ist künstlich. Russland ist alles andere als prüde. Die Kombination aus Laszivität und vaterländischer Untreue beflügelt jedoch Fantasien. Also wird nach allem gesucht, was sich durch Abweichung für Bestrafung und Verfolgung eignen könnte. Der Kreml muss dafür weder Verbote verhängen noch zur Wachsamkeit mahnen - die Untertanen spüren, was der Obrigkeit gefallen könnte. Und die Willkür trägt groteske Züge."

Das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg ist durch den neuen russischen Imperialismus und die Vereinnahmung des "Antifaschismus" erneut zum Schlachtfeld geworden, schreibt Richard Herzinger in der Welt: "Von solchen Funktionalisierungen der Geschichte zeigen sich die deutsche Politik und Öffentlichkeit tendenziell überrumpelt. Klaffen in der angeblich so tiefen Geschichtskenntnis der Deutschen doch erhebliche Lücken - nicht nur in Bezug auf die Geschichte der Ukraine wie auch Ost- und Südosteuropas insgesamt. Es sind Lücken, in die propagandistische Vereinnahmungen und irrationale Fiktionalisierungen des historischen Geschehens stoßen können."

Ebenfalls zum Kriegsende: In der FAZ erinnert sich Günther Uecker im Interview mit Rose-Maria Gropp und Jürgen Kaube. Und Jürg Altwegg zeichnet neue deutschfeindliche Ausfälle des französischen Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon nach. Wer weitere Artikel aus der Gedenkproduktion der Zeitungen sucht, hier ein Überblick Arno Orzesseks im Dradio Kultur.

Außerdem: In der Welt unterhält sich Igal Avidan mit dem israelischen Autor Avraham Schapira, der zusammen mit Amos Oz, das berühmte Buch "Gespräche mit israelischen Soldaten" über traumatisierte Soldaten des Sechs-Tage-kriegs publiziert hat.
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Ideen

Die Soziologin Liliane Kandel untersucht in der französischen Huffpo die Strömungen der extremeren französischen Linken, die alle bekennen sie seien "nicht Charlie". Dazu gehören die postkolonialen "Indigènes de la République", die behaupten, der "staatliche Philosemitismus" ahnde nur Attentate gegen Juden: "Ihr rasender Hass zielt auf den Holocaust, das einzige Objekt ihre Resssentiments. Oder genauer auf seine historische und philosophische Bedeutung im europäischen Gedächtnis und Bewusstsein. Der Holocaust als ein Ereignis, das sich nicht durch das Schema der Dominanz - Verfolgung, Diskriminierung, soziale Ungerechtigkeit aller Art - lesen lässt und sich den rituellen Formeln des Kampfes "gegen alle Rassismen" versperrt."
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Medien

Anders als die FAZ, die Zeit und ein bisschen auch die Süddeutsche will sich Springer-Chef Mathias Döpfner laut dem Bericht von Ulrike Simon bei Horizont nicht aus dem Google-Fonds für brave Zeitungen bedienen, wie er bei der Vorstellung der Quartalszahlen betonte: ""Geldgeschenke an Verlage lehnen wir ab." Erneut appellierte er an Google, sich an das Leistungsschutzrecht halten und damit den Verlagen "die notwendigen wirtschaftlichen Mittel zur Verfügung zu stellen"." Prächtig versteht sich der Großlobbyist mit EU-Digitalkommissar Günther Oettinger, der ihm ein europäisches Leitungsschutzrecht liefern soll.

Wie auch immer die Wahlen in Großbritannien ausgehen, die Zeitungen haben die Wahl schon verloren, meint Peter Jukes in einem längeren Hintergrundartikel für politico.eu über die britische Presse, der aber noch vor den Wahlen erschien. So gut wie alle Zeitungen haben sich zwar für den nun erfolgreichen David Cameron ausgeprochen, aber die Motive hierfür steigern nicht gerade ihre Glaubwürdigkeit. Eines dieser Motive war die "non dom"-Klausel: "Zu den Wahlversprechen des Labourchefs Ed Miliband gehörte die Abschaffung des anomalen "Non Dom"-Steuerstatus. Eine britische Besonderheit und Überrest unserer imperialen Vergangenheit war der Status als "non domiciled for tax purposes" ein lukratives Steuervermeidungsschema für wohlhabende Personen, die auch einen Auslandswohnsitz haben. Die Rothermere-Familie, der die Mail gehört und die Barclay-Brüder mit ihrem Telegraph gehören zu diesem "non dom"-Club."

Gerhard Matzig wusste zwar schon, dass die Frauen in der Stadt meist schöner sind, wirft aber dennoch für die SZ einen Blick in das neue Männer-Magazin Walden aus dem Hause Gruner und Jahr: "Walden ist die männliche Antwort auf die weibliche Landlust-Verherrlichung des Knöterichs. Nur ohne Knöterich, dafür mit etwas mehr Abenteuer, Kanu-Bauen, Bushcraften, Trappergeschichten und Notfall-Wissen. Ein Lauffeuer, weiß man jetzt, ist 25 km/h schnell. Ein Grizzlybär 65 km/h."

Weiteres: Im Tagesspiegel freut sich Joachim Huber über das neue Liebesglück von Christian, Bettina und Kai. Robert Gast meldet in der SZ, dass Wissenschaftler, die bei Facebook arbeiten, herausgefunden haben wollen, dass die Filterblase viel kleiner sei als befürchtet
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Gesellschaft

In Frankfurt erinnert eine Ausstellung an den ersten bekennenden Homosexuellen Deutschlands, Karl Heinrich Ulrich, der Mitglied des freien Hochstifts war, bis seine Ausführungen hierzu, wie Elena Müller in der FR berichtet, zum "Ausschluss des Querdenkers aus den Reihen des Hochstifts führten. Im Mitgliederverzeichnis wurde hinter seinem Namen als Grund seiner Abwesenheit "abgereist" verzeichnet. Tatsächlich lebte Ulrichs ab 1880 bis zu seinem Tod 1895 im freieren Italien, doch von einer freiwilligen Abreise kann wohl keine Rede sein." Hier ein paar magere Informationen des Goethe-Hauses.
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Politik

In der taz spricht Jannis Hagmann mit Samar Badawi, der Schwester des verurteilten saudischen Bloggers Raif Badawi, die ernsthafte Hinweise dafür gibt, dass Politik etwas bringt: "Ohne die Aufmerksamkeit hätten sie nicht aufgehört ihn auszupeitschen. Bislang hat Raif nur 50 der 1.000 Peitschenhiebe bekommen, zu denen er verurteilt wurde. Ich habe noch Hoffnung, dass er freigelassen wird. Der internationale Druck hält an: Schweden hat einen Waffendeal mit den Saudis gestoppt, in den USA haben mehr als 60 Kongressmitglieder König Salman in einem Brief gedrängt, Raif und andere politische Gefangene freizulassen."

In einem recht alarmistischen Text in der NZZ warnt Beat Stauffer, dass auch im fortschrittlichen Tunesien die Gefahr des Islamismus nicht gebannt sei. Die Demokratie sei absolut instabil, meint er und zitiert den Forscher Amel Grami: "Für Grami liegt die Enttäuschung zum einen darin begründet, dass die Politiker, welche nach der Revolution aufgetreten sind, keine partizipative Demokratie aufgebaut haben. Die jüngere Generation hat sich in den Parteien kaum durchsetzen können, und alte Politiker haben weiterhin die Zügel in den Händen. Diese Enttäuschung dürfte vor allem bei säkular eingestellten Jungen groß sein. Auf der Seite der Religiös-Konservativen erkennt Grami eine Enttäuschung der anderen Art: Statt des erhofften "Kalifats" und der direkten Anwendung islamischen Rechts müssen sie Kompromisse aller Art zur Kenntnis nehmen."
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Überwachung

Big Brother ist zu groß, um noch legal zu sein, meldet Shane Harris auf The Daily Biest: Ein amerikanisches Berufungsgericht hat die Massenüberwachung der NSA stark angegriffen: "In einer wegweisenden Entscheidung, die den Weg für juristische Klagen gegen die NSA insgesamt freimacht, hat ein amerikanisches Berufungsgericht geurteilt, dass das Sammeln von Telefon-Metadaten ungesetzmäßig ist. Drei Bundesrichter haben damit eine frühere Entscheidung verworfen, nach der die von NSA-Whistleblower Edward Snowden 2013 enthüllte umstrittene Überwachungspraxis nicht juristisch überprüft werden dürfe." Auch der Guardian berichtet, der allerdings durch das Wahlergebnis von gestern noch etwas mitgenommen ist.
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