9punkt - Die Debattenrundschau

Der unerschütterliche Glaube an Chancen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.05.2015. Das einzige, was den Terror entwaffnet, ist das Lachen, sagte Gérard Biard von Charlie Hebdo in seiner Dankesrede für den Preis des amerikanischen PEN. Bis zu welchem Ausmaß hat der BND für die NSA spioniert? Vor den entsetzten Augen der Regierung zeichnet sich laut Zeit online der düstere Umriss der Selektoren ab. Die FAZ macht sich Sorgen um Großbritannien vor den Wahlen. Die Medien begrüßen begeistert Neill MacGregor als Intendanten des Humboldt-Forums.

Ideen

Gestern Abend wurde der Ehrenpreis des amerikanischen PEN an Charlie Hebdo verliehen - noch haben wir den genauen Moment in dem über zweistündigen Video der Veranstaltung nicht gefunden. Ellen Wulfhorst and Sebastien Malo berichten für Reuters: "In seiner Dankrede sagte Gérard Biard, Chefredakteur von Charlie Hebdo, die mächtigste Waffe der religiösen Extremisten sei Furcht, und "wir müssen sie entwaffnen. Sie wollen nicht, dass wir schreiben und zeichnen, also müssen wir schreiben und zeichnen. Sie wollen nicht, das wir denken und lachen, also müssen wir denken und lachen. Sie wollen nicht, dass wir diskutieren. Also diskutieren wir. Mit unserer Präsenz heute abend helfen wir, sie zu entwaffnen." Für die New York Times berichtet Jennifer Schuessler von der Gala. Für den Guardian schreibt Michelle Dean.



Frankreichkorrespondent Jeffrey Goldberg antwortet im Atlantic auf Charlie-Hebdo-Kritiker und unter anderem auf Francine Proses legendär infamen Satz vom "Narrativ" ("das Narrativ der Charlie Hebdo-Morde - weiße Europäer werden in ihren Büros von muslimischen Extremisten getötet - ist eines, das sich nahtlos in kulturelle Vorurteile einbettet"): "Die zwölf bei Charlie Hebdo ermordeten Menschen waren keine Extras in einem von George W. Bush vefassten imperialistischen Narrativ. Sie waren menschliche Wesen, die ermordet wurden, weil sie den Glauben einiger theokratischer Faschisten beleidigten. Es ist keine narrative Bosheit, daran festzuhalten, dass weiße Europäer von muslimischen Extremisten getötet wurden. Es ist eine Tatsache."

In der SZ, die stets auf der Suche nach Argumenten gegen Charlie Hebdo ist, berichtet Joseph Hanimann von der Debatte um das Buch "Qui est Charlie? Sociologie d"une crise religieuse" des Demografen Emmanuel Todd. Auf der Basis geografische Karten argumentiert Todd darin, dass "hinter den Solidaritätsmärschen für "Charlie" nicht nur das Bekenntnis zu Toleranz und Meinungsfreiheit [stehe], sondern auch verkappter, oft unbewusster Fremdenhass: Lasst uns im endlich aufgeklärten Westen in Ruhe mit euren Religionsproblemen! Eher als von den republikanischen Idealen der Egalité und des gegenseitigen Verständnisses sei der Aufstand der Anständigen im Januar von Gefühlen wie Identitätsangst, Egoismus und dem Verlangen nach Ausgrenzung getrieben worden, die an dunkle Kapitel der französischen Geschichte erinnerten."

Weiteres zum Thema: Michael Moynihan ist in The Daily Beast sprachlos über die Charlie-Kritiker: "Hitler. Goebbels. Hebdo. Really?"
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Überwachung

Der Opposition im Bundestag hat angekündigt, notfalls vor dem Bundesverfassungsgericht die Herausgabe der Liste der sogenannten Selektoren (was das ist, steht beispielsweisse hier) einzuklagen, meldet Kai Biermann auf Zeit Digital und freut sich, dass Politik und Öffentlichkeit nach einem Jahr endlich anfangen, sich für die Arbeit des NSA-Ausschusses zu interessieren: "Nun aber gibt es einen konkreten Fall, der für jeden nachvollziehbar ist - und Fragen, die mächtige Menschen und Firmen nervös machen: War es Wirtschaftsspionage? Wurden Politiker ausgespäht? Hat der BND wissentlich dabei geholfen? Hat die Bundesregierung dabei zugeschaut, es gebilligt? Hat sie gar das Parlament über ihr Wissen belogen? (...) Wer wann was über die Selektoren wusste, wird über politische Karrieren entscheiden und womöglich auch darüber, was Geheimdienste in Deutschland in Zukunft dürfen und was nicht."

In der taz rekapituliert Christian Rath noch einmal die bisherigen Erkenntnisse und wichtigsten Fragen.
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Europa

Mit Sorgen blickt Gina Thomas in der FAZ auf die anstehende Wahl in Britannien: "Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass das auf ein Zweiparteiensystem zugeschnittene Mehrheitswahlrecht, das klare Verhältnisse schaffen sollte, diese Funktion nicht mehr erfüllt und das archaische Gefüge wie eine im Gefrierfach vergessene Wasserflasche zu zerbersten droht."
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Stichwörter: Britannien

Geschichte

Chenva Tieu, französischer Politiker kambodschanischen Ursprungs, erinnert sich in der Huffpo.fr an einen Tag vor vierzig Jahren, "an dem ich brutal von einem Geschoss geweckt wurde, das in der Nähe unseres Hauses einschlug, als ich die Siesta machte. Die Roten Khmer hatten damals die Angewohnheit, die Innenstadt von Phnom Penh zu bombardieren. An diesem Tag entdeckte ich das Gesicht des Todes und sah einen Mann, der von dem Geschoss getroffen worden war. Ich erinnere mich an den Fall Phnom Penhs und dass mein Bruder und mein Vater es klüger fanden, getrennte Fluchtwege zu suchen. Meinen Bruder habe ich nie wiedergesehen."

Außerdem: In der Welt resümiert Hannes Stein einen Artikel des amerikanischen Literaturwissenschaftlers William J. Maxwell, der in Politico die Überwachung schwarzer Schriftsteller durch das FBI unter Edgar Hoover offenlegt. In der FAZ erinnert der Politologe Claus Leggewie daran, dass mit dem 8. Mai 1945 für die Algerier nicht der Zweite Weltkrieg endete, sondern mit den Massakern von Sétif das Vorspiel zum Algerienkrieg begann.
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Kulturpolitik

Im Rahmen eines "intellektuellen Richtfests" für das Humboldtforum hat Kulturstaatministerin Monika Grütters die Gründungsdirektoren Neil MacGregor, Hermann Parzinger und Horst Bredekamp offiziell vorgestellt und dabei ansteckende Aufbruchstimmung verbreitet. "Die Stimmung dreht sich", konstatiert Rüdiger Schaper im Tagesspiegel: "Plötzlich verbreitet das Humboldtforum Esprit, gute Laune, Optimismus, und das mitten in Berlin." In der FR ist Harry Nutt gespannt, wie es MacGregor gelingen wird, sich über festgefahrene Grenzen hinwegzusetzen: "Erstmals tritt mit dem Schotten MacGregor ein international erfahrener Museumsdirektor in die zentrale Position einer deutschen Kulturinstitution ein, die trotz ihres beabsichtigten Zugriffs auf die Weltkultur und deren Entwicklungen allein durch ihren Entstehungshintergrund tief geprägt ist von einem nationalen Kulturbegriff, der sich stets auch in Opposition gerade zum Geltungsanspruch des britischen Empires herausgebildet hat." Außerdem berichten Hannah Lühmann (Welt), Kerstin Krupp (Berliner Zeitung), Stephan Speicher (SZ) und Andreas Kilb (FAZ).

Politik

Angesichts Tausender Toter im Mittelmeer diskutiert Europa über den Umgang mit Flüchtlingen. In der taz empfiehlt Rieke Havertz den Blick in die USA, wo diese Debatte seit Jahren geführt wird - nicht zuletzt weil der demografische Wandel die Einwanderer zu einer bedeutenden Wählerschaft gemacht hat, die die Politik nicht mehr ignorieren kann: "Dass die Machtfrage dabei zentral ist, mag zynisch sein. Aber solange aus Pragmatismus eine Diskussion entsteht, die die Menschen in den Vordergrund stellt und die Flüchtlingsfrage nicht immer nur als lästiges Problem sieht, muss das nichts Schlechtes sein. Im besten Fall hilft der amerikanischen Gesellschaft neben ihrem Pragmatismus hier auch der unerschütterliche Glaube an Chancen. In dieser Hinsicht kann und sollte Europa von Amerika tatsächlich lernen."
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