9punkt - Die Debattenrundschau

Die Stelle, auf der das Lindenblatt lag

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.01.2017. Donald Trump mäßigt sich nicht. In einem Bild-Interview erklärt er die Nato für obsolet. BMW soll 35 Prozent Einfuhrzoll bezahlen und die EU ist ihm egal. Das gemeinnützige Rechercheteam Correctiv.org soll für Facebook Fakenews checken, berichtet Spiegel online. Der Tagesspiegel fürchtet immer reaktionärere Spielarten des Christentums, auch in Europa. In der FAZ warnt Medienrechtler Rolf Schwartmann angesichts dieses Pöbels im Netz vor einem ungezügelten Volkswillen.

Politik

Donald Trump mäßigt sich nicht. In einem Interview mit der Times und der Bild (zwei Zeitungen, die so etwas nicht online stellen!) hagelt es krasse Aussagen, in denen sich Trump, dann aber immer gleich widerspricht: Die Nato ist obsolet, aber nicht, wenn die europäischen Länder mehr einzahlen. Er ist für Freihandel, aber BMWs, die in Mexiko produziert werden, will er mit 35 Prozent besteuern. Und der  Europäischen Union sagte Trump nach dem Brexit laut dem Spiegel online-Resümee  "schwere Zeiten voraus. 'Wenn Sie mich fragen, es werden weitere Länder austreten.' Der Zustand der EU sei ihm aber nicht sehr wichtig. 'Schauen Sie, zum Teil wurde die Union gegründet, um die USA im Handel zu schlagen, nicht wahr? Also ist es mir ziemlich egal, ob sie getrennt oder vereint ist, für mich spielt es keine Rolle.'"

Im Interview mit Oliver Georgi vom FAZ.Net erzählt der offenbar völlig bezirzte Trump-Interviewer Kai Diekmann, wie aufgeräumt und bestens präpariert er den Präsidenten in spe gefunden habe. "Nach einer Stunde Gespräch hatte man so das Gefühl, im Kern betrachtet Trump die Vereinigten Staaten wie ein Großunternehmen, in dem es nicht mehr richtig läuft und das nur noch schlechte Zahlen abwirft. Und er ist der neue CEO, der es jetzt richten muss."

Außerdem: In der FAZ lotet Julius H. Schoeps vom Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch- jüdische Studien in Potsdam die verbleibenden Chancen für eine Zweistaatenlösung in Israel aus.
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Medien

Das gemeinnützige Rechercheteam Correctiv.org übernimmt für Facebook Factcheckerfunktionen, berichtet  Fabian Reinbold bei Spiegel online: "Die Kooperation mit Facebook soll so funktionieren: Bestimmte Beiträge, die von Nutzern als Falschmeldung gemeldet werden und sich stark verbreiten, werden vom Correctiv-Team überprüft. Gelangen die Factchecker zu dem Schluss, dass eine Fake News vorliegt, wird diese zwar nicht gelöscht, aber mit zwei Warnhinweisen versehen: dass die Geschichte von unabhängiger Seite angezweifelt werde und mit einem Link auf einen Text, der dem verfälschenden Beitrag die Fakten gegenüberstellen solle." Im amerikanischen Buzzfeed berichten Alberto Nardelli und Craig Silverman unterdessen über eine besondere Häufung von Fake News, die Angela Merkel denunzieren sollen.

Auf SZ online erklärt der Corrective-Geschäftsführer David Schraven im Interview, wie er das Fact-Checking mit seinen 25 Mitarbeitern bewältigen will: "Wir arbeiten mit dem Melde-Button auf Facebook. Wenn das bei einer Nachricht eine relevante Schwelle erreicht, dann werden wir uns das ansehen und entscheiden: Können wir das überprüfen oder können wir das nicht überprüfen."

In Sueddeutsche.de bringen David Denk und Katharina Riehl zugleich die überraschende Meldung, dass der prominente Spiegel-Reporter Cordt Schnibben zu correctiv.org geht, um eine  Online-Journalistenschule zu gründen. Mehr dazu bei Meedia und bei Correctiv.org (hier).

Aber vielleicht ist es schon zu spät, Fake News überhaupt noch checken zu wollen? "Herkunft, Authentizität und Wahrheitsgehalt beleidigender oder unsachgemäßer Äußerungen sind im Netz kaum oder gar nicht überprüfbar. Verantwortung kann nicht zugewiesen werden", behauptet der offenbar von keiner Kenntnis tangierte Medienrechtler Rolf Schwartmann im Aufmacher des FAZ-Feuilletons. "Das bewährte Korsett unserer Demokratie, die Repräsentation und die sie sichernden Institutionen, werden durch den Machtanspruch eines ungezügelten Volkswillens geschwächt." Will er die Demokratie um der Demokratie willen einschränken?

Auf Zeit online warnt Martin Burckart: "Verschanzt man sich hier hinter den Symbolen der Macht, sucht man die hässliche Realität unter einem Schwall von Leer- und Beruhigungsformeln zu ersticken: der Staatsmann, zur Gouvernante geschrumpft."

Die Medien rüsten sich für die Trump-Ära (von der sie ein kleines bisschen auch profitieren). Nur einige Schlaglichter: Washington Post und New York Times suchen investigative Reporter, meldet sueddeutsche.de. Die Kolumnisten Margaret Sullivan warnt in der Washington Post vor kommenden Lügen des Präsidenten. BuzzFeed will Trumps weltweite Unternehmungen kartieren und ruft Leser zu Hilfe auf. Und der Esquire fürchtet, dass Trump Journalisten aus dem Weißen Haus ausschließen wird.
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Gesellschaft

Anis Amri erscheint Arno Widmann wie eine Figur aus der Bibel, schreibt er in der FR. Er hätte aus Babylon kommen können: "Ich erinnere an diese alten Geschichten, weil die Vorstellung mich rührt, die Ausgestoßenen hätten etwas gegen unsere Werte, sie würden sich Gedanken darüber machen, ob man lieber dem einen oder dem anderen Gott folgt, ob es vernünftiger ist, an Allah oder an Gottvater-Gottsohn-und-Heiliger-Geist zu glauben. Das war vielleicht so, als die gut erzogenen Kinder der Reichen den Dschihad nicht nur predigten, sondern auch betrieben, damals in den fernen Tagen der Ingenieur-Terroristen in der Hamburger Marienstraße, die die Anschläge vom 11. September mitplanten. Die wird es immer noch geben. Aber inzwischen haben sie andere mobilisiert. Es gibt keinen typischen Terroristen. Auch nicht den typischen islamistischen Terroristen. Wer jetzt nachts durch Berlin streift, der sieht unter S-Bahn-Brücken, in Hauseingängen Obdachlose schlafen. Wer eine halbe Minute nachdenkt, weiß, dass nur Winzigkeiten uns trennen von diesem Schicksal. Jeder hat eine Stelle, auf der das Lindenblatt lag, als er sich in seiner Kindheit eine Schutzhaut überzog. Wird er an dieser Stelle getroffen, bricht er zusammen."
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Ideen

Nora Bossong kommt in der taz auf die Rede Meryl Streeps über Donald Trump zurück, in der sie en passant daran erinnert habe "dass Kunst nicht nur ein berieselndes Wunderland sein sollte, keine reine Traumfabrik, die den eskapistischen Zuschauer in fremde Welten entführt, damit er die hiesige vergisst, sondern dass es im Kern um etwas geht, das sie sowohl als Privileg wie als Verantwortung bezeichnete: Empathie zu lehren... Das gebrochene Herz, von dem sie sprach, war das Gegenteil romantischer Befindlichkeit - es stand für ein dezidiert politisches Bewusstsein, das verletzt worden war."

In der NZZ denkt Konrad Liessmann über heutige Intellektuelle nach, die in jüngster Zeit so gern gescholten oder als "Elite" gleich ganz entsorgt werden soll. Zum Teil haben sie selbst schuld, meint Liessmann, weil sie die Globalisierung als harten Fakt verkannten: "man begnügte sich damit, die von dieser Dynamik negativ Betroffenen als Globalisierungsverlierer, Abgehängte und Bildungsferne ihrem Schicksal zu überlassen und sich anderen Fragen zuzuwenden, etwa denen einer korrekten Gender- und Minderheitenpolitik am Campus. Aus Gesellschaftskritik wurde Symbolpolitik. Ohne die Entrechteten und Benachteiligten gegeneinander auszuspielen: Statt ständig nach neuen politisch korrekten Sprachvorschriften zu suchen, wäre es vielleicht auch angebracht gewesen, in einer kritischen Diskursanalyse zu zeigen, wie sehr allein ein Begriff, der den 'Verlierer' enthält, schon der Rhetorik einer Wettbewerbsideologie verfallen ist, die es eigentlich verböte, solche Termini unreflektiert zu übernehmen."

Außerdem: Hans Ulrich Gumbrecht warnt in der NZZ Geisteswissenschaften und Feuilletons davor, zu geistreich sein zu wollen.
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Religion

Nicht nur der Islam, auch das Christentum wird zunehmend reaktionärer, lernt Malte Lehming (Tagesspiegel) aus britischen und amerikanischen Quellen. Nicht in Europa, doch leben heute zwei Drittel aller Christen in Asien, Afrika und Lateinamerika. Sie sind sehr konservativ und ihre Zahl wächst, während sie in Europa stagniert. Der britische Historiker und Religionswissenschaftler Philip Jenkins prognostizierte schon 2002 "neue christliche Revolution", so Lehming. "'Die Konfessionen, die sich im Süden der Welt durchsetzen - radikale protestantische Sekten, evangelikale oder Pfingstkirchen oder orthodoxe Formen des römischen Katholizismus - sind stramm traditionell oder sogar reaktionär', schreibt Jenkins. Der katholische Glaube, der sich in Afrika und Asien rasch verbreite, wirke wie eine religiöse Tradition aus der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil: voller Respekt vor der Macht der Bischöfe und Priester, verhaftet den alten Gottesdienstformen. ... Viele evangelikale Gemeinden in Afrika haben es sich zum Ziel gesetzt, Zweigstellen in Europa und den USA zu errichten. Man spricht von einer 'afrikanischen Revanche'. Unterstützt werden sie dabei von Migrationsbewegungen. Rund die Hälfte aller Migranten, etwa 105 Millionen von 214 Millionen weltweit, sind Christen."

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