9punkt - Die Debattenrundschau

Das Gift der Destruktion

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.01.2017. Donald Trumps Amstantritt hat die schlimmsten Befürchtungen übertroffen. Für die FR war die Rede des Milliardärs über die Macht des Volkes reinste Demagogie, für die SZ eine einzige Beleidigung gegen die Repräsentanten Washington. Aber warum haben diese so brav applaudiert, fragt der Guardian. Der Affekt gegen die Regierung steckt den Amerikanern im Blut, meint Marcia Pally in der taz, seit sie 1774 englische Zollbeamte geteert und gefedert haben. ProPublica meldet unterdes, dass Trump mitnichten seine Geschäfte abgegeben hat. Im Tagesspiegel diagnostiziert F.C. Delius Trump-Fieber auch im Europaparlament, das einen Intimus Silvio Berlusconis zum Präsidenten gewählt hat.

Politik

Donald Trumps Antrittsrede hat noch einmal alle Befürchtungen übertroffen. FAZ und FR dokumentieren dieses Dokument des Chauvinismus im Wortlaut. In der SZ kommentiert Stefan Kornelius die Rede, mit der Narzissmus und Irrationalität an die Macht gekommen sind: "Donald Trumps Vision bestand aus einer Beleidigung und einem einzigen, in chauvinistischem Nationalismus getränkten Satz: 'America first.' Die Beleidigung galt allen, die Trump nicht gewählt haben und die bisher Verantwortung trugen für das Land."

In seinem Leitartikel fragt der Guardian, warum sich die Repräsentatenten von Washingtons Demokratie so brav um Trump scharten, um zu applaudieren und ihm nationale Würde zu verleihen: "Donald Trumps Antrittsrede war eine Kriegserklärung gegen die von ihnen repräsentierte Zivilisiertheit." Spiegel Online nennt die Rede eine "Unanständigkeitserklärung".

In der FR wird Arno Widmann richtig zornig über so viel Verlogenheit und Demagogie: "Der zigfache Milliardär, der von der Politik der rabiaten Einkommensverteilung von unten nach oben profitierte und weiter profitiert, der sich weigerte Steuern zu zahlen, spielt sich auf als Robin Hood und erklärt: 'Heute wird nicht die Macht einfach von einer Regierung auf eine andere übertragen oder von einer Partei auf eine andere Partei - heute übertragen wir die Macht von Washington D.C. und geben sie Euch zurück, dem amerikanischen Volk.' Wer ist das 'Wir'? Sein Milliardärskabinett? Das glaube ich nicht. Dieses 'Wir' ist Donald Trump, niemand sonst."

Im Guardian sieht Timothy Garton Ash für die internationale Politik schwarz. Er fürchtet vor allem, dass sich Trump, Putin, Modi, Erdogan und Xi Jinping in ihren jeweiligen Nationalismen gegenseitig hochschaukeln werden: Hier wird Trumps aufbrausender, narzisstischer und schikanöser Charakter ein echtes Problem ... Nein, ich sage keinen Dritten Weltkrieg voraus. Aber eine dem 21. Jahrhundert entsprechende Variante der Kuba-Krise? Absolut möglich."

Und übrigens: Die Pressekonferenz, in der Trump und seine Anwältin ankündigten, seine Geschäfte abzugeben, war reine Show, berichtet ProPublica: "That hasn't happened. To transfer ownership of his biggest companies, Trump has to file a long list of documents in Florida, Delaware and New York. We asked officials in each of those states whether they have received the paperwork. As of 3:15 p.m. today, the officials said they have not." Und die Washington Post meldet, dass die Website des Weißen Hauses jetzt Werbung macht für Melania Trumps Schmuck-Kollektion.

In der taz erklärt die Kulturwissenschaftlerin Marcia Pally ihren europäischen Freunden, warum weder Trump noch die vermutlich zunehmende ökonomische Misere der Armen eine starke Linke in Amerika hervorbringen wird: "Die Bürger der USA votieren wie die meisten Leute nicht gemäß ihren wirtschaftlichen Interessen, sondern nach ihren generellen Überzeugungen. Warum wählen die Amerikaner keine Regierung, die sich um diese Probleme kümmert? Also hör mal! Die Amerikaner glauben nicht mehr daran, dass eine Regierung Probleme löst, seit sie 1774 Zollbeamte der britischen Krone geteert und gefedert haben."
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Europa

"Wie tief sind die Christdemokraten gesunken, dass sie im allgemeinen Trump-Fieber ihre Straßburger Trampelei nicht einmal bemerken?", fragt der Schriftsteller F.C. Delius im Tagesspiegel entsetzt über die Wahl Antonio Tajanis zum neuen Präsidenten des Europaparlaments. Schließlich sei Tajani Intimus von Europas bisher erfolgreichstem Populisten gewesen: "Erinnert sich überhaupt noch jemand an einen gewissen Silvio Berlusconi, der Italien 20 Jahre lang heruntergewirtschaftet hat und dessen Gift der Destruktion bis heute wirkt?"

SZ-Kritikerin Kia Vahland will AfD-Mann Björn Höcke ruhig gegen das Holocaust-Mahnmal herziehen lassen. Auch dass er sich dabei auf Rudolf Augstein berufen kann, jagt ihr keine Angst ein: "Beinahe könnte man Höcke dankbar sein, daran zu erinnern, wie wenig selbstverständlich unser heutiger, vergleichsweise entspannter Umgang mit dem NS-Gedenken ist und wie sehr dieser all die Walsers, Augsteins, Sloterdijks Lügen straft."
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Medien


Mit seiner Facebook-Kooperation hat sich Correctiv um Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit gebracht, meint Kai Schlieter in der taz, denn den Auftrag, Fake-News in Sozialen Medien aufzustöbern, hält er für fadenscheinig, lässt aber auch selbstkritische Töne anklingen: "Benötigt einer der mächtigsten Konzerne der Welt zum Wohle der Demokratie wirklich zwei Dutzend Journalisten, um in den Datenbergen von 1,8 Milliarden Facebook-Nutzern Lügen zu finden? Facebook betreibt ganze Forschungslabore, um Datenberge auszuwerten. Für China - toller Markt! - hat der Konzern gerade eine Zensursoftware gebaut... Facebook und Google umschmeicheln deutsche Medien mit Millionen. Auch die taz und Correctiv kassieren. Wer füttert, den beißt man nicht."

In der NZZ wirft der Düsseldorfer Sozialwissenschaftler Gerhard Vowe ein, dass das Vertrauen in die Medien rein statistisch mitnichten gesunken sei, die Misstrauischen werden nur lauter, und sie schaukeln sich gegenseitig immer stärker hoch: "Sie können sich sieben Tage die Woche 24 Stunden lang wechselseitig über Facebook bestätigen, wie schlimm die Berichterstattung ist."
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