9punkt - Die Debattenrundschau

Damals schon frappierend

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.01.2017. In der huffpo.fr insistiert der Historiker Pascal Ory zwei Jahre nach der großen Demo in Paris: Der "Geist des 11. Januar" existiert. Das türkische Präsidialsystem, wie Erdogan es haben will,  kennt keine Gewaltenteilung, schreibt Bülent Mumay in der FAZ.  Die NZZ wünscht sich Roboter fürs Allzumenschliche. Die New York Times erklärt, warum die "Ethnopopulisten" um Trump Wladimir Putin so mögen.

Europa

Vor zwei Jahren liefen Millionen Menschen durch Paris und andere französische Städte, um sich gegen den Terrorismus zu verwahren - der "Geist des 11. Januar" ist seitdem häufig in Frage gestellt worden. Aber der Historiker Pascal Ory, der ein Buch zum Thema geschrieben hat, hält im Gespräch mit Romain Herreros  von der huffpo.fr daran fest: "Diese 'marches républicaines' zeigten, dass die Gesellschaft eher mit einem Sinn für Einigkeit (was nicht Einmütigkeit heißt) reagierte und nicht mit einer identitären Verkrampfung. Ich fand es als Historiker damals schon frappierend, vier Millionen Menschen mit Aufrufen zur Brüderlichkeit defilieren zu sehen:'Ich bin Charlie', 'Ich bin Jude', 'ich bin Araber' und so weiter - statt 40.000 Leute auf der Straße zu sehen, die 'Tod den Arabern' schreien. In der Weltgeschichte war letzteres häufiger der Fall."

Das angebliche "Präsidialsystem", das Tayyip Erdogan anstrebt und das ihm das türkische Parlament durch Selbstabdankung quasi servierte, ist mit den Modellen aus den USA und Frankreich nicht vergleichbar, weil es auf jede Gewaltenteilung verzichtet, schreibt Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne: "Schauen wir uns an, was ein 'Präsident alla Turca' tun kann: Er kann fast alle höheren Positionen in der Justiz besetzen, er kann die Minister auswählen, er kann Ministerien einrichten und auflösen, er kann Parteivorsitzender sein, er beschließt die Abgeordnetenliste seiner Partei, er kann sein Veto gegen vom Parlament beschlossene Gesetze einlegen. Was will er denn noch? Er kann nach Belieben das Parlament auflösen. Wozu braucht er überhaupt ein Parlament?"
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Ideen

Roboter und Programme wie Siri, Alexa oder Smarter Child können außerordentlich nützliche Hilfen sein, notiert Roman Bucheli in der NZZ - mit einer Verbeugung vor dem Algorithmus, der seinen Maileingang aufräumt. Man muss keine Angst vor ihnen haben, und die meisten Menschen haben das auch nicht, im Gegenteil. Die Ingenieure von Smarter Child etwa stellten schnell fest, dass die Menschen dieses Programm weniger für Informationen nutzen, sondern plaudern wollten. Und irgendwann auch Sex haben: "Für alle digitalen Muffel hat [der kalifornische Ghostwriter Joe] Shepter eine beruhigende Nachricht: Mit Informationstechnologie und künstlicher Intelligenz erweitern sich nicht, wie viele glauben, vor allem unsere Kompetenzen, eher mehren sie die Kenntnisse von uns selbst. Nichts bringt so sehr das Menschliche und noch mehr das Allzumenschliche hervor wie ein dienstbarer Algorithmus. Intelligente digitale Technologie muss sich darum zuallererst an unseren niedrigen Instinkten bewähren."

Außerdem: Nachrufe auf den polnisch-britischen Soziologen Zygmunt Bauman schreiben Sabine Rohlfs in der FR, Uwe Justus Wenzel in der NZZ, Harald Staun in der FAZ, Wieland Freund in der Welt und Rudolf Walther in der taz. Die Blätter verlinken auf den letzten Artikel Baumans in der Zeitschrift: "Die Welt in Panik - Wie die Angst vor Migranten geschürt wird".
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Medien

Britische Zeitungen wehren sich gegen ein neues Pressegesetz, das nach dem Phone-Hacking-Skandal aufgelegt wurde und vor der Realisierung steht, berichtet Jane Martinson im Guardian: "Section 40 ist bereits formuliert, aber nicht verabschiedet und könnte Publikationen verpflichten, die Kosten von Bürgern zu tragen, die sie verklagen, sogar wenn sie gewinnen - es sei denn, sie unterwerfen sich einem staatlich kontrollierten Regulierer. Kein größerer Verleger will solch einen Regulierer, der eine Konsultation mit staatlichen Stellen erfordern würde." Hier auch ein recht dezidierter Kommentar des Guardian zum Thema.

Außerdem: In der SZ erzählt Eva Steinlein in ihrem Nachruf auf Clare Hollingworth die unwahrscheinliche Lebensgeschichte der britischen Journalistin, die als erste den deutschen Überfall auf Polen meldete und die jetzt im Alter von 105 Jahren gestorben ist. In Großbritannien ist ein Streit über die BBC-Satire "The Real Housewives of ISIS" ausgebrochen, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ.
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Stichwörter: Britische Presse

Politik

Die republikanische Partei wird unter Trump von drei Tendenzen zerrissen werden: der traditionellen Ideologie der Konservativen, die in Russland einen Feind sehen, den Ethnopopulisten à la Steve Bannon und dem Chaosfaktor Trump selbst, schreibt David Brooks in einer Analyse für die New York Times. Die ethnopopulistische Sicht auf die Welt, die einige "linke" Elemente enthält, beschreibt Brook so: "Humankapital ist durch entfesselten Kapitalismus ersetzt worden, der uns die Finanzkrise bescherte. Die nationale Demokratie wurde durch ein kasinokapitalistisches Netzwerk globaler Eliten ersetzt. Traditionelle Tugenden wurden durch Abtreibung und Homoehe abgelöst. Souveräne Nationalstaaten gehen in gesichtslosen multilateralen Organisationen wie der EU auf. Dekadent und erschöpft steht der verletzliche Westen einem aggressiven Islamofaschismus gegenüber, der die kosmische Bedrohung dieser Tage ist. In dieser Sicht ist Putin ein wertvoller Verbündeter, weil er ebenfalls die multirassische und vielsprachige Weltordnung durch starke Nationalstaaten ersetzen will."
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