9punkt - Die Debattenrundschau

Was unter Klasse verstanden wird

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.01.2017. In der FAZ erinnert Bülent Mumay daran, wie zwiespältig sich die türkische Regierung zum "Islamischen Staat" verhalten hat. In Berlin sind religiöse Autoritäten nach dem Scheitern des "House of One" zur traurigen Erkenntnis gekommen, dass der Dialog der Religionen nicht funktioniert. Das Nervendste an Trump war, dass er Medien zu Quoten verhalf, so dass inhaltliche Berichterstattung unterblieb, stellt Nicholas Kristof in der New York Times fest. In der taz fordern zwei Redakteure von Kater Demos eine öffentlich-rechtliche Finanzierung neuer Medien.

Europa

in seinem wöchentlichen Brief aus Istanbul im FAZ-Feuilleton erwähnt Bülent Mumay das Massaker in Istanbul schon und erinnert daran, wie zwiespältig sich die türkische Regierung zum "Islamischen Staat" (der als Urheber des neuesten Anschlags noch nicht feststeht) verhalten hat: "Seit drei Jahren überzieht der IS die Türkei mit Anschlägen, die schon Hunderte Menschen das Leben gekostet haben. Doch die Regierung scheute sich lange, IS-Anhänger als Terroristen zu bezeichnen. Als im Oktober 2015 durch einen Anschlag der Terrororganisation in Ankara hundert Menschen getötet wurden, nannte der damalige Premierminister Davutoglu den IS eine 'Ansammlung von Menschen', die 'aus Wut zueinander fanden'.  Sein Stellvertreter Emrullah Isler ließ erst recht nichts auf den IS kommen. Er behauptete: 'Der IS tötet, aber er foltert nicht'." 

Im Interview mit dem Standard möchte der Schriftsteller und PEN-Vorsitzende Josef Haslinger erstens keine "pauschale Islamkritik" mehr hören und zweitens, dass die EU und Deutschland wieder freundlicher zu Putin sind: "Die Vorstellung, dass durch Wirtschaftssanktionen irgendwann die Krim an die Ukraine zurückfallen wird, ist realitätsfern. 2001 hat Putin für eine Rede im deutschen Bundestag Standing Ovations geerntet. Damals hatten die deutsch-russischen Beziehungen noch Zukunft. Aber Deutschland, der brave Bündnispartner, hat sich von der Nato eine andere Linie vorgeben lassen. Politiker wie Egon Bahr oder Hans-Dietrich Genscher waren leider schon außer Dienst. Wir müssen zurück zum Geist von 1990."

In einer "Europa - mein scHmERZ" betitelten Reihe im Tagesspiegel denken die Schriftsteller Bora Ćosić, Priya Basil, Jaroslav Rudis, David Wagner und Kathrin Röggla über Europa nach. Bora Cosic bekennt sich da zum Beispiel als Eingeborenen eines Kontinents mit einer "steinalten, klugen Strategie, sich alles anzueignen, was außerhalb Europas an Wissen und Fertigkeiten entsteht, und es für sich selbst zu übernehmen. Der russische Zar Peter der Große öffnete einst ein Fenster zu Europa und gewährte Europa damit Einblick in die sagenumwobenen Schätze Asiens. Der resolute Herrscher war keineswegs der Erste, die alten Griechen machten es vor, schon Gorgos, Empedokles und erst recht der 'dunkle' Heraklit wussten, dass das 'attizistische' Denken zum guten Teil auf 'asianischer' Weisheit, Erfindungsfreude und Poetik beruht. Die Begriffe hat einer bekannt gemacht, der ebenfalls über den europäischen Tellerrand schauen konnte, Gustav René Hocke. Er lehrte uns, dass unser Stolz auf die Weisheit und Schöpferkraft der antiken Völker auf dem Boden dieses Kontinents kaum gerechtfertigt wäre, wäre diesen Männern nicht bewusst gewesen, dass sie nicht allein sind auf der Welt und dass es Ältere und Bessere gegeben hatte."
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Religion

Das Berliner "House of One", in dem die Vertreter der drei großen Religionen gemeinsam beten, wird wohl eine Illusion bleiben, bedauert Maritta Tkalec in der Berliner Zeitung. Initiiert von der evangelischen Kirche hat das Projekt mit dem Abraham Geiger Kolleg, einem progressiven Rabbinerseminar in Potsdam, einen ersten Partner gefunden: "Das wirklich unüberwindbare Problem aber liegt auf  muslimischer Seite. Die Evangelischen räumen offen ein, dass die Suche nach starken muslimischen Partnern erfolglos war. Keiner der großen Verbände zeigte Interesse. Gemeinsam mit Juden und Christen auf einem Podium? Niemals. Einzig die Vertreter der Gülen-Sekte waren bereit dazu. Man nahm sie ins Projekt - wohl wissend, dass deren religiöses Konzept Zweifel weckt."
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Stichwörter: Sekten

Politik

New-York-Times-Kolumnist Nicholas Kristof blickt in einem viel retweeteten Artikel auf einen "Wahlkampf ohne Themen" zurück, der allein von der Trumpschen Reality-Show dominiert war. Die großen Fernsehsender, so Kristof, haben so gut wie keine Zeit mehr für thematische Berichte, etwa über Armut oder Kilmawandel, aufgebracht: "Eine der Herausforderungen lag im ökonomischen Druck, der auf allen Newsplattformen lastet - ob TV, Print oder Digital, alle suchen nach einem Geschäftsmodell. Und jeder wusste, dass die Quoten, die Trump brachte, Gold wert waren, während das Thema Armut alles nach unten zog. Wie es Leslie Moonves, der CBS-Chef im Februar über Trumps Kandidatur sagte: 'Es ist vielleicht schlecht für Amerika, aber es ist verdammt gut für CBS."

Außerdem: In Zeit online sucht Volker Weiß nach faschistischen Strömungen in der Donald Trump unterstüzenden Alt-Right-Bewegung.
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Kulturmarkt

Offenbar steht der Tolino, die im deutschen Buchhandel verkaufte Alternative zum Amazon Kindle, vor dem Aus, meldet Johannes Haupt im lesen.net. Der japanische  E-Commerce-Konzern Rakuten, zu dem auch E-Reading-Spezialist Kobo gehört, scheint die Marke von der Deutschen Telekom zu übernehmen: "Die Deutsche Telekom, die die Tolino-Allianz vor knapp vier Jahren maßgeblich mitinitiierte, zieht sich offenbar komplett aus dem Projekt zurück. Damit sind wohl auch Tolino-Lesegeräte ein Auslaufmodell, Rakuten wird langfristig kaum zwei E-Reading-Linien mit eigener Hardware und eigener Firmware parallel entwickeln. In Zukunft werden Thalia, Weltbild, Hugendubel & Co. also wohl Kobo-Lesegeräte in ihren Regalen haben. Solche Partnerschaften mit Filialisten sind für Kobo Usus: In Großbritannien arbeitet das Unternehmen mit WHSmith zusammen, in Frankreich mit fnac."
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Stichwörter: Ebook-Reader, Ebooks, Tolino

Geschichte

Martin Luther war einfach virtuos darin, die neue Druckerpresse für die Verbreitung seiner Thesen zu nutzen. So dominierte er den Diskurs in der Öffentlichkeit, während seine Gegner alt aussahen, erzählt Hendrik Tieke in der FR: "Luthers Gegner unterschätzten die Wirkung der Druckerpresse zunächst völlig. In den ersten Jahren der Reformation verfassten sie nur wenige Flugschriften und Flugblätter. Stattdessen versuchten sie Luther auf althergebrachtem Wege zur Umkehr zu bewegen: durch theologische Dispute oder durch Vorladungen vor weltliche und geistliche Autoritäten. Solche Veranstaltungen fanden jedoch immer nur vor einem kleinen Publikum statt - und was die Öffentlichkeit davon erfuhr, bestimmte Luther."
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Medien

Alexander Sängerlaub und Christoph Zeiher vom "utopischen Politikmagazin" Kater Demos fordern in der taz eine Übertragung der öffentlich-rechtlichen Finanzierung auf andere Medienformen - eine Geldquelle haben sie auch schon im Sinn: Man könnte das Geld von funk.net nehmen: "Derzeit unternehmen ARD und ZDF mit ihrem Jugendkanal funk ziemlich hilflose Gehversuche im Internet. Die Zielgruppe liegt irgendwo zwischen Kika und ZDFneo, die Qualität aber weit darunter. Abgesehen von wenigen klugen Formaten sind die Shows im Grunde unzumutbar. Rund 40 Millionen Euro stecken die Sendeanstalten jährlich in die YouTube-Imitation. Geld, das genauso gut in einen öffentlich-rechtlichen Fördertopf fließen könnte. Der Bürger müsste nicht mehr zahlen als bisher, gleichzeitig ließen sich aber langfristige Recherchevorhaben, aufwendige Reportagereisen oder technische Investitionen finanzieren."

Zehn Jahre nach der Vorstellung des ersten Iphones schreibt Holm Friebe in Carta einen Nachruf: "Auf gewisse Weise hat sich das iPhone zu Tode gesiegt, indem alle Smartphones heute mehr oder weniger so aussehen. Hätte Samsung bei seiner jüngsten Einführung des Konkurrenzgerätes nicht Handgranaten statt Handys ausgeliefert, hätten sie Apple sogar überflügeln können. Damit ist der Distinktionsgewinn endgültig perdu."

Der Gazeta Wyborcza, einst Polens führende Tageszeitung, geht es schlecht. Die Auflage ist seit 2000 von 500.000 auf 190.000 geschrumpft, berichtet Paul Flückiger im Standard. Schuld daran sei das Internet, aber auch die Regierung Kaczyński, die das linksliberale Blatt schon immer gehasst hat und jetzt ihren Einfluss nutze, dem Blatt zu schaden: "Klar ist, dass der Werbeeinbruch eng mit dem PiS-Wahlsieg zusammenhängt: Während die großen Staatsfirmen ihre Werbeaufträge bei den verhältnismäßig starken regierungskritischen Zeitungen und Nachrichtenmagazinen (Polityka, Newsweek Polska) zurückgezogen haben, sind die Werbeeinnahmen von Nischenblättern wie der Jaroslaw Kaczyński auch familiär nahestehenden Wochenzeitung Gazeta Polska bis Oktober 2016 um über 300 Prozent gewachsen. Laut einem Bericht der Gazeta Wyborcza wird so jede Ausgabe indirekt mit umgerechnet rund 40.000 Euro aus der Staatskasse finanziert. Eine ähnlich privilegierte Behandlung genießen die rechten Nachrichtenmagazine wSieci und Do Rzeczy sowie die rechtsnationalen Tageszeitungen Gazeta Polska Codzienna und Nasz Dziennik."
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Internet

Kreativ ist der Mensch vor allem in seiner Privatsphäre, meint Werner Meixner, Informatiker an der TU München, in der SZ. Doch seine "privaten Entscheidungsdaten" werden mehr und mehr enteignet in einer Weise, die Meixner an "koloniale Zeiten erinnert, in denen der unerschöpflich scheinende Reichtum an Rohstoffen Afrikas mit Zustimmung der dortigen Landesfürsten von fremden Mächten ausgebeutet wurde, ohne dass die dortige Bevölkerung an den Erträgen teilhaben konnte. Europa ist bei der Nutzung des Rohstoffes der privaten Daten dabei, das Afrika des Informationszeitalters zu werden. Es wurde eine Enteignung in Gang gesetzt, die medial und ernst zu nehmend als Ende der Privatheit prognostiziert wird."
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Ideen

Im Interview mit dem Tages-Anzeiger über die Verhältnisse in Trumps Amerika weicht Judith Butler der Frage, wie sich Identitätspolitik und Klassenkampf verbinden lassen, aus, doch fände sie "es toll, wenn das, was Klassenkampf genannt wird, wieder zentral würde. Und wenn die Linke wieder eine plausible und vielversprechende Option für so viele werden könnte, die unter den jetzigen ökonomischen Bedingungen leiden. Dafür muss die Kategorie der 'Klasse' im Licht der neoliberalen Verheerungen überdacht werden. Wie etwa fordern das Outsourcing und die Flexibilisierung unsere Vorstellungen dessen heraus, was unter 'Klasse' verstanden wird? Es ist ja oft so, dass die Arbeiterklasse gar nicht mehr arbeitet."

Außerdem: Im Interview mit dem Tagesspiegel analysieren die Gefühlshistoriker Frank Biess und Bettina Hitzer die German Angst.
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