9punkt - Die Debattenrundschau

Bald bedeutungslos

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.01.2017. Nix zu machen, die Zeiten bleiben düster. Ian Buruma sucht in der Welt nach einem Fünkchen Hoffnung für Europa - aber da ist keins. Der Guardian versucht Theresa Mays "harte Brexit"-Rede zu verkraften: Deutlich warnt EU-Brexit-Unterhändler Guy Verhofstadt vor einem Bündnis mit Trump. In Politico suchen Trump-Biografen nach seinen inneren Triebkräften: Michael D'Antonio fürchtet, das Trumps Aggressivitiät in der Angst vor der eigenen Illegitimät begründet sei. Stefan Niggemeier erinnert in den Uebermedien daran, dass es Fake News auch schon vor dem Internet gab.

Europa

Sehr diplomatisch antwortet der EU-Brexit-Unterhändler Guy Verhofstadt  im Guardian auf Theresa Mays "harte Brexit"-Rede. Deutlich wird er allerdings beim Thema einer möglichen Anlehnung Britanniens an Donald Trump: "Es wird immer klarer, dass Trump und Russland auf die Desintegration der Europäischen Union aus sind. Donald Trump hat das eingestanden, als er suggerierte, dass nach Britannien noch mehr Länder die Union verlassen würden. Was er damit meinte war: Ich hoffe, sie tun das. Der EU-Botschafter, den Trump ernennen wird, wird wohl nur eine Eigenschaft haben: Es wird sich um einen Brexit-Enthusiasten handeln. Dies ist ein beachtlicher Wendepunkt im amerikanischen Verhältnis zu Europa, Aber ich sehe nicht, wie Chaos in Europa im Interesse Britanniens liegen könnte."

Mehrere Arikel im Guardian befassen sich mit Mays Rede. Dan Roberts meint, sie klang wie Trump: "Die Rede handelte nur vom Ziel, nicht vom Weg. Der vermeintliche  Einstieg in die britische Verhandlungsstrategie war in Wirklichkeit nichts anderes als eine Wunschliste der Hoffnungen und Träume." Es schreiben außerdem Simon Jenkins (der May als einziger zu ihrer Strategie gratuliert), der Libération-Journalist Jean Quatremer (hier) und Anne Perkins (hier).

Colin Crouch zerstört auf Zeit online die britische Hoffnung, das ehemalige Empire werde die Briten nun mit offenen Armen aufnehmen: "Zur Zeit des Empires waren die Kolonien stets den Interessen der britischen Wirtschaft untergeordnet. Das kann nie wieder zurückkehren, die alten Kolonien sind heute unabhängige Staaten. Diese werden gern Handelsverträge mit Großbritannien schließen, doch was für Abkommen dürfen wir von ihnen erwarten, wenn wir allein stehen und sie für eine Rückkehr in das Welthandelssystem dringend brauchen?"

Mit der EU steht es allerdings auch nicht zum Besten. In der Berliner Zeitung fragt Peter Riesbeck verzweifelt, ob man denn als Nachfolger von Martin Schulz für das Amt des Europäischen Parlamentspräsidenten wirklich keinen anderen finden konnte als den jetzt gewählten ehemaligen Berlusconi-Gefolgsmann Antonio Tajani: "Was sagt die Wahl Tajanis über Europa? Parteipolitisch tickt die Mitte rechts und ein linkes Bündnis blieb ohne Mehrheit. Über vier Wahlgänge  hinweg gab es  keine Bewegung zwischen den   Blöcken,  keinen Ausweichkandidaten. Traurig diese Ideenlosigkeit."

Ian Buruma sucht in einem Artikel für das Project Syndicate (auf Deutsch in der Welt) im Schutt des letzten Jahres nach einem Fünkchen Hoffnung, aber er wird nicht recht fündig: "Ohne ein stärkeres Gefühl einer paneuropäischen Solidarität werden die europäischen Institutionen bald bedeutungslos werden und möglicherweise überhaupt nicht mehr weiter bestehen. Aber genau dieses Solidaritätsgefühl untergraben die Demagogen derzeit mit so offensichtlichem Erfolg."

Außerdem: In der FAZ fragt sich Patrick Bahners, was May mit einem "globalen Britain" meinen könnte.
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Politik

In der Zeit zeichnet Daniel Kehlmann, der während der Wahlen in Amerika war, ein vernichtendes Bild von Donald Trump, den er schlicht für das Böse hält, und der Partei der Republikaner, die er völlig verkommen findet: "Die Wahrheit ist, dass die Republikaner heute eine na­tio­nal anarchis­ti­sche Partei mit wirr religiöser Schlagseite sind, dem Prozess der Staatlichkeit selbst feindlich gesinnt. Die sogenannte Grand Old Party lehnt inzwischen nicht nur die Politik ihrer Widersacher ab, sondern Politik überhaupt, das Geschäft der Staatswohlfahrt und des ausgehandelten Kompromisses."

Michael Kruse von Politico hat einige Trump-Biografen getroffen, die den künftigen Präsidenten besser kennen als irgendjemand sonst außerhalb seiner Familie. Sie alle sagen, sie seien von seinen bisherigen Verhalten nach der Wahl alles andere als überrascht. Michael D'Antonio formuliert aber doch so etwas wie eine Erkenntnis, die für ihn neu sei: "Einer der Gründe, die wir übersehen haben, wenn Trump die Legitimität anderer Leute verneint, ist sein Gefühl, dass nichts von dem, was er selbst erreichte, je legitim war. Er ist eine Person, die nie wusste, ob sich ihm jemand annähert, weil er ihm oder seinem Geld nahe sein wollte... Er hat immer irgendwie das System ausgespielt, nie etwas aus Verdienst errungen. Selbst gewählt wurde er mit fast drei Millionen Stimmen weniger als seine Konkurrentin. Seine tiefe Angst ist, dass er selbst kein legitimer Präsident ist."

Außerdem: Alan Rusbridger legt in der New York Times ein Wort für Edward Snowden ein: Er habe die Bedrohung, die über ihm schwebt, nicht verdient. "Es ist nicht schwer sich vorzustellen, dass Snowden den Vereinigten Staaten in irgendeinem Deal zwischen Trump und Putin ausgeliefert wird."
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Geschichte

Roswitha Schieb reist für die NZZ ins Bieszczady-Gebirge im Südosten Polens, wo sich bis 1945 ukrainisch besiedelte Dörfer fanden, die in den Nachkriegskämpfen zerstört wurden: "Über zwei Jahre lang wüteten die Kämpfe zwischen Ukrainern und Polen in diesen Gebieten. Hier war der Zweite Weltkrieg erst im Herbst 1947 zu Ende. Durch die 'Aktion Weichsel' kam es dann zur erzwungenen Umsiedlung der seit Jahrhunderten in den Bieszczady angestammten Volksgruppen der Lemken und Bojken, die sich von der ukrainischen Landbevölkerung durch Trachten, Sitten und Gebräuche und durch ihre Sprache, eine Mischung aus Westukrainisch und Slowakisch, unterschieden. Dennoch galten sie sowohl für die polnische als auch für die ukrainische Seite als Ukrainer."

Außerdem: In der taz erinnert Klaus Hillenbrand an die Wannsee-Konferenz vor 75 Jahren.
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Medien

Die taz eröffnet zusammen mit türkischen Journalisten die taz.gazete, eine türkisch-deutsche Onlineplattform - nicht von ungefähr am zehnten Todestag Hrant Dinks: "Zehn Jahre später steht es leider immer noch denkbar schlecht um die freie Presse in der Türkei. Fast 150 Journalist*innen sitzen derzeit in Haft, kritische Medien stehen unter enormem Druck oder werden direkt ausgeschaltet. Die Meinungshoheit im Land haben die sogenannten Poolmedien, die der Regierung von Präsident Erdoğan nahestehen und auf Regierungslinie berichten."

Zum zehnten Jahrestag der Ermordung des türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink schreibt sein Kollege Aydın Engin: "Die Regierung, die mit dem Versprechen an die Macht kam, die Türkei an westeuropäische Standards anzuschließen, kehrt heute Europa den Rücken. Die Türkei entwickelt sich zur Oligarchie wie Saudi-Arabien oder Katar. Die Regierung will uns weismachen, 1.400 Jahre alte religiöse Werte seien im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß. Diskussionen darüber sind tabu."

Fake-News sind keine Erfindung des Internets, schreibt Stefan Niggemeier, der jahrelang im Bildblog die Bild-Zeitung checkte, in seinen Uebermedien: "Ich bin gespannt, was passiert, wenn zahlreiche Nutzer dann zu recht eine Bild-Meldung als Falschmeldung markieren. Springer und Facebook sind innigst miteinander verbunden. Im vergangenen Jahr belobhudelte Springer den Facebook-Chef Mark Zuckerberg mit einer großen Preissause. Facebook bezahlt Bild dafür, dass Bild Live-Videos auf Facebook veröffentlicht."

Außerdem: Internetkritiker Evgeny Morozov greift zum Thema Fake News in der SZ etwas weiter aus als Niggemeier: "Lösen lässt sich das Problem der Fake News nur, indem man die Grundlagen des digitalen Kapitalismus überdenkt." Hier der Link zum Originalartikel im Guardian. Davon inspiriert denkt in der Berliner Zeitung auch Adrian Lobe über Fake News nach: "Der Ökonom Will Davies konstatieret nüchtern in der Financial Times, dass wir mitten im Übergang von einer Gesellschaft der Fakten zu einer Gesellschaft der Daten stecken. In dieser tumultuösen Transitionsphase herrsche Verwirrung über den exakten Status von Wissen und Zahlen im öffentlichen Leben, was das Gefühl verstärke, dass die Wahrheit selbst vernachlässigt werde."
Der Ökonom Will Davies konstatieret nüchtern in der Financial Times, dass wir mitten im Übergang von einer Gesellschaft der Fakten zu einer Gesellschaft der Daten stecken. In dieser tumultuösen Transitionsphase herrsche Verwirrung über den exakten Status von Wissen und Zahlen im öffentlichen Leben, was das Gefühl verstärke, dass die Wahrheit selbst vernachlässigt werde. - Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/25564774 ©2017
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Ideen

In der NZZ philosophiert Uwe Justus Wenzel über die Liebe: "Nichts ist, nichts geschieht ohne Grund. Sollte die Liebe die Ausnahme sein, die dieses logisch-philosophische Prinzip bestätigt? Ist sie (wie sich in Anlehnung an eine Formulierung Kants fragen ließe) der wahre Abgrund für die menschliche Vernunft, für eine Vernunft, die rastlos nach Ursachen und Gründen forscht und erst bei einem 'Unbedingt-Notwendigen' zur Ruhe käme?"
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Stichwörter: Liebe