9punkt - Die Debattenrundschau

Die Lage ist unübersichtlich

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.01.2017. Putin persönlich hat die Manipulation des US-Wahlkampfs angeordnet, stellen die Geheimdienste fest. Am Wahlausgang hat das aber nichts geändert, versichert Donald Trump. Mit Brexit und Trump ist die Russische Revolution nach 100 Jahren an ihr Ende gekommen, meint Boris Groys in der SZ. Die taz attestiert der Debatte um den Silvestereinsatz der Kölner Polizei totalitäre Züge. Und Arno Widmann referiert in der FR beklommen Timothy Snyders "zwanzig Lektionen aus einem furchtbaren 20. Jahrhundert" aus Lettre International.

Politik

Putin persönlich hat eine Kampagne angeordnet, um die amerikanische Präsidentschaftswahl zu beeinflussen - zu diesem Ergebnis kommt die Untersuchung der US-Geheimdienste NSA, FBI und CIA, deren Bericht nun vorliegt (hier das pdf). Bei der Kampagne, die Hacking und Trolling beinhaltete, sei es nicht von vorneherein um den Wahlsieg Donald Trumps gegangen, entnimmt David E. Sanger in der New York Times dem Bericht: "The key to the report's assessment is that Russia's motives 'evolved over the course of the campaign.' When it appeared that Mrs. Clinton was more likely to win, it concluded, the Russian effort focused 'on undermining her future presidency.' It noted that Mr. Putin had a particular animus for Mrs. Clinton because he believed she had incited protests against him in 2011. Yet the attacks, the report said, began long before anyone could have known that Mr. Trump, considered a dark horse, would win the Republican nomination." Wo das geklärt ist, könnten die Dienste ja mal untersuchen, welche Rolle der FBI-Direktor James B. Comey mit seinen vagen Unterstellungen gegen Hillary Clinton für den Wahlausgang gespielt hat.

Die NY Times bringt auch Trumps Stellungnahme, die erwartbar beschwichtigend ausfällt: "While Russia, China, other countries, outside groups and people are consistently trying to break through the cyber infrastructure of our governmental institutions, businesses and organizations including the Democrat National Committee, there was absolutely no effect on the outcome of the election including the fact that there was no tampering whatsoever with voting machines."

In der Reihe "Internet und Demokratie" denkt Yvonne Hofstetter in der FAZ darüber nach, wie sich die Politik verändern würde, wenn an die Stelle von Wahlen die Auswertung von Big Data treten würde: "Die Demokratie ist eine alte Technologie. Etwas Neues muss her. Nur ist dieses Neue in einer komplexen dynamischen, weil hochvernetzten Gesellschaft weder vorhersehbar und schon gar nicht planbar. Mit wachsender Umgebungsintelligenz kann die Gesellschaft im 21. Jahrhundert in jeden denkbaren Zustand der Herrschaft geraten. Das ist riskant. Denn er kann beliebig weit weg sein von dem, was wir als Demokratie kennen."
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Gesellschaft

Die taz befasst sich in einer Vielzahl von Artikeln noch einmal mit den Ereignissen der Kölner Silvesternacht. So wundert sich Waltraud Schwab, dass die Debatte, in der es doch letztlich um die Sicherheit von Frauen gehe, fast ausschließlich von Männern geführt werde und fragt sich: "Warum melden sich Frauen kaum zu Wort und was wäre anders, wenn man sie hörte? Vielleicht würde dann deutlicher, dass Frauen im öffentlichen Raum noch nie Ortshoheit hatten. Vielleicht ginge es dann weniger um die Frage, wer Schuld am Desaster hat, sondern um Verantwortung." Christoph Herwartz schildert die Nacht sowohl aus der Perspektive von angereisten Nordafrikanern als auch von der Polizei und fragt sich: "Hatte die aggressive Stimmung mit den Nordafrikanern zu tun, von denen laut Polizei wieder viele nach Köln kamen - oder eher mit der Polizei und damit, wie sie agiert?"

Angesichts der heftigen Reaktionen gegen diejenigen, die das Vorgehen der Kölner Polizei hinterfragten, attestiert Bettina Gaus der Debatte "totalitäre Züge" und wagt die Vermutung: "Unabhängig vom Verlauf des Polizeieinsatzes in Köln hätte es ohne den Anschlag in Berlin keinen Feldzug gegen die kleine Minderheit derer gegeben, die kritische Fragen stellten." Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch das Interview, das Pascal Beucker mit dem Grünen-Politiker Boris Palmer führt. Von Fragen nach Verhältnismäßigkeit und Verweisen auf das Grundgesetz sei im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima dringend abzuraten, so Palmer: "Als Partei kann man nicht auf einer Position beharren, die - von einigen überzeugten taz-Lesern vielleicht abgesehen - die ganze Republik gegen einen aufbringt."

Mit merklicher Beklemmung referiert Arno Widmann in der FR einen Artikel des Historikers Timothy Snyder in der neuesten Ausgabe von Lettre International. In "zwanzig Lektionen aus einem furchtbaren 20. Jahrhundert" gibt Snyder Handlungsanweisungen für diese unruhigen Zeiten, etwa "Lassen Sie sich und Ihrer Familie Reisepässe ausstellen" oder "Glauben Sie an die Wahrheit". Besonders beunruhigend findet Widmann, dass Snyder kein Programm entwirft und keine Unterscheidung von Freund und Feind trifft: "Das hat einen einfachen Grund: Die Lage ist unübersichtlich. Es ist unklar, was zu tun ist. Schon weil man nicht sicher ist, in welcher Welt man lebt, geschweige denn, wie man von dieser zur Welt kommt, in der man leben möchte. In dieser Unsicherheit uns erst einmal zu belassen, uns zu ermutigen, uns darin zu bewegen, das ist gerade nicht die Schwäche, sondern die herausragende Stärke von Snyders Überlegungen. Wir wissen nicht, wo es welche Ausgänge gibt. Das muss erst noch erforscht - und das heißt immer auch ausprobiert - werden."

Roberto Simanowski denkt in der NZZ über das Phänomen der "Smartphone-Zombies" (kurz Smombies) nach, das für den Beobachtenden immer eine nervende Sache ist: "Was uns ärgert, ist zunächst die Vernichtung des Zufalls. Denn wie kann sich noch etwas ereignen, wenn selbst in der Öffentlichkeit alle in ihrer eigenen Welt sind? Ärgerlich ist, dass wir nicht infrage kommen, dass wir keine Rolle spielen, dass wir ignoriert werden. Es ist die Einsamkeit, in die uns die 'Smombies' öffentlich stoßen, die wir ihnen übelnehmen."
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Geschichte

Zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution unterhält sich Sonja Zekri in der SZ mit dem Philosophen Boris Groys, der das kommunistische Projekt allmählich an sein Ende kommen sieht: "Der Kommunismus hat die Welt weitgehend globalisiert, er war eine weltumspannende Bewegung. Die Ideologie der Globalisierung, der Internationalisierung ist also quasi kommunistisch. Sie kommt erst jetzt an ihr Ende. Der Brexit und die Wahl von Donald Trump sind Zeichen dafür. Nach dem Ende der Sowjetunion haben wir einen extremen Nationalismus beobachtet, im Baltikum, in Polen, Ungarn, auch Jugoslawien. Jetzt kommt dieser Trend im Westen an. Der Westen reagierte früher mit dem globalisierten Antikommunismus, jetzt reagiert er mit verstärktem Nationalismus."
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Medien

In der SZ schreibt Bernd Graff eine kleine Geschichte der Infografik, die sich seit der Einführung des Internets einer immensen Popularität und Relevanz erfreut. Denn die Digitalisierung habe zum einen die verfügbaren Daten auf der Welt potenziert und einen Bedarf an einem Wiedergewinn von Übersichtlichkeit geweckt: "Zum andern aber sind inzwischen eben wegen dieser Digitalisierung auch Fotos Teil des nicht abreißenden Datenstroms geworden. Weil die im Zeitalter von Programmen wie Photoshop aber wieder und wieder manipuliert wurden, sitzt das Misstrauen tief. Das einstige Medium des dokumentarischen Belegs hat die Unschuld unverfälschter Authentizität verloren. Weil aber Film und Foto nun unter dem Rechtfertigungsdruck stehen, ihre Wahrhaftigkeit beweisen zu müssen, während andererseits ein Übermaß an Information nach Sichtung und Verdichtung verlangt, ist die Infografik das Reduktionsmittel der Wahl zur Informationsvermittlung."

Frühe Infografik: die von Frank Drake und Carl Sagan entworfene "Pioneer-Plakette", die an Bord der beiden interstellaren Raumsonden Pioneer 10 und Pioneer 11 angebracht ist (1972).
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Stichwörter: Infografik

Europa

Kürzlich hatte Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne vom erschreckenden Zuspruch berichtet, den der Istanbuler Terroranschlag in den sozialen Medien gefunden hat (unser Resümee). Jetzt sind gegen 347 Accounts Ermittlungen eingeleitet worden, meldet Elisabeth Kimmerle in der taz: "Gut, dass sich die Ermittlungswut der Regierung nun gegen die Trolle richtet, die im Internet Hass gegen alle schüren, was nicht ihrem Weltbild entsprechen. Denn in diesem Fall geht es nicht um die Einschränkung freier Meinungsäußerung, sondern um das strafrechtliche Vorgehen gegen Hatespeech."

In der NZZ berichtet Veronika Hartmann von modernen Türkinnen, die für sich in der Türkei keinen Platz mehr sehen: "Viele, die derzeit gehen, hoffen nicht auf eine Rückkehr, sondern darauf, dass sie und ihre Kinder sich in der neuen Heimat bestens integrieren werden."
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Stichwörter: Soziale Medien, Türkei