9punkt - Die Debattenrundschau

Was der Mann da auf der Bühne sagt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.01.2017. Eines wird Trump nicht erzeugen: Solidarität unter Journalisten, meint der russische Autor Alexej Kowalew in Medium.com. Die taz möchte doch wieder über eine Kulturflatrate diskutieren, 14,70 Euro im Monat müssten es schon sein. Imame der Ditib haben für die Türkei Mitglieder der Gülen-Sekte benannt, aber sonst ist die Ditib selbstverständlich unabhängig, berichten mehrere Medien. Die taz begibt sich in die Parallelwelt der Kirchengerichte, die Ehen annullieren, damit man bei der Caritas arbeiten darf.

Religion

Aus einer Parallelgesellschaft ganz eigener Art berichtet Philipp Gessler in der taz: Er erzählt unter Bezug auf ein Buch der Journalistin Eva Müller über die Geheimgerichte der katholischen Kirche, die entweder versuchen, Scheidungen zu verhindern, oder - besonders heuchlerisch - Ehen als ungültig zu erklären, um sie aufzulösen. Für Mitarbeiter in katholischen Krankenhäusern oder Kindergärten (die nicht aus Kirchensteuer bezahlt werden), sind diese Gerichte existenziell wichtig: "In der Bundesrepublik gibt es 22 katholische Kirchengerichte mit Hunderten fester und freier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bezahlt durch die Kirchensteuer. In ihnen wurden nach Müllers Recherche im vergangenen Jahr gut 1.200 Prozesse geführt. In der Regel werden alle Beteiligten der Verhandlungen an den Kirchengerichten zur Geheimhaltung verpflichtet. Die Verfahren sind nicht öffentlich." Die Kirchengerichtsbarkeit betrifft in Deutschland insbesondere 700.000 Arbeitnehmer, zum Beispiel bei der Caritas.

Eine WDR-Dokumentation Eva Müllers über den Pfarrer Peter R., der am Berliner Canisius-Kolleg über hundert Schüler missbraucht haben soll, und nie vor ein weltliches Gericht kam, kann man hier sehen.
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Urheberrecht

Jens Uthoff kauft aus Mitleid mit Musikern wieder CDs - die Einnahmen der Musiker aus Streamingdiensten sind allzu mager. In der taz legt er dar, dass die Nutzer in Deutschland 14,70 Euro im Monat zahlen müssten, um illegale Downloads zu kompensieren, und bezieht sich auf eine Studie des Kulturökonomen Christian Handke von der Erasmus-Universität Rotterdam: "Gleichzeitig wären 61 Prozent der Menschen hierzulande bereit, monatlich 16 Euro zu zahlen. Handke sagt, er selbst habe das Modell Kulturflatrate skeptisch gesehen - nach den Ergebnissen seiner Studie bewerte er es anders. Höchst überfällig sei ein neuer Anlauf - er empfiehlt, ein System mit freiwilligen Abgaben zu erproben. Frustrierend ist die Unbeweglichkeit hierzulande. In Norwegen hat die Nationalbibliothek ein Modell entwickelt, dank dem man etwa 135.000 Bücher abrufen kann, ohne dass die Urheber verhungern: Pro abgerufener Seite erhalten die Autoren 4 Cent. Toll für den Nutzer wie für Autoren."
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Europa

Bekir Alboğa, Generalsekretär des Islamverbands Ditib in Deutschland, hat in einem Gespräch mit der Rheinischen Post zugegegeben, dass Imame des Verbands in Deutschland Anhänger des Predigers Fethullah Gülen ausspioniert und ihre Informationen nach Ankara geschickt haben. "Eine Panne", bedauert Alboga. Wie die Zeit schreibt, behauptet der Verband nach wie vor, "von der Türkei unabhängig zu sein. Die Verbindung zum türkischen Religionspräsidium ist aber in ihrer Satzung festgeschrieben. Einem Sprecher des Bundesinnenministeriums zufolge nimmt der politische Einfluss des türkischen Staates auf die Ditib derzeit stark zu. Es stelle sich daher die Frage, ob der Verein religiös selbstbestimmt sei. Ditib gestaltet auch den Religionsunterricht an deutschen Schulen mit."

In der Türkei stehen die Gerichte angesichts der "Terrorprozesse" kurz vor dem Zusammenbruch, berichtet Frank Nordhause in der FR. Am Mittwoch wurde gleich mehreren prominenten Journalisten der Prozess gemacht, darunter Can Dündar, der derzeit in Deutschland lebt: "Für ihn und Erdem Gül forderte der Staatsanwalt je zehn Jahre Haft, für Berberoglu lebenslänglich, wegen 'wissentlicher und absichtlicher Unterstützung einer Terrororganisation, ohne deren Mitglied zu sein' - gemeint ist die Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen, den die Regierung für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich macht. Berberoglu habe sich als mutmaßlicher Cumhuriyet-Informant zudem der Weitergabe von Staatsgeheimnissen schuldig gemacht. 'Sie haben nicht den Hauch eines Beweises für die absurden Vorwürfe, und es ist absolut lächerlich, uns mit Gülen in Verbindung zu bringen', sagte Enis Berberoglu der Frankfurter Rundschau anschließend im Gericht."
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Ideen

Béligh Nabli führt für Libération ein Gespräch mit dem Soziologen Fabrice Dhume über Multikulturalismus, der in Frankreich eher als "communautarisme" bezeichnet wird, also als ein Denken in "Communities". Das Dumme ist nur, dass diese Gemeinschaften oft nur in den Köpfen derer existieren, die sie für sich in Beschlag nehmen wollen: "Damit es so etwas wie Gemeinschaft gibt, brauchen die Sozialwissenschaften ein nachvollziehbares Gefühl, dass eine Gruppe von Menschen eine selbe Beziehung zur Welt pflegt und dass es also eine Forderung nach einem inneren Zusammenhalt der Gruppe gibt. Aber wenn wir zum Beispiel von den Muslimen in Frankreich sprechen, oder auch von den Immigranten und ihren Kindern, stellt die Soziologie fest, dass es nur sehr selten ein solches Gefühl der Zugehörigkeit gibt. Folglich setzt der Diskurs des 'Kommunitarismus' Communities voraus, die in den meisten Fällen gar nicht existieren."
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Politik

Der russische Journalist Alexej Kowalew lässt bei Medium.com nochmal Donald Trumps Pressekonferenz Revue passieren und fühlt sich stark an Pressetermine von Wladimir Putin erinnert. Er warnt seine amerikanischen Kollegen, dass PKs zu Verlautbarungsrunden des großen Führers verkommen könnten, und er glaubt nicht an die Solidarität der Journalisten untereinander: "Diese Leute sind nicht Ihre Waffenbrüder, diese Leute sind Ihre Konkurrenten, in einem von Wettbewerb getriebenen und zusammenbrechenden Markt, und die einzige Währung in diesem Markt ist, was der Mann da auf der Bühne sagt. Wer zuerst eine Frage stellen darf und sie an die Außenwelt übermittelt, hat gewonnen... Wenn ihre Frage untergepflügt und beschwiegen wird, erwarten Sie nicht, dass ein konkurrierendes Medium sie für Sie aufgreift. Es liegt im Interesse dieses Mannes, Sie gegeneinander auszuspielen und künstliche Knappheit zu erzeugen, etwa an Raumgröße, Zeit am Mikrophon oder natürlich seiner Aufmerksamkeit."

Und Pete Vernon bestätigt in der Columbia Journalism Review, was Kowaljew sagt. Trump griff auf der Pressekonferenz den CNN-Reporter Jim Acosta an und weigerte sich, eine Frage von ihm zuzulassen. "Dann ging Trump zur nächsten Frage über, und die Pressekonferenz ging ihren Gang. Es war ein ein erstaunlicher Moment, nicht nur wegen der Konfrontation der beiden Männer, sondern vor allem, weil sie gar keinen Effekt auf die anderen Journalisten im Raum zu haben schien. Niemand stellte sich hinter Acosta."
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Gesellschaft

Laut dem Bundesinnenministerium gibt es derzeit in Deutschland etwa dreimal so viele islamistische "Gefährder" wie linke und rechte zusammen, meldet die Zeit. Im Interview mit der SZ warnt die Journalistin Andrea Röpke jedoch, die Gefahr von rechts nicht zu unterschätzen: "Da, wo der Hass in Gewalt umschlägt, haben Neonazis Vorarbeit geleistet und Strukturen aufgebaut. Ein gutes Beispiel dafür ist Sachsen, dort hat rechte Gewalt um 90 Prozent zugenommen. In Schneeberg zum Beispiel, gelegen im Erzgebirgskreis, einer Gegend mit nicht mal einem Prozent Ausländeranteil. Dort sollte eine Flüchtlingsunterkunft errichtet werden. Schon frühzeitig gründete ein NPD-Mitglied etwa 2013 eine Bürgerinitiative im Internet, scharte Sympathisanten um sich, dann wurde der Protest auf die Straße getragen. Ich war vor Ort, der Marktplatz war voller Menschen. Pärchen gingen eingehakt, ganze Familien waren unterwegs. Es schien ein spontaner Protest gegen Flüchtlinge, doch beim genauen Hinsehen erkannte man NPDler als Redner auf der Bühne, rechte Türsteher als Ordner, Neonazis schrieen die Parolen vor."

Und hier noch eine gute Nachricht: 83 Prozent der über 16-Jährigen in Deutschland sind für die Homo-Ehe. Das hat eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle ergeben, meldet die FR. "'Die Zustimmung zur Gleichstellung bei der Ehe war noch nie höher - das zeigt, dass die Gesellschaft hier viel weiter ist als die Politik', sagte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders. Sie nannte es 'ein trauriges Zeichen', dass in Deutschland im Gegensatz zu 14 anderen Staaten Europas die Institution Ehe noch immer nicht Homosexuellen zugänglich sei."
Archiv: Gesellschaft