9punkt - Die Debattenrundschau

Intuitive Benutzerführung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.01.2017. Der Soziologe und Kulturkritiker Zygmunt Bauman ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Der Standard erinnert an seine "Dialektik der Ordnung". Sigmar Gabriel fordert eine "demokratische Kulturoffensive" gegen den Islamismus - aber die Religion scheint nicht in seinen Kulturbegriff zu gehören, wundert sich die FAZ.  In der SZ erklärt die Autorin Deepti Kapoor, warum Gewalt gegen Frauen gerade in Ländern wie Indien so grassiert. Die Welt fürchtet: Die Deutschen sind immer noch unfähig zu trauern.

Ideen

Der Soziologe und Kulturkritiker Zygmunt Bauman ist im Alter von 91 Jahren gestorben.  Klaus Taschwer schreibt in seinem Nachruf für den Standard: "Baumans im deutschsprachigen Raum vielleicht bekanntestes Werk ist seine 1989 erschienene Studie 'Dialektik der Ordnung - Die Moderne und der Holocaust'. In diesem Buch denkt Bauman da weiter, wo die 'Dialektik der Aufklärung' von Adorno und Horkheimer endet: Der Soziologe sieht die Grausamkeit des Holocaust gerade nicht als einen Zusammenbruch der Moderne, sondern vielmehr erst ermöglicht durch die Errungenschaften der modernen Zivilisation, also durch Rationalität und Industrialisierung." Wir verlinken hier auf eine Laudatio seines ebenfalls verstorbenen Kollegen Ulrich Beck in der taz von 2014. Über seine Verstrickung in der frühen kommunistischen Phase Polens sprach er selten - vor etwa zehn Jahren wurde darüber in Polen diskutiert, wie ein Rückblick in unsere Magazinrundschau zeigt.

Weiteres: In der NZZ glaubt Hans Widmer fest an die Lernfähigkeit des mündigen Bürgers.
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Politik

Bangalore ist das neue Köln. In  der südindischen Stadt wurden in der Silvesternacht viele Frauen sexuell belästigt und vergewaltigt. Die Autorin Deepti Kapoor sagt im Gespräch mit Fabian Heppe und MarIus Mühlhausen von der SZ: "Die sexuelle Belästigung von Frauen in der Öffentlichkeit ist ein globales Phänomen, das aber vor allem dort auftritt, wo sich vorwiegend religiöse, patriarchale Gesellschaften rapide modernisieren. In Bangalore sind die Belästigungen nun sehr geballt und in aller Öffentlichkeit vorgefallen. Die Männer haben betrunken ihre Wut und ihre sexuellen Fantasien ausgelebt. Warum? Weil sie wissen, dass sie damit davonkommen."

So gehts nicht weiter in China, meint Suisheng Zhao in der NZZ. Umweltverschmutzung und jüngste Massenentlassungen haben zu Protesten geführt, die von der Regierung gewaltsam unterdrückt wurden. China muss aus seinem Autoritarismus raus, glaubt der in Denver lehrende Professor für internationale Politik. "Unter Xi Jinping wurden die Kontrollen weiter verschärft. Der Zugang zu sozialen Netzwerken wurde blockiert, Nutzerprofile von Aktivisten wurden gesperrt, Streikmeldungen gelöscht und Chat-Foren überwacht, um jegliche Anzeichen von Protest im Keim zu ersticken. Die Gründung unabhängiger Gewerkschaften wurde verboten, Aktivisten, auch nicht subversive wie beispielsweise Frauenrechtskämpferinnen, wurden verfolgt und Menschenrechtsanwälte inhaftiert. ... Immer mehr neureiche Chinesen stimmen mit den Füßen ab und wandern mitsamt Kind und Vermögen aus."

In Ägypten werden koptische Christen immer wieder Opfer von Anschlägen (wie jüngst beim Anschlag auf eine Kirche in Kairo, der 27 Menschenleben kostete) oder gar staatlicher Verfolgung. Der Staat tut nichts dagegen, im Gegenteil, berichtet  Janosch Siepen aus Kairo für die Zeit: "Übergriffe von Mobs kämen mehrfach vor, sagt Menschenrechtsaktivist Mina Thabet, Strafverfolgung gebe es kaum. Das Problem sei das Rechtssystem, ein Fehlen von Justiz. Die meisten Muslime lebten friedlich mit ihren christlichen Nachbarn zusammen, von einem Religionskrieg könne keine Rede sein, Übergriffe seien bisher eher Einzelfälle. Doch systemisch seien Christen Benachteiligungen ausgesetzt, so Thabet. Ein neues Gesetz etwa erschwere den Bau von Kirchen. Dabei wären solche Bauten dringend nötig: Im Schnitt müssen sich fünfmal so viele Kopten wie Muslime ein Gebetshaus teilen. Zudem werde das bestehende Blasphemiegesetz immer wieder gegen Christen angewandt."
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Internet

Eher nostalgisch liest sich  Patrick Beuths Zeit-online-Artikel zu zehn Jahren Iphone. "Es war in erster Linie die Kombination aus einem eleganten Design, dem für damalige Verhältnisse großen Touchscreen und der neuartigen, intuitiven Benutzerführung, die das iPhone zur Technik-Ikone werden ließ, zum Vorbild für fast alle Smartphones, die danach kamen." Das beste an dem Artikel ist der Link auf die "zehn besten Smartphones 2006".
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Stichwörter: Iphone, Smartphone

Medien

Mal vergleicht die taz, mal nicht. Die Kölner Polizeiaktion bezeichnete sie als "Selektion" und "Sonderbehandlung" (unser Resümee). Aber Jerusalem ist nicht Berlin, meint taz-Autorin Susanne Knaul mit Blick auf die beiden Lastwagenattentate der letzten Tage: "Während der eine wahllos Zivilisten mordete, um sich dann auf die Flucht zu begeben, zielte der andere auf Soldaten und nahm in Kauf, selbst sterben zu müssen... Während Amri seinen Anschlag plante, handelte (der palästinensische Attentäter) Al Kunbar offenbar spontan und unter dem Einfluss eines gesellschaftspolitischen Umfeldes, für das Terror in Teilen nicht nur legitim, sondern ehrenhaft ist - weil es gilt, die Besatzung und damit einhergehende Ungerechtigkeit zu bekämpfen."

In der taz wird der Vorwurf, man habe die Begriffe "Selektion" und "Sonderbehandlung" bewusst eingestreut, jetzt doch auch im Print aufgegriffen. Ulrich Gutmair erläutert: "'Sonderbehandlung' wurde dem Korrespondenten von einer Redakteurin in seinen Kommentar hineinredigiert. Ihr war die historische Bedeutung des Begriffs nicht bekannt. Sie ist nicht allein. 'Sonderbehandlung' sollte harmlos klingen, die Täter nutzten den Tarnbegriff vor allem intern. Seine Bedeutung im NS-Kontext kennen viele nicht, das Wort wird ständig benutzt. Über 400.000 Treffer listet Google. Die Welt etwa titelte unlängst: 'Sonderbehandlung für Ribéry empört den BVB'."
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Stichwörter: Terrorismus

Gesellschaft

Die Bürger trauern um die Opfer des Anschlags auf dem Breitscheidplatz, das kann man dort täglich sehen. Doch eine "würdevolle Inszenierung" der Staatstrauer gelingt uns nicht, klagt in der Welt Tilman Krause. "Da wird prompt wieder in die protestantische Ausdrucksarmut ausgewichen, ja zurück in die Ausdrucksgehemmtheit, die wahrscheinlich bis zum Sanktnimmerleinstag den zivilisatorischen Abstand zu den katholisch geprägten Nationen markieren wird, den Deutschland einfach nicht aufzuholen imstande ist. ... Jedenfalls hat man in Deutschland nicht zum ersten Mal den Eindruck, dass emotionale Erschütterung sich bei uns vor allem dann entzündet, wenn ihre Ursachen weit von uns entfernt sind. Wenn es um uns selber geht, herrscht doch vielfach immer noch, was Alexander Mischerlich in den Sechzigerjahren die 'Unfähigkeit zu trauern' nannte."

Nicht nur die einfachen Jobs wie Fahrerin oder Kassierer könnten in Zukunft wegfallen, lernt SZ-Reporter Jürgen Schmieder auf der Technologiemesse CES in Las Vegas. Auch die Jobs von Zahnärzten, Juristen oder Anlageberatern sind in Gefahr, auch wenn das kaum jemand von ihnen glaubt. Und Journalisten? "Wer einen Tag lang durch die CES-Hallen in Las Vegas läuft, der kann durchaus Zukunftsangst und Paranoia bekommen. Wie gut, dass sich ein Reporter bereits um 15 Uhr einen alkoholischen Gratis-Cocktail reichen lassen kann. Den braucht er dringend, schließlich hat er gerade erfahren, dass die Northwestern University aus Illinois eine Software entwickelt hat, die automatisch erstaunlich angenehm lesbare Geschichten produziert und die bereits recht erfolgreich bei der Berichterstattung von Sportereignissen eingesetzt wird."

Viel Spott und Kritik erntete die pflegepolitische Sprecherin der Grünen, Elisabeth Scharfenberg, für ihren Vorschlag, der Staat möge sexuelle Dienstleistungen für Pflegebedürftige und Behinderte bezahlen. Gabriele Paulsen, Gründerin einer Vermittlungsagentur für Sexualassistenz, findet das im Interview mit Zeit online aber gar nicht so abwegig, vorausgesetzt das Personal ist auf die Bedürfnisse dieser Gruppe spezialisiert: "Sexualassistenz ist vor allem auf Senioren sowie Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung ausgelegt. Wir wollen eine selbstbestimmte Sexualität ermöglichen. Dabei geht es weniger um den penetrativen Sex als mehr um das Beieinandersein, das miteinander Nacktsein, das miteinander Zärtlichsein und Kuscheln. Darunter fällt auch die erotische Berührung als solche. Eine Stunde kostet 150 Euro. 30 Euro gehen davon an uns, 120 an die Sexualassistenz. ... Wir schließen den Sexual- und Oralverkehr aus. Das machen wir gezielt, um gewissen gesetzlichen Vorgaben zu entsprechen." Schade eigentlich.
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Europa

Sigmar Gabriels Erwiderung auf Thomas de Maizière steht nun auf Gabriels Website online. Bemerkenswert ist daran, wie der Sozialdemokrat mit dem Begriff "Kultur" verfährt. Er fordert "große demokratische Kulturoffensive gegen diese Radikalisierung und für unsere Gesellschaftsordnung" und ist damit nicht mehr weit entfernt vom konservativen Begriff der "Leitkultur". Kritik kommt ausgerechnet von Christian Geyer in der FAZ: "Verwunderlich ist nun aber, dass der SPD-Chef die kulturelle Auseinandersetzung anmahnt und sie im selben Atemzug blockiert. Es gehe beim Kampf gegen Gewalt und Terror 'nicht um Religionszugehörigkeiten', erklärt Gabriel apodiktisch, sondern um die Verteidigung unserer Idee vom gesellschaftlichen Zusammenleben. Dass im konkreten Fall das eine mit dem anderen zusammenhängen kann, wird vom Vizekanzler ins Reich des 'Ressentiments' verbannt."

Und wer beim Blick in diesen grauen Winter noch nicht deprimiert ist, lese noch diese Schlagzeile des Guardian - "Jeremy Corbyn: UK is better off out of EU with 'managed migration'."
Archiv: Europa