9punkt - Die Debattenrundschau

Absolut überrascht von dieser Wirksamkeit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.12.2016. "Das Bedürfnis nach Bevormundung stellt sich wieder ein", schreibt Herta Müller in der Welt und versucht eine Archäologie des Ressentiments in osteuropäischen Ländern. Geert Mak denkt im Tages-Anzeiger über die Sehnsucht nach dem großen Kladderadatsch nach. Demokratie ist nicht "Leitkultur", erklärt der Philosoph Martin Seel in der FR. Netzpolitik erzählt, warum Studenten demnächst wieder mehr am Fotokopierer stehen werden: Elsevier will sich seine 40-prozentige Umsatzrendite nicht vermiesen lassen.  Und Wolfgang Michal erinnert in seinem Blog an die eigentliche Digitalcharta - die von Tim Berners-Lee.

Europa

"Das Bedürfnis nach Bevormundung stellt sich wieder ein. Es ist wie ein Rückfall, mit dem niemand gerechnet hat", schreibt Herta Müller in einem großartigen Text (eigentlich eine Rede), den die Welt heute bringt. Müller erinnert an die Struktur der Angst - die man erlitt und in der man kollaborierte - , mit der die Bevölkerungen Osteuropas von den kommunistischen Regimes gefügig gemacht wurden, und sie erinnert an die Wurzeln der Fremdenfeindlichkeit, die schon damals ein Instrument war: "Ganz Osteuropa war jahrzehntelang xenophobisch. Es ist die Xenophobie von damals, mit der wir es heute zu tun haben. Die Verachtung der Fremden entstand damals in der Diktatur. Sie wurde von den Regimen organisiert und von der Bevölkerung aus eigener Überzeugung akzeptiert. Genauso wie man Staatsfeinde wie mich gemieden hat, um sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen, hat man die Ausländer gemieden, um sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen."

Im Interview mit dem TagesAnzeiger denkt der holländische Autor Geert Mak über die neue Lust am Zerstören, am Zerschlagen, am Ressentiment nach: "Das Beunruhigende an diesem Fieber ist, dass es so ähnlich vor dem Ersten wie auch vor dem Zweiten Weltkrieg existierte. Klar, solche Vergleiche sind schwierig, aber es gibt diese Parallele. Man findet dieses Lebensgefühl in Tagebüchern aus den zwanziger-Jahren oder in den Arbeiten des Historikers Sebastian Haffner. Auch da begegnet einem dieses fast schon erotische Sehnen nach dem großen Kladderadatsch, der die verhasste Elite beseitigen und aus dem eine neue Welt aufsteigen wird. Die Populisten haben keine Ahnung, womit sie spielen. Sie können Leute radikalisieren und mobilisieren, aber Politiker sind sie nicht. Was tat Nigel Farage, als er die Brexit-Abstimmung gewonnen hatte?"
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Ideen

Leitkultur? Welche Leitkultur haben wir Deutsche schon, fragt der Philosophieprofessor Martin Seel in der FR. Das Christentum vielleicht? Wir sind ein säkularer Staat. Demokratie als Leitkultur? Ist ein Widerspruch in sich. Es gibt nur die demokratische Rechtskultur, die dann aber doch, so Seel, auf universalen Werten aufbaut. "Personen und Kollektive, die solche Werte haben und in ihrem Handeln beweisen, stehen dadurch für ihren Eigensinn und die eigene Lebensweise ein, dass sie diese als eine unter anderen verstehen, ohne ihren Lebensstil den allein seligmachenden zu halten. Sie erkennen und erkennen an, dass die Freizügigkeit ihrer Art zu leben von derjenigen anderer Lebensweisen abhängig ist, unter der Bedingung freilich, dass auch deren Angehörige die Bereitschaft aufbringen, die ihre zu respektieren." Und da beißt sich die Katze eben manchmal in den Schwanz.
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Stichwörter: Leitkultur, Martin Seel, Werte

Medien

So geht's zu bei Spiegel online: Chefredakteur Florian Harms wird geschasst, berichtet unter anderem Tatjana Kerschbaumer bei turi2. Hintergrund scheint zu sein, dass das Bezahlmodell von Spiegel plus mit "Laterpay" (man darf ein paar Spiegel-Artikel lesen und muss erst nach einer bestimmten Menge zahlen) nicht zu funktionieren scheint, hatte Ulrike Simon in Horizont schon vor zwei Wochen berichtet: "Seit dem erst im Sommer erfolgten Start eines Bezahlmodells für Einzelartikel auf Laterpay-Basis konnte der Spiegel-Verlag jedenfalls kaum nennenswerte Erlöse einsammeln. Auch hat sich die Hoffnung nicht erfüllt, von Laterpay aufschlussreiche Daten zu erhalten, aus denen Erkenntnisse über die zahlbereiten Nutzer zu gewinnen wären."

Paul Ingendaay stellt in der FAZ die neue Autorenplattform Salonkolumnisten vor, gegründet zum Teil von heimatlos gewordenen Achse-des-Guten-Autoren. Aus ihrem Manifest: "Was Sie bei uns nicht finden werden: Leute, die Opfern von Terroranschlägen ins Grab nachrufen: 'Selber schuld!' Antiamerikaner jeder Couleur. Verharmloser des Islamismus. Antisemiten, die sich als Israelkritiker kostümieren. Rassisten, die sich als Islamkritiker kostümieren. Sympathisanten der 'Linkspartei'. Sympathisanten der 'Alternative für Deutschland'. Sympathisanten von 'Pegida' und ihren Ablegern. Kampfatheisten." Ach schade, ein bisschen Religionskritik könnte doch nicht schaden.
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Wissenschaft

Das Projekt der Hochschulrektorenkonferenz, die Inhalte von Wissenschaftszeitschriften, die die Bibliotheken enorme Summen kosten, bundesweit zu lizenzieren, ist am Widerstand von Elsevier gescheitert, berichtet Leonhard Dobusch  in Netzpolitik. Der Verlag hat Forderungen gestellt, die seine laut HRK 40-prozentige Umsatzrendite nur noch weiter erhöht hätte: "Im Ergebnis könnte das dazu führen, dass an einer Vielzahl deutscher Universitäten und Forschungsinstitute ab 1. Januar 2017 kein Zugang zu Elsevier-Zeitschriften mehr möglich ist. Die HRK verweist in ihrem Schreiben darauf, dass rund sechzig Wissenschaftseinrichtungen - 'zu einem guten Teil namhafte, große Institutionen und Konsortien' - schon Mitte Oktober ihre Verträge mit Elsevier per Jahresende gekündigt hatten. Elsevier drohe im Gegenzug 'allen Wissenschaftseinrichtungen, deren Verträge Ende 2016 auslaufen, mit einem rigorosen Abschalten aller Zugänge"." Mit anderen Worten: Das könnte dazu führen, dass Studenten im nächsten Jahr wie in guten alten Zeiten am Fotokopierer stehen, weil sie die Texte nicht mehr in digitaler Form bekommen.
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Kulturpolitik

In der taz berichtet Susanne Messmer über ein Gespräch, das die Alexander-von-Humboldt-Biografin Andrea Wulf mit Neil MacGregor geführt hat, der seine Konzeption des Humboldt-Forums vom Namensgeber ableitet: "Humboldt ist nicht nur der Namensgeber, sondern eine Inspiration, ein Kompass für sein Projekt. Wie bei Humboldt wird es hier darum gehen, erstens Kontexte herzustellen, zweitens über alle Disziplinen hinweg zu denken - und drittens zu demokratisieren, also auch Menschen ins Boot zu holen, die sonst schon bei der Vorstellung, ein Museum zu betreten, zum großen Gähnen ansetzen.

Politik

Warum hat Trump denn nun gewonnen (abgesehen davon, das Clinton 2,7 Millionen Stimmen mehr hat)? Die Politologin Elisabeth Wehling versucht es im Gespräch mit Carolina Schwarz von der taz über den Begriff des "Framing" zu erklären: "Den Parteien liegen die gleichen Fakten vor, doch sie leiten unterschiedliche Handlungsvorschläge aus ihnen ab. Die moralische Dringlichkeit von Fakten aus der eigenen Ideologie heraus fassbar zu machen - das ist Framing. Man kann also nicht sagen: Jetzt ist alles postfaktisch - es geht nur noch um Emotionen. Sicher sind Emotionen bei der politischen Entscheidungsfindung beteiligt... Aber das Tragende, das haben wir herausgefunden, sind weder Fakten noch Emotionen, sondern es ist die Ideologie."

Außerdem: Hans Ulrich Gumbrecht skizziert in der NZZ die positiven Träume der Trump-Wähler.
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Internet

Einen wichtigen Kontext stellt Wolfgang Michal zur EU-Digitalcharta her - er erinnert an Tim Berners-Lee 2013 geforderte Magna Charta, beziehungsweise Bill of Rights für das Internet, die einerseits ein offenes Netz forderte (eine Idee, von der in der Digitalcharta so gut wie nichts steht) und andererseits auf die Snowden-Erfahrung Bezug nahm. Unter dem Einfluss von Frank Schirrmacher lief die Debatte in Deutschland ganz anders, was sich auch im Charta-Entwurf widerspiegelt: "Titel, inhaltliche Stoßrichtung und Autorenkreis (darunter zwei Vertreter des Axel Springer-Verlags!) verdeutlichen, wie sehr das ursprüngliche Motiv von Berners-Lee ('Abwehr des Staates') durch ein anderes Motiv ('Abwehr der Internet-Konzerne') verdrängt wurde. Dieser Themenwechsel ist vor allem den speziellen Interessen deutscher Verlage geschuldet, die das Thema auf diese Weise nationalisierten."

Kann Big Data wirklich Wahlen entscheiden, wie es der vieldiskutierte Artikel in Das Magazin am Beispiel der Wahlkampfhilfe für Trump der Firma Cambridge Analytica nahelegt? Auf Zeit online bezweifelt das Patrick Beuth: "Unabhängige Stimmen, die das Microtargeting an sich bewerten und in den gesamten Wahlkampf einordnen, fehlen. Belege für die Wirksamkeit der Methode liefern die Autoren Mikael Krogerus und Hannes Grassegger (der auch für Zeit online schreibt) nicht, weil Cambridge Analytica keine herausrücken will. Das zugrunde liegende Persönlichkeitsmodell OCEAN ist wissenschaftlich umstritten und längst nicht auf alle Menschen anwendbar, was im Artikel aber nicht erwähnt wird."

Das Magazin-Autor Hannes Grassegger erklärt das Fehlen von Belegen im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk damit, dass entsprechende Studien einfach noch nicht veröffentlicht wurden: "Was wir tun konnten, ist zumindest, die einzig uns bekannte Studie zum Ocean-Based Micro-Targeting aufzutreiben. Sie ist leider noch nicht veröffentlicht - ich würde sie sehr gerne teilen. Es ist eine Kooperation der Universität Stanford und der Universität Cambridge und die Studie hat experimentell verglichen: Wie gut funktioniert das psychologisch basierte Micro-Targeting im Vergleich dazu, wenn man einfach etwas in die Breite auf Facebook bewirbt? Und da wurde eine Steigerung der sogenannten Conversion-Rate von 1400 Prozent festgestellt. Die Forscher waren selber absolut überrascht von dieser Wirksamkeit."
Archiv: Internet

Geschichte

David Gakunzi setzt auf La Règle du Jeu seine Serie über die Rolle Frankreichs beim Genozid in Ruanda fort. Und da ist vor allem die "Opération Noroît", mit der Frankreich den ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana unterstützte: "Ein umstrittener Tyrann, der vor einer bewaffneten Rebellion steht, ein Tyrann ohne Zukunft, ohne Kraft, kurz vor dem Fall - und wir galoppieren mit  bérets rouges und Legionären, mit Helikoptern, Panzern und geladenen Gewehren heran, so wie man einem Freund in Not zur Seite tritt."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Ruanda, Genozid in Ruanda