9punkt - Die Debattenrundschau

Zunächst unübersichtlich

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.12.2016. Der Fotograf Daniel Berehulak dokumentiert in einer beeindruckenden Online-Reportage für die New York Times  das mörderische Treiben des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte. Es gibt doch einen Kampf der Kulturen, meint Andreas Reckwitz in der Zeit, aber er tobt nicht zwischen Islam und Westen.  In der SZ meditiert Jürgen Osterhammel über Aufstieg und Fall von Imperien.  Der Tagesspiegel berichtet über türkische "Konsulatslehrer", die an 150 Berliner Schulen ein Erdogan-kompatibles Türkei-Bild verbreiten.

Europa

Ob das zur Integration beiträgt? Berliner Schulen kooperieren mit der türkischen Regierung, berichtet Susanne Vieth-Entus im Tagesspiegel:  "Sogenannte Konsulatslehrer unterrichten allein in Berlin an 150 Schulen - eine Steigerung um 50 Prozent gegenüber 2007, wie eine Anfrage des Tagesspiegels bei der Berliner Bildungsbehörde ergab. Abgeordnete, Verbände und Wissenschaftler sehen diese Entwicklung mit Sorge, da seit dem Putschversuch in der Türkei nur noch regimetreue Lehrer arbeiten dürfen. Die Konsulatslehrer nutzen Räume an staatlichen deutschen Schulen und werden nicht kontrolliert. Sie unterrichten Heimatkunde und Türkisch." Äh, die Kunde welcher Heimat?

Eine erstaunliche  Begründung nannte der polnische Boschafter in Berlin laut Lukas Latz in der SZ für die Absetzung der Leiterin des Polen-Instituts in Berlin: "Andrzej Przyłebski erklärte dazu in einer Stellungnahme gegenüber der Tageszeitung Gazeta Wyborcza, dass Katarzyna Wielga-Skolimowska 'jüdischen Themen zu viel Aufmerksamkeit widmete'. Bei diesem Thema dürfe man 'vor allem Deutschland nicht die Rolle eines Vermittlers im polnisch-jüdischen Dialog geben'." Mehr dazu in der Berliner Zeitung.

Meera Jamal, eine Journalistin, die selbst aus Pakistan geflüchtet ist, schreibt in der SZ über Fälle sexueller Belästigung durch Flüchtlinge, die auch mit der Frauenverachtung in ihren Heimatländern zu tun hätten: "Als ich in einer Flüchtlings-Unterkunft in Gießen lebte, habe ich selbst meine Erfahrungen mit Belästigungen gemacht. Aber da ich aus Pakistan kam, habe ich nicht weiter darüber nachgedacht, so absurd das auch klingen mag. Statt die Vorfälle zu melden, beschloss ich einfach, jene Gruppe kurdischer Männer zu meiden, die sich mir immer wieder in den Weg stellten. Ich befreundete mich mit einigen Pakistanerinnen und Pakistanern an, die immer zu mir hielten. Als die anderen sahen, dass ich nie allein war, ließen sie mich in Ruhe. Heute ist mir klar, wie dumm ich damals war. Statt anderthalb Monate in der Flüchtlingsunterkunft in Angst zu leben, hätte ich die Vorfälle melden sollen."
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Medien

So sieht die viertelseitige Anzeige aus, um die herum die SZ zwei höchst gefällige Beiträge über Glanz und Werden der Elb-Philharmonie gebaut hat - das ganze nennt sich dann "SZ Spezial - Elb-Philharmonie". Till Briegleb erzählt, wie es am Ende doch noch zum "magischen Ort" kam. Und Architekt Jacques Herzog stellt sich den freundlichen Fragen Gerhard Matzigs.



Zeit online
schafft ein "Transparenz-Blog", um über redaktionelle Entscheidungen aufzuklären. Zeit-Online-Chef Jochen Wegner verspricht: "Ab sofort werden wir im Glashaus gelegentlich erklären, wann ein Thema für uns relevant genug ist, um es aufzugreifen. Wann eine Information uns so valide erscheint, dass wir sie veröffentlichen. Warum wir Bilder von Toten meist nicht zeigen, in seltenen Fällen aber doch. Warum wir uns nicht grundsätzlich verpflichten wollen, die Namen von Terroristen nicht zu nennen und ihre Porträts nicht zu zeigen..."
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Ideen

Samuel Huntington hatte doch Recht, halb jedenfalls, meint der Kultursoziologe Andreas Reckwitz im Aufmacher des Zeit-Feuilletons. Es ist nur kein Kampf zwischen dem Westen und dem Islam, sondern ein Kampf zwischen kosmopolitischer, kapitalistischer Hyperkultur, die Diversität als Bereicherung feiert und das Individuum in den Mittelpunkt stellt, und einem Kulturessenzialismus, der kollektive Identitäten feiert und den Westen nur als eine Spielart dieser verschiedenen Identitäten sieht, mit der Folge etwa, dass Menschenrechte nur noch eine der Traditionen westlicher Kultur sind wie der Weihnachtsbaum. In diesem globalen Kampf lösen sich Positionen wie rechts oder links völlig auf: "Orthodoxe Muslime und Evangelikale opponieren Schulter an Schulter gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, und Ma­rine Le Pen und Putin wettern gemeinsam gegen den US-amerikanischen Kulturimperialismus. Auf der anderen Seite der Front rücken Links- und Neoliberale zusammen, wenn der vorgeblich totalitäre Gegner ins Visier genommen wird. Statt eines multipolaren Kampfs der Kulturen sind wir Zeuge eines zunächst unübersichtlich scheinenden, tatsächlich aber ziemlich eindeutigen globalen cul­ture war."
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Politik

Die New York Times zeigt, wie beeindruckend eine Fotoreportage im Internet sein kann. Daniel Berehulak dokumentiert die gnadenlosen Mordszenen in Manila, wo Präsident Rodrigo Duterte eine Art Ausrottung der Drogenszene betreibt - Berehulak hat in 35 Tagen 57 Morde dokumentiert: "Ich habe in sechzig Ländern gearbeitet, über Kriege im Irak und in Afghanistan berichtet und einen großen Teil des Jahres 2014 im westafrikanischen, von Tod und Angst heimgesuchten Ebola-Gebiet verbracht. Aber was ich auf den Philippinen erlebte, stellt für mich einen neuen Grad der Brutalität dar: Polizeibeamte, die willkürlich jeden erschießen, der mit Drogen handelt oder sogar nur Drogen nimmt, marodierende Milizen, die Dutertes Aufruf, sie 'alle zu schlachten', beim Wort nehmen."

Paul Ingendaay berichtet für die FAZ über die Demo vor der russischen Botschaft, zu der Peter Schneider und andere Autoren für gestern, 13 Uhr, eine ausnehmend arbeitnehmerfreundlichen Zeit, aufgerufen hatten: "Nein, es wird keine Großdemonstration. Die Zeiten des massenhaften, ungezügelten politischen Protests kehren nicht zurück. Aber immerhin schaffen es die Veranstalter, um die fünfhundert Leute zu versammeln, drei Autospuren lahmzulegen und die Polizei zum Einsatz von ein paar Mannschaftswagen zu zwingen. Es war eine Spontanaktion, erzählt Uli Schreiber, Leiter des Internationalen Literaturfestivals Berlin, innerhalb weniger Tage hätten sich 250 Schriftsteller aus aller Welt mit dem Protest gegen die russischen Bombardements auf Aleppo solidarisiert..."

Der Historiker Jürgen Osterhammel denkt im SZ-Feuilleton über Glanz und Elend von Imperien an und sieht China heute als das erfolgreichste aller Imperien: "Anders als Russland hat China die Chancen von soft power entdeckt: Es gibt kein russisches Gegenstück zu den in aller Welt entstehenden Konfuzius-Instituten und zur ökologischen Führungsrolle, die China neuerdings international anstrebt. Im Unterschied zu den USA und der Sowjetunion oder Russland hat die Volksrepublik seit dem Koreakrieg von 1950 Interventionen jenseits der eigenen Landesgrenzen meist vermieden und scheint sie, sieht man von der 'abtrünnigen Provinz' Taiwan ab, auch nicht in Erwägung zu ziehen."
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