9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2026 - Wissenschaft

Petra Ahne resümiert für die FAZ die 17. UN-Biodiversitätskonferenz, die in Eriwan stattfand und bei der immerhin das Momentum von Montreal wiederbelebt wurde. Aber: "Die COP 17 hat am Ende vieles nicht geschafft: Sie fand keine konkrete Antwort darauf, wie die große finanzielle Lücke bei der zugesagten Unterstützung des biodiversitätsreichen globalen Südens geschlossen werden soll, ohne die es den nötigen Naturschutz nicht geben wird. Sie hat den Kreis der Geberländer nicht erweitert, obwohl vielen Staaten nicht einsichtig ist, warum etwa China oder Saudi-Arabien nicht dazugehören. Sie 'ermutigt' die Länder nur, endlich naturschädliche Subventionen abzubauen, die in solchen Summen weltweit verteilt werden, dass man damit das ökologische Umsteuern locker meistern könnte." In der taz ist auch Heike Holdinghausen nicht besonders glücklich nach der Konferenz: "Der Biodiversitätskonvention fehlen, genau wie etwa den Konventionen zum Klimaschutz, gegen Wüstenbildung oder für den Schutz der Feuchtgebiete - wie also beinahe allen Übereinkommen zum Umweltschutz -, klare Regeln. Es fehlen Behörden in den Nationalstaaten, die diese Regeln umsetzen und die Strafen verhängen können, wenn sie gebrochen werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2026 - Wissenschaft

"Wem es möglich ist, der flieht vor der Uni, weil dort so schlechte Arbeitsbedingungen herrschen, und geht in die außeruniversitäre Forschung", warnt der Jurist und seit neuestem Rektor des Berliner Wissenschaftskollegs Christoph Möllers mit Blick auf die "notorische Unterfinanzierung" im SZ-Interview mit Jens-Christian Rabe. Auch der Auftstieg der AfD macht ihm Sorgen: "Zumal durch die Aufbrechung des Arbeitsrechts etwa oder Sparmaßnahmen aus anderen Gründen schon viel unfreiwillige Vorarbeit zur Schwächung der Unis gegenüber politischer Einflussnahme geleistet wurde. Gesamtgesellschaftlich ist das Wissenschaftssystem aber noch ein vergleichsweise resistentes System. Wenn man ganzheitlicher auf das Bildungssystem blickt, sollte man sich eher um die Schulen Sorgen machen. (…) Weil eine Universität eine rechtlich selbständige Institution mit eigenen, einklagbaren Rechten ist. Die Schulen sind dagegen direkt weisungsunterworfen, sie befinden sich komplett auf der Innenseite des Staates. Da kann im Falle des Falles alles wirklich ganz schnell gehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2026 - Wissenschaft

Der mit der Fields-Medaille ausgezeichnete Mathematiker Cédric Villani hält KI für eine gewaltige Bedrohung für das Fach Mathematik, wie er im Welt-Gespräch erklärt. Die Firma OpenAI meldete, fast 400 mathematische Ergebnisse und Beweise liefern zu können, darunter Lösungen für berühmte mathematische Probleme. Gerade seien Mathematiker aus aller Welt dabei, die Ergebnisse nachzuprüfen und zu verstehen: "Die KI stellt tatsächlich eine existenzielle Bedrohung für das gesamte Fachgebiet dar. Ich verfolge innerhalb der Forschungsszene der Mathematik bereits seit fast zehn Jahren, was sich in Bezug auf die künstliche Intelligenz tut, und zwar im Rahmen des parlamentarischen Auftrags, den ich früher hatte. Dennoch habe ich nicht damit gerechnet, dass das alles so schnell gehen würde. Keiner von uns Mathematikern hat das kommen sehen. Die Fortschritte vollzogen sich viel schneller, als irgendjemand hätte vorhersagen können, nicht einmal die größten Enthusiasten wie Terence Tao, Fields-Medaillengewinner von 2006 und eine weltweite Autorität im Bereich Problemlösung."
Stichwörter: Mathematik und KI

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2026 - Wissenschaft

Die "Exzellenzstrategie ist ein Konstruktionsfehler durch und durch", hält in der Welt der Althistoriker Michael Sommer fest. Wird eine Universität zur Exzellenzuni erhoben, prasseln plötzlich die Fördergelder hernieder, "so entstehen Strukturen, die auf Dauer angelegt sind. In die bestehende Gliederung der Universität fügen sie sich kaum ein. Sie stehen neben den klassischen Entscheidungsstrukturen der Universität und sind ihnen oft nur lose verbunden." Doch "die echten Probleme fangen erst an, wenn die Universität eines Tages nicht mehr exzellent, wenn das Füllhorn des Bundes versiegt ist. Dann müssen Gebäude weiter geheizt und Strukturen am Leben gehalten werden, die mit viel Geld aufgebaut worden sind. So folgt auf den Siegestaumel der Exzellenz früher oder später der Katzenjammer der Postexzellenz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2026 - Wissenschaft

Um einen wissenschaftlichen Nobelpreis zu bekommen, ist man am besten Mann, Amerikaner, weiß und um die fünfzig. Die Ungerechtigkeit hat viele Ursachen, erläutert Philipp Brandstädter in der taz: "Weil Preise oft erst Jahrzehnte nach einer Entdeckung vergeben werden, spiegeln sie auch die Geschlechterverteilung in den Laboren von damals. Der Lithium-Ionen-Akku entstand in den 1980ern, die blaue LED in den 1990ern, die Preise kamen 2019 und 2014. Auch die Optogenetik wird erst jetzt geehrt, gut zwei Jahrzehnte nach den ersten Arbeiten. Zum anderen ist eine Spitzenposition für eine Würdigung hilfreich. In Deutschland ist nicht einmal jede dritte Professur mit einer Frau besetzt, in Mathematik und Naturwissenschaften jede vierte, in der Physik nur etwa jede siebte. Schließlich hat die Fachwelt selbst nicht die gesamte Welt im Blick. Forschende aus einkommensschwächeren Ländern werden viel seltener als ErstautorInnen genannt. Rund vier von fünf PreisträgerInnen stammen aus Europa oder Nordamerika, dort, wo am meisten Geld in die Forschung fließt."
Stichwörter: Nobelpreis

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2026 - Wissenschaft

"Verträgt sich Wissenschaft mit Aktivismus? Die kurze Antwort lautet: selten", warnt in der SZ der Philosoph Philipp Hübl. Zu oft würden dann Forschungsergebnisse durch moralische Anliegen verfälscht: "Nur solide Forschung kann der Politik und Gesellschaft helfen. Ein Beispiel: Wenn Muslime aufgrund von Diskriminierung nicht ausreichend im deutschen Arbeitsmarkt integriert sind, muss man diese Diskriminierung bekämpfen. Doch wenn Sprachkenntnisse, formale Bildungsabschlüsse und eine niedrige Beschäftigungsquote bei muslimischen Frauen die Hauptrolle spielen, wie Untersuchungen zeigen, dann muss man in Bildung und Aufklärung investieren. Und wenn beides eine Rolle spielt, muss man die Ressourcen gewichten. Wertfreie Wissenschaft hat den positiven Nebeneffekt, dass man die Ergebnisse tatsächlich nutzen kann, um gesellschaftliche Missstände effektiv zu bekämpfen. Ist Aktivismus allerdings schon in die Forschung eingeschrieben, endet das Projekt fast immer in einem Moralspektakel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2026 - Wissenschaft

Afrikanische Länder drängen in internationalen Institutionen auf korrekte Weltkarten. In heute gebräuchlichen Karten erscheinen arktische und antarktische Gebiete überporportional groß. Dominic Johnson unterstützt das verständliche Anliegen in der taz, macht aber auch deutlich, dass die bisher übliche Verzerrung nicht einfach auf Kolonialismus beruht: "Die Mercator-Projektion, im Jahr 1569 für die europäische Seefahrt entwickelt, hat in der Navigation den unersetzlichen Vorteil, dass sie winkeltreu ist. Eine gerade Linie auf einer Mercator-Karte entspricht einer geraden Linie auf dem Globus. Der Kniff: Die Längengrade verlaufen auf der Karte immer parallel zueinander. In der Realität konvergieren sie an den beiden Polen und Richtung Äquator gehen sie immer weiter auseinander. Am Äquator entspricht ein Längengrad einer Entfernung von 60 Seemeilen, rund 111,3 Kilometer. An Nord- und Südpol beträgt die Entfernung Null."

Die Philosophieprofessorin Rahel Jaeggi verteigt in der FAZ die an Unis abgehaltene Aktionswoche "Wissenschaft gegen Faschismus", die in ihren "Antifaschismus" auch reguläre Lehrveranstaltungen einbezog. Gegen Artikel von Armin Nassehi (unser Resümee) und Geert Keil (unser Resümee), die eine Neutralität von Wissenschaft forderten und gar fragten, ob Soziologie "zu links" sei, führt Jaeggi die Altvorderen ins Feld: "Einer der Gründerväter der Frankfurter Schule, Max Horkheimer, beschrieb 1937 in einem programmatischen Text die Kritische Theorie als 'die theoretische Seite des praktischen Prozesses der Emanzipation'. Kritische Theorie, heißt das, nimmt Stellung. Sie ist also parteilich. Sie unterzieht alles, was gesellschaftlich selbstverständlich und gegeben ist, einer kritischen Betrachtung. Und mehr noch: Sie behauptet selbst, also als Theorie, Teil des Emanzipationsprozesses zu sein. Wie kann sie dennoch beanspruchen, Wissenschaft zu sein?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2026 - Wissenschaft

Jörg Bagdahn, Präsident der Hochschule Anhalt, befürchtet katastrophale Entwicklungen für die Universitäten, sollte die AfD an die Macht kommen, wie er im Tagesspiegel-Interview erklärt. So hat die Partei angekündigt, das Bologna-System rückgängig machen zu wollen, laut Bagdahn eine schwere Fehlentscheidung: "Sicher gibt es unabhängig von der AfD im Hochschulsystem Debatten über Fehlentwicklungen. Aber die AfD verdreht die Debatten populistisch in die immer gleiche Richtung: dass die Wissenschaftsfreiheit ausgerechnet von ihr gerettet werden muss. Dabei hat keiner etwas dagegen, über Bologna und die Weiterentwicklung von Studiengängen zu reden. Aber worin soll die Freiheit liegen, ein etabliertes System zu verbieten, das internationale Anschlussfähigkeit geschaffen hat? Bachelor und Master sind viel flexibler als das frühere Diplomsystem. Ein Vordiplom war für sich genommen gar nichts wert. Und die Forderung nach der Einstellung aller staatlichen Programme zur Förderung speziell von Frauen geht am Bedarf vorbei. Wir haben an den Hochschulen ein Defizit beim Anteil weiblicher Professoren, weil bis zum Berufungsverfahren der Karriereweg schwieriger ist. Dem stellen wir uns und ergreifen Maßnahmen. Aber nicht aus Zwang, sondern aus Vernunft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2026 - Wissenschaft

In der SZ resümiert Jens-Christian Rabe die von Armin Nassehi angestoßene Diskussion, ob die Soziologie zu links sei (unser Resümee). Inhaltlich will sich Rabe kein Urteil erlauben, er fragt sich allerdings "ob es gerade wirklich der richtige Moment für Debatten dieser Art ist. Die Wissenschaft operiert ja nicht irgendwo jenseits der Gesellschaft. Und für den liberalen Rechtsstaat mit Prinzipien wie Menschenwürde und universellen Menschenrechten wenigstens scheint derzeit eine ideologisch etwas nach links tendierende (Geistes- und Sozial-)Wissenschaft eher nicht das zentrale Problem. Den rechten Kulturkämpfern wiederum passt das Thema allerbestens in den Plan. Ganz abgesehen davon, dass mit dem Vorwurf des Linksdralls in den USA die Trump-Regierung längst begonnen hat, politisch unliebsamen Universitäten und Forschenden Mittel und Zuschüsse zu entziehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2026 - Wissenschaft

"Vielleicht war der Fall Jason Arday noch viel größer, als er jetzt erscheint", überlegt Elena Witzeck in einem großen FAS-Artikel, in dem sie auf eine Recherche der Plattform Byline Times zurückkommt, die hinter der Aufdeckung von Ardays Fall eine "koordinierte Kampagne" von Rechten sieht (unser Resümee): "Noch einmal zurück zum Wissenschaftsrassisten Nathan Cofnas, der inzwischen vorläufig von der Universität Gent suspendiert wurde, wo seine Äußerungen zu Arday geprüft werden. Die Plattform Byline, bei der frühere BBC-Reporter, Investigativjournalisten und Medienprofessoren arbeiten, hat Anfang der Woche eine Recherche über ein 'explizit antischwarzes Rassenwissenschaftsnetzwerk' veröffentlicht, das, wie der Autor argumentiert, unterstützt vom Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel schon eine ganze Weile damit beschäftigt sein soll, britische Universitäten und die europäische extreme Rechte zu durchdringen. Thiel soll etwa mithilfe des Cambridge-Professors James Orr Spenden an die Universität, Orrs Umfeld, Nathan Cofnas und das Onlinemagazin 'Quillette' veranlasst haben, das wiederum Attacken auf Arday veröffentlichte. (...)." Nathan Cofnas und die Universität Cambridge bestreiten die Vorwürfe. 

Für Jannis Koltermann in der FAZ liegt der Fehler ganz klar bei der Cambridger Diversitätspolitik. Die Universität verkaufte "die Berufung eines in vielerlei Hinsicht Benachteiligten bei jeder Gelegenheit als Ausweis der eigenen Diversitätsbemühungen." Deshalb sei es fehlgeleitet, "Rassismus für die Generalisierung des Falles überhaupt erst verantwortlich zu machen, nach dem Motto: Bei weißen Wissenschaftlern spreche man über Individuen, bei schwarzen immer gleich über alle Schwarze. Denn es waren nicht zuerst rechte Medien und Influencer, es war vielmehr die Universität, die Arday unter seiner bereitwilligen Mitwirkung zum Repräsentanten seiner Gruppe und Symbol der eigenen Diversitätsbestrebungen gemacht hat. Wenn ein solches Symbol gestürzt wird, ist es nur natürlich, dass auch das System hinterfragt wird, in dem es seine Bedeutung gewann."
Stichwörter: Arday, Jason, Cambridge, Rassismus
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