Die Arday-Tragödie entwickelt sich zu einem
bizarren Kulturkampf. Über 100.000 Menschen haben bisher einen
offenen Brief der NGO "The Good Law" an den Premierminister unterschrieben, die eine Untersuchung der
Berichterstattung in der britische Presse fordert. "Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der tragische Tod von Dr. Arday die direkte, vorhersehbare und vorhergesehene Folge der
Schikanen durch die Presse war. Ein wesentlicher Faktor bei diesen Schikanen war seine Hautfarbe. Die Selbstregulierung der Presse ist gänzlich gescheitert … Wir bitten Sie höflich, unverzüglich eine öffentliche Untersuchung einzuleiten, um zu klären, wie angesichts des Beitrags der Presse zum tragischen Tod von Dr. Arday ein
verantwortungsbewusstes Presseverhalten gewährleistet werden kann."
Ähnliche Forderungen wurden am Montag auf einer
Gedenkveranstaltung für Arday auf dem Trafalgar Square erhoben, wo laut
Chennel 4 100.000 Menschen zusammenkamen.
Der
Guardian ist mit in die Angriffslinie geraten, weil er, obwohl links, ebenfalls kritisch zu Arday recherchierte. Er
rechtfertigt sich in einem Editorial: "Der
Guardian wollte herausfinden,
was wahr ist. Das ist die eigentliche Aufgabe des Journalismus. Arday hatte die Reporter vor über einem Jahr kontaktiert, und diese haben intensiv daran gearbeitet,
seine Aussagen zu überprüfen. In vielen Fällen gelang ihnen dies jedoch nicht. Es war richtig vom
Guardian, seine Recherchen zu veröffentlichen, und es ist falsch, dass die Journalisten, die ihre Arbeit verantwortungsbewusst erledigt haben, nun
einer Flut von Beschimpfungen ausgesetzt sind."
Graeme Wood
fühlt sich im
Atlantic eher an
Ibsen-Dramen erinnert, wo die Protagonisten oft ihren Lebenslügen erliegen. Nicht ohne
wohlwollende Unterstützung: "Ardays Kollegen, seine Herausgeber und diejenigen, die wussten, dass er ein Betrüger war, aber nichts sagten, mussten wegen ihrer Rolle bei seiner Einstellung und der Veröffentlichung seiner Arbeiten einiges an Spott hinnehmen. Doch bis heute habe ich keine Anzeichen dafür gesehen, dass sie sich
ihrer Mitschuld bewusst geworden sind". Linke Medien wie die
Byline Times glauben dagegen eher, rechte Netzwerke um Peter Thiel stünden hinter der Kampagne gegen Arday. Nils Markwardt kritisiert in
Zeit online die symbolische Überhöhung der Affäre durch die
Kritiker der Wokeness: "Der Fall Arday macht deutlich, welch ein Privileg es ist, im Skandalfall nicht sofort als Repräsentant einer Gruppe, als Ausdruck einer Idee oder als
Produkt einer Ideologie angesehen zu werden." In der
Welt schreibt Nicholas Potter.