9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2019 - Wissenschaft

In der NZZ berichtet der in Bern arbeitende Literaturwissenschaftler Elias Bounatirou von seinen Schwierigkeiten, am Beispiel des Romans "Giga Barićeva" die Geschichte des Kroatischen im Faschismus zu erforschen. An kroatischen Forschungseinrichtungen wurde ihm schon die Tür vor der Nase zugeschlagen. Dabei wären die Materialien zu dem in den Dreißigern als Fortsetzungsroman erschienen Buch von Milan Begović, das in den Vierzigern umgearbeitet wurde, sicher besonders aufschlussreich: "Die älteren Editionen von 'Giga Barićeva' lassen sich entweder über die Fernleihe aus ausländischen Bibliotheken bestellen oder über das Internet antiquarisch kaufen. Diejenigen von 1943 und 1944 weisen offensichtlich gegenüber den früheren Ausgaben erhebliche Änderungen auf, und zwar neben inhaltlichen ganz besondere sprachliche. So sind Fremdwörter und namentlich typisch serbische Ausdrücke durch kroatische Wörter ersetzt worden. Der Autor oder die Zensur - diese Frage wäre genauer zu klären - hat den Text 'gesäubert', um ihn 'kroatischer' zu machen. 'Giga Barićeva' in der Version von 1943 und 1944 lässt sich also als Produkt der faschistischen Sprachpolitik lesen und als Spiegel der Suche nach der 'wahren' kroatischen Identität."

Wenn heute an der Münchner Uni der neue Sonderforschungsbereich zu Vigilanzkulturen eröffnet wird, dann weiß nur der Historiker Arndt Brendecke, was damit genau gemeint ist. Im Interview mit der SZ wird es nicht ganz klar. Es geht um Wachsamkeit - ein Phänomen, das positiv oder negativ besetzt sein kann, je nach den Umständen, erklärt Brendecke: "Vigilanz bringt zunächst eine gewisse Irritation, man weiß nicht genau, wie man das einzuordnen hat - und eben das, glauben wir, ist produktiv. Denn unsere Grundannahme ist, dass diese Irritation signifikant für das Phänomen ist. Wir haben es zum Beispiel bei disruptiven Ereignissen wie Terroranschlägen erlebt: Was man gestern noch für eine Zumutung hielt, hält man heute für notwendig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2019 - Wissenschaft

Die Historiker Christian Geulen und Michael Sommer wenden sich im Tagesspiegel gegen ein Papier (hier als pdf-Dokument) der Bildungsministerin Anja Karliczek, die von Wissenschaftlern mehr Einsatz als "öffentliche Intellektuelle" fordert. Das tun sie doch längst, meinen sie: "Vergessen wird, dass zumindest die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften ihre Wissensproduktion immer schon in direkter Weise an die Gesellschaft richten. Sie müssen nicht mathematisch Modelle und Wahrscheinlichkeitsrelationen erst popularisierend in Grafiken und verstehbare Prognosen verwandeln, sondern präsentieren ihre Forschung in den allermeisten Fällen in einer narrativen Prosa, die (eine gewisse Bildung vorausgesetzt - siehe oben) von jedem gelesen werden können. Ihre Veröffentlichungen, nicht selten in Publikumsverlagen, richten sich an eine lesende Öffentlichkeit."
Stichwörter: Geisteswissenschaften

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2019 - Wissenschaft

Inwiefern die Überschwemmung von Venedig von Venedigs Bürgermeister auch hausgemacht ist, dazu sagt der Klimaforscher Anders Levermann im Interview mit  Zeit online nichts. Aber dass auch der Klimawandel dabei eine Rolle spielt, ist für ihn klar: "Für jedes Grad, den sich die Erde erwärmt, werden wir nach unseren Berechnungen, die der Weltklimarat IPCC in seiner Einschätzung übernommen hat, einen Anstieg des Meeresspiegels um etwa zweieinhalb Meter erleben. Das passiert zwar sehr langsam - möglicherweise innerhalb Hunderter von Jahren -, es heißt aber auch: Langfristig wird Venedig unter dem Spiegel der Weltmeere liegen. Hielten wir das 2-Grad-Ziel vom Pariser Klimaabkommen ein, müssten wir auf lange Sicht mit etwa fünf Metern Meeresspiegelanstieg rechnen. Venedig wird definitiv untergehen. Große Küstenstädte wie Hamburg, Shanghai, Hongkong oder auch New York müssten sich ebenfalls darauf einstellen, dass dann weite Teile meterweit unterhalb des Meerespiegels liegen."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2019 - Wissenschaft

"Frauen sind nicht für die Monogamie gemacht", erklärt die New Yorker Anthropologin Wednesday Martin, die auch ein Buch zum Thema geschrieben hat, im Interview mit der Welt. Sie glaube ja gar nicht, dass Forscher wie Freud oder Darwin, die  einen "verzerrten Blick auf weibliche Sexualität produziert haben, schlechte Wissenschaftler waren. Sie waren einfach Forscher, die in ihrer Zeit, mit ihrem Blick auf die Dinge und ihrem kulturellen Hintergrund geforscht haben. So wie Angus Bateman. Er hat Experimente an Fruchtfliegen durchgeführt und damit "bewiesen", dass Männer natürlicherweise promisk sind, während Frauen von Promiskuität nicht profitieren. Das hat sich als falsch rausgestellt. Natürlich profitieren Frauen von Promiskuität. Schimpansinnen zum Beispiel versuchen in ihrer fruchbaren Phase mit möglichst vielen Männchen Sex zu haben. So weiß nachher im Rudel niemand, wer der Vater des Kindes ist, und alle kümmern sich darum. Es brauchte eine Frau in der Forschung, um das herauszufinden, die Primatologin Zanna Clay. Frauen haben einfach einen anderen Blick auf Sexualität und eben auch auf die Forschung als Männer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2019 - Wissenschaft

Thomas Thiel wirft der Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch in der FAZ vor, einige Passagen ihres auch in der FAZ höchst positiv besprochenen Buchs "Die Gesellschaft des Zorns" quasi wörtlich von Autoren wie Frank Biess "Republik der Angst" und Andreas Reckwitz "Die Gesellschaft der Singularitäten" übernommen zu haben, ohne sie im Text selbst kenntlich zu machen (erst im Anhang des Buchs werden die zitierten Autoren offenbar genannt). Der Verlag hat das Buch zurückgezogen, die Autorin hat sich entschuldigt. Und als Journalist einer so seriösen Zeitung wie der FAZ hat Thiel natürlich das Cachet zu mahnen: "Ein wissenschaftliches Sachbuch steht auf vielen Schultern und muss sie benennen."

Der Bayerische Rundfunk zeigt im Video auf Twitter, wie FAZ-Literaturchefin und Jury-Vorsitzende Sandra Kegel das Buch noch während der Verleihung für den Bayerischen Buchpreis öffentlich aus der Shortlist zurückzog. Und das obwohl laut Gustav Seibt in der SZ die Vorwürfe gegen die Autorin schon seit 24. Oktober bekannt gewesen seien und der federführende Juror Knut Cordsen  seit einer Woche zu der Sache recherchierte. "So wurde die Szene zu einem öffentlichen Scherbengericht über die anwesende Autorin. Diese war über die Vorwürfe informiert, hatte ihr Buch aber nicht zurückziehen wollen. Ein Austausch auf der Liste der Nominierten wäre, so Cordsen, auch nicht möglich gewesen. Koppetsch habe darauf vorbereitet sein müssen, dass über ihr Buch und die Vorwürfe geredet würde. Koppetsch versichert, sie sei zur Veranstaltung im Glauben gegangen, dass über ihr Buch dort nicht mehr diskutiert würde." Seibt verteidigt die Autorin: "Koppetschs Buch ist eine Synthese, Übernahmen fremder Argumente und Formulierungen werden dort generell nicht mit Seitenangaben in Fußnoten ausgewiesen, sondern durch summarische Verweise auf die Bibliografie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2019 - Wissenschaft

Der emeritierte Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht beklagt in der NZZ den Niedergang der Geisteswissenschaften, die, statt selbst zu denken, vor den "Regeln interner Professionalisierung in die Knie" gingen. "Unter ihnen dominiert die zur bedingungslosen Verpflichtung geratende Empfehlung, 'Netzwerke' von Beziehungen zu entwickeln - mit prominenten Fachvertretern, Vorsitzenden akademischer Verbände und natürlich Herausgebern von Fachzeitschriften. Am Ende muss diese besessene Arbeit an Lobbystrukturen die Geisteswissenschafter einander immer ähnlicher machen - und in der Tat erklärt sie, warum mittlerweile intellektuell herausragende, provozierende Protagonisten kaum mehr in Erscheinung treten, die die Isolierung ihrer Welt wenigstens gelegentlich aufheben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2019 - Wissenschaft

In Zeiten von Fake News hat die Wissenschaft einen schweren Stand, schreibt der Philosoph Markus Gabriel in der SZ und beklagt nicht nur Wissenschaftsskepsis, sondern auch Wissenschaftsaberglauben. Vor allem betont Gabriel die Bedeutung der Geisteswissenschaften. Es  bleibe sonst "all dasjenige auf der Strecke, was die anderen Wissenschaften erforschen, wozu unter anderem die Einsicht gehört, dass das wissenschaftliche Weltbild eine Form des modernen Aberglaubens ist, die bisher nicht gehörig durchschaut wurde. Wer nur minimal theologisch informiert ist, sollte über die Ausmaße religiösen Aberwitzes schockiert sein, die etwa in der Technikhörigkeit des Silicon Valley mit seinen transhumanistischen Visionen und der animistischen Vorstellung zum Ausdruck kommen, dass die siliziumbasierten Produkte unserer neuen Technologien bald schon zum Träger von Bewusstsein werden könnten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2019 - Wissenschaft

Nach dem Eklat, den der Antritt des AfD-Gründers Bernd Lucke  als neuer Ökonomie-Professor an der Uni Hamburg auslöste, beklagt der Historiker Andreas Rödder im Welt-Gespräch mit einer sehr empörten Susanne Gaschke die akademische Debattenkultur: "Die Feigheit vieler Professoren ist erbärmlich', befindet Rödder und attackiert die Kultur der Antidiskriminierung, die dem Opfer automatisch eine Machtposition zuweise: "Dieser Anspruch, das Sagbare zu definieren, widerspricht dem Ideal des herrschaftsfreien Diskurses, des Austauschs von Argumenten als Grundlage der Demokratie. Sie baut auf 'robuste Zivilität', wie es Timothy Garton Ash genannt hat. Der Anspruch, das Sagbare zu definieren, führt hingegen in die Meinungsdiktatur. Und auf der anderen Seite erzeugt er ein immer stärkeres Ressentiment. In den USA ist genau diese Konstellation bereits etabliert, in Deutschland können wir die Entwicklung dorthin beobachten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2019 - Wissenschaft

In der FAZ berichtet Hannah Bethke empört über die Kampagne einiger Studenten der Humboldt Universität gegen den Historiker Jörg Baberowski, dem bereits ein geplantes Forschungszentrum zum Opfer fiel. Sie sieht darin auch Symptome eines Verfalls des Wissenschaftsbetriebs: "Unbemerkt bleibt in diesem lauten Getöse die enorme Machtverschiebung, die durch die Omnipräsenz der sozialen Medien stattfindet. Einfluss nimmt, wer am lautesten brüllt - und nicht die schweigende Mehrheit. Denn die Mehrheit der Studenten beteiligt sich an der Debatte überhaupt nicht. Gerade einmal acht Prozent von ihnen haben an der letzten Wahl des RefRats [der Asta der HU, die Red.] teilgenommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2019 - Wissenschaft

Daniela Wakonigg resümiert bei hpd.de die "Jenaer Erklärung", die vergangene Woche anlässlich der 112. Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft in Jena von Zoologen, Evolutionsforschern und Genetikern vorgestellt wurde (hier als pdf-Dokument). Deren wichtigster Satz ist: "Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung". Äußere Merkmale, an denen Rassisten ihre Abwertung von bestimmten Menschengruppen festmachen, so erläutert Wakonigg weiter, "seien oberflächliche und biologisch leicht wandelbare Anpassungen an geografische Gegebenheiten. Bis vor 8.000 Jahren seien die Menschen in Europa noch 'stark pigmentiert' gewesen. Erst durch die Einwanderung von Menschen mit hellerer Hautfarbe aus Anatolien und dem damit einsetzenden Beginn der Landwirtschaft habe sich dies geändert, da es sich bei einer stark pflanzenbasierten Kost im dunklen Winter Europas als evolutionärer Vorteil erwies, hellere Haut zu haben und damit genügend Vitamin D produzieren zu können."
Stichwörter: Rassismus, Genetik