9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2026 - Wissenschaft

Die "Gesellschaft für Unternehmensgeschichte" (GuG) feiert im Juni ihr fünfzigjähriges Jubiläum. Gegründet wurde sie einst von westdeutschen Firmen wie der Deutschen Bank, Daimler-Benz, Henkel, Karstadt, Mannesmann, Bosch oder Siemens, die der marxistischen Unternehmensgeschichtsschreibung der DDR etwas entgegensetzen wollten, erzählt Stefan Hunglinger in der taz. Aber es gab immer auch Kritik an diesem Zwitter, so Hunglinger: "Als die GuG 1983 von Daimler-Benz beauftragt wurde, anlässlich des hundertsten Geburtstags des Automobils die Rolle der Firma in der NS-Zeit zu erforschen, warfen unabhängige Historiker der entsprechenden Studie vor, defensiv zu argumentieren und den Einsatz von Zwangsarbeitern bei Daimler-Benz zu knapp zu behandeln. 1987 gab der Arzt und Historiker Karl Heinz Roth eine Gegenstudie heraus mit dem Titel 'Das Daimler-Benz-Buch - ein Rüstungskonzern im tausendjährigen Reich'. Die Unabhängigkeit und Wissenschaftlichkeit der GuG war öffentlich infrage gestellt, der Skandal perfekt. Dies elektrisierte den jungen Historiker Lutz Budraß, der 1989 zusammen mit Gleichgesinnten den 'Arbeitskreis kritische Unternehmensgeschichte' ins Leben rief, eine Gegengründung zur GuG. 'Wir fanden, dass es sich eingeschlichen hatte, unkritisch und den Auftraggebern nach dem Munde zu schreiben', sagt Budraß heute. Der Gegenwind sorgte für eine gewisse Professionalisierung bei der GuG und ihren Publikationen."

Warum Psychoanalyse, aber auch körperliche Erfahrungen, Körper für die Geschichtsschreibung eine immer noch unterschätzte Bedeutung haben, erklärt im Interview mit der FAZ die feministische australische Historikerin Lyndal Roper, gerade ausgezeichnet mit dem von Norwegen vergebenen Holberg-Preis: "Ich bin zutiefst von Foucault beeinflusst, denn er hat einfach so viele Fragen aufgeworfen und die Erzählung vom Fortschritt zunichtegemacht. Aber ich halte ihn auch für äußerst problematisch, denn so vieles, von dem er sagt, dass es im 18. Jahrhundert geschieht, geschieht dort nicht. Er erkennt nicht, was im 16. und 17. Jahrhundert vor sich ging. Ich meine, das Interesse am Selbst, am Ich, all das stammt natürlich aus dem 16. Jahrhundert. Es gibt eigentlich immer ein Interesse am Selbst und an der Identität, und ich glaube nicht, dass Sexualität, sexuelles Verlangen und all das ausschließlich durch Sprache konstruiert werden. Körperlichkeit muss Teil unseres Denkens sein. Wir müssen wieder ein Gespür für Körperlichkeit entwickeln."

Ebenfalls in der FAZ erklärt der Staatsrechtler Paul Kirchhof auf einer ganzen Seite, warum Symmetrie im Recht für eine Demokratie unabdingbar ist: "Recht wird als asymmetrisch kritisiert, wenn es Menschen in die Wehrlosigkeit drängt und ihnen Sicherheitsräume nimmt, wenn es dem Staat unerfüllbare Aufgaben zuweist, wenn es Ausgleichssysteme verfremdet und ihnen die Balancefunktion nimmt. ... Der freiheitliche Staat braucht in der Freiheitsvoraussetzung von Ehrbarkeit und Anstand als Jedermannstugend die innere Gebundenheit der Menschen zu einer verantwortlichen Freiheit, die den Freiheitsargwohn und damit die Überfülle intervenierender Rechtssätze erübrigt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2026 - Wissenschaft

In der FR verteidigen die Politikwissenschaftler Benjamin Schütze und Jan Wilkens die postkoloniale Theorie gegen ihrer Ansicht nach undifferenzierte Kritik. Sie beziehen sich vor allem auf einen von der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegebenen Band mit dem Titel "Angriff auf den Westen: Postkoloniale Theorie in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft". Der Band operiere "mit selektiven Beispielen, verwechselt Kritik an Kolonialismus mit einer kompletten Ablehnung 'des Westens' und ersetzt begriffliche Präzision durch Hetze." Ein Antisemitismus-Problem hat die Linke ihrer Meinung nach nicht: "Statt jegliche Formen von Rassismus zu bekämpfen, werden neue Grenzziehungen des Legitimen errichtet und dabei nicht selten alte Stereotype reaktiviert - etwa dort, wo Antisemitismus als 'autochthon im Koran verankert' beschrieben und ein vermeintlich gemeinsamer Antisemitismus von Muslimen und Linken konstruiert wird. Solche Figuren sind wissenschaftlich unerquicklich und politisch gefährlich. Sie rassifizieren, wo sie Aufklärung vorgeben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2026 - Wissenschaft

Früher hatte sie es noch mit Plagiaten zu tun, schreibt in der FAZ die Literaturwissenschaftlerin Anna Wolter aus ihrer Prüfungspraxis. Aber heute liefert die KI den Studenten fertige Hausarbeiten auf Knopfdruck, und die Fälschung ist nicht so leicht zu erkennen. Viele Kollegen resignieren, so Wolter, aber sie überlegt, ob nicht neue Arbeitsprozesse definiert werden müssen: "Solange wir versuchen, mit immer neuen Mitteln Täuschung aufzudecken, werden wir den technischen Entwicklungen stets hinterherlaufen. Vielleicht geht es weniger darum, Betrug zu verhindern, als darum, Formen des Prüfens zu finden, in denen sich Eigenleistung überhaupt noch zeigen muss. Das könnte bedeuten, stärker auf Prozesse statt nur auf Produkte zu schauen: auf Zwischenschritte, auf Gespräche, auf das gemeinsame Denken im Seminarraum. Es könnte bedeuten, schriftliche Arbeiten enger mit mündlichen Elementen zu verzahnen, spontane Vertiefungen einzufordern, Argumente im direkten Austausch zu erproben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2026 - Wissenschaft

In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem "Universalgelehrten" Ulrich Johannes Schneider zum Siebzigsten - ehemals Leiter der Leipziger Uni-Bibliothek Albertina, Bibliothekshistoriker und Leseforscher. In Arbeit ist nach einigen köstlichen Vignetten wie dem Essay "Finger im Buch" sein opus magnum, eine mehrbändige Geschichte der Bibliotheksbauten. In Leipzig hat er auch den Thomasius-Club gegründet, in dem über die Geschichte des Buchs diskutiert wird, benannt nach dem Leipziger Aufklärer Christian Thomasius: "Es war ja auch jener Thomasius, der in Halle eine Universität neuen Stils propagierte: weg von der Scholastik, hin zu einer Forschungsstätte und Eigendenkwerkstatt. Schneider, dessen prägendster Lehrmeister wohl Michel Foucault gewesen ist, versteht die Aufgabe von Bibliotheken genauso."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2026 - Wissenschaft

Der an der University of Notre Dame lehrende Migrationsforscher Alexander Kustov warnt in der FAZ davor, sich Forschungsergebnisse zur Migration schön zu reden - gerade wenn man eher für Migration ist. Kustov nennt als Beispiel eine Studie des Ifo-Instituts, wonach "Ausländer, gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung, dreimal häufiger als Tatverdächtige in dieser Statistik auftauchen als Deutsche", und das über mehr als zehn Jahre hinweg. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass sich in einem Kreis die Kriminalitätsrate nicht zwangsläufig verändern muss, nur weil dort mehr Ausländer hingezogen sind. Letzteres war einigen Wissenschaftlern und Politikern ein Beleg dafür, dass es keinen Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität gebe, ersteres wurde einfach ignoriert. Auch auf Konferenzen hat Kustov diese Verzerrung erlebt, um nicht "der extremen Rechten in die Hände zu spielen". Aber so funktioniert das nicht, meint er: "Wähler, die reale Kosten aus schlecht geregelter Immigration erleben, schließen daraus, dass die dafür Zuständigen nicht ehrlich zu ihnen sind. Genau dieser Vertrauensverlust ist Wasser auf die Mühlen populistischer Bewegungen, die deutsche und amerikanische Liberale zu Recht fürchten. Die richtige Reaktion wäre es nicht, das Problem zu leugnen, sondern eine Politik zu entwerfen, die das verhindert. Länderübergreifende Befunde zeigen, dass Staaten, die Immigration durch die selektive Aufnahme qualifizierter Personen, klare Integrationserwartungen und sichtbare Vorteile für die aufnehmenden Gemeinden so gestalten, dass sie nachweislich vorteilhaft ist, ein höheres Niveau öffentlicher Unterstützung erreichen als solche, die Zuflucht bei moralischen Appellen suchen oder unliebsame Befunde unterdrücken."

Außerdem druckt die FAZ die Predigt von Friedrich Wilhelm Graf bei der Beerdigung von Jürgen Habermas. Und Wolfram Kinzig erklärt, warum J. D. Vance sich nicht auf Augustinus berufen kann, wenn er christliche Nächstenliebe hierarchisiert und Flüchtlinge ganz unten sieht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2026 - Wissenschaft

Deutschland wollte vom Trumpismus profitieren und drangsalisierte amerikanische Forscher ins Land ziehen. Wo bleiben sie denn, fragt Thomas Thiel in der FAZ: "Das im Dezember gestartete Tausend-Köpfe-Programm des Bundesforschungsministeriums hat bislang 26 Wissenschaftler aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland gelockt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2026 - Wissenschaft

Kann Wissenschaftsfreiheit von normativen Überformungen wie Demokratie- oder Umweltförderungszielen, Gleichstellungs-, Diversitäts- oder Nachhaltigkeitszielen auch bedroht werden. Diese Frage stellt sich, ausgehend von einem Policy Paper "Hochschule in der ungesicherten Demokratie" Volker Meyer-Guckel, Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Er hält es in der FAZ mit dem ehemaligen Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft Peter Strohschneider. "Er argumentierte, dass die Koppelung an gesellschaftliche Ziele, so unterstützenswert sie auch sein mögen, die Gefahr blinder Flecken in wissenschaftlichen Fragestellungen berge. Seine Kritik an einer transformativen Wissenschaft lässt sich durchaus als Kritik eines dahintersteckenden 'sanften Autoritarismus' in den Wissenschaften lesen, der von der Wissenschaftspolitik befördert wurde. Etwa dadurch, dass das Erreichen von Gleichstellungs-, Diversitäts- und Nachhaltigkeitszielen in Anträgen bei Förderausschreibungen zwingend thematisiert werden muss." Das kann außerdem stark nach hinten losgehen, hängt Meyer-Guckel noch an: Ein Beispiel "ist das Bremer Hochschulgesetz, das Hochschulen verpflichtet, Forschung und Lehre ausschließlich auf zivile Zwecke auszurichten. Bayern wiederum verbietet seinen Hochschulen eine solche Klausel. Daran lässt sich trefflich illustrieren, wie der normative Impetus bei neuen Machtverhältnissen zurückschlagen kann."
Stichwörter: Wissenschaftsfreiheit

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2026 - Wissenschaft

Die Historikerin Ute Frevert, Präsidentin der Max-Weber-Stiftung, hält gerade ein Gastsemester über Nietzsche an der Uni Jerusalem und erzählt in der FAZ, wie gern sie das tut. Und wie dankbar die israelischen Kollegen für jeden internationalen Akademiker sind, der sich von den Boykottaufrufen gegen israelische Wissenschaftler und Institutionen nicht einschüchtern lässt. Noch schlimmer ist die Praxis der "soft exclusion", die sich nicht mal offen zum Boykott bekennt: "Selbst junge Forscher aus den weniger ideologisierten Naturwissenschaften leiden unter dem Boykott, der es ihnen schwer macht, Kontakte und Netzwerke zu knüpfen. Ausländische Postdocs kommen kaum noch ins Land. Das renommierte Weizmann-Institut weiß ein Lied davon zu singen. Aus internationalen Förderungsprogrammen sehen sich israelische Wissenschaftler zunehmend ausgeschlossen. Ihre Erfolgsquote bei den begehrten Starting Grants des European Research Council betrug 2025 acht Prozent, verglichen mit dreißig Prozent bei früheren Ausschreibungen. Auch das fällt unter soft exclusion, ebenso wie die Aufkündigung oder Ablehnung von Kooperationen, von denen die temperamentvolle Vizepräsidentin der Ben-Gurion-Universität in Beersheba erzählt. Viele europäische Hochschulen, so Michal Bar-Asher Siegal, antworteten gar nicht mehr auf entsprechende Anschreiben oder duckten sich weg."

Die Antisemiten haben gewonnen, konstatiert der Jungle-World-Kolumnist Kolja Podkowik. Das erkenne man "am überbordenden Selbstbewusstsein der Antisemiten, die aber alle keine Antisemiten sind. Sich keinerlei Schuld bewusst, haben sie weder etwas zu verbergen noch zu befürchten, es drängt sie in die Öffentlichkeit. Die, die nicht mal legitime Gesprächspartner sein dürften, setzen die Rahmenbedingungen eines jeden Gesprächs. Oft werden die Antisemiten allerdings auch rassistisch diskriminiert, dürfen beispielsweise keine Pali-Tücher in der Gedenkstätte Buchenwald tragen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2026 - Wissenschaft

Thomas Thiel kann es in der FAZ nach wie vor nicht fassen, dass die Humboldt-Uni ihr Winckelmann-Institut für Klassische Archäologie und das Institut für Nordostafrikanische Archäologie einfach abschaffen will. Dass Archäologie ein Orchideenfach sei, will ihm überhaupt nicht einleuchten: "Archäologische Funde und Ausstellungen ziehen breites Interesse auf sich. Als die Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft im Dezember das Ende ihres Studiengangs für Grabungstechnik verkündete, obwohl Grabungstechniker für die Energiewende händeringend gesucht werden, wurde klar, wie breit das Tätigkeitsspektrum für Archäologen heute ist. Das Fach ist auch nicht angestaubt oder ausgeforscht. Die digitalen Techniken ermöglichen neue Erkenntnisse und Präsentationsformen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2026 - Wissenschaft

Die Humboldt-Uni will das Winckelmann-Institut abschaffen. Es ist "eines der ältesten Institute, das Herzstück der Archäologie in Deutschland", sagt Gabriel Zuchtriegel, Leiter des Archäologischen Parks Pompeji, im Gespräch mit Karen Krüger von der FAZ. Er kreidet der Uni "eine als woke getarnte neoliberale Politik, der die europäische Klassik rein gar nichts mehr sagt", an: "Die Grundlage, wie man sich mit außereuropäischen Kulturen auseinandersetzt, wurde durch die Beschäftigung mit der Antike gelegt. Es wäre falsch, diese Wurzeln abzuschneiden und zu denken, der Baum bleibt trotzdem stehen. Das kann nicht funktionieren."