9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

111 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 12

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2018 - Wissenschaft

Heute können sich die Leute nicht mehr konzentrieren, das Internet, wie es Frank Schirrmacher so schön sagte, zermatscht ihnen das Hirn. So heißt es jedenfalls immer wieder. Dabei ist unsere Vorstellung von Aufmerksamkeit eine große Illusion, erklärt im Interview mit Zeit online die Neurowissenschaftlerin Sabine Kastner, Coautorin einer Princeton-Studie, die herausgefunden hat, dass unser Hirn mehrmals pro Sekunde - und zwar alle 125 bis 250 Millisekunden - den Fokus wechselt, ohne dass wir es merken: "Diese Mechanismen sind Millionen von Jahren alt, und diese fundamentalen Prozesse haben wir über Jahrzehnte hinweg in der Aufmerksamkeitsforschung übersehen. Das stellt eine Provokation dar, selbst für Hirnforscher. ... In früheren Zeiten dürfte dies extrem wichtig gewesen sein: Wenn jemand eine Frucht im Baum pflücken wollte, musste er zum selben Zeitpunkt auch die Umgebung beobachten können, um zum Beispiel ein bedrohliches Tier frühzeitig zu erkennen. Durch das schnelle Rein- und Rauszoomen war das sehr wahrscheinlich möglich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2018 - Wissenschaft

Öffentliche Parks sind nichts anders als "Petrischalen einer hündischen Rape Culture", hieß es in einem Artikel der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift Gender, Place & Culture, der nun durch die Autorinnen und Autoren als ein akademischer Hoax entlarvt wurde: "Die Arbeit beschreibt Rüden als chronische Vergewaltiger, Hündinnen als unterdrückte Opfer und männliche Hundehalter als Komplizen und Anstifter der vierbeinig-maskulinen Gewalttäter", berichtet Sebastian Herrmann in der SZ, und sie war Teil einer ganzen Artikelserie, auf die manche geisteswissenschaftliche Zeitschrift reingefallen ist. "Die fabrizierten Studien unterscheiden sich nicht wesentlich von zahlreichen Arbeiten, die in ernsthafter Absicht in entsprechenden Journalen veröffentlich werden." Ursprünglich wurde der Hoax in dem amerikanischen Areomagazine enthüllt.

In der Zeitschrift Novo Argumente prangert der britische Publizist (und linke Brexit-Anhänger) Brendan O'Neill mit Blick auf Ian Burumas Weggang aus der New York Review of Books (unsere Resümees) die "illiberalen Exzesse" der Genderlinken an.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2018 - Wissenschaft

Gegen die Entscheidung des Heidelberger Verlagshauses Springer Nature, auf Druck Chinas Beiträge aus dort veröffentlichten wissenschaftlichen Publikationen zu streichen, wehren sich nun Heidelberger Wissenschaftler und wenden sich öffentlich von dem Verlagshaus abwenden, meldet Manuel Müller in der NZZ: "Das Schreiben kritisiert die Haltung und die Argumente des Verlags scharf. Dieser hatte sich damit verteidigt, nur ein Prozent der Beiträge falle weg - und man sehe sich weiterhin in der Pflicht, möglichst vielen Forschern möglichst breiten Zugang zu Wissen zu verschaffen. Die Forscher, unter ihnen der Schweizer Historiker Thomas Maissen, machen klar, dass hier ein Präzedenzfall geschaffen wurde. Nichts halte andere Länder davon ab, Ähnliches zu fordern, schreiben sie in ihrer Mitteilung."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2018 - Wissenschaft

In der NZZ berichtet der knapp 20 Jahren in den USA lehrende Zoologe Axel Meyer entsetzt, wie sich die amerikanischen Universitäten immer mehr vor offenen Diskussionen verschließen: "Das neue Mantra in den Geisteswissenschaften heißt Diversität. Dabei wird ausgeblendet, wie rassistisch Diversitätsdenken per se sein kann, denn seit wann ist es denn wieder in Ordnung, Menschen nach Hautfarbe einzuteilen? Als ob alle Afrikaner gleich wären oder alle Hispanics gleich dächten. Man sagt, dass man mehr Diversity wolle, allerdings nur in Hautfarbe, aber nicht in Meinungen oder Fähigkeiten oder Talenten."
Stichwörter: Diversität

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2018 - Wissenschaft

In der taz ist Ekkehard Knörer entsetzt über die Abwiegelung der Missbrauchsvorwürfe gegen die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Avital Ronell im akademischen Milieu: "Wer sich in den vergangenen zwanzig Jahren auch nur in der Nähe des German Department der NYU bewegt hat, konnte von den mehr als beunruhigenden Zuständen dort wissen. Wie eine Sektenführerin hat Ronell die Studierenden in Gefolgschaft und Gegner sortiert, hat gemeinsam mit einem anderen Professor Studierende, die nicht auf Linie waren, und auch die Kollegen terrorisiert. ... Desillusionierend ist, wie blind sich die gewieften Theoretiker*innen der Macht für einen sehr konkreten und vor ihrer Nase befindlichen Fall von Machtmissbrauch zeigten, wie arrogant sie sich gegen die Opfer solidarisierten, wie uneinsichtig die meisten von ihnen nach wie vor sind und wie sie die Schuld überall und vor allem bei den zugegeben oft bösartigen und törichten Gegnern der Dekonstruktion, nur nicht bei ihrer eigenen privilegiengestützten Machtvergessenheit suchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2018 - Wissenschaft

Das Ende des Starsystems und Geniekults, kurz einen Läuterungsprozess in den Geistes- und Kulturwissenschaften sieht in der SZ der Germanist Klaus Birnstiel mit dem Prozess gegen die poststrukturalistische Literaturwissenschaftlerin Avital Ronell heraufziehen. Ronell muss ein Jahr "aussitzen", weil sie ihren damaligen Doktoranden sexuell belästigt haben soll. Im Aufklärungsprozess zeigte sich ihm, dass "die Literaturtheorie der Dekonstruktion besonders anfällig für eine Art sekundären Geniekult" ist, weil sich hier der Interpret als "Sinnstifter" an die Stelle des Autors setzt: "Er oder sie ist es, die in exponierter Weise intimen Umgang mit den Geheimnissen der Texte pflegt. Auf der Kleinbühne des Seminarraums initiiert sie ihre Studierenden in die schwarze Kunst des Lesens. Um etliche Meister und Kleinmeister des Poststrukturalismus und der Dekonstruktion von New York über Paris und Berlin bis Frankfurt an der Oder herum haben sich daher Verhaltensformen herausbilden können, die gelegentlich anmuten wie die Spielregeln eines theoriebesoffenen George-Kreises von links: Ein Hohepriester oder eine Hohepriesterin der Literaturwissenschaft zelebriert die exegetische Messe, die Schar der Jünger erschaudert in Andacht."

In der NZZ fordert der Kulturtheoretiker Jan Söffner die Geistes- und Kulturwissenschaften auf, sich ein Beispiel an Balzac zu nehmen und wieder mehr zu erzählen, statt nur auf analytische Methoden zu setzen: "Wie aber und inwiefern sind Balzacs Erzählungen hier überlegen? Zunächst einmal leben sie von Zufällen. All das, was aus dem verstehend erklärenden Blickwinkel der Soziologie bloß kontingent ist, ist für den Erzähler relevant: die Unberechenbarkeit charakterlicher Eigenheiten und persönlicher Willkür, die in zufälligen Begegnungen, Situationen und Konflikten manifest wird; der oft absurd scheinende Verlauf von Ereignissen; die besonderen Wendungen des Lebens, in denen Menschen sich offenbaren oder zu dem werden, was sie sind. Dadurch ergibt sich ein anderes, breiteres Verständnis für das Spiel von Rollen, Identitäten und Entscheidungsfindung: Erzählungen erlauben Ausblicke auf das, was für die exakteren Methoden eine Blackbox sein muss."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2018 - Wissenschaft

In der FR stellt Arno Widmann eine Globalgeschichte des amerikanischen Historikers David Christian vor: "'Big History' ist die Weltgeschichte, geschrieben nicht nur aus den Vernichtungserfahrungen des 20. Jahrhunderts, sondern wohl mehr noch aus der Besorgnis, wir könnten uns verhoben haben am Anthropozän. 1857 machte sich Karl Marx in seiner 'Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie' Mut mit dem Satz: 'Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann'. So viel theoretischen Optimismus kann David Christian nicht mehr aufbringen." Er "sieht dennoch Chancen für ein gutes Anthropozän, also ein geologisches Zeitalter, in dem die reif und klug gewordene Menschheit das Raumschiff Erde ein paar Jahrtausende oder gar Jahrzehntausende sicher steuern wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2018 - Wissenschaft

In Tel Aviv wird ein wunderhübsches Naturkundemuseum eröffnet. Nur ein Thema wird auf Druck der Religiösen diskret beschwiegen - die Evolution, berichtet Josph Croitoru in der FAZ: "Auf der Internetseite des Museums findet sich zwar momentan der Begriff 'Evolution' als eigene Rubrik in der Sektion 'Entdecken'. Aber in den drei einschlägigen Beiträgen, darunter einem mit dem Titel 'Gott hat eine besondere Vorliebe für Käfer', kommt der Mensch nur in einem vor - und der handelt lediglich von der Domestizierung des Hundes durch den Menschen."
Stichwörter: Israel, Evolution, Tel Aviv

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2018 - Wissenschaft

In der SZ klagen die Mitarbeiter des Botanischen Instituts der Istanbul-Universität Christiane Schlötzer ihr Leid: Sie müssen ausziehen und ihren weltberühmten Garten aufgeben, um Platz für den Mufti zu schaffen, einen staatlichen Beamten, der das islamische Recht auslegt: " Was ist das? Eine neue Wissenschaftsfeindlichkeit in der Türkei? Auch das Konservatorium der renommierten Mimar Sinan Universität in Istanbul sollte zwei Tage nach der Präsidenten- und Parlamentswahl sein Gebäude räumen, alles raus, ohne Alternative. ... Die Istanbul Universität soll auch noch geteilt werden, in zwei Hälften gespalten. Teile sollen irgendwohin umziehen, raus aus dem Stadtzentrum. Viele Professoren sind beunruhigt. Und verängstigt. Die Uni-Rektoren werden jetzt alle vom neuen supermächtigen Präsidenten ernannt. Wer will da schon protestieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2018 - Wissenschaft

Was ist dran am großen Insektensterben, gibt's das wirklich? Absolut, meint der Entomologe Thomas Schmitt im Interview mit der taz. Wir haben die Insekten "systematisch herausgelandwirtschaftet", erklärt er. "Das Problem sind die ökonomischen Zwänge in der Landwirtschaft. Wer nicht intensiv wirtschaftet, geht ohne entsprechende Kompensationszahlungen finanziell unter. Wir müssen dahin kommen, zu sagen, dass Landwirtschaft nicht nur der Produktion von Lebensmitteln, sondern auch dem Erhalt biologischer Vielfalt dient. Und das muss von der gesamten Gesellschaft finanziert werden. ... In Rumänien finden Sie Gegenden, wo es wie im Deutschland der 50er, 60er Jahre aussieht, wo es kaum Einfluss der Agrarindustrie gibt. Das quillt über vor Insekten! Und wenn ich über eine Blumenwiese in den Albanischen Alpen laufe, habe ich im Vergleich zu einem Brandenburger Rapsfeld die zehn- bis hundertfache Biomasse. Eine Wiese ist in Deutschland meist nur noch ein Grasacker, eine hocheffiziente Monokultur."