9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2018 - Wissenschaft

In der SZ klagen die Mitarbeiter des Botanischen Instituts der Istanbul-Universität Christiane Schlötzer ihr Leid: Sie müssen ausziehen und ihren weltberühmten Garten aufgeben, um Platz für den Mufti zu schaffen, einen staatlichen Beamten, der das islamische Recht auslegt: " Was ist das? Eine neue Wissenschaftsfeindlichkeit in der Türkei? Auch das Konservatorium der renommierten Mimar Sinan Universität in Istanbul sollte zwei Tage nach der Präsidenten- und Parlamentswahl sein Gebäude räumen, alles raus, ohne Alternative. ... Die Istanbul Universität soll auch noch geteilt werden, in zwei Hälften gespalten. Teile sollen irgendwohin umziehen, raus aus dem Stadtzentrum. Viele Professoren sind beunruhigt. Und verängstigt. Die Uni-Rektoren werden jetzt alle vom neuen supermächtigen Präsidenten ernannt. Wer will da schon protestieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2018 - Wissenschaft

Was ist dran am großen Insektensterben, gibt's das wirklich? Absolut, meint der Entomologe Thomas Schmitt im Interview mit der taz. Wir haben die Insekten "systematisch herausgelandwirtschaftet", erklärt er. "Das Problem sind die ökonomischen Zwänge in der Landwirtschaft. Wer nicht intensiv wirtschaftet, geht ohne entsprechende Kompensationszahlungen finanziell unter. Wir müssen dahin kommen, zu sagen, dass Landwirtschaft nicht nur der Produktion von Lebensmitteln, sondern auch dem Erhalt biologischer Vielfalt dient. Und das muss von der gesamten Gesellschaft finanziert werden. ... In Rumänien finden Sie Gegenden, wo es wie im Deutschland der 50er, 60er Jahre aussieht, wo es kaum Einfluss der Agrarindustrie gibt. Das quillt über vor Insekten! Und wenn ich über eine Blumenwiese in den Albanischen Alpen laufe, habe ich im Vergleich zu einem Brandenburger Rapsfeld die zehn- bis hundertfache Biomasse. Eine Wiese ist in Deutschland meist nur noch ein Grasacker, eine hocheffiziente Monokultur."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2018 - Wissenschaft

Wir haben nicht mehr viel Zeit umzusteuern, warnt der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber im Interview mit der SZ. Es dauerte zehntausende Jahre, bis sich das Klima um fünf Grad erwärmte. "Heute erwärmt sich die Erde hundertmal so schnell. 90 Prozent aller marinen Arten sind damals ausgestorben, 70 Prozent der terrestrischen. Die Biosphäre hat sich nach und nach komplett neu organisiert. Was der Mensch heute anstellt, ähnelt eher dem Asteroideneinschlag an der Kreide-Paläogen-Grenze. Dass so etwas jetzt geschieht, in diesem Tempo, auf einem überbevölkerten, übernutzten Planeten, gleicht einem kollektiven Suizidversuch. ... Heute wissen wir dagegen genau, was Sache ist. Trotzdem keine Reaktion zu zeigen, ist schändlich. Und sehr dumm."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2018 - Wissenschaft

In der SZ stellt Johan Schloemann drei Wissenschaftlerinnen vor, die Spitzenpositionen der deutschen Geisteswissenschaften besetzen: die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger, die die erste Rektorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin wird, die Germanistin Sandra Richter, die die erste Leiterin des Deutschen Literaturarchivs in Marbach wird, und die Literaturwissenschaftlerin Julika Griem, die die erste Leiterin des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI) in Essen wird: "Es gibt weitere Beispiele, und sie zeigen, dass da wirklich etwas in Bewegung gekommen ist, während der allgemeine Frauenanteil bei den Professuren in Deutschland noch bei 22 Prozent liegt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2018 - Wissenschaft

NZZ-Feuilletonchef René Scheu hat ein paar Vorlesungen in Stanford besucht und zwei Interviews mitgebracht. Mit dem zwanzigjährigen Philosophie-, und Computerstudenten und Entrepreneur Sam Ginn, der an einem Code bastelt, "der es Computern ermöglichen soll, die menschliche Sprache in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen", unterhält er sich über künstliche Intelligenz. Bei deren Programmierung ist ihm Heidegger immer wieder eine Hilfe, sagt Ginn: "Ich gebe Ihnen ein alltägliches Beispiel aus der Welt der Zuhandenheit, das von Heidegger stammen könnte: das Öffnen oder Schließen einer Tür. Der Mensch braucht de facto nicht tausend Türen zu analysieren, um eine Tür als solche zu erkennen. Und er braucht auch nicht tausend Geräusche zu memorieren, bevor er intuitiv begreift, dass sich in seinem Rücken gerade eine Tür schließt. Er setzt weder Geometrien noch einzelne Geräusche in seinem Kopf zusammen. Die Bedeutung kommt zuerst, ist sozusagen immer schon da - schon ein Baby erkennt eine Tür unmittelbar. Ich arbeite an einem Code, der das beherrscht, was Heidegger das In-der-Welt-Sein nennt."

Der Romanist Robert Pogue Harrison ist von diesem ganzen Erfindungswahn eher genervt und hebt für ein Interview kurz den Kopf aus seiner Dante-Ausgabe: "Wir sind endliche Wesen, werden geboren und sterben, dazwischen spielt sich unser Leben ab. Das Leben ist voller Unwägbarkeiten und unbeständig. Genau deswegen bedürfen wir eines Kontexts der Beständigkeit, und das ist nach Hannah Arendt der 'mundus', die vertraute Welt. Wenn diese Welt nicht mehr gegeben ist, dann ist die Welt nicht mehr für den Menschen gemacht. Wir werden traurig, wir werden ängstlich, wir werden verrückt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2018 - Wissenschaft

Beim wichtigsten deutschsprachigen Pädagogenkongress in Essen erlebte der umstrittene Erziehungswissenschaftler Hartmut von Hentig eine Wiederauferstehung, erzählt Christian Füller in der NZZ: Hentigs Anhänger haben sich dort manifestiert, um gegen den Entzug des Trapp-Preises für Hentig zu protestieren. Sie "nennen es eine 'Höchststrafe für Lebensleistung und Reputation' ihres Meisters. So steht es in einer Stellungnahme, die über hundert Professoren und Pädagogen unterzeichnet haben. Hentigs Verteidigern geht es darum, den einstigen Parade-Intellektuellen wieder zu einem satisfaktionsfähigen Mann zu machen. Sie betonen seine Unschuld an der sexuellen Gewalt, die allein Gerold Becker ausgeübt hatte". Sogar eine eigene Webseite haben die Wissenschaftler für Hentigs Verteidigung eingerichtet. "In einem der dort präsentierten Videos gibt Hartmut von Hentig seine Meinung über Missbrauchsopfer kund: 'Kinder, denen das geschehen ist, schütten Kübel von Gemeinheit über mich aus', sagt Hentig. 'Mit denen kann ich leider kein Mitleid haben.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2018 - Wissenschaft

Feierlich hebt der Nachruf im Guardian an: "Stephen Hawking, der hellste Stern am Firmament der Wissenschaft, dessen Einsichten die moderne Astrophysik prägten und ein weltweites Publikum faszinierten, ist im Alter von 76 Jahren gestorben." Hier der Nachruf bei Spiegel online. Hier im FAZ.Net.


Das 40.000 Jahre alte Vogelherdpferd aus Mammutelfenbein im Museum der Universität Tübingen. Bild: Lipták, Uni Tübingen

Arno Widmann unterhält sich in der FR mit dem Archäologen Nicholas J. Conard, der mit seinem Team in vier Höhlen der Schwäbischen Alb die ältesten Musikinstrumente und figürlichen Kunstwerke der Menschheit gefunden hat. Das war zwar vor 40.000 Jahren, aber man hätte sich mit den Menschen damals verständigen können, glaubt Conrad: "Bei den Neandertalern oder gar beim Homo heidelbergensis würde Ihnen das sicher deutlich schwerer fallen. Bei denen gibt es kaum oder auch gar keine Funde, die auf eine symbolische Kommunikation schließen lassen. Also, so vermute ich, hat Sprache keine so wesentliche Rolle gespielt wie beim Homo sapiens. Bei dem gab es von Anfang an Rembrandts, Picassos und Jimi Hendrix'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2018 - Wissenschaft

Harsche Kritik übt der Politologe Herfried Münkler in der NZZ an den NGOs, die sich oft genug die Deutungshoheit über nötiges Handeln des Staates und der Wissenschaft anmaßten. Moralisieren hilft dabei immer, so Münkler: "Die zuletzt stark aufgekommene Kontrolle der Wissenschaft durch NGO-ähnliche Organisationen, von Tierversuchsgegnern über feministische Gruppen bis zu sich als antikolonialistisch verstehenden Akteuren, rechtfertigt sich als der Versuch, mit den Mitteln des shaming and blaming, also des öffentlichen Prangers, den sich selbst steuernden Betrieb der Wissenschaft an die Werte und Vorstellungen dieser Gruppierungen zu binden... Die Legitimation dazu haben sich diese Gruppen durch die Berufung auf moralische Werte und Normen selbst ausgestellt. Die Moral ist also beides zugleich: Legitimationsgrundlage des Überwachungs- und Kontrollanspruchs sowie Modus der Kontrolle selbst, denn selbstverständlich wollen und können die selbsternannten Kontrolleure sich nicht auf eine fachliche Debatte über wissenschaftliche Ansätze und Methoden einlassen."

Die FAZ führt die genderisierte Schreibweise ein - zumindest in einem Artikel Birte Försters auf der Forschung-und-Lehre-Seite über die Renovierung der ehrwürdigen American Historical Review. Der neue Herausgeber Alex Lichtenstein wolle die Zeitschrift "dekolonisieren": "Exkludierende Praktiken zu minimieren und mehr Wissenschaftlerinnen, mehr 'people of color', Migrant*innen, Indigene und Kolonialisierte als Autor*innen zu gewinnen: Das bedeutet für den Professor für amerikanische und südafrikanische Geschichte an der Indiana University in Bloomington 'Dekolonisierung'. Mit dieser Metapher - von Lichtenstein ausdrücklich als Signal des Umdenkens interpretiert - setzt die Zeitschrift sich "hehre Ziele in einem System, das Exklusion auf vielfältige Weise zum Prinzip gemacht hat."

In der SZ gratuliert Jens Bisky dem Historiker Karl Schlögel zum Siebzigsten. In der FAZ schreibt Kerstin Holm.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2018 - Wissenschaft

Die Wissenschaftssprachen in den Geisteswissenschaften sind alt geworden, meint ein melancholischer Peter Strasser in der NZZ. Welcher Student weiß heute noch, was der "Positivismusstreit" war? Expertenkauderwelsch gibt's zwar immer noch, so der emeritierte Philosophieprofessor, doch es fehlt ihm der Schwung ins Neue. Was auch mit dem Hang zum interdisziplinären Team zusammenhängen mag, für das Fachbegriffe wie "Duftmarken" funktionieren: "Es kommt immer mehr auf die 'conceptual skills' im Team an, für dessen netzwerkartige Interaktionen die sprachliche Ausdrucksform wesentlich ist, oft wesentlicher - warum es nicht offen ansprechen? - als das vorhandene Erkenntnispotenzial ... In der heutigen Teamhaltung wird, um Nietzsches Sprache zu verwenden, der Wille, 'einen neuen Stern zu gebären', eher belächelt oder als Affront gegen den Teamgeist empfunden."

Außerdem: Die Philosophin Manuela Lenzen erklärt, ebenfalls in der NZZ, Versuche des Wissenstransfers auf Maschinen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2018 - Wissenschaft

Die Wahrheit steht auf dem Spiel, behauptet Florian Felix Weyh in einem Dlf-Essay, denn das Buch geht verloren, und damit die Fußnote und die Belegbarkeit von Behauptungen: "Elektrifiziert sich der bislang überwiegend noch an Papier gebundene Wissensdiskurs vollständig, dann bekommen wir gewaltige Schwierigkeiten beim Umgang mit Wahrheitssetzung und Wahrheitsfindung... Im digitalen Flirren ist alles manipulierbar, weil alles aus demselben Lehm geknetet wird." Die Wikipedia, die es immerhin geschafft hat, ein sicher verbesserungsfähiges kollektives System der Wissensabsicherung zu schaffen, kommt bei Weyh nicht vor.
Stichwörter: Digitalisierung