9punkt - Die Debattenrundschau

Gleiche Melodie, anderer Text

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.12.2016. Viel diskutiert wird über die Frage, ob Donald Trump sein Wahlergebnis mithilfe spezialisierter Agenturen erzielt hat, die die Facebook-Nutzer so lange manipulierten, bis sie gar nicht mehr anders konnten. Thomas Schmid in der Welt und Arno Widmann in der Berliner Zeitung sind konträrer Meinung über die Bedeutung von Matteo Renzis Niederlage. In der taz meint Arno Frank: Auch linke Identitätspolitik ist Identitätspolitik. In den Inrocks findet David Thompson: Die Formel, Terrorismus habe "nichts mit dem Islam" zu tun, hat nichts mit Analyse zu tun.

Europa

Welt-Redakteur und Italien-Kenner Thomas Schmid schreibt eine kleine Hommage auf Matteo Renzi, der am hinhaltenden Widerstand seiner Bevölkerung gegen eine klare Reform scheiterte: "Der Heilsbringer, der dann doch kein Heil bringt, wird über Nacht zum Sündenbock, zum Scharlatan, den man vom Hof jagt. Was er dringend brauchte, war das Manna des Erfolgs. Dieser hätte - was alles noch viel schwerer machte - ein doppelter sein müssen. Die Bürger, die jungen vor allem, hätten die Erfahrung machen müssen, dass es ihnen besser geht, dass die Zukunft wieder eine Verheißung wird. Und den schwankenden politischen Institutionen hätte zügig ein neuer Halt, eine neue Form gegeben werden müssen."

In der Berliner Zeitung sieht Arno Widmann dagegen viele gute Gründe, Renzis Reformen abzulehnen: "Die Abstimmung über Renzis Reformprojekt hat nichts mit dem Brexit und nichts mit dem Sieg Trumps in den USA zu tun. Allenfalls damit, dass Wähler manchmal die Chance nutzen, sich zu wehren. Und auch sich zu irren. Wir sollten uns freuen über die Abfuhr, die Renzis Reformvorschlag erhielt. Nicht, weil wir gegen Reformen sind, sondern, weil wir gelernt haben, dass wir Reformen von Reformen unterscheiden müssen. Renzis Versuch, eine Vollmacht zum Durchregieren als moderne Reform zu verkaufen, ist gescheitert."

Der Althistoriker Michael Sommer erinnert in der FAZ daran, wie die römische Republik vor zweitausend Jahren in den Caesarismus abglitt: "Die römische Republik lehrt: Von der Diffamierung derjenigen, die sich dem vermeintlich universellen Konsens verweigern ('Pack', 'Dunkeldeutschland'), profitieren am Ende nur die Populisten."

Der Autor David Thomson hat in Frankreich ein Buch über Rückkehrer des Dschihad geschrieben, die in Syrien gekämpft haben und heute nicht selten falsche Geschichten über ihre Aktivitiäten in Syrien erzählen (etwa dass sie nur in der Verwaltung oder als Sanitäter für den Islamischen Staat gearbeitet haben). Thompson geht im Interview mit Les Inrocks auch auf die auch in Frankreich beliebte Formel ein, dass der Terrorismus "nichts mit dem Islam" zu tun habe. Zwar  wüssten die Leute in Frankreich sehr wohl, dass 99,9 Prozent der Muslime friedlich leben wollten und meist zu den ersten Opfern des Terrorismus gehörten. Aber zugleich "ist es in Frankreich fast tabu, das religiöse Element im Engagement für den Dschihad anzuerkennen. Und wer sagt, das habe 'nichts mit dem Islam' zu tun, behauptet zu wissen, was der wahre Islam ist. Das weiß aber weder ich noch der Staat."
Archiv: Europa

Politik

Der Tagesspiegel bringt den Aufruf Berliner Intellektuelle gegen das russische Bombardement von Aleppo und den Massenmord an der syrischen Zivilbevölkerung. Eine Kundgebung "Schluss mit dem Massenmord in Aleppo!" ist morgen, am Mittwoch, 7. Dezember 2016, 13 Uhr vor der Russischen Botschaft.
Archiv: Politik
Stichwörter: Aleppo

Internet

Mathias Müller von Blumencron greift im faz.net einige Artikel aus amerikanischen Zeitung und dem Schweizer Wochenblatt Das Magazin auf, die zeigen, dass Donald Trump eine ausgefuchste Strategie für soziale Medien hatte und spezialisierte Agenturen einsetzte. Eine treibende Kraft war offenbar Trumps Schwiegersohn Jared Kushner: "Während die Welt noch über den Einfluss von 'Fake News' auf das Wahlergebnis debattiert, wird offenbar, dass Kushner eine ganz andere Dimension der neuen Netzwelt erschlossen hat. 'Ich habe einige meiner Freunde aus dem Silicon Valley angerufen, die besten Vermarkter der Welt, und gefragt, wie wir unsere Sache besser skalieren können', verriet Kushner dem amerikanischen Magazin Forbes, dessen Journalisten als einzige mit dem öffentlichkeitsscheuen Multi-Millionär sprechen konnten, 'und sie haben mir ihre Dienstleister verraten.'"

Blumencron bezieht sich vor allem auf Mikael Krogerus' und Hannes Grasseggers Magazin-Reportage über Cambridge Analytica, ein auf Online-Wahlkampfstrategien spezialisiertes Unternehmen, das eigener Aussage nach mittels Audience und Micro-Targeting nicht nur den Brexit, sondern auch Trump herbeigezaubert haben will. Die Grundlage dafür bildet das psychometrische Verfahren des Psychologen Michal Kosinski, der über den Missbrauch seines Analysemittels zur Erstellung hochauflösender Persönlichkeitsprofile anhand weniger Paramenter wenig begeistert ist. Die Kreuzung von frei zugänglichen Datensätzen mit Facebook-Feinkalibrierungen gestatte es Cambridge Analytica, das Wahlverhalten sehr gezielt zu beeinflussen: "Die Feinkörnigkeit der Anpassung geht hinunter bis zu Kleinstgruppen, erklärt Nix im Gespräch mit dem Magazin. 'Wir können Dörfer oder Häuserblocks gezielt erreichen. Sogar Einzelpersonen.' In Miamis Stadtteil Little Haiti versorgte Cambridge Analytica Einwohner mit Nachrichten über das Versagen der Clinton-Stiftung nach dem Erdbeben in Haiti - um sie davon abzuhalten, Clinton zu wählen. Das ist eines der Ziele: potenzielle Clinton-Wähler - hierzu gehören zweifelnde Linke, Afroamerikaner, junge Frauen - von der Urne fernzuhalten, ihre Wahl zu 'unterdrücken', wie ein Trump-Mitarbeiter erzählt. In sogenannten dark posts, das sind gekaufte Facebook-Inserate in der Timeline, die nur User mit passendem Profil sehen können, werden zum Beispiel Afroamerikanern Videos zugespielt, in denen Hillary Clinton schwarze Männer als Raubtiere bezeichnet."

Die Reportage rieche allerdings sehr danach, als seien die Autoren dem Nervenkitzel der Story und der auftrumpfenden Eigenwerbung von Cambridge Analytica auf den Leim gegangen, meinen viele Kommentatoren im Netz. Die einzigen Belege für diese Erfolgsgeschichte stammen nämlich von dem Datenunternehmen selbst, merkt Dennis Horn im Digitalistan-Blog des WDR kritisch zum journalistischen Handwerk an. Bereits im August berichtete Issie Lapowsky in Wired, dass Cambridge Analytica die eigene Rolle in der Brexit-Erfolgsgeschichte viel zu sehr aufblase. Auch Berater Jens Scholz hält die Debatte für viel zu schrill: Das psychometrische Verfahren ist seit längerem bekannt - zur tatsächlichen Manipulation sei es aber nicht in der Lage. Facebook bilde zwar "eine Echokammer", doch diese bestärke nur vorgefasste Meinung. "Wie kommen Menschen immer wieder auf die irgendwie religiös mathematikhörige Idee, dass man menschliches Verhalten derart leicht kategorisieren, vorhersagen und dann sogar steuern könnte? Selbst auf dem Finanzmarkt, der viel mathematischer und in weniger Dimensionen funktioniert hat man bewiesen, dass eine egal mit wie vielen Daten unterfütterte Vorhersage kein bisschen genauer ist, als eine Vorhersage, die auf reinen Zufallszahlen basiert." Ähnlich sieht das auch Meike Laaff in der taz.

Stefan Winterbauer von Meedia sieht in dem Hype um den Magazin-Artikel eine "linke Verschwörungstheorie" am Werk: Erstaunlich findet er es, "dass sehr viele Menschen, die sich eigentlich dem gebildeten und aufgeklärten Milieu zurechnen, ohne weiteres Hinterfragen bereit sind, teils abenteuerliche Thesen zu verbreiten, weil sie trefflich ins eigene Weltbild passen." Für Fabian Reinhold von SpOn liegt der hohe Anreiz, die Geschichte in den sozialen Netzwerken aufgeregt zu teilen, denn auch darin begründet, dass hier endlich eine einfache Erklärung für ein komplexes Phänomen vorliegt.

Außerdem: Rainer Stadler kritisiert in der NZZ die EU-Digitalcharta als überflüssig. Andrian Kreye berichtet in der SZ vom Schirrmacher-Symposium, auf dem zum Teil etwas verzweifelt über Demokratie und digitale Grundrechte diskutiert wurde: "Es gibt eine neue Dringlichkeit."
Anzeige
Archiv: Internet

Ideen

Arno Frank wendet sich in der taz in der Folge der Debatte um Mark Lilla (unsere Resümees) gegen "Identitätspolitik", auch in ihrer "linken" Ausprägung: "Wer Unterschiede statt Gemeinsamkeiten feiert, wer Unterschieden in immer feineren Verästelung nachspürt, um die auch gebührend abfeiern zu können ('celebrating diversity')..., der bekommt - Identitätspolitik.  So was kommt von so was. Linke wie rechte Identitätspolitik sind komplementär, sind zwei Seiten einer unrühmlichen Medaille. Die 'identitäre Bewegung' in Deutschland und Europa ist eine Jugendbewegung. Das bedeutet unter anderem, dass ihre Anhänger mit einem Sound aufgewachsen sind, dem sie nun ihr eigenes Lied entgegenpfeifen. Gleiche Melodie, anderer Text."

In der FR will Claus Leggewie die eine Ungleichheit nicht gegen die andere ausspielen lassen: "Man muss dringend weiterhin beides im Auge behalten - es gibt keine Haupt- und Nebenwidersprüche, wie es einmal im Marxismus-Leninismus hieß. Sexismus und Rassismus sind die eine Seite, die andere, dass Wähler und Wählerinnen zur Rechten übergelaufen sind, die sich über Jahrzehnte hinweg von den Millionärsveranstaltungen der beiden Parteien nicht mehr ernst genommen und repräsentiert fühlten. Es gibt kein Entweder-Oder."

Außerdem: In seiner Verzweiflung kramt Alex Ross für die New York Times nochmal Adornos Studie zum "autoritären Charakter" und seine Kritik an der Kulturindustrie aus dem Regal, um das Phänomen Trump zu verstehen. In der NZZ verspricht sich Julian Nida-Rümelin weder praktisch noch theoretisch viel von den Verheißungen selbstfahrender Autos.
Archiv: Ideen