Efeu - Die Kulturrundschau

Alle Ernste der Welt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.12.2016. Die taz erkundet mit Regina Schmekens NSU-Fotoserie "Blutiger Boden" die Leerstellen, die der rechte Terror nicht nur in Dresden hinterlassen hat. Die Presse begegnet in Wien einem staatlich geförderten Karrieremonster. Die Welt protokolliert Chris Dercons Attacke auf die Deutschtümelei der Volksbühne. Der Freitag lässt sich von Jóhann Jóhannsson erklären, wie man das zeitliche Konzept der Außerirdischen in Musik verwandelt. Und Critic.de erlebt in "Salt & Fire" eine durch und durch herzogisierte Veronica Ferres.

Bühne


John Neumeiers Choreographie "Das Lied von der Erde" vor zwei Jahren an der Opéra national de Paris. Foto: Ann Ray

Nicht leicht zugänglich, aber als Sterbegesang von berückender wie bedrückender Schönheit findet Lilo Weber John Neumeiers Choreografie zu Gustav Mahlers "Lied von der Erde", die der Hamburger Ballettdirektor zwei Jahre nach der Uraufführung in Paris nach Hause geholt hat: "Wo sind die Menschen, wenn sie nicht mehr bei uns sind, die Erde aber noch nicht verlassen haben? John Neumeier setzt dieses Zwischenreich zwischen Leben und Tod in eine geometrisch gefasste Landschaft: mit künstlichem Gras auf einem trapezförmigen Hügel, über dem sich der Mond vom eisigen Blau ins Glutrote färbt und auch mal aus der Achse kippt."

Welt-Kritikerin Swantje Karich hat Chris Dercon in der belgischen Botschaft beim großen Rundumschlag gegen Berlin erlebt. Das deutsche Theater? Regressiv. Die Kunst? Nicht innovativ. "Es wird einem mulmig zumute, wenn man hört, wie er immer und immer wieder die Deutschtümelei der Volksbühne kritisiert. Seine Perspektive feiert. 'Wir Belgier haben den Surrealismus erfunden, weil wir in einem völlig schizophrenen, vielsprachigen Land leben müssen. Mir hat diese Schizophrenie gutgetan. Ich bin nicht identitätssüchtig, wie so viele Theatermacher in Deutschland. Aber ich weiß nicht, ob ich Berlin noch helfen kann.'" In der Nachtkritik verabschiedet Dirk Pilz den Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner.

Nach Jürgen Flimms "Manon Lescaut" an der Berliner Staatsoper braucht FAZ-Kritikerin Eleonore Büning dringend frische Luft: "Das Korsett aus Klischees sitzt so knapp, dass es weder für Giacomo Puccinis melodiensatt aufblühende, ausdifferenzierte Orchestersprache ein Entkommen gibt noch für die Sängerfiguren."

Besprochen werden außerdem Armin Petras' "routiniert opulente" Inszenierung von Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" in Stuttgart (FR), Ulrich Wallers Inszenierung von Florian Zellers "Hinter der Fassade (Die Kehrseite der Medaille)"  am Hamburger St. Pauli Theater (nachtkritik)  und Ödön von Horváths "Niemand" am Landestheater Linz (Standard).
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Kunst


Regina Schmeken "Blutiger Boden - Die Tatorte des NSU". Exponat der Ausstellung im Militärhistorischen Museum Dresden

Brigitte Werneburg besucht in Dresdens Militärhistorischem Museum Regina Schmekens Ausstellung "Blutiger Boden", die die Tatorte des NSU dokumentiert: "Allen Fotografien der Tatorte, die Regina Schmeken sechs bis dreizehn Jahre nach den Morden aufsuchte, gemeinsam ist die Leerstelle des hingerichteten Mannes oder der hingerichteten Frau im Fall der Polizistin Michèle Kiesewetter... Mit dieser absichts- und bedeutungsvollen Leere, die Schmeken in ihren hart abgezogenen Schwarz-Weiß-Fotografien entstehen lässt, korrespondiert auf perverse Art und Weise die Leere im Gedächtnis der Verfassungsschutzbeamten und ihrer V-Männer, die sich an nichts mehr erinnern können."

Die Ausstellung "Away" im Wiener Telegraphenamt blickt auf vierzig Jahre staatliche Kunstförderung. In der Presse imponiert Almuth Spiegler vor allem, wie der Welser Künstler Tomash Schoiswohl die Schau eröffnet: mit einem riesigen "Karrieremonster". "Das ist der ewige Widerspruche der heutigen Kunst, vor allem der Off-Szene, und als solche wird sie hier auch inszeniert: Sie will systemkritisch sein, lebt aber zum Großteil von Subventionen aus Politik und Privatwirtschaft."

Weiteres: Für die FAZ besucht Katharina Rudolph die Biennale de Montreal, die der Direktor der Frankfurter Städelschule, Philippe Pirotte als großes assoziatives Theater der zeitgenössischen Kunst inszeniert habe. Manuel Brug gibt sich in der Welt der "hemmungslosen Schaulust" hin, die ihm das neu eröffnete Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig gewährte. In der Berliner Zeitung beglückwünscht Ingeborg Ruthe die Bildhauerin Helen Marten, die für ihre "biomorphen, grotesken Gebilde" den Turner Prize erhalten hat. Im Tagesspiegel schreibt Nicola Kuhn.

Besprochen werden die Francis-Bacon-Schau in der Staatsgalerie Stuttgart (die Sergiusz Michalski in der NZZ einen "intellektuellen und visuellen Genuss ersten Ranges" nennt) und die Ausstellung "Unter Bethlehems Stern" im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek (Presse)
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Stichwörter: NSU, Tatort, Regina Schmeken

Literatur

Doris Akrap berichtet in der taz von der Buchmesse im kroatischen Pula.

Besprochen werden eine neue Freud-Biografie von Peter-André Alt (NZZ), Katrin Bachers und Tyto Albas Comic "Tante Wussi" (Freitag), Michelle Steinbecks Debüt "Mein Vater war ein Mann am Land und im Wasser ein Walfisch" (ZeitOnline), Jonathan Safran Foers "Hier bin ich" (FR), John Burnsides "Wie alle Anderen" (FR), Nathan Hills Debüt "Geister" (SZ), Ngũgĩ wa Thiong'os Autobiografie "Geburt eines Traumwebers - Zeit des Aufbruchs" (SZ), Bücher von und über Wolfgang Hildesheimer (FAZ) sowie das neue Asterix-Bilderbuch "Asterix erobert Rom", mit dessen Übersetzung Marc Zitzmann sich in der NZZ sehr unzufrieden zeigt.

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Musik

Für den Freitag hat Andreas Busche ein sehr konzentriertes Gespräch mit dem Komponisten Jóhann Jóhannsson geführt, der mit seinem ätherischen Ambient-Soundtrack dem SF-Meisterwerk "Arrival" von Denis Villeneuve (unsere Kritik) die musikalische Grundierung verliehen hat. Dem Film näherte er sich von zwei Seiten: "Stimme und Loops. Der Loop, der Kreis, ist die zentrale Metapher des Films. Sie verweist auf das zeitliche Konzept der Außerirdischen sowie auf die Logogramme. Das zweite Thema des Films, Sprache, legte die Arbeit mit Stimmen nahe. Ich wollte die Stimme als eigenständiges Instrument benutzen. Grundlage der Loops waren sustains, ausklingende Schwingungen von Piano-Anschlägen, die ich auf analogem Magnetband aufnahm und in unterschiedlicher Geschwindigkeit wieder und wieder überspielte, bis ein dichter, an Harmonien und Dynamiken reicher Sound entstand."

Warum sich Daniel Barenboims eigens angefertigter Flügel ganz besonders für Schubert-Konzerte eignet, erfahren wir in Michael Stallknechts SZ-Besprechung von den vier Münchner Konzertabenden des Pianisten: Heutige, auf die Akustik großer Säle ausgelegte Flügel verzerren nämlich den klanglichen Eindruck der für private Gemächer komponierten Sonaten des Komponisten. Doch mit "Barenboims Instrument stellt sich tatsächlich ein Stück der Intimität wieder ein. ... Das Instrument trennt wie die Flügel des frühen 19. Jahrhunderts die Register voneinander: Der Bass gibt eine warme Grundierung, die Mittellage klingt rund, der Diskant ist glöckchenhaft leicht."

Weiteres: In der Spex spricht Sonja Matuszczyk mit dem Rapper Cakes Da Killa. Ein schönes Internetfundstück, das Deutschlandradio Kultur ausgebuddelt hat: Auf Theme Time Radio sind die 100 Radioepisoden nachhörbar, die kein geringerer als Bob Dylan in den 00er Jahren für de Sender Sirius XM moderiert hat.

Und das Jahr im Rückblick: Pitchfork nennt seine 20 besten Pop- und R&B- sowie seine 20 besten Rock-Alben.The Quietus kürt und verlinkt seine 100 besten Alben des Jahres. Auch Popmatters liefert seine Jahresbestenliste in Sachen Pop. Und die Nostalgiker von The Vinyl District liefern den ersten Teil ihrer liebsten WIederveröffentlichungen.

Besprochen werden das neue Album von A Tribe Called Quest (Freitag), Kate Bushs Livealbum "Before the Dawn" (Popmatters), ein Konzert von John Eliot Gardiner und seinem Chor samt den English Baroque Soloists in Berlin (Tagesspiegel), ein Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters unter Alonra de la Parra de Falla (Tagesspiegel), zwei Auftritte von Ian Bostridge (NZZ), ein Wiener Klavierkonzert von Khatia Buniatishvili (Standard), The T. S. Eliot Appreciation Societys "Turn It Golden!" (taz), das neue Album der Stones (Pitchfork) und das neue Album von Pete Doherty (SZ).
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Film

Meint er das wirklich ernst? Ernst Shannon und Ernst Ferres in einem Film von Ernst Herzog.

Kein Monat ohne einen neuen Film von Werner Herzog! Ziemlich hingerissen schreiben die Kritiker über "Salt & Fire", für den der bayerische Auteur Veronica Ferres nach Lateinamerika entführt und ihr erst einen Supervulkan zeigt und sie dann einfach in der Salzwüste stehen lässt - immerhin, erfahren wir, gibt es am Ende der Gaudi Champagner. Ekkehard Knörer reibt sich auf critic.de angesichts all dieses blühenden Irrsinns die Augen, freut sich dann aber umso mehr über die Freiheiten, die der Film sich nimmt: "Meint er das ernst? Aber Gegenfrage: Was heißt das schon? Sicher meint er das ernst, aber es ist ein anderer Ernst, als der deutsche Fernsehfilmernst ein Ernst ist, ein anderer Ernst, als der Hollywoodthrillerernst ein Ernst ist, ein anderer Ernst, als die funktionale Bewegung der Kamera in verständlichen Geschichten ein Ernst ist, ein anderer Ernst, als die Humorlosigkeit, mit der das generische Kommerzkino wie der generische Autorenfilm auf die Welt blicken, ein Ernst ist, ein anderer Ernst ist das als alle Ernste der Welt. Aber gerade mit dem ganz Anderen meint Herzog es ernst."

Auch FAZ-Kritiker Bert Rebhandl hatte viel Freude an dem Film: Herzog verbindet auch hier "Kulturtheorie mit einer verschmitzten Abenteuerlust. Und wenn es zu ernst (oder zu ernsthaft) zu werden droht, wechselt er vom Grundsätzlichen ins Spielerische." Der Film basiert im übrigen auf der Kurzgeschichte "Aral" von Tom Bissell, die hier online steht.

Weitere Artikel: Für critic.de hat sich Michael Kienzl beim Filmfest in Marrakesch mit dem japanischen Regisseur Shinya Tsukamoto über dessen Arthouse-Bodyhorror-Punkkino unterhalten. Im Standard empfiehlt Michael Pekler eine Retrospektive zum Science-Fiction-Film im Österreichischen Filmmuseum. Im Wiener Mumok laufen unterdessen Architekturfilme, berichtet Bert Rebhandl im Standard. Für die Los Angeles Review of Books resümiert Phillip Maciak die gerade zu Ende gegangene erste Staffel der HBO-Serie "Westworld", in der sich alles um die Frage des Alterns dreht.

Besprochen werden ein neuer Gesprächsband mit Robert Bresson (Brooklyn Rail), Paul Schraders "Dog Eat Dog" (Eskalierende Träume), Ulrich Seidls Dokumentarfilm "Safari" (Tagesspiegel, SZ, mehr dazu hier und in unserer Kritik) sowie die neuen Serien "The Crown" und "Designated Survivor" (Freitag).
Archiv: Film