9punkt - Die Debattenrundschau

Das Dorf hinter sich zu lassen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.07.2016. Auch die Linke ist mit schuld daran, dass die Arbeiter heute rechtspopulistisch wählen, sagt Didier Eribon bei Zeit online. Der liberaldemokratische Politiker Andrew Duff entwirft im Verfassungsblog ein Szenario, nach dem Britannien in die EU zurückkehren könnte. Auch Kazuo Isihiguro sucht in der Financial Times nach dem Rückweg. Gobalvoices.org erzählt, wie die Inder auf den Brexit reagieren. Die SZ fordert eine Anerkennung des Völkermords an den Herero und Nama.

Ideen

In einem langen Interview mit der Zeit online erklärt der aus der Arbeiterklasse stammende, französische LGBT-Aktivist und Soziologe Didier Eribon, warum so viele Arbeiter, die früher klassisch links gewählt haben, heute den Rechten zuströmen - selbst wenn sie damit gegen ihre eigenen Interessen stimmen (das gilt auch für seine eigene Familie, Eribon hat dazu gerade ein Buch veröffentlicht, "Rückkehr nach Reims"). Ein wichtiger Grund ist für ihn, dass die Linke selbst Begriffe wie Heimat, Nation oder Gemeinschaft wieder populär gemacht hat: "Wir übersehen, dass die gesamte Moderne gegen diese alten Solidaritäten gerichtet ist. Die Kunst, das Theater, die Philosophie, das Kino - all das arbeitete darauf hin, das Dorf hinter sich zu lassen und neue Horizonte zu erschließen. Das kann man nicht alles rückgängig machen wollen. Eine reaktionäre Reaktion auf den Neoliberalismus gibt es nicht. Elfriede Jelinek hat es in ihrem Buch 'Wolken, Heim' gegen Heidegger gut auf den Punkt gebracht: Begriffe wie Heimat, la terre, le sol bringen uns nirgendwo hin. Das ist Blut-und-Boden-Rhetorik."

Eribon erkennt und versteht aber auch die Wut der Abgehängten, die sich von niemandem mehr etwas erwarten und rechts wählen, weil es den "gut ausgebildeten Menschen in den Metropolen", die sie ignorieren, wenigstens weh tut. In diesem Zusammenhang ist David H. Freedmans Artikel in The Atlantic über den "Krieg gegen die Dummen" interessant: "Die Dummen", meint er, ist ein Kampfbegriff, der die Abgehängten stigmatisieren und im Keller halten soll: "Viele Jobs, für die man heute einen Collegeabschluss braucht - vom Abteilungsleiter im Kaufhaus bis zum Verwaltungsassistenten - sind eigentlich gar nicht komplizierter geworden, die weniger gut Ausgebildeten wären dazu immer noch befähigt. Gleichzeitig verschwinden immer mehr Jobs, für die man keinen College-Abschluss braucht. Die Liste der Fabrik- oder Service-Jobs, die jetzt oder demnächst von Robotern, online-Services und Apps übernommen werden, wächst täglich."

Auch Lynsey Hanley denkt im Guardian über die Arbeiterklasse nach. Sie wundert vor allem, wer sich heute alles dazu zählt, wie sie in einer jüngsten Umfrage lernte: "Sie enthüllt, dass "zur Arbeiterklasse gehören" heute bedeutet, sozial konservativ in Fragen der Einwanderung, Moral, Sexualität und den Strafen für Kapitalverbrechen zu sein. Für viele ist sozialer Aufstieg nicht gleichbedeutend mit einem Aufrücken in die Mittelklasse, die assoziiert wird mit einer kleinen privilegierten Elite, die 'sich leisten' kann, liberal zu sein. Jemand, der also objektiv gut verdient, ein schönes Haus hat und einen hohen sozialen Status, kann sozial konservative Einstellungen vertreten, weil er glaubt, 'der einfache Mann' sehe das genauso ... Alternativ kann sich auch jemand, der einen hohen Status und ein hohes Einkommen hat zur Arbeiterklasse zählen, denn hey, arbeiten wir nicht alle? In beiden Fällen, in denen man sich zur Arbeiterklasse zählt, obwohl man objektiv zur Mittelklasse gehört, ist das wie ein ausgestreckter Mittelfinger gegen das 1 Prozent, die schuld daran sein sollen, dass sich die Einkommenskluft immer weiter vergrößert."
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Europa

Recht konkret setzt sich Andrew Duff, Politiker der britischen Liberaldemokraten und offenbar Jurist, im Verfassungsblog mit dem Artikel 50 des EU-Vertrags auseinander, der die Modalitäten für Austrittsverhandlungen festlegt - recht vage übrigens, weil niemand je damit gerechnet hat, dass er in Anspruch genommen wird, so Duff. Die Zweijahresperiode ist wichtig für die verbleibenden Länder, damit die Phase der Ungewissheit sich nicht zu lange hinstreckt. "Und aus britischer Sicht gibt die Zweijahresperiode einen komfortablen Handlungsspielraum. Das Vereinigte Königreich kann nicht Hals über Kopf von den erbosten Partnern hinausgeschmissen werden. Innerhalb der zwei Jahre - etwa nach einer Neuwahl und einem Regierungswechsel oder, weniger wahrscheinlich, nach einem zweiten Referendum - wäre es für das Vereinigte Königreich absolut möglich, seine Entscheidung zu widerrufen. Dass der Artikel 50 sich über einen Widerruf ausschweigt, heißt nicht, dass ein Meinungswechsel nach EU-Recht illegal wäre."

Auch Kazuo Ishiguro forderte schon am Freitag in der Financial Times ein neues Referendum. Die Frage, die zu stellen wäre, weiß er polemisch zu verkürzen: "Es ist so gut wie sicher, dass Britannien keinen Zugang zum gemeinsamen Markt bekommt, wenn es die Freizügigkeit der Menschen verbietet. Viele Leave-Anhänger wussten das schon vorher, aber sie erlaubten ihren weniger subtilen Kollegen, die Wählerschaft mit unmöglichen Versprechungen zu locken. So stehen wir demnächst vor folgender Frage: Hassen wir als Nation die Ausländer so stark, dass wir auf den Zugang zum gemeinsamen Markt verzichten wollen?"

Bei globalvoices.org geht Nikhil Dhingra indische Stimmen zum Brexit durch: "Viele Inder empfanden britische Ängste vor dem Verlust nationaler Identität und Souveränität als ausgesprochen heuchlerisch, angesichts all der Länder, inklusive Indiens, über die Britannien im Lauf der Zeit Herrschaft ausübte... Rohan, ein indischer Komiker aus Bombay, warnte die EU, dass Britannien ähnlich handeln könnte wie beim Verlassen Indiens - das heißt, dass es alle Reichtümer mitnimmt."

"Die eigentliche Gründerin der AfD ist Angela Merkel". Philosoph Heiner Mühlmann erklärt in der NZZ die Logik dieses Satzes. Die Taktik Angela Merkels und der CDU sei ein Beispiel für sogenannte asymmetrische Demobilisierung, das heißt die Mobilisierung eigener Wähler und parallel die Demobilisierung der gegnerischen Wähler durch Beschweigen (wichtiger) politischer Reizthemen. Diese Kunst des Totschweigens nutze allerdings weniger der Politik als viel mehr den Politikern, sie bewirke am Ende auch eine Entpolitisierung bei den eigenen Anhängern: "Die zwangsläufig symmetrisch werdende Demobilisierung erzeugt eine Zeitblase, in der auch das Denken demobilisiert wird. Es entsteht eine Zeit des Aufschubs. Am Ende dieses Aufschubs kündigt sich ein Chaoshorizont an... Und dann platzt die Demobilisierungsblase. Der Denkaufschub funktioniert nicht mehr. Das Schicksal, von dem das Sprichwort sagt, man werde es mit Notwendigkeit ernten, schlägt zu: Durch die symmetrisch gewordene Demobilisierung entstehen außerhalb des demobilisierten Bereichs radikale politische Bewegungen."

In der SZ fordert der irische Autor Colm Toibin mehr Transparenz von der EU: "Worauf es jetzt ankommt in dem Europa, das übrig bleibt - dem Europa, das die Schwächung seines Idealismus einigermaßen heil überlebt hat und das Referendum im Vereinigten Königreich überleben wird - ist ein dringender Wille, die Strukturen der Europäischen Union zu reformieren, angefangen damit, die Ratsversammlungen der Minister für die Öffentlichkeit und die Medien zu öffnen und die einzelnen Mitglieder der Kommissionen direkter haftbar und ihre Beschlüsse Argumenten besser zugänglich zu machen. Die Europäische Union, die jetzt abhängt von verschlossenen Türen und geflüsterten Deals, sollte in die Öffentlichkeit gehören."
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Religion

Alle Proteste haben nicht geholfen. In der von Atatürk einst säkularisierten Hagia Sophia wird wieder gebetet, schreibt Christiane Schlötzer in der SZ: "Nun, im Jahr 2016, zum Ende des Ramadan, trat erstmals seit der historischen Säkularisierung ein Muezzin unter die prächtige Kuppel, um den Ezan, den muslimischen Gebetsruf, anzustimmen. Lautsprecher trugen das morgendliche Lob Allahs ins Freie. Das Staatsfernsehen TRT übertrug live, türkische Nationalisten, besonders fromme Konservative und die Kolumnisten regierungsnaher Blätter jubilierten: 'Danke, mein Präsident.'"
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Politik

200 Menschen, die friedlich in einem Einkaufszentrum unterwegs waren, sind in Bagdad ermordet worden - aber anders als etwa beim Attentat auf dem Flughafen Istanbul interessiert sich die hiesige Öffentlichkeit kaum für das Ereignis, schreibt Ishaan Tharoor in der Washington Post: "Seit Jahren hat uns die Gewalt in Bagdad nahezu ertauben lassen. Die tödlichen Autobomben lösen keine Hashtags, keine neuen Facebook-Profilbilder mit irakischer Flagge und keine Titelseiten mit den Namen und Schicksalen der ermordeten Personen aus, nur eine gedämpfte allgemeine Sympathie."

Donald Trumps bewundernde Äußerungen über Wladimir Putin sind mehr als ein bizarres Detail, meint Franklin Foer in slate.com. Dafür gibt es viel zu viele dieser Äußerungen seit gut zehn Jahren. "Es mag ein Zufall sein, aber der innere Zirkel von Trump ist mit Beratern und Funktionären besetzt, die lange Karrieren für die Interessen des Kreml hinter sich haben. Wir sollten Putins Anstrengungen nicht überschätzen, sie werden kaum das Ergebnis der Wahlen bestimmen. Aber wir sollen uns Trumps Wahlkampf als eine Parallele zum kommunistisch infiltrierten Wahlkampf von Henry Wallace im Jahr 1948 vorstellen, nur weniger ehrlich und idealistisch. Eine externe Macht, die den Vereinigten Staates übel gesinnt ist, hat sich mit einer der großen Wahlkampagnen verbündet." In der FAZ berichtet Joseph Croitoru über Putins Unterstützung für tschechische Politiker.
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Gesellschaft

Gedenken wir nach Orlando eines Anschlags auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe namens LGBT, oder gedenken wir eines Anschlags auf die offene Gesellschaft, fragt Thilo Spahl bei den Kolumnisten, der sich emphatisch gegen die zunehmende Schubladisierung der Gesellschaft wendet: "Gleichberechtigung und eine offene Gesellschaft erreichen wir, indem wir ein universalistisches Menschenbild verteidigen. Indem wir von weitgehender Gleichheit aller Menschen ausgehen. Indem wir Sonderbehandlung abschaffen, statt sie zu fordern. Nicht indem wir einen Wettbewerb entfachen, welcher Gruppe es gelingt, eine Gruppenidentität zu kultivieren und sich als besonders bedroht oder benachteiligt zu präsentieren."
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Geschichte

In der taz erinnert Gabriele Lesser auf einer Seite an das Pogrom im polnischen Kielce vor siebzig Jahren: "Der Mord an mehr als vierzig Überlebenden des Holocaust und Sowjetunion-Heimkehrer läutete den Massenexodus der polnischen Juden ein. In Panik vor dem Hass der Nachbarn packten Zehntausende ihre Koffer und verließen das Land. Die Täter des Pogroms aber waren polnische Arbeiter, Hausfrauen, Passanten, Milizionäre, Soldaten und Agenten des Geheimdienstes."

In einem zweiten Artikel erklärt Lesser die Geschichtspolitik der regierenden Nationalpopulisten in Polen: "Die PiS will per Gesetz verbieten lassen, dass künftig Journalisten, Historiker oder Politiker über die Beteiligung von Polen an Pogromen und anderen Judenmorden sprechen oder forschen... Selbst wenn sich Polen gegen Juden vergangen hätten, sei dies allein auf die vorherigen Verbrechen der Deutschen zurückzuführen."

Es wäre schön, wäre die deutsche Politik bei der Anerkennung des Völkermords an den Herero und Nama durch deutsche Truppen im heutigen Namibia so konsequent wie bei der Anerkennung des Völkermords an den Armeniern durch die Türken, denkt sich Joachim Käppner in der SZ. Und eine Art Wiedergutmachung schlägt er auch gleich vor: Eine "großzügig ausgestattete" Stiftung der Bundesrepublik könnte "würdigen, dass der Vielvölkerstaat Namibia als einer von ganz wenigen in Afrika seit der späten Unabhängigkeit von Südafrika 1990 einen ausgesprochen positiven Weg nahm, bei dem Toleranz und Rechtsstaatlichkeit große Fortschritte gemacht haben. Diese Freiheit bewahren zu helfen, wäre eine späte, aber angemessene Reaktion auf das, was Deutsche diesem Land einst angetan und genommen haben."
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