Efeu - Die Kulturrundschau

Bedeckung der Gewölbe

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05.07.2016. Abbas Kiarostami ist tot. Slate rühmt den großen iranischen Regisseur, der die Weltkarte des Kinos neu zeichnete. Die FAZ erlebt im Centre Pompidou, wie sich Frankreich in Pierre Paulins weichen Lungerwelten neu erfand. Die SZ erfreut sich an den Errungenschaften der modernen Tragwerkslehre. Einfach überwältigend findet die Welt, wie John Neumeier und Kent Nagano Messiaens "Turangalila" in Hamburg auf die Bühne brachten. Der Tagesspiegel beobachtet befremdet, wie sich das Team Castorf in der Volksbühne verschanzt.

Film


"Copie Conforme" mit Juliette Binoche war der erste Film, den Kiarostami nicht im Iran drehte.

Der große iranische Regisseur Abbas Kiarostami ist tot. Auf Slate.fr beschwört Jean-Michel Frodon seine ungeheure Bedeutung für die Filmgeschichte: "Er war einer der größten Regisseure, die diese Kunst hervorgebracht hat. Doch seine Leistungen gehen darüber hinaus. Er verschaffte nicht nur dem iranischen Kino Weltgeltung, er verkörperte auch mehr als alle anderen jene große Bewegung, die in den achtziger Jahren die Weltkarte des Kinos neuzeichnete, von China bis Argentinien. Er erkundete die vielen Quellen künstlerischen Ausdrucks, die durch neue Technologien möglich wurden oder durch die Verbindung verschiedener Künste: Film, Video, Foto, Malerei, Poesie. Er war ein Mann der Eleganz, des Charmes und alle, die das Glück hatten, ihm zu begegnen, betörte er durch seine bewegende Stimme."

Bei Revolver findet sich ein lesenswertes Gespräch, das die deutschen Filmemacher Ulrich Köhler und Benjamin Heisenberg 2003 mit dem Regisseur geführt haben. Weitere Stimmen sammelt David Hudson.

Auf ZeitOnline schreibt Kaspar Heinrich überblicksartig zur Lage des deutschen Kinos: Die ist künstlerisch so gut wie lange nicht mehr, was vor allem an hervorragenden Filmen von Regisseurinnen liegt, doch fehlt dem guten deutschen Film nach wie vor das Publikum. Besprochen wird Brad Deschs Filmdrama "Väter und Töchter" mit Russell Crowe (laut Elmar Krekeler in der Welt "ein Desaster").
Archiv: Film

Bühne


Messiaens "Turangalila" an der Hamburger Staatsoper. Foto: Kiran West.

Als großes Ereignis feiert Stefan Grund in der Welt die Tanzuraufführung von Olivier Messiaens Sinfonie "Turangalila", die John Neumeier und Kent Nagano in Hamburg auf die Bühne gebracht haben, mit Kostümen des Modeschöpfers Albert Kriemler: "Rot ist also die Farbe der Kriemler Wahl, als Farbe der Liebe, des Blutes, Messiaen nennt den fünften Satz esoterisch 'Freude des Sternenblutes'. Das verweist auf galaktische Bilder, die Neumeier in der Tat gern aufnimmt, wie Sternenhaufen wirken seine Tänzer in verschiedenen Konstellationen, Spiralnebel aus Menschengestalt ist eine seiner leichtesten Übungen und auch die eine oder andere einsame Sternschnuppe segelt hier durchs All. Doch so gut wie die kosmischen Bilder passen Skulpturenanmutungen in unendliche Assoziationsweiten. Diese Gruppe dort könnte den 'Bürgern von Calais' nachempfunden sein, jener Menschenpulk einem Science-Fiction-Blockbuster."

Um die Berliner Volksbühne herrscht weiter Aufregung: In der Berliner Zeitung geißelt Dirk Pilz das rhetorische Wischiwaschi des Berliner Senats: "Einerseits macht der Senat also großflächige Zusagen, an denen er gemessen werden wird; andererseits fällt auf, dass es keinerlei inhaltliche Begründung für einen 'radikalen Neustart' der Volksbühne gibt. Die Aussage von Michael Müller im Senat, man müsse 'auch anderen Menschen mal eine Chance geben', ist keine Basis für eine verantwortungsvolle Kulturpolitik, sondern Ausdruck eines blinden Aktionismus."

Rüdiger Schaper staunt im Tagesspiegel unterdessen Bauklötze über die andere Seite. Während Dramaturg Carl Hegemann am Hause eifersüchtig darüber wacht, wer zu Team Castorf und wer zu Team Dercon gehört, wird die Rhetorik der Castorf-Befürworter zunehmend schriller, wie etwa bei Boris Groys, dessen Äußerung in der FAS Schaper so wiedergibt: Mit Dercon werde "die massive Forderung kommen, die Volksbühne wieder umzugestalten in eine Bühne, wo die gloriose Geschichte des deutschen Geistes gefeiert wird, nicht als Tragödie, sondern als Geschichte des Sieges und des Triumphs." Schaper stutzt: "Wenn das keine Satire ist, klären sich endlich die Fronten: An der Volksbühne spielt die wahre Deutschnationalmannschaft. Und da ist Chris Dercon ganz der Richtige. Er hat schon einmal so ein dickes deutsches Brett gebohrt, das Haus der Kunst in München. Wenn die Hegemänner so weitermachen, kann man den Neuen nur mögen."

Für die Berliner Zeitung hat Kerstin Krupp unterdessen einige Informationen zu den Plänen für die Volksbühne eingeholt: Bis zu 25 Mitarbeiter müssen demzufolge gehen, die Arbeitssprache am Haus bleibe weiterhin Deutsch.

Besprochen werden Milo Raus in Berlin gezeigtes Stück "Five Easy Pieces" über den belgischen Kindermörder Marc Dutroux (FR, SZ), René Polleschs im Autokino Kornwestheim gezeigtes Stück "Stadion der Weltjugend" (taz, mehr im gestrigen Efeu), eine von der Indieband Kettcar vertonte Version von Schillers "Räuber" am Theater Kiel (taz) und das Tanzprojekt "Odyssee_21" des Hessischen Staatsballetts (FR).
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Musik

In der NZZ stellt Claus Lochbihler das junge Multitalent Jacob Collier vor. Der 21-jährige Brite hat sein "stilistisch grenzenloses" Debütalbum "In my Room" in einem kleinen Zimmer in London aufgenommen und zwar komplett allein. Seine Popularität verdankt er seinen innovativen Videos auf youtube, die ihn auf einem split screen beim Einspielen der verschiedenen Sounds und Instrumente zeigen. "'In meinen Videos kann man meine Musik nicht nur hören, sondern auch sehen', sagt Collier." Heute wird er von Quincy Jones protegiert und geht ab Juli dieses Jahr erstmals auf Tournee.

Für den Tagesspiegel berichtet Steen Lorentzen vom Roskilde Festival.

Besprochen werden Benjamin Wilsons "Small Talk" (taz), ein Konzert des Mozart Piano Quartets im Kloster Lehnin (Tagesspiegel) und ein Konzert von Glen Hansard (FR).
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Stichwörter: Jacob Collier

Kunst

Die FAZ eröffnet eine neue Kunstserie. Die Beiträger habe man gebeten, "sich das gute Werk eines schlechten Künstlers oder das schlechte Werk eines guten Künstlers vorzunehmen", schreiben Julia Voss und Rose-Maria Gropp im Editorial. Den Anfang macht Daniel Birnbaum, Direktor des Moderna Museet in Stockholm, der sich mit Nils Dardels "Träume und Phantasien 1" (1922) dem "guten Bild eines schlechten Künstlers".

Besprochen werden die Ausstellung "El Siglo de Oro" in der Gemälde­galerie in Berlin (taz, mehr dazu hier), die Ausstellung "Das Kapital. Schuld - Territorium - Utopie" im Hamburger Bahnhof in Berlin (Berliner Zeitung, mehr dazu im gestrigen Efeu), die Ausstellung "Deutsche Kunst seit 1960" im Lettischen Nationalmuseum in Riga (Tagesspiegel), die Ausstellung "daHEIM: Einsichten in flüchtige Leben" im Museum für Europäische Kulturen in Berlin (Tagesspiegel), Thomas Struths Ausstellung "Nature & Politics" im Martin-Gropius-Bau in Berlin (SZ), die Ausstellung "Inventarisierung der Macht" im Haus am Kleistpark in Berlin (FAZ) und Juergen Tellers "Enjoy your Life!" in der Bundeskunsthalle in Bonn (FAZ).
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Architektur

In der SZ staunt Till Briegleb über die Menge an "qualitätsvollen Studentenwohnheimen, die gerade überall aus den Baugruben emporwachsen." Darunter etwa das (von einer Stiftung dem Land geschenkten) Campus House im dänischen Odense, für das Büro C.F. Möller verantwortlich zeichnet und in dem die Studenten für verhältnismäßig günstiges Geld in den Genuss architektonisch durchgestalteter Apartments kommen. (Bild: C.F. Möller: Studentenwohnheim der Süddänischen Universität Odense.)
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Stichwörter: C.F. Möller, Odense

Literatur

Für den Freitag lässt Hans Hütt den Bachmann-Wettbewerb Revue passieren. Unter den Texten findet er einige, die mehr Aufmerksamkeit verdienen (etwa die von Tomer Gardi, Selim Özdogan, Sylvie Schenk, Isabelle Lehn und Marko Dinić - hier alle Texte im Überblick), mitunter sehr enttäuschend fällt in seinen Augen allerdings die Jury aus: "Die guten Texte des diesjährigen Klagenfurt-Bewerbs illustrieren, wie reversibel das Wirkliche wird, wenn das Erzählen an Fahrt aufnimmt. Das geschieht nicht mit dem Holzhammer, eher als diskretes Abrücken von der Wirklichkeit, ihrer verharzten Sprache und Konventionen. Nicht alle Juroren können damit Schritt halten. Das ist schade. Das Risiko des Erzählens hat es verdient, kritische Resonanz zu finden, die das Risiko nicht scheut, sich den Wagnissen der Texte zu stellen."

Jürgen Kaube von der FAZ freut sich über die Gewinnerin, zumal sie von seiner Kollegin Sandra Kegel für Klagenfurt entdeckt wurde: "Trotz aller Verzweiflung in Verlagen, was zu drucken sei, trotz aller Dichte an Literaturfestivals, Scouts und Agenturen gibt es jedenfalls noch Literatur, die man finden muss, weil sie selbst kaum weiß, dass sie gesucht wird." Mehr zu Klagenfurt in unserem gestrigen Überblick, sowie auf Lit21, unserem Metablog zum literarischen Leben im Netz.

In der NZZ lobt Andreas Breitenstein, scheinbar angeregt von der erhebenden Erfahrung, selbst in poetischen Tönen das diesjährige Literaturfestival in Leukerbad. Auf verschiedenste Weise sei hier der "Anfang vom Ende" des westlichen Modells literarisch behandelt worden und das nicht umsonst. Julia Kissina habe mit ihrer Wendung "Diagnose: Verdacht auf Poesie" den Nagel auf den Kopf getroffen: "Sie besagt nichts anderes, als dass Literatur als System poetisch-negativer Welterkenntnis einen Schritt zur Wahrheit und damit zur Heilung und Rettung des Realen darstellt."

Weiteres: Gregor Dotzauer liest für den Tagesspiegel neue Ausgaben der Literaturzeitschriften Randnummer (hier) und Metamorphosen (dort). Auf SWR2 diskutieren Katja Lange-Müller, Joachim Netz und Peter Wawerzinek darüber, ob Stadtschreiberrollen für die Literatur förderlich sind. Für die FAZ begleitet Katharina Laszlo den Reise-Omnibus des Literaturnetzwerks CROWD, der Autoren aus ganz Europa zu internationalen Lesungen bugsiert (mehr dazu hier).

Besprochen werden Julian Maclaren-Ross' im Original bereits 1947 erschienener, jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vorliegender Roman "Von Liebe und Hunger" (Tagesspiegel, FAZ), Jean Hatzfelds "Plötzlich umgab uns Stille: Das Leben des Englebert Munymbonwa" (Tagesspiegel), Ilija Trojanows "Meine Olym­piade" (taz) und John Darnielles "Wolf in White Van" (SZ).
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Design


Pierre Paulin: Sessel No. 577, 1967. Centre Pompidou. Foto: Bertrand Prévost, SAIF.

In der FAZ schreibt Niklas Maak über den französischen Designer Pierre Paulin, dem das Centre Pompidou eine große Ausstellung widmet. Insbesondere Paulins Umdeutungen des Sitzens üben einen enormen Reiz auf den Kritiker aus: "Die Übergänge zwischen Sitzen und Liegen, Sofa und Bett wurden so fließend, dass man nur noch von Sitzlandschaften sprechen konnte. Der Umbruch vom calvinistisch verklemmten Wiederaufbauklima zum Hedonismus der ersten Wirtschaftswunderwelt bildet sich geradezu überdeutlich in den Unterschieden zwischen den Traumsofas der fünfziger und denen der sechziger und siebziger Jahre ab. Paulins superweiche Quell- und Lungerwelten, die ihre Insassen in ein sofortiges Komfortkoma versetzen und nur mit schrillsten Signalfarben wach halten konnten, waren Teil einer der größten ästhetischen Selbstneuerfindungen Frankreichs."

Vor 70 Jahren hat Louis Réard der Öffentlichkeit den Bikini präsentiert. Für Gerhard Matzig Anlass zur Süffisanz. In der SZ erklärt er, was den Bikini mit der gotischen Kathedrale eint: "Beide Architekturen verdanken sich moderner Tragwerkslehre: der Leichtbauweise. Bei der gotischen Kathedrale geht es darum, die Wandflächen und Gewölbemassen auf ein Minimum zu reduzieren, um möglichst viel Göttliches, zum Beispiel Sonne, hinein zu lassen. Dies zur Feier der Schöpfung. Beim Bikini geht es darum, die Stoffmassen zur Bedeckung der Gewölbe auf ein Minimum zu reduzieren, um möglichst viel Göttliches, zum Beispiel sonnenbraune Haut, hinaus zu lassen. Dies zur Feier wenn nicht der Schöpfung, so doch ihrer Geschöpfe, die nicht mehr im Paradies, bisweilen aber im Freibad leben."
Archiv: Design