Efeu - Die Kulturrundschau

Was all die Tiere da tun

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09.05.2016. Cargo erlebt auf den Kurzfilmtagen Oberhausen die atembraubende Schönheit der Filme Sun Xuns. Zeit Online bedauert das Ende der Anwaltsserie "The Good Wife". In der NZZ glaubt Martin Dean, dass Virtual Reality-Brillen die Literatur ebenso durchrütteln könnten wie die Kutschfahrten der Madame Bovary. Die SZ lernt, den griechischen Mythos im Ritus zu erfahren. Die FAZ erkundet die Ästhetik sozialistischen Bauens. Und Pitchfork schwebt mit Cluster im Himmel elekrtonischer Musik.

Film


Filmstill aus Sun Xuns "Magician Party and Dead Crow", China, 2013

Für Cargo hat Ekkehard Knörer die Kurzfilmtage in Oberhausen besucht. Ganz in den Bann gezogen haben ihn die Filme des chinesischen Künstlers Sun Xun, denen das Festival mit einer Retrospektive besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat. "Alles vibriert - die Schrift, die Tuschezeichnungen, die Hintergründe. Es gibt keinen Stillstand. ... Ich weiß nicht, was all die Tiere da tun, Moskitos, Schweine, ein Löwe, der als weißer Fleck einmal majestätisch durch das Bild marschiert. Überhaupt Flecken, wachsende, schrumpfende, anderes, dann wieder sich selbst verschlingende Flecken, hell oder schwarz, Tusche, oft sieht das aus wie in ganz klassischer chinesischer Kalligrafie, oft kann ich gar nichts anderes als sehen und denken und still sagen: Mein Gott, ist das schön." Sehr schön ist auch dieses Video, das einen Blick über die Schulter des Filmemachers gestattet:



Auf ZeitOnline trauert Laura Ewert um die nach sieben Staffeln abgeschlossene Anwaltsserie "The Good Wife": "Ehrlich gesagt, 'Homeland' ist eindimensionaler Mist dagegen. Vielleicht liegt es daran, dass The Good Wife - oha - feministisch ist. Oder daran, dass sie seit 2009 in den USA auf CBS und nicht auf HBO läuft. CBS ist eher Mittelschichtsfernsehen, mit denen der Opinionleader nix zu tun haben will. Selbst schuld." Auf Slate.fr sieht das Sophie Gindensperger ähnlich: In keiner Serie wurde das Internet intelligenter behandelt als hier. Auf SpiegelOnline setzt Frédéric Jaeger in den traurigen Abgesang mit ein.

Weiteres: Geri Krebs trifft den Schweizer Filmemacher Felix Tisse, der gerade das Raodmovie "Welcome to Iceland" gedreht hat. Für die Berliner Zeitung spricht Christina Bylow ausführlich mit Katja Riemann unter anderem über deren neuen Film, die auf Sarah Kuttners gleichnamigem Bestseller basierende Depressionskomödie "Mängelexemplar". Im Guardian schreibt Michael Newton über den Wandel des Westernhelden im Laufe der Zeit. In der FAZ gratuliert Gina Thomas David Attenborough zum Neunzigsten.

Besprochen werden Yorgos Lanthimos' am Kino vorbei auf DVD veröffentlichte Satire "The Lobster" (SZ, hier unsere Kritik) und Ulrike Ottingers "Chamissos Schatten" (FAZ).
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Literatur

Noch wird einem von den neuen Virtual-Reality-Brillen übel, in der NZZ erinnert der Schriftsteller Martin Dean jedoch daran, wie in der Vergangenheit veränderte Raumerfahrungen die Literatur beflügelt haben: "Mit der Entgrenzung des Raumes und der Instabilität des Zeitgefühls der Romanhelden nimmt die poetische Fiktion die neuen Erfahrungsmuster auf. Eichendorff schreibt: 'Diese Dampffahrten rütteln die Welt, die eigentlich nur noch aus Bahnhöfen besteht, unermüdlich durcheinander wie ein Kaleidoskop...' Flaubert, der das panoramatische Erleben sozusagen avant la lettre mit der Kutschenfahrt der Madame Bovary parodiert hatte, passte seine Sehweise schnell dem neuen Gefährt an und langweilte sich, wie er schrieb, als Zugreisender unsäglich."

Besprochen werden Boualem Sansals "2084 - Das Ende der Welt" (online nachgereicht von der FAZ), Andy Martins "Reacher Said Nothing" über den Thrillerautor Lee Child (FAZ) und Sally McGranes "Moskau um Mitternacht" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Mathias Mayer über Johann Gottlieb Fichtes "Petrarka's 63stes Sonett nach Laura's Tode":

"Sie tritt mir vor's Gemüth (vielmehr ist drinne,
Daß Lethe nicht vermag sie wegzuheben)
Wie von den Strahlen ihres Sterns umgeben,
..."
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Architektur


Battenberg Platz in Sofia mit dem Dimitroff-Mausoleum in den sechziger Jahren. Foto: Szent-Tamási Mihály, fortepan.hu

Eine neue Generation osteuropäischer Architekten wendet sich mit neuem Interesse der Ästhetik der sozialistischen Baumoderne zu, erklärt Mark Siemons in der FAZ nach dem Besuch einer Berliner Konferenz des Netzwerks "Translations of Modernism" (kurz: "Transmodern"). Ziel des Netzwerks ist es, die verfemten Gebäude und deren Ästhetik "als spezielle Eigenheit ihrer gemeinsamen Kultur wieder in die internationale Diskussion zu bringen". Ihnen gehe es im Gegensatz zu Altkommunisten "nicht um eine ideologische Verteidigungshaltung, geschweige denn um Nostalgie, sondern um eine Einbeziehung in den größeren Traditionszusammenhang der Moderne. Ausgangspunkt war der Leerstand vieler Gebäude aus den Jahrzehnten vor 1989 und die pragmatische Frage, welche Rolle diese Gebäude in den Städten der Zukunft spielen können. Doch daraus entwickelte sich bald der Anspruch auf ein umfassenderes ästhetisches Umdenken."

Außerdem ein Hinweis auf Misplaced New York, eine schöne (auch schön aufbereitete) Online-Fotogalerie von Anton Repponen und Jon Earle, die berühmte New Yorker Gebäude in desolate Umgebungen versetzt.
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Kunst


Athene die Kopftgeburt in einem der Kontextpanoramen der Ausstellung im Liebieghaus.

"Originell und aufregend" findet Johan Schloemann in der SZ die Schau "Athen - Triumph der Bilder" im Frankfurter Liebieghaus. Dass die Ausstellung nicht zum Statuenkonvolut geraten sei, sondern klar nach Vorbild des Athener Kalenders strukturiert, freut den Kritiker: "Mal treffen sich Frauen zum Phallus-Kult, mal Männer zum Nackttanz; mal sind Drama-Festspiele ..., mal werden 500 Schafe geschlachtet aus Dankbarkeit für den Sieg bei Marathon. So versteht man hier leibhaftig: Der Mythos wird zyklisch im Ritus erfahren. Und es löst sich auch die Frage auf: Sind antike Statuen Erzählungen oder Symbole, Stilisierungen? In der vielschichtigen, idealisierenden Ästhetik der Klassik sind sie natürlich beides. Ebenso wenig schließen sich religiöse und politische Funktionen der Kunst aus."

Weiteres: Die Zeit hat Elisabeth von Thaddens Bericht über ihren Besuch der Ausstellung "Reset Modernity!" im ZKM Karlsruhe online nachgereicht.

Besprochen werden Lisa Vreelands Dokumentarfilm über die Sammlerin Peggy Guggenheim (Tagesspiegel, taz), die Ausstellung "Conceptual Art in Britain" in der Tate Britain (The Quietus), Robert Crumbs Ausstellung "Art & Beauty" in der David Zwirner Galerie in London (The Quietus), Thé Tjong-Khings Bilderbuch "Hieronymus - Ein Abenteuer in der Welt des Hieronymus Bosch" (taz) und Biografien über den Zeichner Franz Marc (SZ).
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Musik


Einflussreiche Dynamik: Roedelius und Moebius beim Beeinflussen der elektronischen Musik (Bild: Bureau B)

Nachdem die Diskografie des Krautrockprojekts Harmonia vor kurzem in einer umfangreichen Box veröffentlicht wurde, liegt nun auch das Werk der mit Harmonia verbandelten Band Cluster von Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius in einer großen Sammlung vor. Längst überfällig, meint Andy Beta auf Pitchfork: "Mit dieser Zusammenstellung lässt sich Clusters wie ein Himmelsfirmament, das von den Ursprüngen elektronischer Experimente bis zum Aufstieg von New Age und synthetischer Popmusik reicht, endlich im vollen Maße nachvollziehen ... Auch wenn Kraftwerk ganz ohne Zweifel auf Jahrzehnte hin das elektronische Paradigma für viele Genres gesetzt haben, erwies sich auch die Dynamik zwischen Roedelius und Moebius als einflussreich. Sie stellten damit unter Beweis, was für eine Klangwelt - expansiv und doch effizient zugleich - zwei Individuen schaffen konnten und nährten damit die meisten elektronischen Musikgruppen seitdem, von den Chemical Brothers und Orb bis zu Daft Punk und jedem beliebigem B2B DJ-Set." Weitere Besprechungen auf The Quietus und Popmatters.

In Lissabon hat Axl Rose, wegen gebrochenen Fußes nur sitzend von einem Thron, seine erste Show als neuer Live-Frontmann von AC/DC absolviert (hier ein Ausschnitt). Den Job hat er gut gemacht, schreibt Juliane Liebert in der SZ: Wie Rose da thronte, war er "keine Kröte, die sich in einen Prinz verwandelt, er ist einfach ein hocheffizientes Ungetüm mit großem Stimmumfang in einem Rollstuhl. Im sattsam bekannten AC/DC-Universum sorgt er für Überraschung und Magie." Online bringt die SZ eine Kurzversion der Besprechung.

Weiteres: Maurice Summen resümiert in der Berliner Zeitung das X-Jazz-Festival in Berlin. Im Tagesspiegel porträtiert Andreas Hartmann die israelische Sängerin Ofri Brin.

Besprochen werden das neue Album "Hopelessness" von Anohni (Zeit, mehr hier und hier), ein Konzert von Edita Gruberová (Tagesspiegel), das neue Album von James Blake (Nadine Lange staunt im Tagesspiegel über dessen "Klarheit und Schönheit"), Berliner Auftritte von Adele (Berliner Zeitung, SZ, FAZ), und Iggy Pop (Tagesspiegel, taz, Berliner Zeitung) sowie ein Buch über die Geschichte des legendären Berliner Punkclubs SO36 (SZ, Jungle World).
Archiv: Musik

Bühne

In Berlin hat das Theatertreffen begonnen. Karin Beiers Eröffnungsstück "Schiff der Träume" hält Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel hält für "eine schlechte Maxim-Gorki-Theater-Kopie". Auch Dirk Pilz von der Berliner Zeitung sieht in der prominenten Position des Stücks in erster Linie ein politisches Statement: "Es ist wichtig, dass sich das Theater mit Flüchtlingen befasst. Ja. Aber so? 'Schiff der Träume' ist zwar bühnenmittelmäßig ganz trendig auf der richtigen modischen Seite, tut aber so, als sei das Ausstellen von Dilemmata schon eine politische Antwort auf die gegenwärtige Gemengelage. Die Flüchtlingsfrage als ästhetische Auslegeware wohlfeiler Widersprüche. Meine Güte." Für die taz bespricht Katrin Bettina Müller die Inszenierung deutlich wohlwollender. Bei 3sat kann man die Aufführung von Daniela Löffners "Väter und Söhne" online sehen. Weitere Besprechungen bei der Nachtkritik und im Theatertreffen-Blog.

Weiteres: In der Welt berichtet Hanna Lühmann vom Desintegrationskongress am Maxim-Gorki-Theater, den Hausautorin Sasha Marianna mit dem Lyriker Max Czollek initiierte: "Man kann sich Kippas aufsetzen, auf denen steht: 'Werden Sie Teil des Problems!'" Für ZeitOnline trifft sich Christina Fleischmann mit der Burgschauspielerin Stefanie Reinsperger. Alfred Schlienger berichtet in der NZZ von den Proben zum Musik- und Tanzprojekts "Melancholia" am Theater Basel unter der Leitung von Andrea Marcon.

Besprochen werden Michael Thalheimers "Wallenstein"-Inszenierung in Berlin (SZ, taz, mehr hier), Nicola Hümpels Stuttgarter Inszenierung von Philippe Boesmans' Schnitzler-Adaption "Reigen" (SZ), Sigrid T'Hoofts bei den Internationalen Händel Festspielen in Göttingen gezeigte "Imeneo"-Inszenierung (NMZ), Giacomo Puccinis "Das Mädchen aus dem goldenen Westen" an der Mailänder Scala (FAZ), Robert Borgmanns Stuttgarter Inszenierung von Arthur Millers Bühnenklassiker "Tod eines Handlungsreisenden" (Nachtkritik) und der story-telling-Abend "Zawaya. Zeugnisse der Revolution" der Kairoer Compagnie El Warsha in Recklinghausen (Nachtkritik).
Archiv: Bühne