9punkt - Die Debattenrundschau

Extrem starke Autorenmarke

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.05.2016. In der SZ veröffentlicht der Whistleblower hinter den "Panama Papers" ein Manifest, das auch die Medien kritisiert. Im Boersenblatt.net erklärt Bastei-Lübbe-Vorstand Klaus Kluge, warum er für den neuen Ken Follett gern 44 Euro hätte, auch wenn er über Buchpreise nicht diskutieren will. Warum setzen sich die Kämpferinnen für das Recht aufs Kopftuch nicht auch für das Recht ein, das Kopftuch nicht zu tragen, fragt Güner Yasemin Balci in der taz. Huffpo.fr erklärt, warum eigentlich heute des Kriegsendes gedacht werden müsste.

Ideen

Heuchelei konstatiert Güner Yasemin Balci in der taz bei jenen, die das Recht aufs Koptuch einklagen: "Jeder Mensch in Deutschland hat das Recht, ein Kopftuch zu tragen. Und jeder Mensch hat in Deutschland das Recht, kein Kopftuch zu tragen. Weil sich für Letzteres bisher keine einzige muslimische Interessenvertretung eingesetzt hat, bleiben das Tuch und die damit verbundenen Regeln für 'züchtige' Frauen ein Thema des Anstoßes. Die politische Dimension der Verschleierung geht sehr viel weiter als die bedauerlichen Diskriminierungserfahrungen einzelner Kopftuchträgerinnen. Letztere sind Nebeneffekte einer scheinheiligen Debatte, die versäumt, über Menschenrechtsverletzungen zu sprechen, die auch in Deutschland täglich stattfinden, wenn Mädchen durch Kleidung und Verhaltensregeln in ihrer Freiheit eingeschränkt werden."
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Geschichte

Eigentlich müsste die Welt am 7. Mai des Kriegsendes gedenken. Denn an diesem Tag unterzeichnete der Oberbefehlshaber der Wehrmacht, General Jodl, in Reims die Kapitulation, erzählt Matthieu Balu in Huffpo.fr. Stalin war sauer und ließ die Zeremonie in Berlin am 8. Mai wiederholen. Da es aber schon elf Uhr abends war, war in Moskau bereits der 9. Mai angebrochen. Und noch einer war sauer: "Von französischer Seite beharrte De Gaulle darauf, dass der 8. Mai im kollektiven Gedächtnis bleibt. Der Chef der France Libre war nämlich ebenfalls nicht in die Zeremonie des 7. Mai einbezogen worden: Darum stellte er sicher, dass Général de Lattre de Tassigny zumindest bei der Berliner Zeremonie zugegen war."
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Stichwörter: Zweiter Weltkrieg

Kulturmarkt

(Via turi2) Bastei-Lübbe-Vorstand Klaus Kluge will zwar im Interview mit Sabine Schwitert von boersenblatt.net "keine Preisdiskussion", aber generell die Preise von Büchern erhöhen will er schon: "Sollten uns die Studien bestätigen, dass die extrem starke Autorenmarke Ken Follett den höheren Preis möglich macht, kann es sein, dass wir uns tatsächlich auf 44 Euro verständigen. Wichtig ist in diesem Fall, dass der Handel das mitträgt. Der Kunde darf sich natürlich nicht übervorteilt fühlen. Die Frage ist: Wie viele Kunden haben im Kopf, dass der letzte Roman von Ken Follett 29,99 Euro gekostet hat, und wäre das ein zu großer Sprung?"
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Archiv: Kulturmarkt
Stichwörter: Buchpreise

Kulturpolitik

Die Berliner Bevölkerung wird in den nächsten Jahren auf vier Millionen wachsen, schreibt Alan Posener bei starke-meinungen.de. Städtebaulich aber herrscht Verzagtheit: "Der Wunsch, Traufhöhen und Biotope zu erhalten, hat paradoxerweise dazu geführt, dass im Verdrängungswettbewerb ganze Stadtteile ihr Gesicht verändert haben. 'Neukölln ist überall'? Von wegen! Neukölln sieht täglich mehr aus wie Prenzlauer Berg. Wir haben keine Banlieues? Bald schon. Berlin muss jährlich 15.000 bis 20.000 Wohnungen bauen, Flüchtlingsunterkünfte nicht eingerechnet."

Medien

In der Süddeutschen veröffentlicht John Doe (Pseudonym), der Informant hinter den "Panama papers", ein Manifest, in dem er neben Regierungen auch die Medien atttackiert: "Neben der Süddeutschen Zeitung und dem ICIJ hatten, entgegen anderslautenden Behauptungen, auch Redakteure großer Medien Dokumente aus den Panama Papers vorliegen - und entschieden, nicht darüber zu berichten. Die traurige Wahrheit ist, dass einige der prominentesten und fähigsten Medienorganisationen der Welt nicht daran interessiert waren, über diese Geschichte zu berichten."

Die Journalisten Can Dündar und Erdem Gül der türkischen Zeitung Cumhuriyet sind zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, meldet unter anderem Zeit online mit Agenturen. Noch müssen sie nicht ins Gefängnis, da sie in Berufung gehen. "Kurz vor der Urteilsverkündung hatte ein Täter vor dem Gerichtsgebäude ein Attentat auf Dündar verübt. Der Attentäter gab mehrere Schüsse ab, Dündar blieb aber unverletzt und wurde zurück in das Gerichtsgebäude gebracht. Dündar sagte, der Mann habe aus nächster Nähe geschrien: 'Du bist ein Vaterlandsverräter.'"

Die Personalratsvorsitzenden der öffentlich-rechtlichen Sender sind nicht zufrieden, dass ihnen die Gebührenkommission Kef den Rundfunkbeitrag nur ganz vorläufig um 30 Cent kürzt, bis er wieder deutlich erhöht wird, und beschweren sich bei der Politik. Michael Hanfeld kann in der FAZ diese Gier nicht fassen: "Einen Gesamtfinanzbedarf von 38,5 Milliarden Euro haben die Sender für die Jahre 2017 bis 2020 angemeldet, davon hat die Kef nur eine Milliarde abgezogen. Die Sender dürfen zudem die bislang auf einem Sperrkonto liegenden 1,6 Milliarden Euro, die der Rundfunkbeitrag seit 2013 an Mehreinnahmen gebracht hat, konsumieren. Und sie erzielen, wie die Kef vorgerechnet hat, in den nächsten vier Jahren obendrauf noch einen Überschuss von 542 Millionen Euro."
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Europa

In der NZZ warnt der Literaturwissenschafter Roland Reuß hochbesorgt vor der geplanten Wissenschafts-Cloud der EU. Die Warnschilder "Zwangsvergemeinschaftungen", "technokratische Zentralisierung", "Zensurproblem" gehen hoch. Für letzteres sind unsere Politiker ja berüchtigt: "Man stelle sich nur für diesen historischen Moment einen bereits existenten zentralen europäischen Server-Verbund, eine niedliche EU-'Wolke', ohne analoges Back-up vor und konfrontiere diese Vorstellung mit einem politischen Löschbegehren in Bezug auf alle historischen Daten, die man über die Zeichenketten 'Türkei' und 'Völkermord' und 'Armenien' erreichen kann."

Dass die EU Informationen nicht löschen, sondern Zugang für viele Wissenschaftler überhaupt erst ermöglichen will, erfährt man bei Heise aus dieser kurzen Meldung über die Wissenschafts-Cloud: "Wissenschaftler in Europa sollen nach Plänen der EU-Kommission viele ihrer Daten für alle über das Internet zugänglich machen. Derzeit stünden Informationen, die mit Hilfe von Steuergeldern entstanden sind, teils nicht einmal anderen Wissenschaftlern zur Verfügung, beklagte der für den digitalen Binnenmarkt zuständige Vizepräsident der EU-Kommission Andrus Ansip."

Schönrednern, die der heutigen FPÖ nachsagen, in der "Mitte der Gesellschaft" angekommen zu sein, redet Karl-Markus Gauß in der FAZ ins Gewissen: "Nicht die FPÖ hat sich der Mitte angenähert, sondern Abertausende Menschen sind nach und nach so weit nach rechts gewandert, bis sie bei der FPÖ angekommen sind, aus mancherlei Gründen, von denen das Versagen der einstigen beiden Großparteien wohl der wichtigste ist."
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Urheberrecht

Irights.info beschäftigt sich in einem ganzen Dossier mit Urheberrechtsfragen im Internet, etwa mit "Meme", die auf Bildern beruhen. Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich meint, dass sie rechtlich am ehesten unter den Begriff der Parodien fallen. Tückisch bleibt das Thema dennoch, erläutert Rike Maier: "Parodien müssen .. nur an ein bestehendes Werk erinnern, während sie gleichzeitig wahrnehmbare Unterschiede dazu aufweisen und einen 'Ausdruck von Humor oder eine Verspottung' darstellen. Das könnte auf den ersten Blick auf ziemlich viele Meme zutreffen. Doch auch der EuGH macht eine große Einschränkung: Es bedarf einer nachgelagerten Abwägung zwischen der Meinungsfreiheit des Parodisten und den Rechten und sonstigen Interessen des Rechteinhabers." Na dann viel Spaß beim Spontansein im Netz!
Archiv: Urheberrecht