9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Lutscher, ein Eis, ein Schaschlik

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.05.2015. In der Zeit erschauert Swetlana Alexijewitsch von dem Kult des Krieges in Russland. Die Welt gönnt sich darauf einen Putin. Im Merkur-Blog ruft Tobias Haberkorn den Religions-Weltbürgerkrieg aus. Die taz sucht nach einer feministischen Position im Kopftuchstreit. Die SZ entdeckt eine geradezu Pegida-hafte Kleinmut bei Berliner Studenten. Und laut turi2 werden jetzt die großen Rifts im Big Valley sichtbar: Während FAZ und Zeit mit Google kooperieren, setzen Spiegel und Bild auf Facebook.

Politik

"Russlands Krieg gegen den Westen hat begonnen", schreibt die Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch in der Zeit und verzweifelt an der Kultur des Krieges in ihrem Land, die Putin nährt mit seinen protzigen Militärparaden und heimlichen Waffengängen. "25 Jahre lang lebten wir mit der Hoffnung, Russland würde ein besseres Land werden, doch das ist nicht geschehen. Russland lebt in einem Revanchismus-Wahn. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage ergab: Wenn Putin jetzt erneut bei Präsidentschaftswahlen kandidierte, bekäme er 80 Prozent. Russland ist Putin, ohne Putin kein Russland. Das glauben viele. Alle besinnen sich darauf, dass wir Menschen des Krieges sind, weil wir nie etwas anderes kannten. Immer haben wir entweder in einem Krieg gekämpft oder uns auf einen Krieg vorbereitet. Bei uns herrscht ein Kult des Krieges."

Jacques Schuster sieht durch den jetzt in Moskau veröffentlichten Bericht von Boris Nemzows zwar bestätitgt, dass russische Soldaten in der Ukraine kämpfen, glaubt in der Welt aber nicht, dass dies Putin schaden könnte: "Mittlerweile ist nach ihm nicht nur ein Wodka, ein Milchshake, ein Lutscher, ein Eis, ein Schaschlik und eine frostresistente Tomate benannt, sondern auch die Jugend ist von ihm begeistert. Und das nicht trotz, sondern wegen seines Gebarens in der Ukraine."

Ulf Poschardt fantasiert in der Welt von einem Wahlsieg der SPD bei der Bundestagswahl 2017 - mit Steinmeier, dem FDP-Start-up und einigen grünen "Radikalpragmatikern".
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Ideen

Im Merkur-Blog verortet Tobias Haberkorn die Charlie-Debatte in einem "Religions-Weltbürgerkrieg" und schreibt: "Unabhängig von moralisch/ästhetischen Prinzipienfragen würde ich deshalb anspruchsvoll mit Charlie umgehen und sagen: Die redaktionelle Mohammed-Linie war hinsichtlich ihrer Wirkung nicht nur unsensibel und unvorsichtig, sie war schlicht "dumm", weil sie die innerfranzösischen Identitätsfronten verhärtete und im globalen Kontext Öl ins Feuer goss. Andrew Hussey sagt dazu bereits am 7. Januar das Wesentliche. Wer heute noch mit der mental furniture der Pariser 1970er durch die Welt publiziert, hat irgendeinen Anschluss verpasst."

Christian Demand hat auf den Artikel bereits mit einem Kommentar geantwortet: "Wer im Namen der Pluralität die Karikaturen von Charlie Hebdo zum feindlichen Akt in einem "Religions-Weltbürgerkrieg" erklärt, den man klugerweise hätte unterlassen sollen, setzt "militanten" Atheismus und realen Terror nicht nur kategorial gleich."

Zum Tod des Philosophen Odo Marquard erinnert Mladen Gladic in der Welt an seine Idee der Postphilosophie: ""Inkompetenzkompensationskompetenz" - mit diesem dreiköpfigen Wortungeheuer sollte von nun an ausgedrückt werden, was die Zuständigkeit der Philosophie zu sein habe: Eigentlich für nichts mehr zuständig und auch nirgendwo richtig bewandert, galt ihm: "Philosophie ist, wenn man trotzdem denkt.""

Und in der FAZ verabschiedet sich Lorenz Jäger vom "philosophischen Essayisten" Marquard.
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Gesellschaft

Für Charlotte Wiedemann in der taz ist der Kopftuchstreit nach dem Kampf um die Abtreibung die zweite Marathon-Debatte, die ausschließlich um weibliches Verhalten geführt. Und auch hier sieht sie in der Selbstbestimmung den zentralen Punkt: "Uns, den säkularen weißen Mittelschichtsfrauen, steht ein Besitzanspruch auf Emanzipation deshalb nicht zu. Auch nicht die Arroganz, Frauen mit einem muslimisch geprägten Lebensstil "Unterwerfung" nachzusagen. Es soll Feministinnen geben, die 18 Ehejahre lang akzeptiert haben, dass Männer genetisch unfähig sind, Kindersocken im Kleiderschrank zu finden. Muslimische Frauen gehen, ebenso wie andere, Wege und Irrwege, und manchmal ist beides erst im Nachhinein auseinanderzuhalten."

Beim Aufstand 2011 in Ägypten haben die Fußball-Fans eine wichtige Rolle gespielt, vor allem bei den Kämpfen gegen die Polizei. In der taz unterhält sich Christopher Resch mit dem Journalisten James Dorsey über die Bedeutung der Fanclubs für die Rebellionen in Nordafrika: "Fußball war hier immer ein entscheidender Faktor, für den Aufbau von Nationen und Regimes und für ihr Überleben. Aber eben auch als eine Arena, in der um persönliche Rechte und politische Kontrolle gekämpft wurde. Gesellschaftliche Tabus, wie die Kritik an der Regierung, werden zuerst hier gebrochen. Es gibt zwei Orte, die die Regierung nicht vollständig kontrollieren kann: die Moschee und das Stadion. In der Moschee können die Herrscher immerhin bestimmen, wer auf die Kanzel steigt und predigt. In den Stadien ist das nicht so einfach."

Mit Entsetzen berichtet Melanie Mühl in der FAZ von der Situation Taubblinder in Deutschland.
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Internet

In der SZ ärgert sich Jens Bisky über das anonyme Studentenblog "Münkler-Watch" gegen den Politologen Herfried Münkler von der Humboldt-Universtität: "Die Blogger wollen unsichtbar bleiben. Das passt zur Logik asymmetrischer Kämpfe: mit minimalem eigenen Einsatz maximale Effekte erreichen. In einem Gespräch mit der Jungen Welt begründet "Caro Meyer" die Anonymität mit der Sorge um die Karriere: "Mit postadoleszenter Revoluzzerei wollen wir unsere Jobchancen nicht zusätzlich schmälern." Das widerspricht der Idee der Universität, die ein Raum herrschaftsfreier Kommunikation sein soll, in dem allein das bessere Argument zu gelten habe. Es widerspricht auch der bundesrepublikanischen Erfahrung, dass die schärfsten Revoluzzer später Minister werden. In diesem Auftreten mischen sich Aggressivität und Kleinmut auf eine geradezu Pegida-hafte Weise."

Im Freitag kommt Michael Angele noch einmal auf Ijoma Mangolds Facebook-Hymne zurück und führt aus, was er dort auch schon eingewandt hatte: "Ijoma Mangold hat nun sehr schön die gute, diskursive, gleichsam Habermas'sche Seite von Facebook gezeigt. Aber wäre jetzt nicht mal Bourdieu fällig? Wie bilden wir, die Publizistenelite, unser symbolisches Kapital auf FB? Was sind die Praktiken (strategisches Liken und Sharen, Allianzenbildung, Einsatz von Privatkapital (Bilder von Kindern, Anwesen)) etc. etc. Könnte wahlweise als Analyse oder als Satire geschrieben werden!" Daran schließt er noch eine kleine Typologie des Facebook-Publizisten: den Witzlosen, den Snob, den Vermittler, den Zauderer oder den Debattencholeriker....
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Kulturpolitik

In der Nachtkritik vermutet Dirk Pilz, dass dem Berliner Kultursenator Tim Renner der Theaterstreit um Namen und Posten gerade ganz recht kommt, dann merkt nämlich niemand, wie er gerade mit seiner Strategie "Call for ideas" die Kultur der Hauptstadt in den Dienst von Politik und Marketing nimmt: "Die Kulturpolitik verlangt von Künstlern Ideen, die unmittelbaren Mehrwert haben, und zwar einen Mehrwert für Kultur- und andere Einrichtungen gleichermaßen. Das ist die neue Kulturpolitik. Sie setzt nicht nur Künstler und Kultureinrichtungen gleich, arbeitet also an einer Institutionalisierung der Künstler im Namen "neuer Perspektiven", was bekanntlich immer bedeutet, die Kunst qua Institution kontrollieren, wenn nicht abschaffen, nämlich zu Kulturprodukten umwidmen zu wollen."
Stichwörter: Tim Renner

Geschichte

Matthias Hannemann staunt in der FAZ nach der Lektüre der nun editierten Kriegstagebücher Astrid Lindgrens nicht schlecht. Im neutralen Schweden wusste man über die NS-Verbrechen mehr als die angeblich so ahnungslosen Deutschen: "Im Herbst 1942 schrieb sie, dass die Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder von Norwegen nach Polen "einen sicheren Tod" bedeutete, und je mehr Flüchtlinge nach Schweden gelangten, umso schlimmere Geschichten kursierten. Von den Vernichtungslagern schreibt sie nichts. Aber man musste wohl keine Details aus den Todesfabriken kennen (...), um die Dimension der deutschen Verbrechen zu erahnen. Was in den Zeitungen stand, reichte aus."

Florian Hassel hat in der SZ nach dem Historiker-Kongress in Danzig Zweifel, ob das Verhältnis zwischen Polen und Russland noch zu reparieren ist.
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Medien

turi2 meldet, dass nach der NY Times auch Bild und Spiegel ganze Artikel komplett an Facebook geben wollen: "Der Köder, mit dem Facebook die beiden deutschen Verlage für sein Programm Instant Articles wohl gefangen hat, schmeckt an zwei Stellen besonders gut: Die Werbung im Umfeld der Artikel dürfen die Verlage selbst vermarkten - und die Verlage sollen Nutzerdaten bekommen. Trotzdem begeben sich beide Verlage in eine tiefe Abhängigkeit von Facebook." In der FAZ hatte Online-Chef Mathias Müller von Blumencron vor einer solchen Kooperation gewarnt, bevor die FAZ ihre Zusammenarbeit mit Google bekannt gab.

Weiteres: Netzpolitik veröffentlicht Schreiben, in denen das Verteidigungsministerium beim MAD drängelte, in der Affäre Heckler & Koch Journalisten auszuspionieren. Silke Burmester erzählt in ihrer taz-Kolumne, wie sie den Israel-Reisenden der Bundeszentrale für politische Bildung auf die Nerven geht.
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