Efeu - Die Kulturrundschau

Ihr Ich und ihr Ihr, ihr Wir und ihr Anderes

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13.05.2015. Nachdem sich die Berliner Philharmoniker nicht auf einen neuen Chefdirigenten einigen konnten, sind die Zeitungen uneins, ob es sich dabei um einen Sieg oder eine Niederlage der Demokratie handelt. Die Zeit trägt bei der Biennale in Venedig die Kunst zu Grabe. Die Kritiker lassen sich von George Millers filmgewordenem Monstertruck "Mad Max: Fury Road" überrollen. Und der Tagesspiegel wirft einen letzten Blick auf Picassos "Frauen von Algier", bevor sie bis auf Weiteres im Safe eines Investors verschwinden.

Musik

Nach dem ohne Ergebnis gebliebenem Konklave der Berliner Philharmoniker, die von den internen Diskussionen nichts nach draußen dringen lassen, möchte man heute angesichts des wenigen, was man weiß, wahrlich kein Musikkritiker sein. Wolfgang Schreiber und Renate Meinhof etwa mühen sich in der SZ redlich, die vielen freigeräumten Zeilen mit einer Einschätzung zu füllen, die notgedrungen einem Blick in die Kristallkugel gleichkommt. "Vermutlich" waren Christian Thielemann und Andris Nelsons die Favoriten und es hatte einen Patt gegeben, spekulieren sie ("wer weiß", schreibt Jan Brachmann dazu lakonisch in der FAZ) und schinden ansonsten Zeilen mit lustigen Twitter-Reaktionen, Erinnerungen an frühere Wahlen und Beteuerungen, dass die zermürbende Warterei in Berlin-Dahlem bis in den späten Abend hinein keineswegs langweilig gewesen sei, um zu dem Fazit zu gelangen, dass dieser unbefriedigende Wahlgang "einen Aufschub, eine Chance" darstelle: "Die Klassikfreunde, die Medien - alle haben jetzt die Zeit, den Komplexitätsgrad der Musik und ihrer Klangwirklichkeit zu erfassen." Ein originelles Fazit aus der Situation sieht freilich anders aus.

Felix Zimmermann (taz) hangelt sich unterdessen an John Cages schweigsamem Stück "4"33" als Metapher entlang und mutmaßt, ob hier "die Basisdemokratie an ihre Grenze" stoße - und das nun ausgerechnet in der taz! Den Ängstlichsten seiner Leser versichert er aber: Die Philharmoniker "werden bis zur Entscheidung nicht schlechter spielen, sich zu Konzertabenden vereinen." Für einen Sieg der Demokratie hält wiederum Manuel Brug in der Welt das Verfahren: "Diese 128 Musiker (...) sind eben doch nur ein House of Notes, nicht Cards, wo man vergeblich einen Francis Underwood sucht, der gegebenenfalls auch über Leichen geht, um für seine Mehrheiten zu intrigieren." Peter Uehling (Berliner Zeitung) übt sich derweil in erlesenstem Pessimismus: "Die offenbare Zerrissenheit der Philharmoniker über den zukünftigen Chef ist nur Spiegelbild der Richtungslosigkeit des klassischen Musiklebens und insbesondere der Orchestermusik".

"Wussten die Musiker so wenig, was sie wollten?", fragt Christine Lemke-Matwey in der Printausgabe der Zeit noch ganz konsterniert. "Am wahrscheinlichsten dürfte sein, dass man sich über der Personalie Christian Thielemann derart die Köpfe eingeschlagen hat, dass am Ende die Unversehrtheit des Kollektivs auf dem Spiel stand." Nun entspannt Euch doch einfach mal, ruft Volker Hagedorn dem auf ZeitOnline entgegen, schließlich hänge vom Dirigenten nicht gar so viel ab, wie die Aufregungen der vergangenen Wochen suggerierten: "Auch wenn die Reaktion eines Orchesters auf den Mann oder die Frau am Pult hörbar ist und sein muss, bleibt es ein in Jahren oder gar mehr als einem Jahrhundert gewachsenes Ensemble mit klanglicher Identität." Christiane Peitz vom Tagesspiegel schaut, was das Ausland schreibt.

Schwenk weg von Dahlem: Auf Holly Herndons neuem Album "Platform" herrscht eine zuweilen uneindeutige Sachlage vor, was Identitäten betrifft, erfahren wir von Jens Balzer in der Berliner Zeitung: "Ihr Ich und ihr Ihr, ihr Wir und ihr Anderes werden unendlich ineinander gespiegelt." Rabea Weihser (ZeitOnline) unterhält sich mit der Sängerin Róisín Murphy. Außerdem neue Musik im Vorabstream: Hier präsentieren Faith No More ihr neues Album vor und die Spex hat das neue Album von Nick Cave und Warren Ellis im Angebot.

Besprochen werden ein Violinkonzert von Julia Fischer (FR) und neue, bei der Münchner "Musica Viva" aufgeführte Stücke von Miroslav Srnka und Enno Poppe, die kommenden Dienstag im Bayerischen Rundfunk zu hören sein werden (FAZ).
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Film


Wahnwitz und Spektakel: George Millers "Mad Max: Fury Road".

Bauklötze, wenn nicht ganze Truck-Convoys staunt David Assmann im Tagesspiegel über den neuen "Mad Max"-Streifen von Action-Altmeister George Miller (siehe auch unsere gestrige Kulturrundschau). Soviel "Wahnwitz und Spektakel" habe man selten im Kino gesehen, hier ordne sich alles der Inszenierung von Bewegung unter, "von Fahrzeugen, die im Höllentempo hinter-, neben- und übereinander herrasen, von Menschen, die sich in, auf und unter diesen Fahrzeugen bewegen und an biegsamen Stangen durch die Luft von Fahrzeug zu Fahrzeug schwingen und von Granaten, die geworfen, Speeren, die geschleudert und Patronen, die abgefeuert werden." Auch Tobias Kniebes Daumen zeigt in der SZ steil nach oben, schließlich ist dieser Film "nicht so kühl, nicht so lustlos durchkalkuliert wie seine aktuellen Konkurrenten", womit er vor allem die Filme der "Fast & Furious"-Reihe meint. Lediglich Simon Rothöhler (taz) dämpft den Enthusiasmus etwas: Zwar entwickle der "absurd hochtourige Bewegungsvektor" zuweilen seinen Reiz, am Ende fliege einem aber doch "nur das immergleiche Produktionskapital um die Ohren." Weitere Besprechungen in Welt, Tages-Anzeiger und Presse.

Weiteres: In der taz freut sich Cristina Nord auf die Filmfestspiele in Cannes und dort ganz besonders auf neue Filme von Miguel Gomes und Yorgos Lanthimos. Susanne Ostwald freut sich in der NZZ, dass in Cannes jetzt auch Filme von Frauen gezeigt werden. Für epdFilm unterhält sich Frank Arnold mit Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski und Andreas Marschall über deren gerade erschienenen deutschen Horror-Episodenfilm "German Angst". Carolin Weidner (taz) empfiehlt die Reihe "Kino im Plural" im Berliner Kino Arsenal. Außerdem bringt das Filmfestival Linz einen Mitschnitt der vom ukrainischen Regisseur Sergei Loznitsa vor kurzem dort gehaltenen Master Class.

Besprochen werden Claude Lanzmanns "Der Letzte der Ungerechten" (taz) und Susanne Biers "Zweite Chance" (SZ).
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Bühne

Thomas Vinterbergs Film "Das Fest" war ein Paradebeispiel für asketisches Filmemachen nach den Vorgaben von Dogma "95, Christopher Rüpings beim Berliner Theatertreffen in Berlin gezeigte Stuttgarter Bühnenbearbeitung des Filmes nutzt hingegen das gesamte Vokabular der Spieltechnik, erklärt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung, der seine rege Freude an der Aufführung hatte: "Es gibt Konfetti und Windmaschinen, Playbacknummern, Publikumsmätzchen. Als jemand vormacht, dass er weint, bläst er in eine Tröte. Und was soll man sagen − das lächerliche Quietschen quetscht einem das Herz zusammen, als wäre ihm tiefste Wahrheit widerfahren." Kritischer äußert sich Peter von Becker im Tagesspiegel: Ihm offenbarte sich hier "das Problem dieses Theatertreffentheaters. Es will gerne aktuell, politisch, welthaltig sein. Und bleibt sonderbar welt- und wesenlos."

Noch weniger Freude hat man in Russland unterdessen am lasziven Twerking-Tanz, wie Kerstin Holm in der FAZ mitteilt. Besprochen wird Beat Furrers Oper "la bianca notte" (NZZ, Zeit).
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Archiv: Bühne

Literatur

Für den Perlentaucher bespricht Thekla Dannenberg neue Krimis: In "54" lässt die italienische Autorengruppe Wu Ming Cary Grant durch einen abenteuerlichen Plot stolpern, der "vor Geschichte und Geschichten, wahren und erfundene Figuren geradezu birst". Und Robert Bracks "Die drei Leben des Feng Yun-Fat" erzähle "eine federleichte, verspielte Krimihandlung."

Besprochen werden außerdem Frank Witzels "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" (Freitag, mehr), Dostojewskis Erzählband "Das Krokodil" (FR), Katrin Seddigs "Eine Nacht und alles" (FAZ) und Gila Lustigers "Die Schuld der Anderen" (SZ).
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Kunst

Ein "Begräbnis erster Klasse" sieht Hanno Rauterberg (Zeit) in Okwui Enwezors Biennale in Venedig. "Die Kunst trägt Trauer, und sie beweint mehr noch als Terror und Armut die eigenen Hilflosigkeit", schreibt er in der Zeit nach einem ersten Rundgang durch die Kunstschau, für die auch gern die Multimilliardäre ihre Yachten verlassen: "Nein, Enwezor zieht nicht los und versenkt die Chopi Chopis draußen am Kai. Er bleibt galant und brüllt seine Wut nicht den Mächtigen ins Gesicht, gleich, ob sie aus Syrien, dem Libanon oder aus Frankfurt am Main angereist sind. Die Kunst hingegen bekommt seine Verachtung zu spüren. Selten sah man eine derart zugestopfte, lieblose, vor kunstgewerblichen Banalitäten überquellende Ausstellung."


Pablo Picasso: "Die Frauen von Algier", 1955.

Nicola Kuhn wirft im Tagesspiegel einen letzten Blick auf Pablo Picassos für 180 Millionen Dollar versteigerte "Frauen von Algier", bevor das Gemälde bis auf Weiteres im Safe eines anonymen Privatbesitzers verschwindet: "Es dient dort als blue chip, als Garant auf Wertsteigerung in Zeiten eines überhitzten Marktes. Wie groß gegenwärtig die Begehrlichkeiten sind, zeigt sich beim nächsten Weltrekord, der am gleichen Abend bei Christie"s aufgestellt wurde: diesmal für Skulptur. Alberto Giacomettis "Zeichnender Mann" erzielte 141,3 Millionen Dollar."

Weiteres: Axel Veiel berichtet in der FR von seinem Besuch der originalgetreuen Nachbildung der Chauvet-Grotte. Eine zur Moschee umgewidmete Kirche in Venedig hält die Biennale d"Arte auf Trab, meldet Regina Kerner in der FR. In der Berliner Zeitung spricht Clemens Schnur mit Martin Pavel über dessen Fotoprojekt "Daily Portrait Berlin", für das er täglich ein Aktporträt geschossen hat. Tages-Anzeiger und NZZ nehmen Abschied von Chris Burden.

Besprochen werden eine Ausstellung in Barcelona über das künstlerische Verhältnis zwischen Picasso und Dalí (FR), die Sigmar Polke-Retrospektive in Köln (NZZ), eine Ausstellung mit Werken von Mark Leckey in der Kunsthalle Basel (NZZ) sowie die Monster-Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg (SZ).
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Architektur

Rainer Schulze (FAZ) besucht die Ausstellung über Coop Himmelb(l)au im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt.

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Stichwörter: Coop Himmelb(l)au