9punkt - Die Debattenrundschau

Gott kann auf sich selbst aufpassen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.05.2015. Im Guardian attackiert Chimamanda Adichie die amerikanischen Codes of silence und den unbedingten Willen zur Bequemlichkeit. In der SZ warnt Jared Diamond gar vor einem Putsch in den USA, in denen politisch alles stilsteht, nur die Bürgerwehren nicht. Die NZZ weist darauf hin, dass Charlie Hebdo kein Leitmedium war, sondern ein kleines Blatt anarchistischer Kindsköpfe. David Frum pocht in Atlantic auf das Recht zur Blasphemie. Die taz stellt fest, dass die Armen nicht mehr wählen gehen.

Ideen

Nicole Lee berichtet im Guardian vom Abschluss des PEN World Voices Festival, das weiterhin von der Charlie-Debatte beherrscht wurde. Zuletzt ging die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie ("Amerikanah") hart mit Amerikas Codes of silence ins Gericht: "Adichie erklärte, dass Amerikaner es gern bequem hätten, sprach die Sorge aus, dass die Bequemlichkeit ein "gefährliches Schweigen" in die amerikanische Öffentlichkeit gebracht habe. "Die Angst, jemandem zu beleidigen, die Angst, die sorgfältig geschichteten Polster durcheinanderzubringen, ist zu einem Fetisch geworden", sagte Adichie. So liege das Ziel vieler Debatten in den USA "nicht in der Wahrheit, sondern in der Bequemlichkeit"."

Vor allem schlecht informiert findet Marc Zitzmann in der NZZ die amerikanischen Kritiker von Charlie Hebdo, das anarchistische Satireblatt sei in Fragen des Rassismus wirklich über jeden Zweifel erhaben: "Letztlich prallen hier unvereinbare Werte aufeinander: hier republikanischer Egalitarismus und ein mit polemischer Verve artikulierter Laizismus, dort Affirmative Action und ein bis hin zur Tabuisierung reichender Respekt vor Religionen. Wobei die Perspektiven jenseits des Atlantiks doch arg verzerrt scheinen: Charlie Hebdo ist kein Leitmedium, sondern ein Nischenprodukt, bestimmt für einen kleinen Kreis gleichgesinnter Kindsköpfe."

Bernard-Henri Levy kommentiert noch einmal die PEN-Debatte über den Preis für Meinungsfreiheit an Charlie Hebdo, namentlich die Argumente jeder Mitglieder, die sich weigerten, an der Verleihung des Preises teilzunehmen. Die Argumente der Gegner, schreibt er, erinnerten ihn „an die ängstliche Haltung des PEN gegenüber dem stalinistischen Terror der 30er und 50er Jahre“. „"Und dann das letzte Argument -– man müsste lachen, wenn die Situation nicht so tragisch wäre. Der PEN-Club, sagt man uns, habe nicht die Aufgabe, einen Schriftsteller zu verteidigen, wenn er nicht Opfer einer Zensur wurde,– und zwar einer staatlichen Zensur!"“

In Atlantic pocht David Frum auf das Recht zur Blasphemie, auch in den USA, und möchte Angriffe aufs Dogma unterschieden sehen von Angriffen auf Menschen: "Gesetze gegen Volksverhetzung sind nach wie vor umstritten. Doch egal ob sie klug oder gefährlich sind, ihr Sinn ist ein säkularer: Menschen zu beschützen, indem Reden eingeschränkt werden, die ihre fundamentalen Rechte berühren. Gott kann auf sich selbst aufpassen, heißt das. Nach französischem Recht wäre es volksverhetzend "Tötet die Juden" zu rufen, aber nicht, das koschere Schlachten als grausam zu kritisieren. Es wäre volksverhetzend zu sagen: "Muslime können keine patriotischen Bürger Frankreichs sein", es ist nicht volksverhetzend zu schreiben: "Der Koran ist nicht wahr.""

In Le Monde brandmarkt Michael Walzer das Versagen der Linken angesichts des islamischen Fundamentalismus: "Ein Grund für dieses Versagen rührt aus der panischen Angst davor, für islamophob gehalten zu werden. Der Antiamerikanismus und eine radikale Form des kulturellen Relativismus spielen gleichfalls eine bedeutende Rolle, sind jedoch alte Pathologien."

Auf Zeit Online erzählt Cigdem Akyol, was die Cumhuriyet-Journalistin Şükran Soner auszuhalten hatte, seit sie Mohamed-Karikaturen drucken ließ: "Als alles vorbei war, saßen die Journalisten in ihren Büros und wagten sich nicht mehr nach draußen. Innerhalb weniger Stunden waren Tausende Hassmails eingegangen, draußen tobte ein wütender Mob und die Polizei musste die Straßen drumherum tagelang absperren."

Weiteres in Ideen: Ebenfalls in der SZ beleuchtet der britische Philosoph Galen Strawson im Interview mit Johan Schloemann das Leib-Seele-Problem mit den Erkenntnissen der neuesten Hirnforschung. Und Jens Hacke schreibt zum Tod des Philosophen Odo Marquard.
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Europa

Ziemlich fromm sind die Pläne der französischen Erziehungsministerin Najat Vallaud-Belkacem zur Bildungsreform, ziemlich frech ihre Antwort auf Kritiker laut Jürg Altwegg in der FAZ. Der Islam soll zum Pflichtstoff erklärt werden, das christliche Mittelalter zur Option. Deutsch, Latein und Altgriechisch sind out, und alle, die dagegen sind, sind "Pseudointellektuelle": "Es sind dies: Pierre Nora, Marc Fumaroli, Régis Debray, Pascal Bruckner, Michel Onfray, Alain Finkielkraut, Luc Ferry - linke wie rechte Historiker und Philosophen, die sich denn doch mit einer gewissen Berechtigung zu Fragen der Bildung und Kultur äußern."

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Politik

Bestsellerautor Jared Diamond erzählt in der SZ umfänglich die Geschichte des chilenischen Putsches nach, um zu konstatieren, dass "auch wir in Amerika, wie zuvor die Chilenen unter Allende, in einem Zustand politischen Stillstands gefangen" seien, um auf die Gefahren eines Putschs zu sprechen zu kommen: "Bereits heute fordern viele Amerikaner das Recht ein, Waffen an Orten zu tragen, an denen das früher undenkbar gewesen wäre (zum Beispiel in Schulen und Behörden). Schon heute gründen sie Bürgerwehren, die etwa den Zweck haben, die Grenze nach Mexiko zu kontrollieren oder die das eingeforderte Recht schützen sollen, sein Vieh auf öffentlichen Ländereien weiden zu lassen."

Böll-Vorstand Ralf Fücks beklagt in der taz eine zunehmende Asymmetrie in den deutsch-israelischen Beziehungen: "Das Ansehen Israels in Deutschland sinkt dramatisch: 62 Prozent geben an, eine schlechte Meinung über Israel zu haben. Dagegen gewinnt Deutschland an Ansehen in Israel: 68 Prozent der Israelis haben eine insgesamt positive Einstellung gegenüber Deutschland. In der deutschen Öffentlichkeit wird Israel fast ausschließlich durch das Prisma der Besatzungspolitik wahrgenommen."

Nach der geringen Wahlbeteiligung in Bremen stellen Benno Schirrmeister und Ulrich Schulte fest, dass vor allem die Armen und Abgehängten nicht mehr wählen gehen: "In Bremerhaven, das deutlich ärmer als Bremen ist, lag die Wahlbeteiligung nur knapp über 40 Prozent. Der nördliche Stadtteil Blumenthal ist arm, man riecht das nahe gelegene Stahlwerk. Ein Viertel der Bevölkerung hier bezieht Hartz IV. Dort lag die Wahlbeteiligung bei 31 Prozent. Gleichzeitig war die Quote falsch oder unvollständig angekreuzter Wahlzettel besonders hoch. Ganz anders im Villenviertel Bremen-Horn, in dem das mittlere Jahreseinkommen bei knapp 110.000 Euro liegt. Hier lag die Wahlbeteiligung bei 77 Prozent."
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Geschichte

In der FAZ greift der ehemalige Bundeverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde nochmal in die recht laue Debatte um die Frage ein, ob die DDR womöglich ein Rechtsstaat gewesen sei: "Indem der ideologische Schlagabtausch des Kalten Krieges fortgeführt wird, wird der DDR-Nostalgie nicht entgegengewirkt, sondern sie wird provoziert und verstärkt. Die globale Kennzeichnung der DDR als Unrechtsstaat ist nicht nur falsch, sie kränkt auch die Bürger und Bürgerinnen der ehemaligen DDR."

Archiv: Geschichte