9punkt - Die Debattenrundschau

Kein Leben in der Online-Welt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.05.2015. Die NZZ lernt von Emmanuel Todd, dass eigentlich MAZ ist, wer Charlie sein will. In der Jungle World fragen Jens-Martin Eriksen & Frederik Stjernfelt, ob Minderheiten wirklich machtlos sind. Die Welt begräbt österreichische Opfermythen unter den Trümmern der "Perle des Reiches". The Daily Biest freut sich mit der NSA über den neuen Freedom Act. Die FAZ ätzt gegen Facebooks Instant Articles: Das Prinzip Aldi jetzt für die Presse. Netzpolitik fragt, wie sich opake Algorithmen mit der Pressefreiheit vertragen.

Ideen

In der NZZ kann Marc Zitzmann den Thesen Emmanuel Todds nicht viel abgewinnen, will sie aber auch nicht rundweg verwerfen. Todd zufolge hat sich am 7. Januar in Paris der neue Soziotyp Charlie gebildet: "Weit davon entfernt, geeint für die Werte der Republik zu marschieren, habe an jenem Tag ein "hegemonialer Block", dessen Zusammensetzung Todd mit dem Akronym MAZ ausweist ("Mittelklasse, Alte, Zombie-Katholiken"), seine Dominanz über die Arbeiter und die Bewohner der benachteiligten Vorstädte behauptet. Charlie stehe, wie das ökonomische Modell der Euro-Zone ("starke Währung, hohe Arbeitslosigkeit"), das der "MAZ-Block" verteidige, für eine ungerechte, egoistische Gesellschaft. Hinter der offenen, egalitaristischen Fassade verberge sich ein Bau, der sich auf Ungleichheit und Ausschließung abstütze - "liberale Superstruktur, autoritäre Infrastruktur", so Todd."

Jürg Altwegg kann in der FAZ nur den Kopf schütteln über Todd: "Selbst den Euro sieht Todd in der "Soziologie einer religiösen Krise": Er sei dem Land von "Zombie-Katholiken" aufgezwungen worden, "ein Gott, eine Währung". Den Islam preist er dagegen als Religion, die das Gebot der Egalité verwirkliche und "zutiefst egalitär" sei."

In der Jungle World befassen sich Jens-Martin Eriksen und Frederik Stjernfelt mit dem Argument, Satire oder Karikaturen dürften sich nicht gegen Minderheiten richten, sondern gegen die Mächtigen: "War Charlie Hebdo mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren ein mächtiges Magazin, bevor die Redaktion niedergeschossen wurde? Waren die Imame, die gegen Jyllands-Posten protestierten, machtlose Einwanderer oder waren sie Mitglieder eines mächtigen internationalen Netzwerks? Die Macht von Personen und Institutionen dürfte sich von Fall zu Fall, von Kontext zu Kontext unterscheiden - und die Mächtigen haben sehr häufig ein offensichtliches Interesse, sich zu verstellen, indem sie sich als ohnmächtige Opfer auf der Suche nach Unterstützung geben."

Martin Meyer verabschiedet in der NZZ mit Odo Marquard einen großen Philosophen der Bescheidenheit: "Alles Prinzipielle, alles zu Grundformeln Gesteigerte, alles Großtheoretische - bis hin zu Lehren einer kommunikativ gewordenen (Welt-)Vernunft - blieb Odo Marquard suspekt. Die bereits von Descartes präparierte provisorische Moral hatte es ihm angetan, und dazu passte ein ausgesprochen liebenswertes und altmodisch höfliches und bescheidenes Auftreten."

Oliver Pfohlmann schreibt in der NZZ zum Tod des amerikanischen Kulturhistorikers Peter Gay.
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Politik

Joseph Croitoru berichtet in der FAZ aus den vom IS kontrollierten syrischen Städten Idlib und Bosra, in denen weder Regierung noch Rebellen Schuld an der Vernichtung der archäologischen Güter sein wollen. Typischer Anblick in vielen syrischen Museen: "Leere Hallen, leere Vitrinen. In Idlib war zudem der Boden stellenweise mit Glasscherben und Schutt übersät. Nur noch einige römische Mosaiken und mannshohe Tonkrüge erinnerten an den einstigen archäologischen Reichtum des Hauses." In der FAZ erkennt auch Frank-Walter Steinmeier im internationalen Kulturgüterschutz eine deutsche und europäische Aufgabe.

Im Deutschlandfunk unterhält sich Hermann Theissen mit dem Literaturwissenschaftler Joseph Vogl über die Krise des Kapitalismus und das Gefängnis der Märkte.
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Europa

Frankreichs Lehrer und Intellektuelle empören sich über die geplante Schulreform, schreibt Joseph Hanimann in der SZ. Latein, Griechisch, Deutsch sollen reduziert werden, auch Geschichte auf die "Modethemen Kolonialismus und Sklavenhandel" begrenzt werden, "nur um der abendländischen Geschichte eine zusätzliche Dosis Schuldbewusstsein einzuimpfen."

Mara Delius setzt in der Welt ihre Hoffnung auf den Kunsthistoriker Neil MacGregor, wenn es darum geht, die Briten wieder ein wenig für die Deutschen einzunehmen.
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Geschichte

In der Wiener Ausstellung "Perle des Reiches" schaut sich Dankwart Guratzsch für die Welt die größenwahnsinnigen Pläne für den Umbau Wiens an und wundert sich: Nicht Hitler, sondern österreichische Architekten drängten darauf: "Als hätten die alle Maßstäbe sprengenden Planungen jahrzehntelang in Schubläden gelegen und nur darauf gewartet, veröffentlicht zu werden, zückten die Planer ihre detailliert ausgearbeiteten Reißbrettentwürfe fast gleichzeitig wie auf Kommando aus der Tasche. An Speer und Hitler vorbei entfaltete sich ein Überbietungswettbewerb, als ginge ein Jahrhunderttraum in Erfüllung. Von Beklemmung durch den "Anschluss" keine Spur. Mit den Opfermythen Österreichs lässt sich das nicht in Einklang bringen."
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Überwachung

In The Daily Biest fürchtet Shane Harris, dass der USA Freedom Act, demzufolge nicht mehr die NSA, sondern die Telefongesellschaften die Gespräche speichern, eigentlich ein Segen für den Geheimdienst ist: "It requires teams of lawyers and auditors to ensure that the NSA is complying with the Section 215 of the Patriot Act, which authorizes the program, as well as internal regulations on how the records can and can't be used, he said. The phone records program has become a political lightning rod, the most controversial of all the classified operations that Snowden exposed. If the NSA can still get access to the records but not have to hold onto them itself, all the better, the senior official said."
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Stichwörter: Massenüberwachung, NSA

Medien

Facebook wird zum Verleger. Spiegel, Bild, Guardian, BBC, NBC, National Geographic, The Atlantic und Buzzfeed bieten ihre Artikel nun als "Instant-Articles" bei Facebook an, sie sind also nicht mehr verlinkt, sondern direkt und wesentlich schneller bei Facebook abrufbar. Michael Hanfeld wütet in der FAZ (die dagegen auf Google setzt): "Man muss sich das entsprechende Werbevideo von Facebook antun: Da sehen wir Journalisten mit Stockholm-Syndrom, die mit glänzenden Augen erzählen, wie schnell ihre Story bei Facebook aufpoppt. Als wäre das ein Gnadenerweis, als gäbe es außerhalb von Facebook kein Leben in der Online-Welt. Die Kollegen hinterlassen einen erbarmungswürdigen Eindruck. Die Wahrheit ist: Sie benutzen als Namenlose den Lieferanteneingang. Hallo, Ihre Pizza ist da! Der Verkäufer kriegt alles, der Produzent fast nichts: Das ist das Prinzip Aldi, jetzt für die Presse." Hier ein früherer, ebenso ätzender Text Hanfelds.

Max Hägler und Johannes Kuhn geben sich in der SZ bedeckter: ""Uns ist wichtig, unsere Leser da zu erreichen, wo sie sind, und da spielt Facebook einfach eine wichtige Rolle", argumentiert Florian Harms, Chefredakteur von Spiegel Online. Es klingt wie ein Eingeständnis, dass an Facebook einfach niemand mehr vorbeikommt."

Auf Netzpolitik hat "Constanze" noch ein paar Fragen zur Allianz von Medien und Facebook, nämlich in Bezug auf die Algorithmen, die darüber entscheiden, wer was und wieso in seiner Timeline zu sehen bekommt. Und zur Meinungsfreiheit: "Es wird in Zukunft wohl nicht nur um das absichtliche Blockieren oder um das Ausblenden politischer Inhalte gehen, sondern auch darum, welche journalistischen Inhalte Facebook-Nutzer wann zu sehen bekommen und welche eben nicht oder nur umständlich."

Und in Rue89 sieht Delphine Cuny in der Allianz den Anfang von Ende der zeitungseigenen Homepage.

Im SZ-Interview mit Jens-Christian Rabe sinniert Jan Böhmermann über guten deutschen Humor und gibt gleich eine Kostprobe: "Isis - was für eine schöne Alternative für Leute, deren Erlebnishunger in Westeuropa offenbar nicht gestillt wird. Latente Gewaltbereitschaft gepaart mit dem Gefühl, benachteiligt zu sein plus günstige Flüge nach Antalya - perfekte Bedingungen, um von Deutschland aus in den Heiligen Krieg zu ziehen."
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