9punkt - Die Debattenrundschau

Druck aufbauen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.04.2015. Wenn die deutsche Regierung den Völkermord an den Armeniern nicht benennt, dann sollten die Vertreter ihres Souveräns es tun, meint der Tagesspiegel. Der Guardian staunt über die Gobbels-Erben, die Geld für Zitate sehen wollen. Die NZZ spürt den Ursprüngen des Schweizer Populismus nach. The Daily Beast liest Charbs Büchlein zum Begriff "Islamophobie" und den Strategien seiner Verfechter. Die FAZ erklärt, warum der Name des Kopiloten Andreas Lubitz genannt werden sollte. In der NZZ erzählt Peter Trawny, wie schwer es ein Heidegger-Herausgeber mit Heidegger-Adepten haben kann.

Politik

Klare Position der deutschen Parlamentarier zum Völkermord an den Armeniern fordert Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel: "Das Europaparlament tut es, der Bundestag nicht? Das kann nicht sein, das darf nicht sein - zum Völkermord an den Armeniern müssen sich die deutschen Abgeordneten verhalten. Und zwar so: Sie müssen ihn in einer Entschließung benennen und verurteilen. Sie müssen damit Druck aufbauen, auf die Türkei und die eigene, die Bundesregierung. Denn die duckt sich weg, anstatt in aufrechter Haltung Position zu beziehen."

Weiteres: In der FAZ kritisiert Oliver Tolmein Strafrechtler, die sich gegen eine "geplante Ausweitung der Strafbarkeit der Sterbehilfe" wenden. Für die taz besucht Israel-Korrespondentin Susanne Knaul das Städtchen Netanja, wo sich viele französische Juden niederlassen.
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Urheberrecht

Die Geschichte kursierte in Deutschland schon im September (mehr hier): Der Randomhouse-Verlag wurde von den Goebbels-Erben verklagt, um über 6.000 Euro für Urheberrechte auf Goebbels-Zitate in Peter Longerichs Goebbels-Biografie zu bezahlen. Die Sache ist vor Gericht - nächster Termin am 23. April. Die englische Ausgabe des Buchs steht an. Im Guardian berichtet Dalya Alberge: "Rainer Dresen von Randomhouse glaubt, dass andere Verleger für die Nutzung von Goebbels-Zitaten bezahlt haben. "Wir sind der erste Verlag, der sich weigerte und verklagt wurde." Für Longerich hat dieser Fall Implikationen von Zensur: "Wenn Sie einer Privatperson erlauben, die Rechte auf Goebbels" Tagebüchern zu kontrollieren, dann kontrolliert diese Person die Forschung", sagt er." Die Rechte enden siebzig Jahre nach Geobbels" Tod, oder, um ganz genau zu sein, am 31. Dezember diesen Jahres.
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Geschichte

In der NZZ erinnert Joseph Jung an den Juristen und Pamphletisten Friedrich Locher, der in den in den 1860er Jahren kräftig mit dazu beitrug, die wirtschaftsliberale Regierung Alfred Eschers in Zürich zu stürzen. Das Bild, das Jung zeichnet, könnte gut das eines Populisten aus dem 21. Jahrhundert sein: "Locher spürte, dass die Umwälzung in der Luft lag, und er wusste, was zu tun war, um das politische Erdbeben loszutreten: Er artikulierte das, was viele dachten, und steigerte es, indem er die "Opportunität" und die "herrschende Clique" und die "über das ganze Land netzartig ausgesponnene Cotterie" ebenso personalisierte wie Korruption, Oligarchie, Plutokratie, Servilismus, Protektion, Einschüchterung, Günstlingswirtschaft, Willkür in verschiedensten Formen und an allen Orten, die Instrumentalisierung von Justiz und Verwaltung oder die Unfähigkeit und Dummheit der Richter und Beamten."

Die Literarische Welt hat heute eine Themenausgabe zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Annett Gröschner sucht und findet im Prenzlauer Berg Spuren der letzten Kämpfe in der Schlacht um Berlin: "Was mit einem Gründerzeithaus bei einem Bombenangriff passiert, haben die Kinder in den Schulaufsätzen zu beschreiben versucht: "Eine Riesenfaust hat uns gepackt, zuerst gehoben und dann zu Boden geschmettert." So ähnlich, wie es Frau Globisch beschrieb, als der Wind sie ein Stück mitnahm. Kein Wunder, dass in den alten Gebäuden trotz Luxussanierung in der Nacht wie von Geisterhand die Türen aufgehen und die Bleistifte noch ein Stück weiterrollen, wenn sie herunterfallen. Die Luftminen und Sprengbomben haben auch die äußerlich unzerstörten Häuser krumm und schief gemacht. Wer das weiß, wundert sich, wenn die Leute mit den gierigen Augen durch die Häuser ziehen, um die begehrten Wohnungen zu astronomischen, wenn nicht sogar astrologischen Preisen zu kaufen."

Außerdem: Thomas Kielinger ist in der Welt immer noch fassungslos über die Bergen-Belsen Dokumentation der britischen Armee "German Concentration Camps Factual Survey", die erstmals auf der Berlinale 2014 öffentlich gezeigt wurde: "Man möchte die Augen abwenden, so unerträglich sind auch 70 Jahre nach ihrem Entstehen diese Bildsequenzen". Richard Kämmerlings stellt sieben Urszenen aus dem Mai 1945 zu berühmten deutschen Flakhelfern wie Grass zusammen. Matthias Matussek erinnert sich daran, wie genial Frank Schirrmacher in der FAZ die SS-Zugehörigkeit von Grass skandalisierte. Dirk Schümer unterhält sich mit dem Autor Jan Brokken, der für seinen Roman "Die Vergeltung" ein Kriegsverbrechen der Wehrmacht in seinem holländischen Heimatdorf rekonstruiert hat. Gisela Trahms liest Briefe ihres gefallenen Vaters, der am Marineprojekt "Valentin" mitgearbeitet hatte.

Und: Joachim Güntner beugt sich in der NZZ über den Zettel, auf dem Günter Schabowski handschriftlich vermerkte "Verlesen Reiseregelung". In der Welt denkt Lucas Wiegelmann über das angebliche Grabtuch Jesu nach, das ab Sonntag in Turin ausgestellt wird. Dirk Schümer hat - ebenfalls in der Welt - einige Bauchschmerzen, weil die Franzosen eine Euro-Münze der belgischen Zentralbank zum Gedenken an die Schlacht von Waterloo verhindert haben.
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Internet

Aus Wikileaks wird "Lächerleaks", meint Patrick Beuth von Zeit online in einem Kommentar zu den von Wikileaks öffentlich gemachten Sony-Dokumenten. Diese Daten seien keineswegs politisch relevant: "Handynummern von Botschaftsmitarbeitern und Staatssekretären, E-Mail-Adressen von Sony-Angestellten, Schauspielern und Produzenten sowie private Korrespondenz und Hollywood-Klatsch sind nicht newsworthy, sondern in vielen Fällen explizit schützenswert."
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Stichwörter: Wikileaks, Julian Assange

Europa

Thomas Schmid von der Welt veröffentlicht auf seinem Blog einen längeren Zeitschritenessay über die politische Lage Italiens, in dem er sich auch fragt, warum es nach Jahrzehnten ausgerechnet dem greisen Präsidenten Giorgio Napolitano gelang, Silvio Berlusconi abzuservieren: "Weil es in Italien noch immer und ziemlich ungebrochen üblich ist, den Lauf der politischen Dinge Eliten anzuvertrauen. Und da passte es natürlich gut ins Bild, dass der Staatspräsident vom Phänotyp her auf geradezu klassische Weise den Bürgerkönig verkörperte: hochgewachsen, kerzengerade, ernst und wie eine Gestalt aus dem 19. Jahrhundert, die mit ihrer ganzen Existenz die Kleinlichkeit des Lebens normaler Menschen turmhoch überragt."

Christopher Dickey liest für The Daily Beast das nachgelassene Büchlein "Lettre ouverte aux escrocs de l"islamophobie qui font le jeu des racistes" des Charlie-Hebdo-Zeichners Charb, der sich unter anderem mit dem Begriff der "Islamophobie" auseinandersetzt: "Charbs zentrale These ist, dass das Wort "Islamophobie" in die Irre führt. Für ihn ist es ein Versuch, ein Äquivalent zum Begriff Antisemitismus zu schaffen, das nicht zuletzt vor Gerichten dazu dienen soll, Kritiker zum Schweigen zu bringen und Opponenten einzuschüchtern. Aber Charb sieht keine Entsprechung. "Islamophobie" ist für ihn vor allem eine Bemäntelung des guten alten Rassismus, ein Ausweichen vor der eigentlichen Realität. Erleiden ein muslimischer Araber und ein weißer französische Konvertit die gleiche Diskriminierung? Gewiss nicht. Hat ein reicher Araber dieselben Probleme wie ein armer? Klares Nein. Die "Phobie" ist ein Hass auf dunkelhäutige Araber und Afrikaner und ihre Kinder. Diese Leute müssen geschützt werden so Charb, nicht die Abstraktion ihres Glaubens."
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Medien

An die Adresse der öffentlich-rechtlichen Medien, die (wie manche andere) den Namen des Kopiloten Andreas Lubitz nach wie vor nicht nennen und dies für einen Ausdruck höherer Medienmoral halten, sagt Michael Hanfeld in einem kleinen FAZ-Kommentar einen harschen Satz: "Wer den mehr als mutmaßlichen Täter anonymisiert, verhöhnt die Opfer. Die zwingendste Trennung geht unter - diejenige zwischen Täter und Opfern."

Etwas melodramatisch liest sich Richard Gutjahrs Abgesang auf den Journalismus: "Heute stehe ich vor Ihnen und ich bin ratloser denn je. Ich bin vom Weg abgekommen, habe meinen Glauben verloren. Meinen Glauben daran, dass wir das wieder hinbekommen mit dem Journalismus, der uns alle ernährt." Es handelt sich um eine Rede, die Gutjahr vor österreichischen Jornalisten gehalten hat.

Weiteres in Medien: Der Guardian berichtet über die chinesische Journalistin Gao Yu, die für sieben Jahre ins Gefängnis gesteckt wurde, weil sie ein Regierungsdokument über die immer restriktivere Medienpolitik in China veröffentlicht hatte. In einem Essay für Cicero macht sich Medienwissenschaftler Berhard Pörksen über die "Fünfte Gewalt" des im Netz intervenierenden Publikums Gedanken.
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Ideen

Im Blog des Merkur veröffentlicht Danilo Scholz einen essayistischen Nachruf auf den französischen Verleger François Maspero, dessen Wirken seit dem Algerienkrieg engstens mit der Geschichte der Dekolonisierung verbunden war: "Von 1969 bis 1971 gab Maspero auch die französische Ausgabe der von Kuba aus gesteuerten Zeitschrift Tricontinental heraus, deren Entstehung eng verbunden ist mit der von Guevara initiierten Trikont-Konferenz, die 1966 in Havanna stattfand. Dort einigten sich zahlreiche Staaten der Dritten Welt unter Führung Kubas auf eine Art antikolonialistisches Grundsatzprogramm. Später zeigte sich Maspero vom Regime bitter enttäuscht. Die Kubaner verdienten Besseres als den "endlosen Patriarchenwinter", für den die Castros stehen."

In der NZZ erzählt Peter Trawny, Leiter des Heidegger-Instituts und letzter einer ganzen Reihe von Herausgebern der großen Heidegger-Ausgabe, wie schwierig es schon immer war, "im goldenen Käfig einer stets eingeforderten Corporate Identity" der Heideggerianer, auch antisemitische Sätze des Autors zu veröffentlichen: "Die Losung der "Heideggerianer" lautet immer noch: Es gibt keinen Antisemitismus bei Heidegger, und wenn doch, dann ist er für sein Denken irrelevant. Dem muss zustimmen, wer dazugehören will. Und hat nicht der neue Vorsitzende der Heidegger-Gesellschaft, Helmuth Vetter, durch seine erste öffentliche Stellungnahme genau dieses Passwort wieder ausgegeben? Auf der Homepage der Heidegger-Gesellschaft kann man jedenfalls erfahren, dass er die "öffentlichen Stellungnahmen all jener erschreckend" findet, denen er "eine genauere Kenntnis von Heideggers Denken zugetraut hätte". Denn bei ihnen scheine "sich fast alles auf den Vorwurf des Antisemitismus zu beziehen" - als wäre der aus den Fingern gesogen oder nebensächlich und, weil eben maßlos überzogen, ein Ausschlusskriterium im Blick auf die kommenden Diskussionen in dieser Gesellschaft." Trawny versichert aber auch, dass er bei der Arbeit an den "Schwarzen Heften" seine Vorstellungen realisieren konnte.
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