9punkt - Die Debattenrundschau

Nur ein einziger Imperativ

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.04.2015. Der Schock über die neue Flüchtlingskatastrophe ist groß. Alle fragen, wie die europäische Politik reagieren soll. Bernard-Henri Lévy will den Front national nicht "entdiabolisieren". "Ein Völkermord ist ein Völkermord", konstatiert die FAZ mit Blick auf die Ereignisse in der Türkei vor hundert Jahren. Aber wird der Bundestag dieses Wort aussprechen? Die NZZ besucht Kuba, bevor die Amerikaner kommen.

Politik

Die Flüchtlingskatastrophe bewegt alle Medien. Stefan Kornelius plädiert in der SZ nicht unbedingt dafür, Einwanderung zu liberaliseren, möchte aber mehr Präsenz der EU im Mittelmeer: "Wenn die EU Katastrophen verhindern und die Migrations-Welle beherrschen will, dann muss sie die Dimension akzeptieren: Sie muss Todeskähne früher abfangen, Migranten auch in großer Zahl und schnell ein Aufnahmeverfahren ermöglichen - und die Menschen nach klaren Regeln auch abweisen und sicher in ihre Heimatländer zurückbringen."

Mark Rice-Oxley macht im Guardian auf die Mitverantwortung der EU für die Katastrophe aufmerksam, die Italien in der Frage der Rettung der Flüchtlinge allein ließ: "Die italienische Rettungsmission Mare nostrum wurde im Oktober abgebrochen, weil niemand in Europa dazu beitragen wollte, nicht zuletzt wegen der Kosten, die sich auf 9 Millionen Euro im Monat beliefen. Statt dessen wurde eine wesentlich begrenztere EU-Mission eingerichtet, mit einem Drittel des Budgets, weniger Schiffen und Personal und einer Aufgabenstellung, die nicht in der Suche nach Opfern bestand. Resultat: 50 Mal so viele Tote bisher."

Reinhard Müller schreibt in der FAZ: "Es ist nicht zynisch festzustellen, dass auch eine große europäische Seenotrettungsflotte vor der afrikanischen Küste die Ursachen der oft tödlichen Massenflucht nicht beseitigt. Diese Ursachen liegen in Afrika und anderen Krisenherden. Auch das entbindet natürlich Europa nicht von seiner Verantwortung, die sich aus historischen Gründen, dem eigenen Anspruch und seiner konkreten Politik ergibt."

Für die taz recherchierte Mirco Keilberth an der libyschen Küste, von der mittlerweile jeden Tag zwischen 300 und 700 Flüchtlinge aufbrechen: "Manchmal müssen die Gruppen von jeweils zwölf Leuten auch in verlassenen Häusern über Tage auf die Boote warten. Wer gegen das Kommunikationsverbot verstößt, wird hart bestraft, immer wieder werden Leichen mit Folterspuren am Strand gefunden... Die Strände Garabulis sind seit zwei Jahren Ausgangspunkt für Hunderte Boote, die sich auf den Weg nach Lampedusa oder Sizilien machen. Es sind oft kleinere Milizen, die nach den ausbleibenden Zahlungen des Verteidigungsministeriums mit dem Schmuggel eine neue Einnahmequelle gefunden haben."

Im Tagesspiegel ist nachzulesen, wie Veronica Frenzel bereits vor einem Monat den Brandenburger Harald Höppner porträtierte, der gestern bei Günter Jauch die Schweigeminiute initiierte und der den Rettungskutter Sea Watch auf den Weg brachte, um Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu fischen.
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Geschichte

Sehr instruktiv liest sich Markus Wehners Sonntags-FAZ-Interview mit dem Historiker Norman Naimark, für den kein Zweifel daran bestand, dass die Ereignisse in der Türkei vor hundert Jahren als "Völkermord" zu bezeichnen seien. Das Osmanische Reich sei überzeugt gewesen, "dass die Deportation und Vernichtung der Armenier für ihren militärischen Erfolg notwendig waren. Eine aktuelle Studie zeigt, dass es Anfang 1916 eine zweite Entscheidung gab, jene Armenier zu vernichten, die ihre Deportation in die Wüstenstädte in Nordsyrien überlebt hatten." Angesichts der aktuellen Debatte wäre man dankbar, wenn die FAZ dieses Interview online stellte!

Zeit online berichtet mit Agenturen, dass die CDU nun immerhin einen Antrag in den Bundestag einbringen wird, in dem der Völkermord beim Namen genannt wird. Der Text soll allerdings mit der Bundesregierung abgestimmt werden.

Im Feuilleton der FAZ schreibt Regina Mönch zur Zurückhaltung der deutschen Politik: "Wem also nutzt die starre Haltung der deutschen Regierung, die unermüdlich versichert, auf diesen Begriff, den des Völkermordes, verzichten zu wollen, weil es darum nicht gehe? Geht es um Wählerstimmen oder um einen Nato-Bündnispartner? In Umfragen und in eigentlich allen Medien ist das Echo auf diese Debatte nahezu einhellig: Ein Völkermord ist ein Völkermord und muss darum so benannt werden."

Für die SZ besucht Tim Neshitov den Sohn von Soghomon Tehlirian, der 1921 in Berlin den türkischen Großwesir und Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern, Talât Pascha, erschoss: "Sein Vater wurde damals zwar gefasst und vor ein Geschworenengericht in Moabit gestellt, aber die Geschworenen - ein Steinmetz, ein Juwelier, ein Schlosser, ein Apotheker - sprachen Soghomon Tehlirian frei: Wegen Unzurechnungsfähigkeit, weil der junge armenische Student seine Familie im Massenmord verloren hatte. Der Prozess war aber auch zu einem Gerichtsverfahren über die von Talât Pascha veranlassten Gräueltaten geworden, von denen die deutsche Öffentlichkeit nun zum ersten Mal ausführlich erfuhr."

Rue89 bringt einen Dokumentarfilm von Claire Koç, der erzählt, wie heutige Türken ihre armenische Herkunft entdecken und in der türkischen Gesellschaft Forderungen nach Anerkennung stellen:

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Gesellschaft

Elisabeth Wellershoff reist für die NZZ zu den Navajo-Indiandern in den USA, die mit einer Rückbesinnung auf ihre Kultur aus Armut, Alkoholismus und familiärer Gewalt auszubrechen versuchen: "Bei einer Arbeitslosenrate von 45 Prozent ist die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht groß. "Wer Glück hat, landet in der Tourismusbranche oder beim Militär. Die Kids haben kaum Vorbilder, wenn es um Bildung geht." Trotzdem würden die Leistungen besser. Elliott glaubt, das habe mit der Identitätsfrage zu tun. "Viele junge Diné pflegen heute wieder einen selbstbewussten Umgang mit den Traditionen", sagt er und zupft sich an einem Ohrring. Er selbst mag lieber Punkrock, doch er versteht den neuen Trend. "Traditionelle Tänze, Initiationsrituale, Besuche beim Medizinmann, Sprachprogramme an Schulen - das alles wird wieder wichtig.""

Andrea Köhler (NZZ) wollte schnell noch einmal nach Kuba, bevor die Amerikaner kommen, und erlebte, wie alle dem Ende des Embargos entgegensehen: "Che Guevara aber ist überall. Auf Geldscheinen, Postkarten oder T-Shirts: El Che ist das Touristen-Maskottchen eines Unrechtssystems, das Andersdenkende unbarmherzig verfolgt. Allein im März wurden 610 kubanische Dissidenten festgenommen. Und während im Fernsehen stundenlang die Reden des toten venezolanischen Castro-Freundes Hugo Chávez laufen, wird die Zensur des Internets, in deren Ausübung Kuba derzeit die Weltspitze einnimmt, schon dadurch gewährleistet, dass kaum ein Kubaner Netzzugang hat."

Ebenfalls in der NZZ erinnert sich Bernd Noack an die guten alten Dinge wie schmiedeeiserne Schuhabkratzer, die einst die Hauseingänge zierten.
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Stichwörter: Dissidenten, Kuba, Navajo

Europa

Mit Blick auf Marine Le Pen und ihren Vater und die Medien, die von einer "King-Lear-Tragödie" schreiben, bekennt Bernard-Henri Lévy in La règle du jeu, dass er "die Schnauze voll hat von dieser Vatermordkomödie über eine Tochter, die sich der Überrreste des unwürdigen Greises entledigt und das Familiengeheimnis ausspuckt. Angesichts dieser lamentablen Farce und der durchdringenden Gerüche, die aus den Küchen einer Partei kommt, welche sich alles in allem gleich geblieben ist, bleibt für linke und rechte Republikaner nur ein einziger Imperativ: nicht in die Falle der Entdiabolisierung gehen, die bis jetzt nur ein Manöver ist."
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Kulturpolitik

Tim Renner erklärt im Interview mit Claudius Seidl und Mark Siemons in der FAS, warum Chris Dercon von Tate Gallery seiner Ansicht nach in der Volksbühne ganz und gar nicht fehl am Platze wäre. Schon unter Frank Castorf habe es gegeben, "wovor jetzt manche warnen, wenn man von einem interdisziplinären Theater redet: Konzerte von Yoko Ono oder Patti Smith. Installationen von Gregor Schneider. Performances von Jonathan Meese. Insofern war die Volksbühne immer der Ort, an dem Berlin sich selbst definiert hat. Als eine Stadt, die auch in den Künsten vorgegebene Grenzen überwindet. Und genau das haben auch Castorf und Christoph Marthaler dort getan, und vielleicht am aggressivsten und besten Christoph Schlingensief."

Das sehen einige Theatermacher nicht so. Inzwischen gibt es noch einen "Offenen Brief" an Tim Renner, diesmal unterzeichnet von Joachim Lux (Intendant des Thalia Theaters Hamburg), Ulrich Khuon (Intendant des Deutschen Theaters Berlin ) und Martin Kusej (Intendant des Residenztheaters München), die vor "einer möglichen Abwicklung der Castorf-Bühne" und der "vermuteten Zerschlagung des Ensembles" warnen, meldet die Welt.

Medien

Hadley Freeman bringt im Guardian einen ausufernden, aber auch leicht tränendrüsigen Hintergrund zum Ausscheiden Jon Stewarts aus der Daily Show (die man im hiesigen Netz ja gar nicht mehr sehen durfte) und zeigt noch einmal seine "bewegende" und auf den zweiten Blick recht flaue Intervention nach den Charlie-Hebdo-Massakern. Eins ist für sie klar: "Stewart lobt gern sein Team, aber er war ins Script stets tief einbezogen, was für Gastgeber einer Show eher ungewöhnlich ist, er schrieb und korrigierte sie bis zur letzten Minute, und darum wird die Show ohne ihn ziemlich anders sein."

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Stichwörter: Charlie Hebdo, Jon Stewart

Ideen

Bocksgesang im Tagesspiegel. Der emeritierte Englischprofessor Hans-Dieter Gelfert formuliert noch einmal den Kanon des allgemeinen Kulturverfalls: "Wer einst ins Theater ging, um "Macbeth" zu sehen, muss heute damit rechnen, dass der Titelheld von einer Frau, vorzugsweise nackt, gespielt wird und der Text nur noch entfernte Ähnlichkeit mit dem Original hat. Zeitgenössische Musik wird als so ungenießbar empfunden, dass man sie im Konzertprogramm nach Sandwich-Art zwischen zwei Klassiker packen muss; und in einem Sammelband wie "Lyrik von jetzt" (2003) findet sich kein einziges Gedicht, das im Gedächtnis des Lesers so hängen bleibt wie die Verse klassischer Anthologien."
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