9punkt - Die Debattenrundschau

Von Chuzpe und von Frivolität

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.04.2015. Respekt! Der Rapper Booba erklärt auf seiner Instagram-Seite, worin er und der Papst d'accord gehen. Die SZ lässt sich von Herfried Münkler über überraschende Vorzüge der deutschen Geschichte aufklären. Die NZZ begibt sich auf die Suche nach der äußersten Grenze des Wissens. Die Welt verteidigt das Rostocker Theater gegen Rostock.

Religion

Henri Tincq singt auf slate.fr ein Loblied auf den französischen Diplomaten Laurent Stefanini, den Frankreich zum Botschafter am Heiligen Stuhl ernennen will, um dann auf ein kleines Problem zu sprechen zu kommen: "Seit drei Monaten ist Laurent Stefaninis Kandidatur blockiert. Frankreich bekommt keine Antwort vom Vatikan, wo jedes Schweigen traditionell einer Ablehnung gleichkommt. Warum die Bolckade? Weil diese so erfahrene und sehr katholische Diplomat Laurent Stefanini den Nachteil hat, homosexuell zu sein!"

Rap und katholische Kirche haben eine ähnlich krude Moral des Respekts. Der Rapper Booba, der neulich Verständnis für die Mörder der Charlie-Hebdo-Zeichner bekundete, verteidigt sich auf seiner Instagram-Seite jetzt mit Papstzitaten, berichtet Alec Yildiz auf huffpo.fr: "Der Rapper hat ein Video des Papstes publiziert und ihme einen Text zur Seite gestellt, wo er auf seine Kritiker antwortet. In aller Bescheidenheit behauptet er, dass er eigentlich nichts anderes sage als das Oberhaupt der katholischen Kirche und zitiert: "Man darf nicht provozieren. Man darf den Glauben der anderen nicht beleidigen. Es gibt eine Grenze. Jede Religion hat ihre Würde." Auf diese Erklärungen des Papstes stützt sich Booba um sich zu rechtfertigen... Der Papst hatte übrigens angefügt: "Wenn ein Feund schlecht über meine Mutter spricht, kann er auf einen Faustschlag zählen, das ist normal." Der Vergleich ist also nicht an den Haaren herbeigezogen..." Gäbe es noch Rapper, wenn sich all die von ihnen besungenen Bitches nach dieser Moral richteten?

Aus einer Verteidigung von Leitkultur heraus kritisiert Heike Schmoll im FAZ-Leitartikel das Kopftuchurteil des Bundesverfassungsgerichts: "In einer freiheitlichen Gesellschaft muss es möglich sein, die eigene Kultur offensiv zu leben, solange die Grenzen anderer nicht verletzt werden. Daher wäre ein Kopftuchverbot mit gewissen Ausnahmen der negativen Religionsfreiheit der Schüler vermutlich dienlicher gewesen und hätte die Schulleiter vor schwierigen Konflikten bewahrt." Ohne sich weiter mit dem Modell auseinanderzusetzen stellt Sshmoll auch fest, dass die "laizistische Schule nach französischem Vorbild jedenfalls keine Lösung" sei.
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Europa

Gustav Seibt liest für die SZ ein Büchlein Herfried Münklers zur deutschen Vormachtrolle in Europa, in dem ein bisher unbekannter Vorzug der deutschen Geschichte benannt wird: "Natürlich wird Deutschland aufgrund seiner Geschichte moralisch verwundbar bleiben. Gerade in den Mittelmeerländern ende derzeit sogar eine "Kultur des Beschweigens" deutscher Verbrechen, die in der früheren Nachkriegszeit dazu diente, Wunden nicht länger offen zu halten. Aber gerade diese vorerst unabsehbar weiterwirkende moralische Angreifbarkeit mache die faktische deutsche Hegemonie in Europa überhaupt erst erträglich."

Die Ukraine wird verstört durch einige Morde an prorussischen Prominenten wie etwa jüngst an dem Journalisten Oles Busina, berichtet Zeit online mit Agenturhilfe: "Busina galt als Gegner der proeuropäischen Proteste auf dem Maidan. Im vergangenen Jahr kandidierte er ohne Erfolg für die Partei Russischer Block bei der Parlamentswahl. Der 45-Jährige polarisierte seit Jahren mit seinen auflagenstarken Büchern zu Geschichtsthemen. Er war Chefredakteur der Tageszeitung Segodnja von Rinat Achmetow, dem reichsten Mann der Ukraine und Hauptfinanzier der Partei des gestürzten prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch."
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Kulturpolitik

In der Welt skizziert Matthias Heine die Machenschaften des Bürgermeisters von Rostock Roland Methling, sein ungeliebtes Theater in den Sand zu setzen: "Natürlich ist es ihm egal, ob an einem Theater, das er sowieso schrumpfen möchte, ab Herbst noch jemand inszeniert. Im Grunde kann ihm alles, was das Publikum vertreibt und die Genervtheit der an der ganzen Affäre eher desinteressierten Steuerzahler steigert, nur recht sein."
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Ideen

In der NZZ denkt der Biochemiker Gottfried Schatz über die wahren Aufgaben der Universitäten nach: Es ist nicht in erster Linie Wissensvermittlung, da ist er sich sicher. "Wissenschaft beschäftigt sich nicht vorrangig mit Wissen, sondern mit Unwissen. Sie verwandelt dieses Unwissen in Wissen, wobei ihr der Akt der Umwandlung meist wichtiger ist als das Ergebnis. Leidenschaftliche Forscherinnen und Forscher betrachten das von ihnen geschaffene Wissen fast als ein Nebenprodukt, dessen Verwaltung und Weitergabe sie gerne anderen überlassen. Ein Lehrbuch der Biochemie wäre für sie nicht "Biochemie", sondern die Geschichte der Biochemie - eine Zusammenfassung dessen, was sie bereits wissen oder zumindest wissen sollten. Ihre Heimat ist nicht das gesicherte Wissen, sondern dessen äußerste Grenze, wo Wissen dem Unwissen weicht."

In der Welt gratuliert Eckhard Fuhr Josef H. Reichholf zum Siebzigsten, dem Naturforscher, der lehrt, dass Wandel die Natur bestimmt, nicht Stillstand.
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Überwachung

Die französische Regierung nimmt das Charlie Hebdo-Massaker zum Anlass, die Überwachung der Bevölkerung zu verstärken, berichtet Axel Veiel in der FR. Vorratsdatenspeicherung haben die Franzosen ja schon: "Bis zu zwölf Monaten dürfen Daten dort gespeichert werden. Hinzu kommen soll nun eine Verpflichtung der Internetanbieter, den Geheimdiensten in Echtzeit die Kontrolle des gesamten E-Mail-, SMS- oder Telefonverkehrs zu ermöglichen. Erfassung und Filterung der Datenmassen sind dem Gesetzentwurf zufolge zulässig, wenn "die Sicherheit der Nation" auf dem Spiel steht. Was auf den ersten Blick wie eine Schranke aussieht, erweist sich auf den zweiten als offenes Tor. Unter "Sicherheit der Nation" fällt nämlich so gut wie alles: "übergeordnete wirtschaftliche, industrielle und wissenschaftliche Interessen" des Landes etwa, die Protestkundgebungen innewohnende "Gefahr kollektiver Gewalt" oder auch "Verbrechensprävention"." Kontrolle der Geheimdienste findet dagegen nur hinter verschlossenen Türen statt.

Ist die deutsche Vorratsdatenspeicherung mit zehn Wochen Speicherfrist dagegen doch ein Kompromiss? Christian Bommarius hält das in der Berliner Zeitung für eine Ente: "... es bleibt bei der anlasslosen und flächendeckenden Datenspeicherung. Natürlich lässt sich das Angebot des Einbrechers, er werde sich in der Wohnung seines Opfers kürzer als geplant aufhalten und auch weniger entwenden als zunächst beabsichtigt, als Kompromiss betrachten - aber näher liegt es, hier von Chuzpe und von Frivolität zu sprechen."
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Medien

(Via turi2) Im Gespräch mit Volker Schütz von Horizont verteidt FAZ.Net-Chef Mathias Müller von Blumencron den Preis von 35 Euro monatlich für das Epaper der Zeitung, das künftig verbessert und erweitert werden soll: "Für eine dynamische Website, geprägt durch schnelle Nachrichten, kann man diesen Preis nicht aufrufen. Die Leser nehmen das als ein eher flüchtiges Wesen war. Für ein abgeschlossenes, sorgfältig zusammengestelltes und anspruchsvolles Produkt mit Anfang und Ende sind Leser dagegen bereit, relativ viel Geld auszugeben.Weil es für sie effizienter ist."
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