9punkt - Die Debattenrundschau

Tief verankertes Schuldgefühl

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.07.2018. Nach der Özil-Debatte folgt der Hashtag #MeTwo, um Rassismus in Deutschland anzuprangern. Deutsche sollten lernen, sich Rotkäppchen unterm Hidschab vorzustellen, rät die Amerikanerin Rose-Anne Clermont in der Berliner Zeitung. In der NZZ kritisiert der Theologe Abdel-Hakim Ourghi die westlichen Verfechter des Kopftuchs, die die Musliminnen nur in ihrer Opferrolle bestärkten. In Tel Aviv wird ein Naturkunde-Museum eröffnet, das über die Evolution schweigt - auf Druck der Religiösen, berichtet die FAZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.07.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Nun gibt es auch, ins Leben gerufen durch den Aktivisten Ali Can, den Hashtag #MeTwo, unter dem Menschen mit Migrationshintergrund von ihren Erfahrungen mit Diskriminierung und Rassismus berichten. Jetzt wird klar, "dass das Einwanderungsland Deutschland weder ein zeitgemäßes Konzept von Einwanderung noch eines vom Deutschsein hat", schreibt Jörg Häntzschel in der SZ und sucht nach Erklärungen: "Die Tatsache etwa, dass Deutschland - anders als Spanien, Frankreich, Portugal oder Großbritannien - keine Einwanderung aus ehemaligen Kolonien kennt. Dass es alle Nicht-Deutschen und Nicht-Christen in der NS-Zeit entweder zur Flucht zwang oder ermordete und damit jene Reinheit erst herstellte, die heute als angebliches Ur-Ideal des deutschen Volkes noch in den Köpfen herumspukt. Nach dem Krieg, bis zum Fall der Mauer war die Wiedervereinigung vordringlicher als die Einwanderung. Und danach war die Integration der Ostdeutschen wichtiger als die von Türken." Auf ihrer Medienseite druckt die SZ fünf #metwo-Tweets ab.

Nie haben so viele Erwachsene die deutsche Sprache gelernt wie seit Herbst 2015, schreibt Malte Lehming im Tagesspiegel und meint: "Ein Syrer, der Deutsch lernt, fühlt irgendwann auch deutsch. Ihm öffnet sich die Welt der so oft gescholtenen Kulturnation. Er tritt in sie ein. Er beginnt die Gemeinschaft der Ursprungs-Deutschen zu verstehen. Das wiederum befähigt ihn, das Verstandene zu vermitteln. Er wird zum Botschafter Deutschlands. Früher wurden Länder überfallen und kolonisiert, um die Werte des Christentums, des Abendlandes, der Demokratie oder des Liberalismus zu verbreiten. Heute kommen die Menschen zu uns. Und ob aus freien Stücken oder als Flüchtling: Sie lernen Deutsch, sie kommen uns näher, sie erweitern ihren Horizont."

Türkischstämmige Deutsche werden von deutschstämmigen Deutschen immer noch eher als Türken betrachtet, schreibt die Amerikanerin Rose-Anne Clermont in der Berliner Zeitung und meint: "Deutschland braucht einen Mythos, der es Rotkäppchen auch erlaubt, zu einem kleinen Mädchen mit Hidschab zu werden, das von einem Jäger aus Burkina Faso gerettet wird. Es ist zwecklos, allen die gleichen Geschichten aufzwingen zu wollen. Die deutsche Kultur braucht neue Geschichten, notfalls auch mit kleinen Fehlern." Ein Mädchen mit Hidschab? Aber nur wenn der Wolf aussieht wie Ayatollah Chomeini!

Rassismus sei alltäglich, schreibt Jean-Pierre Ziegler bei Spiegel Online zur #MeTwo-Kampagne, in der sich Opfer auf Twitter äußern: "Betroffen sind demnach vor allem jene, die irgendwie 'anders' aussehen. In dem Papier stehen Beispiele: ein Befragter wurde als 'Neger' beschimpft, eine Frau fand erst einen Kitaplatz, als sie ihr Kopftuch für die Vorstellungstermine ablegte." Womit ebenfalls ein religiöses Kleidungsstück zum Merkmal einer "Rasse" erklärt wird.

Die SZ bringt eine Artikelserie über das "Framing" bestimmter Debatten, eine modische Vokabel dafür, wie mit bestimmten Begriffen, Subtexten und Suggestionen Einfluss genommen wird - natürlich wird das "Framing" heutzutage vor allem bei Rechtspopulisten vermutet. Luise Checchin nimmt heute den Begriff der "Sprachpolizei" auseinander. Damit hatte Horst Seehofer auf die in einem SZ-Interview geäußerte Kritik des Bundesverfassungsrichters Andreas Voßkuhle geantwortet: "Als Exekutivorgan hat die Polizei weitreichende Befugnisse. Sie soll das Gewaltmonopol des Staates durchsetzen und darf dafür - sofern es verhältnismäßig ist - auch 'unmittelbaren Zwang' ausüben. Wer den Begriff Polizei im übertragenen Sinn benutzt, spielt also zunächst einmal darauf an, dass hier jemand eine gehörige Machtfülle besitzt. "

So ehrenwert die Motive vieler Linksliberaler und Feministinnen im Westen auch sein mögen, sich als "Bewahrer von Wahrheit und Gerechtigkeit" zu erheben, indem sie sich für Kopftuch tragende Musliminnen stark machen - oft klingen sie dabei nicht anders als Theoretiker des Islamismus und verhindern eine Reform des Islam, schreibt der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi in der NZZ: "Bei vielen mag ein intensives Gerechtigkeitsempfinden und ein Bedürfnis nach Wiedergutmachung gegenüber Minderheiten dahinterstecken, das auf einem tief verankerten Schuldgefühl wegen der vergangenen kolonialen Herrschaft des Westens und seiner als imperialistisch wahrgenommenen Politik gründet. Selbstverständlich ist das eine ehrenwerte Haltung, die jedoch die Musliminnen in ihrer meisterhaft stilisierten Pflege der Opferrolle bestärkt und unbewusst Minderwertigkeitskomplexe bei ihnen auslöst. Denn die Beschützer sprechen den Beschützten indirekt jegliche Art von Selbstverantwortung ab, wodurch deren Selbstentfaltung und Wahrnehmung ihrer eigenen Bedürfnisse verhindert wird. Anderseits löst diese Konstellation auch Bequemlichkeit bei vielen Muslimen aus, so dass Selbst- und Islamkritik abgelehnt werden; der linksliberale Beschützerdrang verdrängt die Probleme in den islamischen Gemeinden."

Und in der taz erzählt Amed Sherwan, wie es ihm erging, als er mit einem T-Shirt am CSD teilnahm, auf dem "Allah is gay" stand.  An Todesdrohungen wurde offenbar nicht gespart. "Dass den meisten Muslimen in Sachen Religion der Humor fehlt, ist mir klar, aber dass es so krasse Reaktionen gibt, habe ich nicht erwartet. Einige Drohungen waren sehr angsteinflößend. Und jetzt hat mich anscheinend auch noch ein Deutscher unter Berufung auf § 166 StGB angezeigt. Wie 'Allah is gay' den Straftatbestand der 'Beschimpfung von Religionsgesellschaften' erfüllen kann, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel."
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Wissenschaft

In Tel Aviv wird ein wunderhübsches Naturkundemuseum eröffnet. Nur ein Thema wird auf Druck der Religiösen diskret beschwiegen - die Evolution, berichtet Josph Croitoru in der FAZ: "Auf der Internetseite des Museums findet sich zwar momentan der Begriff 'Evolution' als eigene Rubrik in der Sektion 'Entdecken'. Aber in den drei einschlägigen Beiträgen, darunter einem mit dem Titel 'Gott hat eine besondere Vorliebe für Käfer', kommt der Mensch nur in einem vor - und der handelt lediglich von der Domestizierung des Hundes durch den Menschen."
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Stichwörter: Israel, Evolution, Tel Aviv

Politik

Die nicaraguanische Revolte gegen Daniel Ortega, der einst ein Idol der westlichen Linken war, wird in hiesigen Medien bisher nur als ferner Tumult wahrgenommen. Der Lateinamerikakenner Andreas Kern schreibt für die Kolumnisten ein kleines Porträt über Ortega nach der Revolution: "Offiziell blieb Ortega Sozialist, in der Praxis war seine neue Ideologie aber ein ganz wilder Mix aus Revolutionspathos,  Anti-Amerikanismus, Hardcore-Katholizismus und einem Schuss Esoterik. Verantwortlich für diese pseudosakrale Neuausrichtung war vor allem Ortegas Ehefrau Rosario Murillo, eine Schriftstellerin, die seit vergangenem Jahr auch Vizepräsidentin ist. Zudem ging der Caudillo Allianzen ein, die einst unvorstellbar erschienen. Dazu gehörte ein Pakt mit der katholischen Kirche, dessen Frucht das wohl kompromissloseste Abtreibungsrecht der westlichen Welt ist." Kern glaubt, dass Ortega wegen der Schwäche der Opposition am Ruder bleiben wird - und weil Venezuela keine Veränderung zulässt.

Der Populismus ist in fast allen Ländern ein Sieg der Fläche über die Orte - in Deutschland weiter Landstriche, nicht nur im Osten, gegen Städte. Und so ist es auch in den Vereinigten Staaten. Das Wahlsystem ist dort so gebaut, dass die städtischen Demokraten bei den Midterms mit neunzigprozentiger Sicherheit die Mehrheit der Stimmen bekommen. Aber das heißt längst nicht, dass sie tatsächlich die Mehrheit der Sitze im Repräsentantenhaus gewinnen, schreibt Hannes Stein bei den Salonkolumnisten: "Die Minderheit der Amerikaner, die auf dem Land lebt, hat die Möglichkeit, der Mehrheit ihre fremden Moralvorstellungen und seltsamen politischen Projekte aufzudrücken. Erstens kann sie dies aufgrund des 'Electoral College' bei Präsidentschaftswahlen, das Landbewohner gegenüber Städtern klar bevorzugt. Zweitens kann sie dies, weil jeder Bundesstaat genau zwei Senatoren nach Washington, DC, entsendet. Kalifornien (mehr als 39 Millionen Einwohner) schickt also genau so viele Vertreter in den Senat wie Wyoming (585.501 Einwohner)." Stein wird am Ende seines Artikels kategorisch: "Die 'midterm elections' im November sind die letzte Möglichkeit, das Ruder noch einmal herumzureißen."
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Religion

Im Jahr 2024 werden voraussichtlich weniger als 50 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen einer der beiden großen Kirchen angehören, meldet Matthias Kamann in der Welt und fragt: Wer ist dann befähigt, "sich mit Anhängern anderer Religionen zu unterhalten. Nicht nur weil sie deren Antriebe verstehen, sondern auch weil sie wissen, dass und wie Religionen durch Menschen verändert werden. Sodass Christen jene Muslime unterstützen können, die es ablehnen, dass radikale Islamisten eine bestimmte Koranlesart für vom Himmel gefallen erklären und jede abweichende Deutung verteufeln. Wer kann die Christen bei der Unterstützung jener reformbereiten Muslime ersetzen? Oder sollen die religiösen Ignoranten dominieren, die Muslime vor die Wahl stellen wollen, entweder 'dem' Islam abzuschwören oder dorthin zu gehen, wo 'der' Islam Staatsreligion ist?" Vielleicht kann man sich auch mal von der Illusion verabschieden, dass ausrechnet der "Dialog der Religionen" das Problem mit der Religion lösen kann.
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Stichwörter: Islam, Christentum

Europa

Vor einigen Monaten hatte der "Rechercheverbund" aus SZ, NDR und Radio Bremen über unhaltbare Zustände in der Bremer Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) berichtet. Die Recherche, die großes Aufsehen erregt hatte, war bereits als haltlos zusammengebrochen (unser Resümee). Nun berichten Malene Gürgen und Gareth Joswig in der  taz über die offiziellen Untersuchungen zu den Vorwürfen: "Innenminister Horst Seehofer entließ vor sechs Wochen Bamf-Chefin Jutta Cordt, ein Team von 70 Bamf-Mitarbeitern prüft seit Mai alle 18.000 positiven Entscheidungen aus Bremen bis zurück ins Jahr 2000. Doch jetzt ist klar: Bislang hat die Prüfung kaum Unrechtmäßiges ergeben. Gerade mal 13 Asylentscheidungen sind bislang aufgrund falscher Angaben kassiert worden. 4 weitere wurden widerrufen, bei 16 liefen noch Rücknahme- und Widerrufsverfahren. Das geht aus der Antwort des Innenministeriums auf eine schriftliche Anfrage der Linken-Abgeordneten Ulla Jelpke hervor, die der taz vorliegt."

Irfan Aktan porträtiert für die taz den türkischen Journalisten Ahmet Sik, der jetzt als Abgeordneter der HDP ins türkische Parlament geht: "International bekannt wurde der Journalist durch sein Buch 'Die Armee des Imam' von 2010, in dem er schildert, wie sich die Gülen-Bewegung, damals noch enger Bündnispartner der AKP, in den staatlichen Strukturen organisiert. Es wurde beschlagnahmt, noch bevor es ganz fertig war. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte über das unveröffentlichte Buch, es sei 'gefährlicher als eine Bombe'. Sein Autor musste 2011 dafür ins Gefängnis." Und in seinem letzten Prozess wurde ihm ausgerechnet vorgeworfen, Propaganda für die Gülen-Bewegung gemacht zu haben.
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