9punkt - Die Debattenrundschau

Mehr wie eine Bewegung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.07.2018. Wer hätte das gedacht: Der Brexit hat eine zivilisierende Wirkung. Und zwar auf die Rechtspopulisten anderer Länder, die nun alle ganz lieb in der EU bleiben wollen, konstatiert die Financial Times. Die sozialdemokratischen Parteien suchen sich unterdessen ein neues Vorbild: Es heißt Jeremy Corbyn, beobachtet politico.eu. In der taz erklärt der Soziologe Andreas Reckwitz die alten und die neuen Schichten. Und der Guardian freut sich: Die wilden Zeiten führen zu erhöhtem Absatz ernstzunehmender Sachbücher.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.07.2018 finden Sie hier

Europa

Seit dem Brexit sind alle anderen europäischen Rechtspopulisten zumindest in der Europa-Frage handzahm geworden, beobachtet Simon Kuper in der Financial Times: Geert Wilders, Matteo Salvini, Marine Le Pen, alle wollen ganz lieb in der EU bleiben. Denn "die Unterstützung für die EU auf dem gesamten Kontinent ist so hoch wie seit 1983 nicht mehr, so die Umfrage der Europäischen Kommission unter 27.601 Menschen im April. Der Brexit hat viele junge Briten in fanatische Europhile verwandelt, wie es sie in Großbritannien bisher kaum gab. Die EU hat zudem auch den perfekten äußeren Feind bekomment: Trump ist in Europa noch weniger beliebt als zu Hause, und wenn er die EU als 'Feind' bezeichnet, hilft er, die Europäer zu vereinen."

Klassische sozialdemokratische Parteien suchen ihr Heil im Modell Corbyn, schreibt Naomi O'Leary bei politico.eu. Beispiel: die niederländische Partij van de Arbeid, die bei den letzten Wahlen auf unterirdische 6 Prozent gefallen war und darauf hin eine Studie in Auftrag gab - "Ergebnis: Corbynismus light. Der Bericht - 'Über die Zukunft - riet zur Demokratisierung von Parteistrukturen, um gewöhnlichen Mitgliedern mehr Macht zu geben und die Dominanz der 'Berufspolitiker' los zu werden. Die PvdA solle weniger wie eine Partei und mehr wie eine Bewegung aussehen und alte Verbindungen zum Aktivismus vor Ort wiederbeleben, die  vertrocknet waren. Eine Schlüsselempfehlung ist, von 'community-building experiences'  in anderen Ländern zu lernen."
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Ideen

Der Soziologe Andreas Reckwitz erklärt im Gespräch mit Martin Reeh und Jan Feddersen von der taz, was es in der "Gesellschaft der Singularitäten" (so der Titel seines viel beachteten Buchs) mit neuer und alter Mittelklasse und der Unterschicht auf sich hat: "Die eine Gruppe, die neue Mittelklasse, kann sich als Teil und Träger des Fortschritts der westlichen Moderne nach dem Mauerfall sehen, der Liberalisierung, des Bildungsfortschritts et cetera. Die beiden anderen Klassen sehen sich eher in einer manifesten oder latenten Situation von Entwertung. Die neue Unterklasse ist sozial deklassiert. Die alte Mittelklasse, die materiell noch relativ gut dasteht, sieht sich häufig in einer kulturellen Defensive gegenüber den Liberalisierungsprozessen."

Nationale Identität kann durchaus in einer menschenfreundlicher Version existieren, meint Andreas Spillmann, Direktor des Schweizerischen Landesmuseums, in der NZZ und denkt dabei an die Geschichten über Jan Hus, die Jungfrau von Orleans oder die Wikinger. Dann wird das Empfinden von Zugehörigkeit "nicht an Unumstößlichem festgemacht. Es sind nicht Herkunft, Religion oder Ethnie, sondern Erzählungen, die die nationale Zugehörigkeit definieren - Erzählungen, die unabhängig von Herkunftsmerkmalen internalisiert werden können. Auch supranationale Institutionen wie die Europäische Union sollten sich vor nationalen Identitäten, Werten und Symbolen nicht fürchten. Auch für die Europäische Union wären narrative Repräsentationen hilfreich."
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Kulturmarkt

Auch wenn man nicht ganz sicher sein, dass sich dieser Trend schon in deutschen Verlagskatalogen für den Herbst widerspiegelt: Der Trend geht in diesen wilden Zeiten zum durchaus seriösen und schwerwiegenden Sachbuch, behauptet Alex Preston im Guardian. Größtes Symptom sei der exorbitante Erfolg der Bücher von Yuval Noah Harari, besonders von dessen Titel "Sapiens", der sich noch nach Jahren in rauen Mengen verkaufe: "Es war ein Branchenblatt, der Bookseller, das zuerst den Aufstieg der sogenannten 'Brainy Backlist' feststellte. Das Blatt verzeichnete zugleich einen Rückgang der Verkäufe von Büchern, die ein solche Renner der Verlagskataloge waren - Promi-Biografien. Wir wenden uns ab von glitzernden, aber wegwerfbaren Geschichten über Ruhm und Überfluss und hin zu ernsteren, nachdenklicheren, ruhigeren Büchern, die uns helfen, unseren Platz in der Welt zu verstehen."
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Medien

Genüsslich breitet Jan Fleischhauer im Spiegel (leider nicht online) den Streit innerhalb der Zeit-Redaktion aus - bekanntlich hatte Mariam Lau Zweifel an der privaten Seenotrettung thematisiert, im Rahmen eines "Pro und Contra", das durch die Überschrift "Oder soll man es lassen" irritierte (unsere Resümees). In den folgenden Editorial distanzierte sich die Chefredaktion der Zeit von Lau. Der eigentliche Chefredakteur Giovanni di Lorenzo war zu der Zeit in Urlaub. Fleischhauer schildert das Verhältnis zwischen di Lorenzo und seinem Vize Bernd Urlich, das doch recht distanziert sei (obwohl beide katholisch sind, der eine sogar vegan): "Auseinander kommen sie aber auch nicht. Ulrich wird gebraucht, weil er einen wichtigen Teil der Leserschaft bindet. Das weiß er, und das sichert seine Stellung. Andererseits kommt er an di Lorenzo nicht vorbei, weil ihm niemand im Holtzbrinck-Verlag, dem die Zeit gehört, die Chefredaktion anvertrauen würde, jedenfalls nicht, solange di Lorenzo seinen Posten nicht freiwillig räumt. So sind sie aneinandergekettet."

Außerdem: Georg Löwisch, Chefredakteur der taz, und Plutonia Plarre schreiben den Nachruf auf ihre Kollegin Barbara Bollwahn, die im Alter von 54 Jahren gestorben ist.
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Stichwörter: Die Zeit

Gesellschaft

In Deutschland demonstrierten unterdessen in vielen Städten Menschen für die private Seenotrettung von Flüchtlingen. Malene Gürgen kommentiert in der taz: "Mehr als acht Millionen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer gab es 2015 in Deutschland, viele von ihnen sind nach wie vor aktiv, andere hinzugekommen. 87 Prozent der Wähler haben bei der letzten Bundestagswahl nicht der AfD ihre Stimme gegeben. Drei von vier Deutschen finden es richtig, dass NGOs im Mittelmeer Flüchtlinge retten. Man fragt sich schon, wann eine der deutschen Parteien auf die Idee kommen wird, dass diese Menschen eine wichtige Wählergruppe sein könnten, um die es sich zu werben lohnt."

Was wäre, wenn Özils englischsprachiger Abschiedsbrief nur die schnöde ökonomische Entscheidung der internationalen Marke Özil widerspiegelt, fragt Bettina Weiguny in der FAS: "In der muslimischen Welt strahlt die Marke Mesut Özil hell wie nie. In seinem Haus in London hat der Fußballer eigens ein Zimmer orientalisch einrichten lassen. Dort lässt er sich am liebsten ablichten. Angeblich will er sich eine Moschee in seinem Garten bauen." Özil habe mehr Follower in den sozialen Medien als andere deutsche Fußballer - vor allem in der muslimischen Welt und in Asien, da komme er nach den ganz großen Stars wie Cristiano Ronaldo oder Lionel Messie, aber lange vor anderen deutschen Mitspielern: "Dass Özil es in diese Liga geschafft hat, liegt erwiesenermaßen nicht an den Deutschen. Hierzulande lagen seine Sympathiewerte stets unter denen von Thomas Müller, Philipp Lahm oder Manuel Neuer."

Die Debatte unter dem Hashtag #MeTwo läuft aus dem Ruder, berichtet Caroline Schwarz in der taz: "In dieser Debatte ist es extrem - nach wenigen Tagen wird sie von Hass anstatt von Solidarität und Verständnis dominiert. In den Kommentaren unter den Tweets produzieren viele erneuten Rassismus. Der reicht von Beleidigungen, über Hass bis hin zu Gewaltandrohungen. Die Journalistin und Autorin Hatice Aküyn löschte ihre Tweets unter #MeTwo am Freitag und erklärte, sie sehe sich dazu gezwungen, da der rassistische Backlash zu groß sei."

Armin Nassehi misstraut im Blog seines Kursbuchs der Wohligkeit, mit der Özils Vorwurf des Rassismus von vielen aufgegriffen wird. Zwiespältig aber ist für ihn die Lektüre der Erfahrungen unter dem Hashtag #MeTwo: "Wenn man diese Erfahrungen liest, läuft es einem oft kalt den Rücken herunter. Aber irgendwie dementieren diese Erfahrungsberichte auch das, was sie anklagen: Sie zeigen, wie weit die deutsche Gesellschaft bereits darin ist, solche Erfahrungen für sagbar zu halten und sich damit auseinanderzusetzen. Zuvor dürften die Erfahrungen mit Rassismus viel extremer gewesen sein - aber kaum sagbar. Darin ist #MeTwo seinem Zwilling #MeToo sehr ähnlich." Arno Widmann setzt sich in der FR mit den "15 Prozent" auseinander, die Mesut Özil ablehnen - und in die er sich durch sein Eintreten für Erdogan doch zugleich integriert habe. In der SZ berichtet Jan Bielicki von einer Studie, die zeigt, das Diskriminierungen bei der Arbeits- und Wohnungssuche durchaus real sind.

Außerdem: Michael Göring von der Zeit-Stiftung macht sich im Aufmacher des FAZ-Feuilletons Sorgen über die Desiderius-Erasmus-Stiftung der AfD, die wie alle Parteistftungen mit äußerst großzügigen Staatsmitteln ausgestattet sein wird, und über die von Steve Bannon angekündigte Stiftung "The Movement" und regt an, dass demokratisch gesinnte europäische Stiftungen einen Thinktank gegen rechts gründen.
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