9punkt - Die Debattenrundschau

Lediglich die westliche Perspektive

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.08.2017. Provenienzforschung allein reicht auch nicht, meint die Ethnologin Viola König in der Welt. Lieber sollten die Ethnologischen Sammlungen umfassende Objektbiografien erstellen. In der FAZ möchte Fassbinder-Erbin Juliane Lorenz mehr öffentliche Gelder für die Digitalisierung des Filmerbes. Im Guardian wünscht sich Frank Mugisha mehr Solidarität mit den Homosexuellen in Uganda. Ebenfalls im Guardian fordert Afua Hirsch den Kopf Nelsons auf dem Trafalgar Square.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2017 finden Sie hier

Geschichte

Gute Idee, die Statuen des Südstaatengenerals Robert E. Lee niederzureißen, findet Afua Hirsch im Guardian. Ihr würden auch in Britannien einige Denkmäler einfallen, die nicht mehr ganz zeitgemäß sind: Vorneweg die Säule des allseits verehrten Admiral Horatio Nelson auf dem Trafalgar Square: "Wie überall auf der Welt verurteilten auch in Britannien die meisten Stimmen die Neonazis in den USA und den Präsidenten, der sich nicht von ihnen distanzierte. Aber wenn es um unsere eigenen Statuen geht, werden die Dinge peinlich. Die Titanen des Kolonialismus und der Sklaverei werden in der britischen Geschichte noch immer hochgehalten. Trotz studentischer Proteste wurde die Statue des Imperialisten Cecil Rhodes in Oxford nicht abgerissen. Und Bristol feiert noch immer seinen berüchtigten Sklavenhändler Edward Colston. Als ich am Wochenende twitterte, dass Britannien auch mal auf seine eigenen Landschaft sehen sollte, schlug mir offene Feindschaft entgegen."

Im Blog der NYRB betont Annette Gordon-Reed allerdings, dass Robert E. Lee nicht nur ein Verfechter der Sklaverei war, sondern einen Krieg gegen die Einheit der USA geführt hat. Niemals dürfte man eine Statue von Thomas Jefferson abreißen, der auch Sklavenhalter war, aber eben auch die Unabhängigkeitserklärung verfasst hat: "Seine Worte von der selbstverständlichen Wahrheit über die Gleichheit der Menschen und das Streben nach Glück war Inspiration für die ganze Welt."
Archiv: Geschichte

Kulturpolitik

In der Welt wehrt sich die Ethnologin Viola König gegen die einseitige - und ziemlich modische - Fokussierung auf Provenienzforschung beim Humboldt-Forum und ethnologischen Museen überhaupt. Sie könne immer nur Teil einer umfassenden Objektbiografie sein: "Ein Objekt, dessen Herkunft zwar bekannt ist, von dem man aber weder Funktion noch Kontext noch Transformationen kennt, ist nicht nur unbefriedigend erforscht, sondern betont lediglich die westliche Perspektive. Erst alle Faktoren zusammen ergeben ein schlüssiges Bild. Sie sind Voraussetzung für die Entscheidung, ob die Objekte in einem Museum aufbewahrt oder gegebenenfalls in eine Community zurückgegeben werden. Museen in den Vereinigten Staaten bewahren mittlerweile wieder zurückgegebene Objekte für die Communities auf."

Benin hat vor einem Jahr von Frankreich die Rückgabe von Skulpturen gefordert, die 1892 aus dem königlichen Palast von Abomey geraubt wurden. In Le Monde spricht der frühere Premierminister Lionel Zinsou über die Forderung: "Ersteinmal muss ich erklären, worum es bei diesen Werken geht: Die Throne der Könige Guézo, Glélé und Béhanzin, menschenähnliche und symbolische und die Regalien des König Banzin. Dieser Werke haben einen rituellen Aspekt und ihre Kraft resultiert aus ihrer ästhetischen Qualität: In ihnen wird der Moment spürbar, in dem Macht und Schönheit zusammenfallen."

Alle reden vom Filmerbe, diskutieren ideale Archivbedingungen und das Für und Wider von digitalem und analogem Film. Doch was kostet es eigentlich, einen Film zu digitalisieren und zu restaurieren? Bedrückend viel, wie Juliane Lorenz, Präsidentin der Fassbinder Foundation, in der FAZ vorrechnet. Mit rund 50.000 Euro darf man bei bei einem älteren Film üblicher Lauflänge rechnen. "Erheblich höhere Kosten fallen bei jüngeren Werken der Filmgeschichte an, deren Urheberrechte noch bestehen und die mit Fernsehmitteln produziert wurden. Das bedeutet, Urheberrechte für alle heutigen 'Neuen Verbreitungsformate' müssen mit jenen Personen oder ihren Rechtsnachfolgern neu verhandelt werden, die die künstlerischen Bereiche eines Filmwerks gestalten: Stoff, Drehbuch, Regie, Kamera, Ton, Schnitt, Kostüme, Maske, Ausstattung und Musik. Auch Leistungsschutzrechte von Schauspielern sind abzulösen." Lorenz möchte dafür zusätzliche öffentliche Gelder. Welchen Vorteil die zahlende Öffentlichkeit davon hat, wenn die Erben trotzdem noch auf den Rechten sitzen und die Filme nach Belieben eben dieser Öffentlichkeit vorenthalten können, erfährt man nicht.
Archiv: Kulturpolitik

Internet

In der FAZ regt sich Adrian Lobe darüber auf, dass Google kurzzeitig auf dem Smartphone die Urls der Suchergebnisse nicht mehr anzeigte: "Nach Darstellung des Internetmagazins 'The Next Web', dem die Sache auffiel, ist unklar, ob Google nur einen Testlauf unternimmt oder so schrittweise ein neues Angebot ausrollt. Vor allem diene das Experiment dazu, die Schnittstelle aufgeräumter und übersichtlicher zu gestalten. Doch könnte auch der Versuch dahinterstecken, sukzessive die Hyperlinkstruktur des Internets zu demontieren und den Informationsverkehr im Netz zu dominieren."
Archiv: Internet
Stichwörter: Smartphones, Lobe, Adrian

Gesellschaft

Auf der Architektur-Biennale in Venedig machten im vorigen Jahr alternative Flüchtlingsunterkünfte Furore, die nicht als gestapelte Module oder Containerdörfer am Stadtrand platziert werden sollten, sondern als Orte für Menschen mitten in der Stadt. Jetzt sind in Wien tatsächlich einige dieser Orte entstanden, in der NZZ nimmt Gabriele Detterer sie in ersten Augenschein: "Dieser 'Ort für Menschen' im dritten Wiener Bezirk hat es in sich. Das Haus ist eine ehemalige Zollamtsschule. Nun sind Flüchtlinge in die Zimmer der einstigen angehenden Grenzwächter eingezogen, was seltsam symbolkräftig anmutet. Zudem beherbergt das Gebäude heute einen Polizeiposten und eine Ballsportschule. Alles unter dem Dach eines Gebäudekomplexes der 1970er Jahre. Natürlich ist fraglich, ob die ungewöhnliche Heterogenität der Gebäudenutzer der isolierenden Absonderung von Asylbewerbern tatsächlich entgegenwirken kann."

Die Unterstützung des Westens für die Rechte Homosexueller in Uganda nimmt stetig ab, klagt im Guardian Frank Mugisha, Leiter von "Sexual Minorities Uganda". Zum Teil mag das auch daran liegen, dass Homosexualität inzwischen als "westlich" verunglimpft wird: "Kürzlich traf ich mich mit einem Diplomaten, der mir erklärte, sein Land könne meine Organisation nicht unterstützen, weil man befürchte, wegen Förderung der Homosexualität angeklagt zu werden. ... Es brauchte den Mord an meinem Freund David Kato und die drohende Todesstrafe gegen LGBT-Menschen, damit die internationale Gemeinschaft Notiz von unserer Not nimmt. Jetzt scheint es, als würde die LGBT-Community in Uganda wieder unsichtbar werden."
Archiv: Gesellschaft