9punkt - Die Debattenrundschau

Die großen drei Tabus

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.08.2017. Die Politologin Barbara Loyer beschreibt in Huffpo.fr, wie das Attentat von Barcelona die Beziehung zwischen den katalanischen Sezessionisten und der Zentralregierung weiter vergiftet. Die chinesische Zensur greift jetzt auch wissenschaftliche Zeitschriften an, berichtet die Welt. In der FR verteidigt Arno Widmann die Marktschreier und Moritatenerzähler des digitalen Zeitalters. Die FAS fragt sich, wie die Öffentlich-Rechtlichen mit mehr Geld sparen wollen.

Europa

Das Attentat von Barcelona hat auch Einfluss auf die Beziehungen zwischen den katalanischen Separatisten und der Zentralregierung, schreibt die Politologin Barbara Loyer in Huffpo.fr. Schon fliegen Schuldzuweisungen hin und her: "Die katalanische Regierung verfügt in der Tat über eine autonome Einsatzkraft, die Mossos d'esquadra, die aber zum Teil vom Budget des spanischen Innenministeriums abhängt. Sie wird seit 2008 im ganzen Territorium eingesetzt und ist also für die Sicherheit in Barcelona verantwortlich. Darum hat die sezessionistische Regionalregierung schon am 17. August den spanischen Innenminister beschuldigt, die katalanische Polzei nicht verstärkt und in die Terrorabwehr und Europol integriert zu haben. Umgekehrt verwies das Ministerium auf das Versagen der katalanischen Polizei."

Nach seiner Verhaftung in Spanien ist der deutsch-türkische Schriftsteller Dogan Akhanli wieder auf freiem Fuß. Im Interview auf Tagesschau.de spricht er über den Schock und den langen Arm der türkischen Justiz: "Ich dachte, die türkische Willkür und Arroganz kann Europa nicht erreichen. Aber wahrscheinlich stimmt das nicht ganz. Das internationale Recht, welches an sich ja gut ist, missbrauchen sie einfach. Das hat mit Rechtsstaat nichts zu tun." Laut ZeitOnline wirft die türkische Justiz dem Autor vor, 1989 an einem Raubmord in Istanbul beteiligt gewesen zu sein. Im Tagesspiegel glaubt Gerrit Bartels allerdings, dass Akhanli vor allem wegen seiner Bücher über den Völkermord an den Armenien verfolgt wird.

Bereits 2015 haben aller Wahrscheinlichkeit nach russische Hacker die Computer des Bundestags angezapft. Jan-Philipp Hein rechnet bei den Salonkolumnisten damit, dass im Wahlkampf Informationen aus diesem Paket geleakt werden könnten: "Vielleicht haben die russischen Taktiker die Bundestagswahl angesicht erdrückender Umfragewerte für Angela Merkel und ihre CDU bereits verloren gegeben. Doch es könnte auch nach der Devise verfahren werden, dass jede Schwächung der Kanzlerin dem Kreml nutzt. Sie gilt als die europäische Schlüsselfigur, die dafür sorgt, dass die - durchaus wirksamen - Sanktionen gegen Russland aufrecht erhalten werden.
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Wissenschaft

In der Welt berichtet Johnny Erling, dass die Cambridge University Press den chinesischen Zugang zu 315 Artikeln der Zeitschrift China Quarterly sperrt - und zwar auf Geheiß Pekings: "Cambridge University Press argumentierte, man habe Pekings Forderungen nachgeben müssen. Man befürchtete, dass ansonsten die Volksrepublik über ihre große Firewall alle ihre Onlinepublikationen für die Nutzung innerhalb der Volksrepublik sperren lassen würde. So widerfuhr es einst Google als Strafe, weil sich der US-Internetsuchdienst der Kontrolle der Zensur nicht unterwerfen wollte." Die indizierten Beiträge fallen großenteils unter die großen drei Tabus, weiß Erling zudem: "Also Berichte über die Lage in Tibet, auf Taiwan und über das Tiananmen-Massaker 1989."
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Gesellschaft

Der Westen ist auf dem absteigenden Ast, das amerikanische Modell des melting pot funktioniert nicht mehr, das französische der Integration durch die rechtliche Abstraktion der Staatsbürgerschaft schon gar nicht, das deutsche der Integration durch die Industriearbeit auch nicht mehr, und was Britishness bedeutet, weiß auch niemand mehr, meint Heinz Bude in der FAZ. Und dazu kommt dann die Einwanderung. Zeit, sich ein paar Tatsachen einzugestehen: Etwa die, dass es auf absehbare Zeit ein neues "Dienstleistungsproletariat" geben wird. "Sind die relativ privilegiert lebenden Menschen in den europäischen Gesellschaften zu der notwendigerweise widersprüchlichen Haltung bereit, diese neue Form proletarischer Ungleichheit einerseits hinzunehmen und andererseits dafür Sorge zu tragen, dass man von 'einfacher Dienstleistung' leben kann und dass die Kinder aus dieser nach Herkünften sehr gemischten Unterklasse die Chance auf ein besseres Leben haben?"

Public Shaming? Findet die amerikanische Wissenschaftlerin Jennifer Jacquet gut, wie sie in ihrem Buch "Scham - Die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls" und im Interview mit der SZ erklärt. Man muss sich nur die Richtigen, also die, die für Scham empfänglich sind, aussuchen: "Greenpeace hat mal eine sehr breit angelegte Scham-Kampagne gegen Supermärkte gefahren, die Fisch verkauft haben, der nicht nachhaltig war. Es gab Ranglisten, auf denen einige wirklich miserabel abschnitten, und es stellte sich heraus, dass ausgerechnet von denen viele die Kampagne quasi komplett ignorierten. 'Trader Joe's' (eine amerikanische Bio-Marke; Anm. d. Redaktion), bei Weitem nicht der schlimmste unter den Supermärkten, reagierte hingegen sehr sensibel. Also konzentrierte Greenpeace die Kampagne auf diese Kette - mit großem Erfolg."
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Archiv: Gesellschaft

Medien

Die öffentlich-rechtlichen Sender möchten bis 2029 eine Gebührenerhöhung auf 21 Euro im Monat, berichtet die FAS. Flankierend sollen Sparmaßnahmen durchgeführt werden. "Doch die finanziellen Ersparnisse, die durch diese Zentralisierung sich ergeben, sollen nicht an die Zuschauer weitergegeben werden, sondern sie werden 'umgeschichtet in die Vielfalt neuer Angebote des digitalen Medienwandels', wie es in einem der FAS vorliegenden Grundsatzpapier der ARD heißt."

Ein gewisses Einsparpotenzial für ARD und ZDF entdeckt Telepolis-Autor Peter Mühlbauer mit Blick auf eine Umfrage der Werbezeitschrift Horizont, nach der das Interesse an Fußball stark abnimmt: "Sieht man sich die Ergebnisse der Umfrage nach dem Alter der Befragten differenziert an, dann zeigt sich, dass das Interesse weiter zurückgeht: Während sich von den über 60-Jährigen 30 Prozent stark oder sehr stark für Fußball interessieren, sind es bei den 30- bis 44-Jährigen nur mehr 22 und in der Gruppe der 14- bis 29-Jährigen sogar nur 17 Prozent."

Natürlich ist nicht alles nur ein Witz, aber dass Infotainment die Demokratie ruiniert, will Arno Widmann in der FR nicht glauben und bricht eine Lanze für die Marktschreier und Moritatenerzähler auch im digitalen Zeitalter: "Den Hunger nach Nachrichten gab es schon immer und schon immer mischten sich Sachliches und Persönliches. In einer Welt, in der Personen das Sagen hatten, war das keine Spur von frivol, sondern nur vernünftig. Was hilft einem die Kenntnis der Rolle der Institutionen in einem System, in dem alles davon abhängt, wie der Führer entscheidet? Jeder, der in einem Betrieb arbeitet, weiß, wie viel wichtiger es ist, zu verstehen, wer mit wem kann, als die Leiter der Hierarchie hinauf- und hinuntersagen zu können. Für Bundeskanzler Kohl stand sein Ehrenwort, selbst das nur angebliche, über dem Gesetz. Ohne die Psyche des Präsidenten Trump ist die US-Politik nicht zu erklären."
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Kulturpolitik

Im Streit um den Umgang des Humboldt-Forums mit Exponaten aus der Kolonialzeit sträubt sich in der Welt Thomas Vitzthum dagegen, die Objekte in ihrer Schönheit einer "moralisierenden Wissenschaft" zu opfern: "Hinter dem ehrenwerten Anspruch, ihre Herkunft zu ergründen, verbirgt sich eine traurige Ignoranz dem Rang der ethnologischen Sammlung gegenüber. Über die Objekte aus der Südsee, aus Südamerika, von den afrikanischen Stämmen wird gerade diskutiert, als könnte man ohne Not auf jedes dieser Exponate verzichten. Als müsse man sich das alles nicht ansehen, wenn man ein schlechtes Gewissen hat."

Überwachung

Tarnung wird gegen Gesichtserkennung nicht helfen, meint Svenja Bergt in der taz mit Blick auf neueste Technologien und Versuche öffentlicher Stellen: "Allein schon deshalb nicht, weil im Zweifelsfall der Gesetzgeber reagieren würde. Und die entsprechende Tarnung im öffentlichen Raum verbieten. Oder eben andere biometrische Erkennungstechnologien eingesetzt würden, die sich nicht so leicht täuschen lassen. Die Analyse des Gangs etwa oder der Körperproportionen."
Archiv: Überwachung
Stichwörter: Gesichtserkennung