Efeu - Die Kulturrundschau

Friedhofsvogelgezwitscher

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.08.2017. In der SZ spricht John Grisham über die Ereignisse in Charlottesville. Die Kritiker erliegen der Bildgewalt von Simon Stones Inszenierung von Aribert Reimanns Oper "Lear" und jubeln: In Salzburg geht es wieder um etwas! Die taz vermisst Energie beim wiederbelebten Berlin Atonal Festival. Von Christina Dimitriadis erfährt sie, was die Documenta in Athen alles falsch gemacht hat. Die Feuilletons trauern um den Maler K. O. Götz und reichen weitere Nachrufe zum Tod von Jerry Lewis nach.

Bühne


Bild: Szene aus "Lear". Salzburger Festspiele. Thomas Aurin


Mit Blumenmeer und Blutbad feierte Simon Stones Inszenierung von Aribert Reimanns "Lear" bei den Salzburger Festspielen Premiere. Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum jubelt: "Was für eine Bildwirkung, wenn es bühnenflächendeckend regnet in der Sturmnacht. Ein Mal noch blühender Naturalismus, wenn der dem Wahnsinn nahe Lear sich zu dem als Narr gebärdenden Edgar/Tom hingezogen fühlt. Dann aber legt Regisseur Simon Stone den Hebel um. Bildmächtig immer noch, aber abstrahierend das Weitere. In England sind die Schlächter unterwegs, rituell wird ein Blutbad unter der Zuschauer-Statistenschar vollzogen. Viele stürzen in die rote Lache. Lear hat Visionen. Dem Parkinson-zitternden Gloster wird das Augenlicht geraubt. Edgar/Tom ist jetzt als Luftballone tragende Mickey Mouse unterwegs."

"Es geht jetzt wieder um etwas in Salzburg", jubelt Eleonore Büning in der NZZ und  staunt, wie Stone die Trennung zwischen Bühne und Publikum aufhebt: "Jeder von uns könnte Lear sein." Im Standard schwärmt Ljubiša Tošić: "Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker transportieren trotz der Komplexität die klangauratische Kraft dieser Musik sinnlich packend. Diese unnachgiebig zwischen perkussiven Schlägen, Clustern, traumverlorenen Flächen und eruptiv ausbrechenden Tonkaskaden changierende Partitur ist ein elegantes Meisterstück der psychologisch tiefreichenden Moderne." FAZ-Kritiker Reinhard Kager kann bei so viel "unmittelbarer Körperlichkeit" auf psychologisch präzise Figurenzeichnung gut verzichten und bewundert "Szenen von archaischer Wucht, in denen schmerzhaft die Kehrseite nach außen glänzender Macht zum Vorschein kommt". Und in der SZ lobt Egbert Tholl Stones Gespür für die "zwingende Logik des Untergangs".


Aus Michael Clarks "to the simple rock 'n' roll song". Foto: Anja Beutler

Mehr als "Ballettdesign in Sonnenuntergangs- und Weltallfarben" hat taz-Kritikerin Astrid Kaminski in Michael Clarks viel gelobter Tanz-Performance "to the simple rock 'n' roll song" beim Tanz im August nicht gesehen: "In so ziemlich jeder Besprechung seiner Werke steht, dass er einmal Punk war. Junkie. Alk. Ein Leck-mich-am-Arsch-Typ. Und während er das meiste davon überwunden habe, Punk sei er irgendwie immer noch, 'Rebell' heißt es im Programmheft. Immer noch subversiv. So viel zur Blase. Nun zu dem, was drinnen ist: Acht respektable Balletttänzer*innen in schwarz-weißen Unitards, später in Latex-Schlaghosen oder metallisch anthrazit-silber gefleckten Trikots tanzen angestrengt zu Erik Saties Möblierungsklassiker 'Ogives', zu Patti Smith' grungy 'Horses' (das auf 'to the simple rock & roll song' endet), zu einem David-Bowie-Mix (vor allem aus dem letzten Album 'Blackstar'). Eine Musikauswahl, auf die sich alle einigen können."
Archiv: Bühne

Film

Die Feuilletons trauern um den großen Jerry Lewis. Dessen Kunst ging nie ganz auf in "Slapstick-Stolpern, Gesichter-Verziehen und demonstratives, monströses Schielen", schreibt Barbara Schweizerhof in der taz. Ein echter Wirbelwind also: "Nie blieb er stehen, wo er war, immer wollte er sich übertreffen, nie war er sich gut genug", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Und dennoch blieb er irgendwie auch auf der Stelle, denn er wollte ja auch nie jemand ganz anderes sein als diese Ikone aus ewiger Jugendlichkeit gepaart mit amerikanischem Unternehmergeist. ... Seine Tragik war die des ewigen Clowns, nur dass er eben keine abstrakte Maske aus weißer Schminke trug, sondern tausend Gesichter, die er selber schuf."

Hubert Spiegel verbeugt sich in der FAZ vor den gesichtsakrobatischen Leistungen Lewis': "Nicht nur der Körper, vor allem das Gesicht wird bei Jerry Lewis zum Schlachtfeld. Hier gleicht jedes Gefühl einem Gewaltexzess." Dirk Peitz würdigt den Verstorbenen auf ZeitOnline als den "vielleicht ersten modernen Autorenfilmer unter den Komödianten." David Steinitz kommt im Nachruf in der SZ auch auf Lewis' Wirkmächtigkeit zu sprechen: "Jim Carrey, Ben Stiller, Eddie Murphy, Adam Sandler und Robin Williams wären ohne Jerry Lewis nicht denkbar."

Die SZ veröffentlicht außerdem ein episches Gespräch zwischen Peter Bogdanovich und Jerry Lewis, das im Jahr 2000 im SZ Magazin erschienen ist, zum ersten Mal online. 2008 sprachen die beiden nochmals miteinander vor Publikum - hier kann man das Gespräch nachhören.

Weiteres: Die Berlinale meldet, dass Wieland Speck seinen Posten als Leiter der Sektion "Panorama" nach 25 Jahren an Paz Lázaro abtritt, die von Michael Stütz und Andreas Struck unterstützt wird. Im Standard lobt Bert Rebhandl die Qualitäten des Wettbewerbs vom Filmfestival Sarajewo. Besprochen wird die DVD-Kollektion "Der neue Mensch" mit Arbeiten aus dem frühen sowjetischen Kino (Tagesspiegel).
Archiv: Film

Musik

Mit der Neuauflage des im Punk- und Industrial-Underground gegründeten, 1990 beerdigten und 2013 wiederbelebten Berlin Atonal Festivals hat Steffen Greiner mittlerweile so seine Probleme, wie er im taz-Resümee einräumt. Zwar herrschte an von Drones unterfütterten "monolithischen Messen" und  "aus Friedhofsvogelgezwitscher, Schellackplattenschlagern und Brachialschwof collagierten Klangknäuel" auch in diesem Jahr kein Mangel. Doch macht sich bei Greiner ein Verlust bemerkbar: "das Wissen zum Beispiel, dass ein Sound, der Industrial zweiter Ordnung ist, eben immer auch ein wenig Leni Riefenstahl vierter Ordnung ist. Wenn diese Reflexionsebene verloren geht, verkommen Lärm und Verstörung zur leeren Geste. ... Wer das Dunkle der Musik in den Rang eines Keyboard-Solos stellt, eines reinen Genre-Signifiers also, kappt die Verbindungen zur Energie, die hinter der Musik steht." Kurz: Hier werde "unüberwältigend die Überwältigungsästhetik des Totalitären" zelebriert.

Weiteres: In der "Sommerhits"-Reihe des Tagesspiegels erinnert sich Jörg Wunder an Abenteuer als Tramper, die ihm ein erster Walkman versüßte. Wolfgang Schreiber schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Komponisten Wilhelm Killmayer. Besprochen werden neue Alben von Queens of the Stone Age (Welt) und Ty Segall (taz).
Anzeige
Archiv: Musik
Stichwörter: Berlin Atonal

Literatur

Den Vornamen teilt er sich schon mit Pynchon und auch Thomas Lehrs Romangroßprojekt, dessen erster Teil "Schlafende Sonne" gerade erschienen ist, scheint, was mäandernde Storyverläufe uns historische Großentwürfe betrifft, dem amerikanischen Großmeister der Postmoderne in wenig nachzustehen. So zumindest das Fazit aus Richard Kämmerlings Porträt des Autors, das die Welt vom vergangenen Samstag nun online nachgereicht hat. Es geht Lehr offenbar mehr oder weniger um den gesammelten Irrsinn des deutschen 20. Jahrhunderts, erfahren wir: "'Im Grunde zirkuliert der Roman immer durch das ganze Jahrhundert', sagt Lehr. ... 'Die Spirale ist das Grundmodell. In der Mitte steht dieser eine Tag im August 2011. Und um diesen Tag herum wickle ich die Zeitskala. Die Erzählstruktur springt immer auf Außenstationen - radial kommt man ganz schnell Jahrzehnte rückwärts - und springt zurück. Das Ganze hat die Struktur einer Sonne. Diese Spiralsonne hängt über meinem Schreibtisch als Modell des ganzen Buchs. Das ist beim Lesen gar nicht so kompliziert. Im Grunde zerstöre ich Zeit, indem ich alles nebeneinander stelle. Quantentheoretisch löse ich Zeit durch Räume auf.'"

Ist der Rassismus in Amerika auf dem Vormarsch? Man möchte es seit der Wahl von Donald Trump bejahen, meint auch der in Charlottesville lebende Autor John Grisham im Interview mit der SZ, aber es gebe auch ganz andere Tendenzen: "Sehen Sie sich doch unsere Kultur an: Ganz gleich, was Sie nehmen - Musik, Film, Mode, Literatur, Kunst, Sport, Religion -, alles wird stark von Schwarzen beeinflusst, die vom weißen Publikum bewundert, respektiert und sogar verehrt werden. Jede zehnte in Amerika geschlossene Ehe ist eine Mischehe, und entsprechend steigt die Zahl gemischtrassiger Kinder mit jedem Jahr. Zwischen Schwarz und Weiß herrscht keineswegs grundsätzliches Misstrauen oder böser Wille. Es gibt großes Verständnis füreinander."

Weiteres: In der NZZ warnt Paul Jandl die Juroren schon mal vor all den Nörglern, die wieder auftauchen, wenn im Herbst die deutschen, österreichischen und Schweizer Buchpreise vergeben werden. Für den Tagesspiegel spricht Moritz Honert mit dem Comiczeichner Andreas "Aha" Hartung, der seine Adaption von H.P. Lovecrafts "Die Farbe aus dem All" in Form einer von Musik untermalten Youtube-Bildersequenz konzipiert hat. Daraus hier das erste Kapitel, alle weiteren Folgen kann man auf Hartungs Website sehen:



Besprochen werden Colson Whiteheads "Underground Railroad" (FR, Tagesspiegel), Henning Mankells "Der Sandmaler" (FR), Ijoma Mangolds "Das deutsche Krokodil" (SZ) und Viet Thanh Ngyuens "Der Sympathisant" (FAZ).
Archiv: Literatur

Kunst

Im taz-Interview mit Ingo Arend spricht die deutschgriechische Künstlerin Christina Dimitriadis über die problematische Inszenierung der documenta im armen Athen, das Haus, das sich documenta-Leiter Adam Szymczyk auf der Insel Hydra gekauft hat und die unglückliche Vokabel "Unlearning", die Szymczyk bei der Eröffnung nutzte: "Mit dem Begriffspaar Learning/Unlearning wollte er wohl so eine Art dialektisches Denken signalisieren. Angesichts der realen Lebensverhältnisse in Griechenland kam das aber abgehoben daher. Wenn Sie jeden Tag ums Überleben kämpfen müssen, überlegen müssen, wie Sie die Familie ernähren und Rechnungen zahlen können, haben Sie andere Sorgen als Kunst oder die documenta. Das Team hat sich zu wenig dieser Situation vor Ort geöffnet. Sie haben eine geschlossene Gesellschaft etabliert."

Im Tagesspiegel freut sich Nicola Kuhn, dass nun auf dem Webportal "Museum der 1000 Orte" die ersten 124 Exponate der etwa 10000 Werke der Kunst-am-Bau-Sammlung des Bundes virtuell besucht werden können: "Wer hat schon Stefan Balkenhols 'Wetterfahnen' auf dem Dach des Auswärtigen Amts aus der Nähe gesehen? Online dürften das mittlerweile viele sein. Die vier scherenschnittartigen Figuren, zwei Frauen und zwei Männer, die für Balkenhol typischen Durchschnittsbürger, ragen über die Kante des Flachdachs hinaus, wo sie sich im Wind drehen. Hier oben bilden sie den schönsten Kontrast zur herrschaftlichen Bauplastik rundum, den Gebäuden entlang der Flaniermeile Unter den Linden. Eine kleine Lektion in Demut für die Diplomaten."

Der Maler Karl Otto Götz, Wegbereiter der abstrakten Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg und Lehrer von Sigmar Polke und Gerhard Richter, ist im Alter von 103 Jahren gestorben. In der Welt schreibt Marcus Woeller über den zuletzt fast erblindeten Maler, der mit ganzem Körpereinsatz malte: "Vielleicht hat Karl Otto Götz sich deshalb schon früh K. O. Götz genannt, um auch seinem Namen den gezielten und präzise ausgeführten Punch zu verleihen, den seine Bilder haben. Dabei hatte weder seine Malerei noch seine Biografie die Aggression, die Pollock mit seinem gestischen Expressionismus kultiviert hat."

Für FR-Kritikerin Ingeborg Ruthe stehen K. O. Götz' Bilder "für eine komplexe Ästhetik der Abstraktion, sie bündeln Emotion und Analyse, Dynamik und Zügelung. Es ist eine rastlos suchende Malerei, mit wirbelnden, explodierenden Formen. Pinsel- und Rakel-Spuren verschmelzen zu metaphysischen Kraftzentren." Und im Tagesspiegel schreibt Elka Linda Buchholz: "Visuelle Abenteuer hat der 1914 in Aachen geborene Künstler hinterlassen. Dramen ohne Darsteller. Da gibt es abrupte Handlungssprünge, langbanniges Schweifen, heftige Stakkato-Rhythmen und splittriges Gespritze. Mehr braucht ein Bild nicht, um ein Bild zu sein." Weitere Nachrufe bringen Standard, SZ und FAZ.
Archiv: Kunst

Architektur

Enttäuscht hat sich Laura Weissmüller in der SZ das knapp 60 Millionen teure, von David Chipperfield als Kongresshalle, Kammermusiksaal und Geburtstagsgeschenk für die Ehefrau des Firmenpatriarchen Reinhold Würth entworfene Carmen Würth Forum in Künzelsau angesehen: "Die Architektur nimmt sich hier derart weit zurück, dass man sie kaum wahrnimmt. Auch wer die Stufen zur allseitig verglasten Galerieebene hochsteigt, wird kein erhebendes Raumerlebnis erfahren - abgesehen vielleicht vom weiten Blick in die baden-württembergische Landschaft. Funktionale Sparsamkeit könnte man das nennen oder auch: Messehalle ohne Charme. Chipperfield zeigt sich damit hier als knallharter Auftragsarchitekt. Ähnlich wie beim Frankfurter Palmengarten nimmt er das Projekt wichtiger als seine Handschrift."
Archiv: Architektur
Stichwörter: David Chipperfield