9punkt - Die Debattenrundschau

Bitte mit den Händen winken

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.12.2016. Zeit online gibt der Bundesregierung ein paar Tipps gegen russische Hackerangriffe. Vor allem: Bitte reagieren Sie nicht auf Phishing-Mails! Die New York Times fragt sich, was in dem ganzen Tohuwabohu eigentlich aus der Demokratischen Partei geworden ist. Günter Wallraff liest fürs Kiwi-Blog Benjamin von Stuckrad-Barres Buch über Alkohol und Nikotin. Bülent Mumay erklärt in der FAZ, warum die Türken nicht gegen das Erdogan-Regime aufbegehren.

Politik

Auf Zeit online zieht Patrick Beuth Lehren aus den mutmaßlich russischen Hackerangriffen während des US-Wahlkampfes, die die New York Times Anfang der Woche noch einmal aufgearbeitet hat (unser Resümee). Seine drei Lektionen für deutsche Parteien, Politiker und Behörden lauten: 1. "Stellen Sie sicher, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik und Ihr Internetprovider einen festen Ansprechpartner in Ihrem Team haben, der jederzeit erreichbar ist." 2. "Kaufen Sie Netzwerkmonitoring-Software, die Ihre Computersysteme auf ungewöhnliche Aktivitäten untersucht." 3. "Spendieren Sie Ihren Mitarbeitern eine Schulung, damit sie wissen, wie sie mögliche Phishing-Mails erkennen können."

Es gibt eine Menge Möglichkeiten Donald Trumps Präsidentschaft zu bekämpfen, ja, man könnte glatt noch versuchen zu verhindern, dass er ins Amt kommt. Nur die Demokratische Partei mischt bei diesen Überlegungen nicht mit, kritisieren Dahlia Lithzwick und David S. Cohen in einem New York Times-Kommentar. Es ist sogar eine neue Theorie aufgekommen, "nach der es Präzedenzfälle gibt, die es erlauben würden, nachträglich Hillary Clinton die Präsidentschaft zuzusprechen und dies mit den russischen Eingriffen zu begründen. All diese Anstrengungen, die Grass-Root-Proteste, Boykotte und Petitionen geschehen im Moment ohne die Demokratische Partei."
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Ideen

In der NZZ denkt der Philosoph Heiner Mühlmann darüber nach, ob die gegenwärtig in Europa spürbaren nationalistischen Tendenzen eine reelle politische Verschiebung darstellen oder bloß Ausdruck ideellen Zeitgeists sind. Entscheidend, meint Mühlmann, sind die tribalen Kollektive, also Gruppen, in denen jeder jeden kennt, die auch in Zeiten der Globalisierung die Gemeinschaft prägen: "In ihnen entscheidet sich, ob aus einem 'Nationalismus im Geiste' realer Nationalismus wird. Die Tribaleinheiten werden gewissermaßen 'ionisiert'. In ruhigen Zeiten bewegen sie sich in Richtung Relaxation. Dann haben die Freundeskreise des Vergnügens den größten Zulauf. In unruhigen Zeiten bewegen sie sich in Richtung politische Fanatisierung. Dann entscheidet sich in den tribalen Gruppen, ob die reale Gesamtkultur in Richtung militarisierter Nationalismus tendiert."

In der Zeit verteidigt Marie Schmidt die Identitätspolitik, die eben nicht durch universalistische Werte ersetzt werden könne: "Dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, ist das Ziel einer gerechten Ordnung, aber noch längst nicht ihre Ausgangslage. Ein 'Post-Identitäts-Liberalismus', wie ihn Mark Lilla fordert, wäre blind für die Marginalisierung von Minderheiten in Prä-Identitäts-Gesellschaften. Wir treten eben nicht als Gleiche vor das Gesetz, sondern mit verschiedenen Befähigungen, unsere Freiheiten und Rechte wahrzunehmen. Im Kampf um eine universelle Gerechtigkeit kann uns nur Identitätspolitik helfen, unfaire Unterschiede auszugleichen."

Und der Philosoph Michael Hampe diagnostiziert fröhlich den Niedergang der KWL, der kulturwissenschaftlichen Linken, die von den Rechten postfaktisch gerade überholt wird.
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Medien

Stephan Lebert hatte neulich überrascht festgestelt, dass er als Zeit-Journalist zu den "Eliten" gehört. Das kann Anne Fromm in der taz nur bestätigen: "Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) stammen aus einem 'hohen' Herkunftsmilieu. Deren Eltern sind in der Regel Akademiker, deren Väter überdurchschnittlich oft promoviert oder habilitiert. An Unis und Fachhochschulen kamen 2012 etwa 60 Prozent der Studierenden aus einem Akademikerhaushalt. Die Journalistenausbildung in Deutschland, zumindest die schulische, ist also noch elitärer als die Hochschulausbildung. Woher sollen die guten Sozialreportagen denn kommen?"
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Stichwörter: Journalismus

Gesellschaft

Jessica Abrahams berichtet für die taz aus dem Gestrüpp von Safe Spaces, No-Platforming und Triggerwarnungen, zu dem die Universitäten in den USA und mehr noch in Britannien zu verkommen drohen: "Die nationale Studentenvereinigung (in den USA) - eine Institution, die Millionen von Studierenden im ganzen Land repräsentiert - wurde verspottet, als sie in diesem Jahr auf dem Frauenkongress dazu aufrief, die Delegierten mögen bitte mit den Händen winken, statt zu klatschen, weil sich manche vielleicht vor dem lauten Geräusch ängstigten. Bei einer Diskussion zum Israel-Palästina-Konflikt an der Universität von Edinburgh wurde eine Studentin beinahe rausgeschmissen, weil sie während der Diskussion den Kopf schüttelte."

Günter Wallraff bespricht im Kiwi-Blog Benjamin von Stuckrad-Barres Buch über seine alte Sucht nach Alkohol und seine neue Sucht nach Zigaretten und zitiert eine schöne Passage über Helmut Schmidt: "Helmut Schmidts Rauchen habe ich immer als sehr unangenehm empfunden, alles daran. Die Rücksichtslosigkeit, die ausgestellte Undiszipliniertheit, Kettenrauchen in einer Art, die wörtlich übersetzt nichts anderes bedeutete als: Ihr könnt mich alle mal. Er war ein Maskottchen des Regelbruchs, ein Schutzheiliger aller einfältigen Raucher."

"Elektrische Re­vo­lu­tion, nervöse Leiden und Natursehnsucht um 1900. Digitale Re­vo­lu­tion, Burn-out und neu erwachte Landlust heute." Im Interview mit der Zeit erinnert der Historiker Joachim Radkau daran, dass die Deutschen nach einem Modernitätsschock schon mal erkrankten: "1880. Damals wurde das Krankheitsbild der Neurasthenie, der 'nervösen Schwäche', erst­mals beschrieben - von ­George M. ­Beard, einem New Yorker Neurologen, der im Übrigen ein Mitarbeiter von Edison gewesen war, dem Pionier der Elektrotechnik. Die Symptome, die Beard nennt, reichen von allgemeinen Angstzuständen bis zu Im­potenz und depressiven Verstimmungen. Innerhalb kürzester Zeit machte der Begriff auch in Deutsch­land Karriere. 1910 schließlich war Neurasthenie die meistgestellte Krankheitsdiagnose im Reich."
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Europa

Bülent Mumay legt in einem FAZ-Essay dar, warum die Türken nicht gegen das immer fatalere Erdogan-Regime protestieren. Das eine ist die Klientelpolitik, meint er. Aber das andere ist die Angst: "Vielleicht sind Sie ein Lehrer, der sich dafür schämt, dass die Türkei im Pisa-Ranking ganz unten steht. Sie wollen deshalb eine Protestaktion gegen die türkische Bildungspolitik organisieren. Rufen Sie sich ins Gedächtnis, was mit jenen geschah, die das vor Ihnen taten, und lassen Sie ab von Ihrem Plan. Denn ohne das Geringste mit dem Putschversuch vom 15. Juli zu tun gehabt zu haben, wurden Zehntausende Lehrer auf die Straße gesetzt - ohne Entschädigung für ihre jahrzehntelange Arbeit."

Angesichts der aktuellen Probleme in Europa hofft der französische Politologe Dominique Moïsi in der Welt auf ein Wiedererstarken der deutsch-französischen Achse (die entsprechenden Wahlausgänge im kommenden Jahr vorausgesetzt): "Frankreich muss nicht an Deutschlands Wirtschaftsmacht heranreichen. Aber was es in diesen Zeiten anbieten kann, ist mindestens ebenso wichtig. Europa steht vor einer Mischung aus externen Bedrohungen, wie dem Aufruhr im Nahen Osten und der russischen Abenteuerlust, und internen Herausforderungen, wie einem intern gewachsenen Terrorismus. Da dürfen Aspekte wie Sicherheit und Verteidigung neben der Wirtschaftspolitik nicht zurückstehen. Und auf diesen Gebieten hat Frankreich komparative Vorteile."

In Großbritannien wird die Rechtsprechung für zivile Angelegenheiten religiöser Minderheiten zunehmend den religiösen Gemeinden - hauptsächlich Schariagerichten - überlassen. Gegen diese Praxis haben jetzt über 300 Frauen eine Erklärung abgegeben, berichtet Pragna Patel im Guardian: "These women remind us of the inherent dangers faced by all vulnerable minority women when religious fundamentalists masquerade as 'guardians of faith' in order to take control of personal and family relationships... The experiences of these women tell us that the entrenchment of sharia councils and parallel legal systems within minority communities creates a space for the perpetuation of patriarchal control and harm to women, children and others perceived to be apostates, atheists and nonconformists."
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Urheberrecht

Eilends legt die Bundesregierung einen Gesetzentwurf vor, der die gerichtlich als unrecht erkannte Verteilungspraxis der VG Wort neu legitimieren soll. Henry Steinhau erläutert den Entwurf bei irights.info: "Zum einen sollen Urheber zustimmen können, dass Verwerter an der Kopiervergütung beteiligt werden, nachdem ein Werk veröffentlicht oder bei einer Verwertungsgesellschaft angemeldet wurde. Zum anderen sollen Verwertungsgesellschaften entscheiden können, das Geld unabhängig davon zu verteilen, wer die Rechte eingebracht hat. Fraglich bleibt jedoch, wie eine solche Regelung mit Europarecht vereinbar wäre." Michael Hanfeld betont in der FAZ nochmal die schwierige Lage der Verlage.

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Internet

Wie Marvin Oppong gestern bei Meedia meldete, ist mit dem Wikipedia-Autor "Magister" ein AfD-Funktionär ins Schiedsgericht von Wikipedia gewählt worden. In der Welt fasst Patrik Schmidt die Kontroverse zusammen, die nicht zuletzt wegen der aktuellen Diskussion um "Fake News" einige Brisanz hat: "Ungeachtet der Reden vom postfaktischen Zeitalter bleibt aber die Überprüfbarkeit von Fakten das wichtigste Mittel gegen die Nivellierung aller Nachrichten als gleichermaßen (un-)glaubwürdig. Ziel von Wikipedia war nie, selbst Fakten bereitzustellen, sondern die eigenen Aussagen durch Verweis auf seriöse Quellen zu belegen. Gerade deshalb muss das Mitmach-Lexikon eine Plattform bleiben, auf der die Diskussion um Fakten nichts als der nüchternen Wahrheit verpflichtet ist."
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