9punkt - Die Debattenrundschau

Deutsche Eliten nach Gusto formatieren

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.02.2016. Der Guardian erzählt, wie Boris Johnson mit selbsterfundenen "Euromythen" Karriere macht. In der NZZ kritisiert der russische Soziologe Igor Eidman die deutsche Öffentlichkeit, die sich von Wladimir Putin bereitwillig unterwandern lasse. In Libération fordert Julia Kristeva, "das Religiöse zu untersuchen, das wir aus den Augen verloren hatten". Bei Boingboing begrüßt Cory Doctorow die Nominierung Carla Haydens als Chefin der Library of Congress, wo sie großen Einfluss auf Copyright-Fragen hat. Und auch die SZ findet: Zu viel Kiwi im Quartett.

Europa

Boris Johnson hat nicht von ungefähr eine große Qualifikation in der Kreation von "Euromythen" (etwa über von der EU festgelegte Standardgrößen für Kondome, die zu klein seien für Engländer), schreibt Michael White im Guardian: "Meist war ihr Erfinder Boris Johnson selbst, der einige Jahre lang als EU-Korrespondent des Telegraph arbeitete und im Presseraum berühmt war als ein struppiger, schäbig gekleideter Typ mit scharfem Intellekt, riesiger Ambition und einem Talent für Mythen. Das brachte seine Karriere damals mächtig voran und wird entscheidend für seinen Start als seriöser Politiker und konservativer Parteichef in spe sein."

Putin versucht zur Zeit unter Einsatz großer Geldmittel die deutsche Gesellschaft von innen zu verändern, warnt in der NZZ der russische Soziologe Igor Eidman, Cousin des ermordeten Oppositionspolitikers Boris Nemzow: "Mit der Korruption, von der sein ganzes System durchsetzt ist, will Putin die gesamte EU infizieren. So werden denn deutsche Politiker, Journalisten und 'Experten' eingekauft und eingespannt. Nach meinen Beobachtungen übernehmen Deutsche, die eng mit russischen Partnern zusammenarbeiten, deren Lebensstil und korrupte Praktiken. Indem der Kreml deutsche Eliten nach seinem Gusto zu formatieren versteht, beginnt er Deutschland selber zu verändern."
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Ideen

Im Gespräch mit Robert Maggiori und Anastasia Vécrin von Libération spricht Julia Kristeva über die "schockierenden Ereignisse von Köln". Sie zeigten "die Dringlichkeit, mit der unsere in der Aufklärung errungenen Freiheiten zu verteidigen und das Religiöse zu untersuchen sind, das wir aus den Augen verloren hatten. Es reicht mir nicht aus, mich zu empören. Jenseits von Köln ist die Frage: Haben die individuellen Freiheiten, die Trennung von Politik und Religion, die Garantie der Rechte der Männer und Frauen, genug Verankerung im Rechtsstaat und genug Gewicht gegenüber über theokratischen 'Idealen' und Fanatismen?"

Das Worldpolicyblog.com publiziert den Briefwechsel zwischen Adam Shatz und Kamel Daoud, aus dessen französischer Fassung in Le Monde wir vor drei Tagen zitierten, auf englisch.
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Urheberrecht

Cory Doctorow kommentiert in Boingboing.net die wichtige Nominierung einer neuen Leiterin der Library of Congress durch Barack Obama höchstpersönlich als eine sehr positive Nachricht. "Der bisherige Bibliothekar des Kongresses war ein Technikfeind, der alle Geräte, die über ein Fax hinausgingen, ablehnte. Er wachte über das amerikanische Copyright und also auch amerikanische IT-Politik. 27 Jahre später geht er nun endlich, und nach vielen Spekulationen hat der Präsident seine Kandidatin nominiert, die wunderbare Carla Hayden. Hayden ist eine wirkliche Bibliothekarin, sie bekämpfte den Patriot Act, setzt sich für Open Access ein, und die Recording Industry Association of America (RIAA) hasst sie." Die Nominierung muss durch den Senat noch bestätigt werden, mehr zum Thema in der New York Times.
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Kulturpolitik

Manuel Brug besucht für die Welt die Dresdner Semperoper, die immer wieder unfreiwillig als Kulisse für Pegida-Aufmärsche herhalten muss. "'Wir müssen da durch', sagt nüchtern die farbige Mezzosopranistin Tichina Vaughn, die seit 2010 in Dresen als Solistin engagiert ist. 'Die Straßenbahnen fahren dann nicht mehr in der Altstadt, ich muss meine Einkäufe montags vor 18 Uhr erledigt haben und ich spüre, wie die Stimmung immer aggressiver wird. Wenn das so weitergeht, wird Dresden bald eine geteilte Stadt sein', fährt die Amerikanerin fort, die ihre besorgten Verwandten und Freunde auf Facebook beruhigt. 'Noch fühle ich mich hier sicher, obwohl ich so exponiert bin, was ich wiederum nutze und mich schon an diversen Gegenveranstaltungen auch außerhalb der Oper beteiligt habe.'"
Stichwörter: Dresden, Pegida, Semperoper

Politik

Der israelische Autor Etgar Keret spricht im Interview mit der Welt über sein neues autobiografisches Buch "Die sieben guten Jahre. Mein Leben als Vater und Sohn", seine Familie und natürlich über Politik: "Wir leben in einem Land, in dem die Regierung alles in ihrer Macht Stehende tut, um die Menschen in die besetzten Gebiete zu schicken. Indem man diesen Leuten einen subventionierten Wohnort in den besetzten Gebieten anbietet, schließt man einen Pakt mit ihnen: Wenn du mich nicht wiederwählst, dann wirst du aus deinem Haus herausgeworfen werden. Man erschafft sich einen Sektor treuer Wähler, die komplett von der Regierung subventioniert werden."
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Stichwörter: Israel, Etgar Keret

Internet

Johannes Boie liefert in der SZ Impressionen von Mark Zuckerbergs Deutschland-Besuch - bekommen hat er einen eigens für ihn geschaffenen Axel Springer Award, und die Politiker haben ihn bestaunt wie einen Alien: ein 31-jähriger Milliardär, sowas gibt es in Deutschland höchstens als BMW-Erben! "Am Abend kommt Zuckerberg im Anzug zur Preisverleihung bei Springer. Das verwirrt den nicht kleinen Teil der Gästeschar, der T-Shirts oder auch Kapuzenpullover für die Grundlage digitalen Erfolgs hält. Man muss sagen: Der Springer-Verlag lässt sich an diesem Abend nicht lumpen. Erst wird Mark Zuckerberg von Hunderten Stimmen aus dem Off begrüßt. Dann wird das Video des Astronauten Chris Hadfield, der auf der Raumstation ISS 'Major Tom' singt, an der Decke des Raums gezeigt."

Einmal wurde Zuckerberg in der unverbindlichen Fragestunde, die er gewährte, konkret, schreibt Patrick Beuth bei Zeit online, nämlich beim Thema Hasskommentare: "Rund 200 Menschen würden in Deutschland nun daran arbeiten, solche Kommentare zu überprüfen und gegebenenfalls zu löschen. Es war das erste Mal, dass Facebook diese Zahl nannte. Zudem würden Migranten in den Facebook-Gemeinschaftsstandards künftig als schützenswerte Gruppe betrachtet, was zur vermehrten Löschung von fremdenfeindlichen Botschaften führen müsste."
Archiv: Internet

Religion

Die Forderung nach eine "Reform" des Islams ist zwiespältig, sagt die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer im Gespräch mit Philipp Gessler in der taz: "Natürlich stellt sich die Frage: Was heißt 'reformierter Islam'? Was wird da reformiert? Wichtige Köpfe verstehen unter Reform die Rückkehr zu den Quellen, die sie für fundamental erachten. Das ist selbstverständlich in erster Linie der Koran, aber auch Teile der Überlieferung..." Aber "Auch die militanten Islamisten können zurück zu den Quellen gehen. Und die können zu ganz anderen Schlüssen kommen als die, die einen offenen, wenn man will: liberalen, toleranten Islam begründen möchten."
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Stichwörter: Islam, Gudrun Krämer

Gesellschaft

In der taz unterhalten sich Fatma Aydemir und Marlene Halser ausführlich mit der Feministin Laurie Penny, die nun Kurzgeschichten schreibt und erklärt, dass sie nach Berlin zuiehen will.
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Laurie Penny

Medien

Das türkische Verfassungsgericht hat die Inhaftierung des Journalistin Can Dündar als rechtswidrig eingestuft und seine Freilassung verfügt. Im Interview mit Deniz Yücel von der Welt sagt er: "Es gibt einen Rechtsstaat, der um sein Überleben kämpft. Das Verfassungsgericht hat zwar in unserem Fall, dem universellen Recht folgend, das richtige Urteil gefällt. Aber gleichzeitig treffen andere Gerichte andere Urteile; passieren Dinge, die nicht mit einem Rechtsstaat zu vereinbaren sind. Dieses Urteil erachte ich als außerordentlich wichtig. Aber es kommt darauf an, dass sich andere Gerichte daran orientieren. Wir sind ja nicht die Einzigen; in der Türkei sind viele Kollegen inhaftiert oder angeklagt."

Es mag unbedacht gewesen sein, dass das ZDF so viele Kiepenheuer-und-Witsch-Autoren in sein "Literarisches Quartett" berief, die sich zudem noch weitere Kiwi-Autoren in die Sendung einladen (unser Resümee), schreibt Christopher Schmidt in der SZ, aber es zeigt doch, wie heutzutage Seilschaften im Literaturbetrieb fuinktionieren. "Und deshalb macht es sich Volker Weidermann zu einfach, wenn er am Telefon Nachfragen nonchalant an sich abperlen lässt. Proporzdebatten nennt er 'ermüdend, langweilig und blöd'. In solchen Kategorien denke er eben nicht, auch wenn das vielleicht naiv sei."

Ramy Al-Asheq, selbst Flüchtling, macht die erste mehrsprachige Flüchtlingszeitung, Abwab, "Türen", die von den Behörden in den Heimen verteilt wird. Sie soll erst Verständigungen erreichen, sagt Al-Asheq im taz-Interview mit Adrian Schulz: "Wenn jemand geflüchtet ist und neu nach Deutschland kommt, dann erreichen ihn zum Teil Briefe von Behörden, aber nur auf Deutsch. Auch im Jobcenter: Englisch ist nicht erlaubt, nur Deutsch. Auch arabische Dolmetscher gibt es viel zu wenige. Wie sollen die denn bitte was verstehen?"

Außerdem: Die New York Times meldet, dass Chris Hughes die New Republic an den Verleger Win McCormack verkauft, der bisher die literarische Quartalsschrift Tin House betreibt.
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