9punkt - Die Debattenrundschau

Dissidenz ist hier verboten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.02.2016. Im Perlentaucher verteidigt Pascal Bruckner den algerischen Autor Kamel Daoud gegen die "neokoloniale Verachtung"  von Experten, die Kritik am Islam als "islamophob" denunzieren. In Le Monde setzt sich eine Gruppe von Historikern für den polnischen Kollegen Jan T. Gross ein. Kroatische Kulturschaffende wehren sich laut der Historikerin Martina Bitunjac in der taz gegen den Kulturminister des Landes, der Schulen nach SS-Kommandeuren benennt. Die FAZ bringt eine Verteidigung von Open Access. In der SZ wünscht sich Gustav Seibt eine Annäherung zwischen EU und Türkei.

Europa

Eine Gruppe französischer (und warum eigentlich nicht auch deutscher?) Historiker solidarisiert sich auf der Idées-Seite von Le Monde mit dem Kollegen Jan T. Gross, dem in Polen nationale Ehren aberkannt werden sollen, weil er polnischen Antisemitismus erforschte. "Polen ist in den letzten 25 Jahren gewachsen, indem es sich wie Frankreich und Deutschland den dunklen Seiten seiner Vergangenheit zuwandte und sie akzeptierte. Polen ist die einzige ehemalige Volksrepublik, die das getan hat. Es würde in den Augen der Welt viel Ansehen verlieren, wenn es einen Historiker sanktioniert, der nur seine Arbeit getan hat."

In der Welt schafft es Gerhard Gnauck, ein Interview mit Polens Kulturminister Piotr Gliński zu führen ohne auch nur eine Frage nach Jan T. Gross, der Flüchtlingspolitik oder anderen unbequemen Themen zu stellen. Im Gegenzug hat Gliński Kreide gefressen und gibt den versöhnlichen Ex-Grünen, der jetzt endlich Kindergeld in Polen einführen kann.

Kroatische Kulturschaffende protestieren gegen ihren neuen Kulturminister Zlatko Hasanbegovic, der durch rechtsextreme Parolen von sich reden macht, schreibt die Historikerin Martina Bitunjac in der taz: "Vor seinem Amtsantritt bezeichnete er in einer Fernsehsendung den Antifaschismus als 'Floskel'. Obendrein befürwortete er vor ein paar Jahren die Benennung einer Schule in Bosnien-Herzegowina nach dem umstrittenen Imam Hu­sein-ef. Ðozo, der im Zweiten Weltkrieg als Hauptsturmführer in der Waffen-SS-Division Handschar diente. Viele Eltern protestierten erfolglos gegen diese Entscheidung der Schule. Vor Kurzem sind Artikel des Kulturministers aufgetaucht, in denen er sich positiv über die kroatischen Ustascha-Faschisten äußerte."
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Ideen

Pascal Bruckner wendet sich im Perlentaucher gegen ein Autorenkollektiv, das Kamel Daoud wegen seines Artikels über die Ereigniss von Köln "Islamophobie" vorwarf (unsere Resümees): "Hinter diesem fadenscheinigen Antirassismus sieht man die notdürftig als Respekt für den Islam verkleidete neokoloniale Verachtung hervorlugen. Dissidenz ist hier verboten. Die einstigen Verdammten dieser Erde dürfen niemals ins Zeitalter der Selbstverantwortung eintreten. Selbstkritik, Selbstironie bleiben unser exklusives Privileg." In der SZ schreibt heute Alex Rühle über die Debatte um Daoud.
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Internet

(Via turi2) Nach Leaks über umstrittene Pläne, eine Suchmaschine zu bauen (unser Resümee), tritt nun die Wikimedia-Chefin Lila Tretikov zurück, meldet Jason Koebler im Motherboard-Blog von Vice.com.
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Stichwörter: Wikipedia

Medien

Stefan Aust baut laut Georg Altrogge von Meedia die WeltN24-Gruppe des Springer Verlags um und wird dabei 50 von 400 Stellen streichen. Online ändern soll sich auch das Bezahlmodell: "Welt Online setzt bislang auf ein Metered Modell mit einer Mengenbegrenzung; Aust favorisiert statt dessen eine 'Längenbegrenzung'. Aktuelle und schnell erstellte Artikel sollen dabei weiterhin gratis zur Verfügung stehen, Hintergrundberichte und ausführliche Reportagen oder Analysen sollen dagegen stets kostenpflichtig sein."
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Geschichte

Gustav Seibt unternimmt in der SZ eine Tour d'horizon durch zwei Jahrhunderte Geschichte und findet wie Metternich, dass man die kleinen Nationen nicht aus dem Zugriff der großen Reiche hätte entlassen sollen. Auch den EU-Beitritt der Türkei nicht zu betreiben, sei ein Fehler gewesen: "Als es in den frühen Nullerjahren um Beitritt oder die Assoziierung der Türkei zur EU ging, polemisierten deutsche Historiker wie Hans-Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler mit kulturalistischen Argumenten dagegen, aber auch mit einem geopolitischen Hinweis: Die EU bekomme dadurch eine Grenze zu Syrien. Diese Grenze aber rückte seit 2015 immer näher an Österreich und Deutschland heran - zuletzt konnte man glauben, sie läge bei Freilassing."
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Wissenschaft

Ach nee, da erscheint glatt mal ein Artikel pro Open Access in der FAZ! Sven Fund, der ehemalige Geschäftsführer des Verlags De Gruyter, macht in Antwort auf einen apokalyptisch getönten Artikel des Slawisten Urs Heftrich (unser Resümee) deutlich, dass Verlage sich mit Open Access durchaus arrangiern können und weist im übrigen auf einen wichtigen Punkt hin: "Heftrich kann seine Sorge um die private Verfasstheit der Verlagslandschaft wohl genommen werden. Denn schon im von ihm offensichtlich favorisierten traditionellen Modell der Literaturbeschaffung für den Wissenschaftsbetrieb durch Bibliotheken zahlt ja der Staat, und Verlage sind von dieser Kundengruppe schon heute wirtschaftlich abhängig."
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Stichwörter: Open Access

Politik

Donald Trump hat soviel Erfolg, weil er wie ein Stand-Up-Comedian redet, sagt der Redenscheiber Barton Swaim im Interview mit Matthias Kolb von der SZ: "Er hat dieses Talent wohl entwickelt, während er seine Reality-TV-Show 'The Apprentice' moderierte. Viele Leute finden seine Rhetorik erfrischend. Ich mag ihn nicht als Kandidaten, aber ich kann verstehen, warum er die Leute fasziniert. Um ehrlich zu sein: Ich muss bei seinen Reden oft laut lachen. Und als Autor weiß ich: Wer jemanden zum Lachen bringt, dem gehört die Sympathie des Zuhörers. Ich kann ein Buch lesen und anderer Meinung sein als der Autor. Aber wenn ich lachen muss, mag ich es trotzdem." Robert Kagan sieht Trump in der Washington Post inzwischen als "stark genug, um die Republikanische Partei zu zerstören". Laut Spiegel online ist Trump aber in der allerjüngsten Fernsehdebattee (der letzten vorm Super Tuesday) gehörig gerupft worden.
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