9punkt - Die Debattenrundschau

Ich bin so gespannt, was nach mir kommt!

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.04.2015. Im Merkur-Blog taumelt Robin Detje im Glücksrausch durch eine Stadt voller Jugend und Lust auf Veränderung. Kann es Berlin sein? In der Welt beschreibt der Schriftsteller Kamel Daoud, auf welch verlorenem Posten die Kultur in Algerien steht. In der taz ruft der Künstler Artjom Loskutow: Ihr gefallt uns nicht! Die NZZ beobachtet nach der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer das rhetorische Händeringen in Italien. Und das NYRB-Blog reist mit Franz Werfel nach Musa Dagh.

Kulturpolitik

Im Merkur-Blog taumelt Robin Detje im Glücksrausch durch den Frühling in Berlin und feiert eine Stadt voller Kraft, Jugend und Lust auf Veränderung! "Jetzt, in der Zeit der Kirschblüte, bittet Berlin die letzten Intendantengreise, ihre Sessel zu räumen. Liebevoll, in Dankbarkeit, aber auch entschlossen. 50 ist das neue Rentenalter für Intendanten in Berlin. Adieu, Peymann, Castorf, Flimm, Dercon. Das muss so sein. Die Künste müssen die Gegenwart packen und umarmen, ganz ganz fest. Das können nur Künstler, die voll in der Gegenwart leben, weil sie wissen, dass sie noch Zukunft vor sich haben. "Na klar", sagen Peymann, Castorf, Flimm, Dercon. "Das verstehen wir. Wir gehen gern und in Frieden." Und aus Wilmersdorf ruft Thomas Ostermeier: "Ich bin zwar erst 46, aber auch schon viel zu lange im Amt. Ich gehe auch. Ich bin so gespannt, was nach mir kommt!""

Weniger heiter attackiert Ulf Poschardt in der Welt die ganze Subventionskultur: "Die Gremien fördern das Epigonale. Das provokative Parfüm von vorgestern, die Empörung der vorletzten Avantgarde. Es wäre kein Problem, Kultursubventionen komplett einzustellen."

Religion

Im Interview mit Jan Marot in der Welt spricht der algerische Autor Kamel Daoud über die Fatwa gegen sich und eigentlich gegen die ganze Welt, über das schwarze Jahrzehnt in Algerien und den Kampf gegen den Islamismus: "Es gibt keinen anderen Weg als die Kultur. Denn man wird nicht als Islamist geboren, man wird zum Islamisten gemacht. Man wird zum Dschihadisten - weil man gewisse Bücher gelesen hat, weil man bestimmten Menschen zugehört hat. Weil man bestimmte Dinge gesehen hat. Und weil man keine andere Lösung weiß. Schauen Sie, in Algerien, in Marokko kosten meine Romane umgerechnet 17 Euro, was gemessen an der Kaufkraft mehr als 150 Euro für die Käufer bedeutet. Ein Vermögen. Die Bücher der Islamisten dagegen werden gratis verteilt. Und dabei darf man auch nicht vergessen, dass es Saudi-Arabien ist, das viele dieser Bücher finanziert."

Joachim Güntner berichtet in der NZZ, wie Ayaan Hirsi Ali in Berlin ihr neues, etwas moderateres Buch "Reformiert Euch!" vorstellte. Aber: "Schon ihr selbstbewusster Gebrauch der ersten Person Singular war eine emanzipatorische Kampfansage."

Im FR-Interview mit Arno Widmann findet dagegen die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong: "Selbstverständlich muss man gegen Gräuel und gegen Gewalt eintreten. Wo auch immer. Aber ohne sich aufzublasen. Aufgeblähte Egos sind immer und überall schädlich. Auch im Kampf gegen den Terrorismus."
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Geschichte

"Auf den Genozid der Armenier folgte ein Mnemozid. Es wurde nicht nur das Volk ausgegrenzt, verfolgt und getötet, sondern obendrein auch gleich noch das Gedächtnis an dieses Volk", sagte die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann in ihrer Gedenkrede zum 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern in der Frankfurter Paulskirche, die beim Perlentaucher zu lesen ist. "Solange eine Opfergruppe mit der Erinnerung an das ihr zugefügte Leid und Unrecht allein bleibt, setzen sich die Bedingungen ihrer Verfolgung und Auslöschung fort. Denn das Vergessen der Vernichtung ist ein integraler Teil der Auslöschung einer Gruppe. Die einzige Möglichkeit, diesen unerträglichen Zustand zu überwinden und in eine neue Phase der Wiedergewinnung der Würde, der Identität und Sicherheit der Existenz zurückzukehren, besteht darin, dass diese tiefe Wunde anerkannt und von außen bestätigt wird."

Im Blog der NYRB liest James Reidel noch einmal Franz Werfels großen Armenien-Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" und verfolgt seine Entstehungsgeschichte, darunter Werfels gemeinsame Reise mit Alma Mahler durch den Nahen Osten: "In Damascus, Werfel toured a carpet factory with Alma. He saw a number of children working the looms, many of them maimed and crippled. When he asked the factory owner about them, he was told they were Armenian orphans. Their parents had been lost in the massacres, forced deportation marches, and concentration camps of World War I. These events would not have been a surprise to Werfel. In the years following the war, the atrocities committed against the Armenians surfaced in the news stories, some tied to the revenge shootings of Talaat Bey, Jemal Pasha, and other wartime Turkish leaders, victims of an Armenian revolutionary assassination program with the chilling name of "Operation Nemesis"."

Tigran Petrosyan besucht für die taz in Woskehat den 1910 im türkischen Kabuse geborenen Armenier Movses Aneschyan: "1915 sollten alle armenischen Christen aus dem Osmanischen Reich deportiert werden - darunter auch die Bewohner von Kabuse. "An dem Tag, an dem die türkischen Gendarmen unser Dorf überfielen, war ich mit meinem Vater zu Hause. Meine Mutter war mit meinen zwei Schwestern im Nachbardorf bei ihren Eltern", erzählt Movses. "Mein Vater und ich wurden gezwungen, auf einen Todesmarsch an die syrische Küste zu gehen.""

Weiteres: Im Guardian beklagt Giles Fraser, dass Großbritannien in der Armenienfrage zu viel strategisch motivierte Rücksicht auf die türkische Regierung nimmt. Allerdings berichten mehrere Reporter ziemlich beeindruckt vom Anzac Day im türkischen Gallipoli, wo zehntausend Australier und Neuseeländer und etliche Honoratioren in den offiziellen Feierlichkeiten an die große Schlacht im Ersten Weltkrieg erinnerten. In der FAZ zeigt sich Regine Mönch zufrieden mit der gestrigen Debatte im Bundestag zum den Völkermord an den Armeniern.
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Archiv: Geschichte

Europa

Franz Haas gibt in der NZZ einen Einblick in die italienischen Debatten um die Flüchtlingskatastrophen, die dort mit ziemlicher Heftigkeit geführt werden: "Im Corriere della Sera evozierte Claudio Magris zwar "mehr Menschlichkeit", er plädierte aber für realistische Zahlen, denn auch "ein Spital für 100 Menschen" könne "im Notfall nur 150 aufnehmen, nicht aber 10.000". Zur Frage nach dem konkreten "Was tun?" blieben beide Kommentatoren beim rhetorischen Händeringen. In den Talkshows dieser Woche produzierten sich die Meinungsmacher je nach Charakter und politischer Tendenz. Daniela Santanchè, eine Berlusconi nahestehende Politikerin, sprach sich für die "Bombardierung der Flüchtlingsboote" aus. Der Philosoph Massimo Cacciari schlug eine Seeblockade durch die italienische Marine vor."
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Politik

Im taz-Interview mit Barbara Kerneck erklärt der russische Künstler Artjom Loskutow, was er mit seinen "Monstrationen" bezweckt und warum auf diesen Happenings allenfalls unsinnige Forderungen gestellt werden: "Weil Forderungen in unserem Land sinnlos sind. Wie sollten wir uns denn dabei fühlen? Ob ich hier in Kreuzberg mit einem Plakat eine Forderung an Putin stelle oder in Nowosibirsk - ihm ist es hier wie dort egal. Und abtreten wird er ohnehin nicht. Über einen Dialog zwischen uns und den Machthabern dürfen wir uns keine Illusionen machen. Mit unseren Monstrationen sagen wir: Wir sind hier. Ihr gefallt uns nicht. Aber wir verstecken uns nicht."
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Gesellschaft

Andrea Roedig diskutiert in der NZZ den Fall der fünfundsechzigjährigen Berlinerin, die mit Hilfe der Reproduktionsmedizin Vierlinge auf die Welt bringen will: Dass sich die Grandma Moms "gegen die Natur" verhielten, will sie nicht gelten lasse, da ist Simone de Beauvoir vor. Aber: "Man könnte auf den Begriff der "Sorge" zurückgreifen, den der späte Michel Foucault mit der Wendung "Sorge um sich" wieder hoffähig gemacht hat, der aber derzeit auch in den Auseinandersetzungen um die Pflegearbeit eine wesentliche Rolle spielt. Sorge hieße eben, sich mit den gegebenen Bedingungen von Leiblichkeit und Endlichkeit ehrlich auseinanderzusetzen."

Mit Stützstrumpfen hat die neue E-Haealth nichts mehr zu tun, weiß Christian Schlüter in der FR, IBM und Apple sorgen jetzt mit smarten Wearables, allerdings auch nicht mehr mit Privatsphäre: "Gesundheit ist kein individueller Zustand mehr, sondern ein soziales Netzwerk-Ereignis ... Der IBM-Manager Michael Rhodin hat das erkannt: "Die Generation, die die Apple Watch kauft, ist interessiert an Daten-Philanthropie.""
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Medien

Willi Winkler liest für die SZ in Vanity Fair nach, wie der Fotograf Nick Ut nach Vietnam zurückkehrte, wo er das berühmteste Bild des Krieges machte, das die vor dem Napalm fliehenden Kinder zeigte: "Nick Ut legt Wert darauf, dass er Phan Thi Kim Phuc, nachdem er seinen Film verschossen hatte, zu Hilfe geeilt ist, sie sofort im Auto ins Krankenhaus nach Saigon brachte und dank seines Presseausweises erzwang, dass sich sofort jemand um sie kümmerte."

Christian Meier fragt in der Welt, wie Journalismus auf der Apple Watch noch funktionieren kann, wenn Nachrichten nur noch das Format einer Briefmarke haben dürfen. Der Guardian stellt einige Apps für die Watch vor.
Archiv: Medien