Efeu - Die Kulturrundschau

Vertretbare Einzelfälle

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25.04.2015. Der Theaterkampf ist beigelegt: Bei seiner Vorstellung in Berlin erobert Chris Dercon die Herzen seiner Gegner mit Charme und Konzept. Wie recht Dana Buchzik mit ihrer Kritik am Sexismus im Literaturbetrieb hatte, beweist die Reaktion, die sie hervorrief, schreibt sie in der taz. Die Kunstform Album lebt, freut sich die Spex angesichts neuer Veröffentlichungen von Faith No More und Blur. Die SZ ekelt sich vor dem Raumhunger der Internetgiganten. Und die FAZ staunt im Nachbau der Chauvet-Höhle über die hochentwickelte Kunstfertigkeit des frühen Homo Sapiens.

Film


In unserem Abbild erschaffen: Alex Garlands Science-Fiction-Film "Ex Machina"

Die Frau als Maschine
, als Objekt der Kontrolle - ein Topos, der sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Science Fiction zieht, erklärt Theresia Enzensberger auf ZeitOnline nach dem Besuch von Alex Garlands Film "Ex Machina", der ebenfalls um eine Maschinenfrau kreist. Schade findet die Autorin es allerdings, dass auch in diesem Fall, trotz einiger kritischer Aspekte, die Chance nicht genutzt wurde, das heikle Motiv einmal auf interessante Weise zu brechen: "Wieso gibt es noch keinen Film, der die posthumanistischen Ideen des Cyberfeminismus (nicht zu verwechseln mit dem vielgehassten Netzfeminismus) durchexerziert (...)? Imagination ist eine Fähigkeit, die gemeinhin Menschen zugeschrieben wird, aber dass auch unsere Vorstellungskraft Grenzen hat, zeigt sich schon in der Ästhetik von Science-Fiction-Filmen. ... Da ist es vielleicht kein Wunder, dass intelligente Maschinen meist "in unserem Abbild" geschaffen werden, und die Machtverhältnisse und Rollenverteilungen zwischen diesen Maschinen denen entsprechen, die wir schon kennen." Die FAZ hat Dietmar Daths Kritik online nachgereicht.

Der Hauptpreis beim 21. Dokumentarfilmfestival Visions du réel in Nyon geht an "Homeland (Iraq Year Zero)", berichtet Geri Krebs in der NZZ: "Der Regisseur, der seit 20 Jahren mehrheitlich im Pariser Exil lebende Abbas Fahdel, musste bei der Präsentation auf der Bühne des Théâtre de Marens mit den Tränen kämpfen - die meisten der im Film erscheinenden Menschen leben heute nicht mehr. Sie starben als Opfer jenes generalisierten Zustandes von Chaos und Gesetzlosigkeit, den im zweiten Teil des fast sechsstündigen Films, "After the battle" betitelt, die Menschen im Film immer wieder beklagen, obwohl sie die amerikanische Invasion anfänglich noch als Befreiung begrüßt hatten."

Weiteres: In der Jungle World spricht Lukas Foerster Empfehlungen zum Berliner Filmfestival FilmPolska aus. Besprochen werden Ana Lily Amirpours Vampirfilm "A Girl Walks Home Alone At Night" (Berliner Zeitung, critic.de, mehr), Rosa von Praunheims neuer Film "Härte" (SZ, FAZ) und die britische Krimiserie "Broadchurch" ("Schrecklich. Aber schön", seufzt Elmar Krekeler in der Welt).
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Bühne

Jetzt also doch: Chris Dercon erobert die Berliner Herzen. So zumindest der Eindruck, den die plötzlich sehr handzahmen Berichte von der Berliner Pressekonferenz erwecken, auf der sich der bislang umstrittene künftige Volksbühnen-Intendant erstmals als solcher der Öffentlichkeit präsentierte. Ob das Aufmerken an Dercons Charme liegt? In der Welt findet Jan Küveler seinen Auftritt jedenfalls schonmal "ziemlich cool". Oder vielleicht doch am ansehnlichen Programm, das ihm vorschwebt. Die wichtigsten Eckdaten: Das Ensemble bleibt, der Prater wird wieder bespielt, Kooperation mit dem Kino Babylon, Satellitenprojete auf dem Tempelhofer Feld und namhafte Team-Mitarbeiter: Die Theaterregisseurin Susanne Kennedy, der Filmemacher Romuald Karmakar, die Choreografin Mette Ingvartsen, als Internet-Beauftragter Alexander Kluge und Marietta Piepenbrok als Programmdirektorin sollen an der neuen Volksbühne arbeiten und wirken. "Was Dercon vorhat, könnte man als Runderneuerung der Tradition fürs 21. Jahrhundert beschreiben", meint dazu Rüdiger Schaper im Tagesspiegel und amüsiert sich im Rückblick noch einmal ganz prächtig über die von Peymann losgeschubste "Phantomdebatte" über das deutsche Ensembletheater.

Und zieh man Dercon im Vorfeld nicht des Kommerzverdachts? Was er Jörg Häntzschel im SZ-Interview verrät, lässt andere Mutmaßungen zu: "Die Kunst ist heute völlig durchökonomisiert. Ich bin sehr daran interessiert, ein Gegengewicht zu entwickeln. Ich komme nicht aus der bildenden Kunst, um das Theater zu retten. Das Theater muss nicht gerettet werden. Aber vielleicht muss die bildende Kunst ein bisschen geheilt werden." Viel Enthusiasmus und Aufbruchstimmung versprüht auch die künftige Programmdirektorin Marietta Piepenbrok im SZ-Interview, das sie Christine Dössel gegeben hat: Sie begreife die Situation als "historische Chance".

Abseits der Personalie Dercon: In der taz berichtet Tom Mustroph von seinen Besuchen beim Festival Internationaler Dramatik in Berlin, wo man sich gut mit dem "Nachsinnen über den Zustand der Welt" beschäftigen konnte, und zwar "durchaus mit Gewinn."
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Kunst


Sobald der Mensch schuf, schuf er richtig: Die Chauvet-Höhle in der Ardèche

In der FAZ staunt Ulf von Rauchhaupt über die hochentwickelte Kunstfertigkeit des frühen Homo Sapiens, die sich ihm in der (heue unweit der Originalstätte als Nachbau eröffneten) Grotte Chauvet offenbart: "Vorformen, die Kinderkritzeleien der Menschheit, fehlen hier. ... Sobald der Mensch schuf, schuf er richtig." Für die taz porträtiert Ingo Arend Annette Kulenkampff, die Geschäftsführerin der Documenta. Im Punkt-Spezial der heutigen taz referiert Beate Seel über den Pointilismus. ZeitOnline bringt eine Strecke zum Sony World Photography Award 2015. Und die SZ zeigt monumentale Fotografien von Ray Collins.

Besprochen werden die Ausstellung "1945. Niederlage. Befreiung. Neuanfang" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (Tagesspiegel) und eine Fotoausstellung im Münchner Stadtmuseum zu Ehren von Franz Josef Strauß, der im kommenden September 100 Jahre alt geworden wäre (SZ). Dass der poltische Diskurs seit dessen Abgang sichtlich an Farbe verloren hat, unterstreicht dieser Zusammenschnitt:

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Literatur

Im vergangenen Sommer kritisierte Dana Buchzik in der Welt die männliche Hegemonie im Literaturbetrieb und erntete dafür von allen Seiten erheblichen Gegenwind, insbesondere von ihren Kollegen aus der Literaturkritik, wie sie nun in der taz berichtet: Im Betrieb sei doch alles in bester Ordnung, so der erbost vorgetragene Tenor. "Um dieses Selbstbild haltbar zu machen, braucht es eine Kultur des blinden Flecks. Dass Kritiker "Frauenliteratur" noch immer als Gegenstück zu regulär-anspruchsvoller, von Männern verfasster Literatur behandeln und mutmaßen, Buchverträge gewisser Autorinnen seien nur durch Sex mit dem Verleger zustande gekommen; dass Moderatoren gesellschaftskritischen Schriftstellerinnen nach der Lesung erklären, sie seien zu hübsch, um sich mit so unschönen und komplizierten Themen zu befassen; dass Veranstalter Autorinnen betatschen und für die Gegenleistung Sex den ganz großen Karriereschub versprechen; dass Kritiker Schriftstellerinnen mit anzüglichen Mails bombardieren und nach der sachlichen Bitte um Unterlassung auf Drohmails umsteigen: vertretbare Einzelfälle!"

Weiteres: Zwanzig Jahre nach "Faserland" gibt Christian Kracht im knappen FAZ-Gespräch mit Felicitas von Lovenberg heutigen Jungautoren gute Ratschläge: "Schreiben Sie kürzere Sätze. Lesen Sie Joseph Roth." Ebenfalls in der FAZ befragt Felix-Emeric Tota deutsche Literaten nach ihren Erfahrungen als auf Zeit alimentierte Stadtschreiber. Gerrit Bartels berichtet im Tagesspiegel vom Writers" Thursday in Berlin. Iris Alanyali besucht für die Literarische Welt die amerikanische Autorin Rebecca Miller. In der NZZ liest Tomasz Kurianowicz Goethes "Wahlverwandtschaften" als Urtext des Online-Datings, und Aldo Keel verschafft einen Überblick über neu ins Deutsche übersetzte finnische Klassiker. Außerdem zum Nachhören und Runterladen beim Bayerischen Rundfunk: Markus Mayers Feature über den vor 40 Jahren verunglückten Popliteraten Rolf Dieter Brinkmann.

Besprochen werden unter anderem Juliet Escorias "Black Cloud" (taz), David Foster Wallace" Erzählung "Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache" (SZ), ein Hörbuch mit Gedichten von William Butler Yeats (SZ), Michael Glawoggers "69 Hotelzimmer" (FR), Wolf Schneiders Memoiren "Hottentottenstottertrottel" (FR) und Davide Longos "Der Fall Bramard" (FAZ).
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Architektur


Raumhunger der Titanen: Googleplex in Mountain View, Kalifornien. (Foto: Dan H/Flickr)

Die großen IT-Konzerne gönnen sich immer größere, raumgreifender Bauten, schreibt Gerhard Matzig (SZ) mit sichtlichem Ekel vor dieser Tendenz: Anders als die große Industrien, die im 19. Jahrhundert auch Wohnraum für ihre Angestellten bauten, bleiben die Konzerne gerne für sich: "Der Raumhunger der Titanen ist privater Natur. Sie schaffen sich ihre eigenen Habitate und fressen schon heute ganze Städte auf."


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Stichwörter: Googleplex

Musik

Offiziell erscheint es erst am 01. Mai, doch bei der Spex kann man sich das neue Album von Tocotronic schon jetzt im Stream anhören. Auch Jens Uthoff von der taz hat bereits ein paar Durchläufe riskiert und berichtet äußerst angetan von seinem Hörerlebnis dieses Albums: Er beobachtet "eine Entwicklung hin zur Sagbarkeit, zur Klarheit. Andererseits: Zu sicher sein, dass das Gesagte auch das Gemeinte ist, sollte man sich bei von Lowtzows Texten nie. ... Die sind so grandios wie vielleicht noch nie bei dieser Band. Es sind Hymnen auf die Zuverlässigkeit, an die Komplizenschaft in der Liebe, an Freundschaften. Es geht darum, sich sachte neu zu erfinden, ohne den Pop neu zu erfinden."

Wie Tocotronic sind auch Blur und Faith No More im Gitarrenrock der 90er groß geworden. Beide bringen nun ihre ersten Veröffentlichungen seit geraumer Zeit auf den Markt. Ein interessanter Flashback, meint Thomas Groß in der Spex. Denn auch ein weiterer Anachronismus eint die beiden Veröffentlichungen. "Beide sind ein klares Bekenntnis zur Kunstform Album. Platten, auf denen kein Ton zufällig da ist, wo er ist, die mit jedem Hören ein Stück mehr ihrer Magie preisgeben und immer noch substanzieller und besser werden. Wer hätte das gedacht?" Eine weitere Besprechung des Blur-Albums bringt der Freitag.

Weiteres: Für Pitchfork unterhält sich Marc Masters mit dem Pianisten Nils Frahm. Thomas Winkler (taz) plaudert ausgiebig mit der mittlerweile in Berlin lebenden Schweizer Sängerin Sophie Hunger. Für die NZZ besucht Marco Frei die Scuola di Musica im toskanischen Fiesole, die das Vermächtnis von Piero Farulli und Claudio Abbado pflegt. Frédéric Schwilden stellt in der Welt mit Benjamin Clementine den "Singer/Songwriter der Stunde" vor. Für die SZ begleitet Reinhard J. Brembeck Kiril Petrenkos Tour durch Budapest, München und Wien.

Besprochen werden das neue Album von Young Thug (Pitchfork) und ein Jazzkonzert von Branford Marsalis und der hr-Bigband, das so atemberaubend war, dass Wolfgang Sandner in der FAZ inniglich auf einen Mitschnitt samt dessen Veröffentlichung hofft.

Außerdem freie Musik fürs Wochenende: Roland Graffé von Machtdose hat die neue Folge seines monatlichen Podcasts über Neuheiten aus der Netaudio-Szene online gestellt.

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