9punkt - Die Debattenrundschau

Im Ödland einer gequälten Zivilisation

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.11.2014. Der Terror der IS-Milizen treibt den libanesischen Journalisten Hisham Melhem in der Zeit zur Verzweiflung, in der NZZ sucht der Soziologe Hans-Peter Müller nach den Motiven. The Humanist stellt jedenfalls fest: Der islamistische Terrorismus ist auch statistisch gesehen zur Zeit die schlmmste Gewalt-Ideologie. In der FAZ konzediert Springer-Lobbyist Christoph Kesse, dass Googles Snippets dem Konzern Millionen bringen. Im Standard sucht Wladimir Kaminer nach Gründen für die Apathie der russischen Öffentlichkeit.

Geschichte

Huffpo.fr präsentiert eine Reihe bisher unbekannter Fotos, die der irische Soldat George Hackney im Ersten Weltkrieg heimlich aufgenommen hat und die den Alltag in den Schützengräben in kaum je gesehener Nähe dokumentieren. Die BBC hat über Hackney einen ganzen Film gemacht: "The Man Who Shot the Great War".



Jetzt soll auch noch das Nürnberger Reichsparteitagsgelände wieder aufgebaut werden, stöhnt der Historiker Norbert Frei in der Zeit: "Gibt es vernünftige politische, gesellschaftliche oder ästhetische Gründe für die Restaurierung - im Fall der Zeppelintribüne am Ende faktisch für die Rekonstruktion - architektonischer Banalitäten und Monstrositäten, an denen sich bis heute diejenigen ergötzen, die immer noch die Aura des "Führers" suchen?"
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Politik

"Sehen wir der Wahrheit ins Gesicht: Es gibt nicht den geringsten Beleg dafür, dass sich der politische Islam mit moderner Demokratie versöhnen lässt", schreibt der libanesische Journalist Hisham Melhem in der Zeit. In einem ziemlich deprimierenden (in der englischen Originalfassung bei Politico erschienenen) Essay beleuchtet er den Zusammenbruch der arabischen Kultur unter der jahrzehntelangen Auseinandersetzung zwischen Diktatoren und Islamisten: "Der IS erwächst ebenso wie Al-Qaida als Wucherung aus der maroden arabischen Gemeinschaft. Seine Wurzeln liegen tief im Ödland einer gequälten Zivilisation, die ziellos durch die Dunkelheit zu tappen scheint."

Die Errichtung eines islamischen Großreiches ist das "größte muslimische Sinnaufladungsprogramm der jüngeren Geschichte", stellt der Berliner Soziologe Hans-Peter Müller in der NZZ fest. Die Faszination, die von dieser Verheißung insbesondere auf junge unterprivilegierte Muslime in Europa ausgeht, kann Müller nachvollziehen. Wer mit dem Dschihad einen Traum vom Aufstieg verbindet, wird jedoch enttäuscht werden, mahnt Müller: "Gerade deutsche Muslime verfolgt die hiesige soziale Ungleichheit auch dort im verheißungsvollen Kampfgebiet. Da von geringer Bildung, kommen sie allenfalls als Fußvolk oder als Selbstmordattentäter infrage. Immerhin winken dem Märtyrer, weil als Held für eine große Sache gestorben, im Jenseits surreale Belohnungsversprechen."

Rudolf Balmer meldet unterdessen in der taz, dass im jüngsten Gräuelvideo des IS zwei junge Franzosen identifiziert werden konnten, und verweist auf einen Artikel in Rue89, in dem Gurvan Kristanadjaja beschreibt, wie Facebook als islamistisches Rekrutierungswerkzeug genutzt wird.
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Internet

Firefox löst sich von der engen Kooperation mit Google und arbeitet künftig mit Yahoo zusammen - zumindest in den USA wird Yahoo als Standardsuche eingestellt sein, berichtet Ole Reißmann bei Spiegel online: "Der erste Schritt: Im Dezember sollen Nutzer in den USA die neue Suche präsentiert bekommen. Die Yahoo-Suche basiert auf Microsoft Bing. Außerdem will Yahoo respektieren, wenn Nutzer nicht zu Werbezwecken ausgeforscht werden wollen."

Außerdem bei Spiegel Online: Ole Reißmann erklärt, wie man herausfindet, was Google über einen weiß.
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Gesellschaft

In Deutschland gibt es zwar eine Menge Reiche, aber das heißt nicht, dass sie etwas geleistet haben, berichten Stefan Kaiser und Katja Braun in Spiegel Online unter Zugriff auf neue Statistiken: "In Deutschland ist der Anteil der Reichen, die ihr Vermögen geerbt haben, besonders groß. Laut der Studie haben gut 28 Prozent der deutschen Multimillionäre ihren Wohlstand allein dem Erbe zu verdanken. Das ist - neben der Schweiz - der höchste Wert aller untersuchten Länder."

"Sterben gehört auch zum Leben", hält der Arzt und Sterbehelfer Uwe-Christian Arnold im Gespräch mit Evelyn Finger (Zeit) jenen Ärzten entgegen, die ihre Aufgabe allein in der Erhaltung des Lebens sehen: "Man muss ja nicht unbedingt ärztliche Hilfe zum Suizid leisten, man kann auch einen Menschen, der zum Beispiel nicht mehr essen will, einfach sterben lassen, statt ihn zwangszuernähren. Man sollte ihm das Essen anbieten. Aber nicht ihm aus Zeitnot eine Sonde in den Bauch stecken. Das ist Körperverletzung."

Der Ethnologe Thomas Hauschild erklärt in der Welt den volkskundlichen Hintergrund des "Swarten Piet", einer schwarzgeschminkten Figur in den traditionellen Nikolaus-Umzügen in den Niederländen, die heute wütende postkoloniale Proteste erregt: "Die holländische populäre Kultur hat daraus im 19. Jahrhundert eine koloniale und durchaus rassistische Gestalt gemacht: Schnullermund, Dienerkostüm im Renaissancestil, dreister Augenaufschlag. Das geschah wohl auf der Basis der umfangreichen holländischen kolonialen Erfahrungen und viel älterer festlicher Darstellung von kämpfenden "Mauren und Christen"."

25 Jahre nach der Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention zieht die Autorin Eva von Schirach in der taz eine durchwachsene Bilanz und fort als nächsten Schritt: "Die Kinderrechte müssen ins Grundgesetz."
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Medien

Christoph Keese, der Gottvater des Leistungsschutzrechts und Ober-Lobbyist des Springer Verlags, erklärt im FAZ-Gespräch mit Michael Hanfeld, warum Springer nach kurzem Experiment mit einer Anti-Google-Politik vorerst nun doch wieder mit Google zusammenarbeitet und Snippets akzeptiert - trotz der ungeklärten Frage, ob Google dafür bezahlt: "Der Google-Traffic ging insgesamt um vierzig Prozent zurück, der Traffic bei Google News um fast achtzig Prozent. Hätten wir nach den zwei Wochen Test keine Gratislizenz eingeräumt, wäre der Schaden allein für diese vier Titel in die Millionen gegangen... Wir können daher nun zweifelsfrei beweisen, wie hoch der Schaden war, den Google angedroht hat. Der Zweck der Beweissicherung ist damit erfüllt." (Mit anderen Worten: Google Snippets bringen Millionen. Dafür muss Google bezahlen!)

Stefan Niggemeier erklärt bei den Krautreportern, was es mit dem Programmbeirat der ARD auf sich hat.
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Religion

Lange Zeit waren nationalistische Separatisten für die meisten Gewalttaten weltweit verantwortlich, nun sind es religiöse Terroristen, berichtet Samira Shackle im Blog des New Humanist und präsentiert resümierende Zahlen: "Das Institute for Economics and Peace verzeichnete in diesem Jahr 10.000 terroristische Attacken mit 18.000 Toten, eine Steigerung um 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zuzuschreiben ist diese Steigerung dem Bürgerkrieg in Syrien und dem Irak. Die große Mehrheit dieser Attacken - 66 Prozent - wurde von nur vier Gruppen verübt: ISIS, Boko Haram, die Taliban und Al Qaida. Alle vier Gruppen folgen einer wahhabitischen Ideologie."

Weiteres: Kirchenhistoriker Hubert Wolf wundert sich in der FAZ doch sehr, dass Papst a.D. Joseph Ratzinger in der Ausgabe seiner Schriften Passagen zu möglichen neuen Ehen von katholischen Geschiedenen in einem Text von 1972 schlicht und einfach und ohne Kommentar geändert hat.
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Europa

Im Interview mit Birgit Baumann im Standard versucht Wladimir Kaminer die Apathie des russischen Publikums zu erklären: "Die Russen stehen nicht hinter Putin, die liegen bloß auf dem Sofa vor dem Fernseher, weil sie ja auch keinen Hebel haben, um irgendwo anzusetzen. Die Menschen in Russland wurden immer geführt, sie haben nichts anderes gelernt, als dass der Staat sich um alles kümmert. Das Volk sollte nur strammstehen und gehorchen. Eine europäische Zukunft jedoch würde harte Arbeit voraussetzen."

Juri Andruchowytschs Appell an die Europäer (unser Resümee) steht jetzt in der FAZ online!
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Kulturpolitik

Die frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach, die seit 2003 der Kommission vorsitzt, die im Auftrag der Bundesregierung Fälle von NS-Kunstraub untersucht, plädiert im Gespräch mit Heribert Prantl und Kia Vahland (SZ) dafür, das NS-Einziehungsgesetz zur "entarteten Kunst" von 1938 aufzuheben. Alle Museen, die im Besitz solcher Werke seien, müssten sie dann herausgeben: "Die gegenwärtig im Besitz dieser Kunst befindlichen Museen wissen und wussten zumeist, dass es sich um als "entartet" bezeichnete Kunstwerke handelt. Sie konnten diese Kunst schwerlich in der Hoffnung erwerben, diese ein für allemal behalten zu können."

"Nicht das Böse an Hildebrandt Gurlitts Leben bedrückt, sondern das Gewöhnliche und Selbstverständliche, das unfanatische Mittun, das distanzierte Arragement", resümiert Thomas E. Schmidt in der Zeit noch einmal die Biografie des Kunstsammlers. Und Hanno Rauterberg rät dem Kunstmuseum Bern, das Erbe der Gurlittschen Kunstsammlung auszuschlagen: "Natürlich kann die Kunst nichts für ihre oft ungute Herkunftsgeschichte. Doch legt sich diese wie ein bleierner Firnis über viele Werke. Und das Museum wird unter den Augen der Weltröffentlichkeit beweisen müssen, wie sich damit ungehen lässt."