Efeu - Die Kulturrundschau

Von Utopie ist nicht die Rede

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20.11.2014. Die taz bewundert einen grafischen Unruheherd in Gestalt eines kleinen Mädchens, dem Isao Takahata Leben einhaucht. In der Welt erklärt Takahata, warum seine Filme nichts mit Fantasy zu tun haben. Im Guardian/Freitag erinnert Musikproduzent Steve Albini daran, dass vor dem Internet die Lage für unbekannte Musiker noch weniger rosig war als heute.

Film


Die Legende der Prinzessin Kaguya, Bild: Universum Film GmbH

Nur allerwärmstens empfehlen kann Lukas Foerster (taz) Isao Takahatas Animationsfilm "Die Legende der Prinzessin Kaguya" über ein Mädchen, das von den höfischen Gepflogenheiten eingepfercht wird. Toll findet er, wie Zeichnung und soziales Korsett hier aufeinander bezogen sind: So ist es "Kaguya selbst, die die festgefahrenen Linien immer wieder deformiert, die eingesperrten Farben befreit. Als ein nicht zu bändigender grafischer Unruheherd wirbelt ihre zierliche, ungestüme Gestalt durch die streng parzellierte Welt. Wenn sie in einer Sequenz dem Gesellschaftsgefängnis ganz entflieht, auf der Suche nach den grünen Hügeln und Bambuswäldern ihrer Jugend, dann verliert Kaguya, und mit ihr die Welt, vollends ihre Konturen, für ein paar magische Minuten fliegen nur noch lose aneinandergebundene Farbflecken durch einen vollends entgrenzten Bildraum." Für critic.de bespricht Michael Kienzl den Film, der ihm "das Wasser in die Augen treibt".

Mit Fantasy hat sein Film aber nichts zu tun, erklärt Isao Takahata im Interview mit der Welt: "Ich möchte ganz entschieden an unserer Welt arbeiten und nicht an einer anderen. Entscheidend ist einzig, dass man die Voraussetzungen der Geschichte akzeptiert. Bei meinem neuen Film etwa muss man akzeptieren, dass die Rückkehr zum Mond das Ende des Lebens bedeutet. Bei "Pom Poko" war es ähnlich. Die Marderhunde, auf Japanisch Tanuki, können Ihr Aussehen verändern. Das mag auf den ersten Blick äußerst fantastisch anmuten, aber wenn man den Umstand akzeptiert, dass sich die Tanuki verwandeln können - wie es übrigens viele Menschen in Japan glauben -, dann ist der Film komplett mit unserer Realität verbunden."


1941 spielte Paula Wessely in Gustav Ucickys Propagandafilm "Heimkehr" (1941) eine Deutsche, die sich gegen den Hass der Polen wehren muss

Als das Angebot aus Hollywood kam, gaben ein Haus in Berlin und ein Vertrag mit der Ufa den Ausschlag: Der Filmregisseurs Gustav Ucicky blieb in Berlin und drehte seine Filme künftig unter den und für die Nazis. Das Filmarchiv Austria zeigt jetzt unter dem Titel "Professionalist und Propagandist" eine umfassende Retrospektive, Anlass für eine Neubewertung sieht Bert Rebhandl im Standard allerdings nicht: "Die Spannung zwischen Professionalität (eine Kategorie, die in der französischen Politik der Autoren mit Blick auf Hawks oder Ford ganz anders nobilitiert wurde) und Propaganda zählt zu den ältesten Schematismen, bei belasteten Filmemachern mit entlastenden Unterscheidungen zu arbeiten. Sie hat schon bei Leni Riefenstahl nicht funktioniert und müsste bei Ucicky, wenn sie denn Sinn macht, auch auf seine drögen Heimatfilme der Nachkriegsjahre Anwendung finden."

Auch das noch: Dieter Kosslick bleibt bis 2019 Intendant der Berlinale, meldet Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel, was ihn, trotz eingestandener Verdienste, nicht recht freuen mag: "Die Verschleißerscheinungen [sind] offenkundig. Matte Eröffnungsgalas, bei denen der Berlinale-Vortanzbär fühlbar den Spaß am Närrischen verlor, ohne ihn durch Substanz zu ersetzen. Wettbewerbsprogramme, die - fernab hoher Anfangsziele - keineswegs wie die fröhlich gemeinsam servierte Crème de la Crème aller Festivalsektionen schmecken, sondern wie ein schlaffes Soufflé."

Weitere Artikel: Im Freitag empfiehlt Matthias Dell Thomas Heises Dokumentarfilm "Material" über die Wendetage als Antidot zum offiziellen Katalog der Wendebilder. Die Zeit bringt eine Strecke mit Fotos von indischen Kinos. Im Zuge des Serienbooms hat sich der Status der Drehbuchautoren in Hollywood deutlich gebessert, meldet David Steinitz in der SZ. Mit der ersten Hälfte des dritten Teils der SciFi-Dystopie "Die Tribute von Panem", in dem sich Jennifer Lawrence als Freiheitskämpferin gegen eine dekadente Diktatur erhebt, nähert sich eine vieldiskutierte Filmreihe ihrem Abschluss. Für den Freitag unterzieht Georg Seeßlen literarische Vorlage samt Film einer ideologiekritischen Lektüre. Zwar kann der Film durchaus auch von einer linken Position aus als Plädoyer für die Freiheit fruchtbar perspektivieren, doch eignen dem Stoff auch reaktionäre Züge: "Freiheit wird als kantische Konstitution wiederhergestellt, von einem revolutionären Eros, von Utopie ist nicht die Rede." In der taz bespricht Barbara Schweizerhof den Film, weitere Besprechungen in NZZ, Welt, taz, Perlentaucher, SZ und FAZ.

Besprochen werden außerdem Petra Volpes Film "Traumland" (Tagesspiegel, SZ), Sam Millers Thriller "No Good Deed" (Perlentaucher), Hans Petter Molands Gaunerfilm "Einer nach dem anderen" (Presse), und die Komödie "Ein Schotte macht noch keinen Sommer" (Berliner Zeitung).
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Musik

Es braucht schon einen Außenseiter wie Steve Albini, Musiker bei der Noiserock-Band Shellac und seit den 80ern im Punk- und Indie-Underground kultisch verehrter Produzent, der der Musikindustrie schon lange vor dem Internet gehörig die Löffel langgezogen hat, um hervorzukehren, in was für einer Welt der Möglichkeiten man heute als Musiker und Musikfans lebt, freut sich Monica Tan in einem vom Freitag übersetzten Text aus dem Guardian, nachdem sie Albinis Keynote zum Stand der Dinge im Musikbusiness gehört hat. Denn auch die vielbeschworenen guten alten Zeiten waren früher für die Künstler denkbar unrosig: "Das alte Paradigma, dominiert von Labels, Radiosendern und einer Handvoll megaerfolgreicher Musiker, erschien ihm untauglich für ein gesundes Ökosystem. Einer Fülle an Talenten blieb die tragfähige Karriere verwehrt; stattdessen wurden sie ausgebeutet von einer milliardenschweren Industrie, die Musik fast ohne eigenes Risiko verramschte und dafür mit Tantiemen geizte. ... Heute, so sagt er, ermögliche das Internet den weitaus meisten Musikern mindestens ebenso hohe Einkünfte wie das alte System." Hier kann man Albinis Rede im Wortlaut nachlesen. Zur musikalischen Untermalung passt ein Lied aus Shellacs aktuellem Album:



In Berlin hat Herbert Grönemeyer sein neues Album der Presse vorgestellt. Die Texte darauf sind "über weite Strecken ungewöhnlich gut zu verstehen", staunt Jens Balzer in der Berliner Zeitung. Im Tagesspiegel attestiert Gerrit Bartels einen "melancholischen, düsteren" Grundton. Klaus Ungerer von der FAZ ist wenig begeistert: "Es ist Grönemeyermusik, Deutschrock, der sich in den Neunzigern ein bisschen aufgelockert und -gehübscht hat (...) Neu ist da nichts."

Daniela Martens berichtet im Tagesspiegel vom Berliner Festival de la Chanson Française. Fatma Aydemir und Sami Rustom würdigen in der taz die libanesische Sängerin Fairouz, die heute 80 Jahre alt wird. Hier ein Auftritt aus den 70ern:



Besprochen werden ein Konzert von Cro in Wien (Standard, Presse), französische Musik mit dem Concertgebouworchester, dem Dirigenten Robin Ticciati und dem Mezzo Vesselina Kasarova im Konzerthaus Wien (Standard, Presse), eine Gesamtausgabe von Richard Strauss" Klavierliedern (Zeit), ein Konzert von Linkin Park (FR) und Avi Buffalos "At Best Cuckold" (taz).
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Literatur

Der Freitag stellt neue Bücher zu DDR und Wende vor: Hier Ute Grundmann über Bücher zum Leben in der DDR und hier Erhard Schütz zu Büchern über den Mauerfall. Für die Berliner Zeitung spricht Dagmar Leischow mit Rocko Schamoni, der gestern in Berlin aus seinem neuen Roman las.

Besprochen werden die beiden afrikanischen Romane "Wir brauchen neue Namen" von NoViolet Bulawayo und "Unsere Namen" von Dinaw Mengestu (Freitag), Patrick Modianos "Gräser der Nacht" (Freitag, mehr), Hermann Schulz" "Nacht von Dar es Salaam" (Freitag), Kim Zupans "Die rechte Hand des Teufels" (FR), Oskar Ansulls "Die Baracke der Dichter" (FR), Karin Tuils Roman "Die Gierigen" (NZZ), Regina Schaunigs Band ". . . wie auf wunden Füßen", der untersucht, ob die "unaussprechliche Verwundung", von der Bachmann in ihrem Spätwerk sprach, auf einen sexuellen Missbrauch in der Kindheit hindeutet (NZZ), Charles Jacksons Trinkerroman "Das verlorene Wochenende" (Tagesanzeiger) und Mircea Cartarescus Roman "Die Flügel" (Tagesanzeiger).
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Architektur

Besprochen wird eine Ausstellung über Finnlands Sakralarchitektur in der Galerie der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst (DG) in München (NZZ).
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Kunst

Die von der Schirn-Ausstellung "German Pop Art" stark gemachte These, die wenigen Protagonisten der hiesigen Pop-Art hätten, anders als die glamour-süchtigen US-Vertreter der Strömung, kritisch Stellung bezogen, findet Alexander Jurgs im Freitag insbesondere im historischen Kontext betrachtet wenig plausibel: "Dass German Pop jetzt versucht, die deutschen Künstler der 60er Jahre zu Renegaten zu adeln, haben sie weder nötig noch verdient."

Auf ZeitOnline porträtiert Lena Reich den Graffiti-Künstler Mirko Reisser alias DAIM. Das Städelmuseum in Frankfurt vermittelt in dem Projekt "Artemis" Kunst an Demenzkranke, berichtet Shirin Sojitrawalla in der taz.

Besprochen wird die Ausstellung von Gottfried Lindauers Maori-Porträts in der Alten Nationalgalerie in Berlin (Tagesspiegel, Welt, FAZ).
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Bühne



Alexandra Kedves (Tagesanzeiger) unterhält sich in Basel mit dem japanischen Theaterregisseur Toshiki Okada über dessen neues Stück "Super Premium Soft Double Vanilla Rich", die neue Rezession in Japan und die Auswüchse des Kapitalismus: "Der japanische Egoismus nehme allerdings eine etwas andere Gestalt an als der westliche, sagt Okada: Es gehe weniger darum, sich lautstark auszubreiten, sondern sei eher eine Form von Faulheit; keiner wolle Verantwortung übernehmen, sich engagieren. Auch in dem kleinen Laden der Smile Factory regiert "die Zentrale", werden die Angestellten zerrieben zwischen den überrissenen Anforderungen von oben und der schäbigen Realität. Sie buckeln und knien, joggen und zappeln in Zeitlupe. Während ohne Unterlass Bachs "Wohltemperiertes Klavier" präludelt wie ein heimlicher Diktator des Arbeitstaktes, verzerren die sieben Akteure alle Gesten durch Slowmotion zur Kenntlichkeit. Erkannt wird eine kapitalistische Wirklichkeit ohne Trost."

Tomas Zierhofer-Kin, bisher Donaufestivalchef, wird ab 2016/17 neuer Intendant der Wiener Festwochen, meldet Margarete Affenzeller im Standard. Seine erste Amtshandlung soll die Aufhebung der Spartentrennungen sein: ""Es soll ein verwobenes Programm werden; Oper soll mit Performance Hand in Hand gehen", so Zierhofer-Kin." Im Interview mit der Presse sagt Zierhofer-Kin über sein Programm: "Ich könnte mir vorstellen, die türkische Community mal zu fordern, herauszufordern. Oder man bringt die persische Community mit einem Projekt in den Musikverein, dass man mal sieht, wie Terrains aufbrechen. Der Diskurs ist oft ausgrenzend, immer dieselben Leute kommen zusammen, sind einer Meinung, lassen sich befeiern und bereden, wie dramatisch das mit den Rechten ist."

Besprochen werden Armin Petras" Inszenierung von Wilhelm Rabes "Pfisters Mühle" am Stuttgarter Schauspiel (FAZ) und Giuseppe Verdis "Luisa Miller" an der Hamburgischen Staatsoper (FAZ).
Archiv: Bühne