9punkt - Die Debattenrundschau

Sofern das auch für dich ok ist

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.11.2014. In der FAZ will Juri Andruchowytsch die Europäer wachrütteln. Die SZ fragt: Wen vergisst Helmut Schmidt, wenn er Russland "unseren Nachbarn" nennt? "Well Shit", ruft Techcrunch zur Nachricht, dass die NSA-Reform in den USA vorerst scheitert. In Rue89 erzählt der Politologe Asiem El Difraoui wie Dschihad zu Pop wurde - deutsche Islamisten spielten dabei eine wesentliche Rolle. Die Welt empfiehlt, aus Gender-Gründen in Popsongs künftig statt des "Babys" die "Lebensabschnittsgefährt_In" anzusingen.

Religion

Der Politologe Asiem El Difraoui legt auf Rue89 einen kleinen Essay über Dschihad als Pop vor. Bei der programmatischen Übernahme von Pop- und Netz-Codes in den Terror der Bilder haben übrigens zwei deutsche Islamisten eine wichtige Rolle gespielt, der Veteran Reda Seyam, der den Geheimdiensten nach Syrien entwich, und der Rapper Denis Cuspert. Ein Beispiel für das Spiel mit dem Pop: "Der erhobene Zeigefinger auf den "Selfies" vor Panzern kommt aus dem Repertoire des Web 2.0. Als Symbol der Identifikation mit der dschihadistischen Cummunity erscheint diese Geste auf Hunderten von Selfies und Videos der IS-Miliz. Er symbolisiert den Begriff des "tawhid", der den Salfisten so teuer ist - also die Einheit von Gott und der Gemeinschaft der Gläubigen, der Umma. Zugleich aber ist der ausgestreckte Zeigefinger die Dschihad-Version des Facebook-Likes, des erhobenen Daumens. Ein Zeichen, das auch im Westen, von Berlin bis in die Banlieues von Paris, einschüchtern soll: Achtung, ich bin ein Krieger Gottes.""
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Europa

Vor einem Jahr, am 21. November 2013, begannen die Demonstrationen auf dem Maidan von Kiew. In einer in der FAZ abgedruckten Rede von der Wiener Buchmesse (mehr hier) verzweifelt Juri Andruchowytsch an Europa, das sich um seine Gewinne sorgt, während die Ukrainer den Preis zahlen, um seine Werte hochzuhalten: "Es stimmt, dass wir nichts mehr miteinander zu tun haben. Es gibt kaum Berührungspunkte zwischen uns, der Ukraine, und Europa. Europa hat in seiner absolut erfolgreichen Entwicklung das Endziel erreicht, es ist vor allem zu einer Zone des Wohlstands, Komforts und der Sicherheit geworden, oversecured, overprotected, overregulated, ein Territorium aufgeblähter und irgendwie beigelegter Probleme und Konflikte, politisch korrekt und steril. In der Ukraine aber wird Blut vergossen, und das ist noch milde ausgedrückt, denn wenn ich anfinge, hier zur Veranschaulichung zu beschreiben, auf welche Art Blut vergossen werden muss, dann würden Sie erschrecken."

Ist es nicht absurd, dass man eine Rede von solchem Gewicht, die sich an ganz Europa wendet, nicht online lesen kann? Nachtrag: Die Rede ist jetzt online.

Schon am 15. hatte Andruchowytsch der Presse ein Interview gegeben. Auf die Frage, ob es nicht besser wäre, "wenn die Ukraine die Separatistengebiete einfach aufgeben würde", antwortet er: "Diesen Gedanken habe ich 2010 formuliert. Damals, in Friedenszeiten, hätte man eine zivilisierte Abstimmung abhalten können. In den nächsten Jahren wird es schwierig werden, in dieser Region ein faires Referendum abzuhalten. Aber für die ferne Zukunft ist es wohl die einzige Möglichkeit. Jeder Versuch, das ausgerechnet jetzt zu machen, ist allerdings sehr fragwürdig. Für den Aggressor könnte so ein Schritt eine Ermutigung darstellen, nach noch mehr Land zu greifen."

Klaus Brill ärgert sich in der SZ über die Ignoranz der Deutschen, was osteuropäische Geografie und Politik betrifft: "Helmut Schmidt zum Beispiel sagte im August der Zeit: "Geopolitisch gesehen ist Russland auch am Ende des 21.Jahrhunderts unser Nachbar. Das wird auch so bleiben. Und zwischen uns beiden liegt nach wie vor das zahlenmäßig kleine polnische Volk. Auch das wird so bleiben." Man darf ergänzen: Zwischen "uns beiden" liegen heute, 2014, außer Polen auch Estland, Lettland, Litauen, Weißrussland und die Ukraine."

Außerdem: In der FAZ erählt Stephan Löwenstein, dass sich die ungarische Regierung über angeblich tendenziöse Berichterstattung westliche Medien aufregt.
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Überwachung

"Well shit", ruft Alex Wilhelm in Techcrunch. Die NSA-Reform scheitert im Senat. Durch Stimmen von Republikaner ist sie mit 58 to 42 Stimmen im amerikanischen Senat gescheitert. "Die NSA-Reform kannst du für dieses Jahr stecken - bei diesem Kongress! Und angesichts des Tons der Republikaner wird es in den nächsten Jahren kaum besser. Ich bin da nicht der einzige Pessimist. Also los mit der Verschlüsselung, die Regierung der Vereingten Staaten wird sich so bald nicht ändern."
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Geschichte

In der FR erinnert Stefan Jakob an den General Erich von Falkenhayn, der im November 1914 eine erste Friedensinitiative im Ersten Weltkrieg versuchte und scheiterte. In der Presse befasst sich Anne-Catherine Simon ausführlich mit einer Studie der französischen Historikerin Lucile Dreidemy zum Dollfuß-Kult im Österreich vor dem Anschluss.
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Gesellschaft

In der Welt schlägt Michael Ginsburg eine Überarbeitung eines Songtextes des Rappers Cro vor. Der ursprüngliche Songtext geht so: "Baby, bitte mach dir nie mehr Sorgen um Geld. Gib mir nur deine Hand und ich kauf dir morgen die Welt. Egal wohin du willst, wir fliegen um die Welt. Hauen sofort wieder ab, wenn es dir hier nicht gefällt." Im Lichte der Gender Studies müsste es aber korrekt so heißen: "Lebensabschnittsgefährt_In, egal ob du Frau, Mann, homo-, trans-, bi-, inter- oder heterosexuell bist. Mir ist bewusst, dass ich weiß, männlich, gesund und deshalb privilegiert bin. Aber ich würde gerne mit dir auf eine Weltreise gehen, sofern das auch für dich ok ist. Wir teilen uns natürlich dafür die Kosten, denn mir ist wichtig, dass du dich nicht diskriminiert fühlst."

In der taz reitet Georg Seeßlen eine wütende Attacke gegen den "Kapitalistischen Realismus" als Ästhetisierung des großen Einverstandensein in Kunst und Gesellschaft. Überschrift: "Tötet Angela Merkel! Oder ich lasse meinen Hund auf eure Warhols pissen!": "Den kapitalistischen Realismus gibt es in den begeisterten Formen (Kunst, die die Lebensräume der Superreichen dekoriert), mehrheitlich indes in fatalistischen, zynischen und nihilistischen Varianten. Hier vereinen sich Ästhetik, Glaube und Macht. Der kapitalistische Realismus wird zur Grundüberzeugung, zur Metaphysik und zur Ikonografie des Menschen unter dem Neoliberalismus."
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Internet

Google Glass droht zum Ladenhüter zu werden, berichtet Kurt Sagatz im Tagesspiegel: Gerade wurde ein Expemplar bei Ebay für 341 Euro verramscht. Im Sommer lag der Preis noch bei 3000 Euro.

In der digitalen Welt zählen Institutionen wenig, bemerkt Alexandra Borchardt in der SZ, die Rolle des Einzelnen sei zwar gestärkt, aber nur wenn er schnell und clever agiert: "Der Marsch durch die Institutionen war gestern, heute reicht der Sprint durch die sozialen Netzwerke. Politiker spüren das, Manager, Ärzte oder Behörden, deren Erkenntnisse und Leistungen ständig im Netz infrage gestellt werden: Formale Autorität zählt weniger als je zuvor."
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Politik

Katharin Tai verabschiedet in der taz das Admiralty-Protestcamp im Herzen Hongkongs, das gestern nach einem Gerichtsbeschluss unter Wahrung aller Höflichkeiten abgebaut wurde.

Nach einem Urteil des italienischen Verfassungsgerichts kann sich Deutschland nicht auf seine Immunität berufen, wenn es um Schadensersatzansprüch von NS-Opfer geht. Der Völkerrechtler Andreas Fischer-Lescano brandmarkt in der SZ die doppelzüngige Politik der Bundesregierung: "Während die Bundesregierung eine Sonntagsrhetorik der Menschenrechte pflegt und sich weltweit als Menschenrechtsexporteur geriert, stemmt sie sich unter Berufung auf die Immunität gegen deren gerichtliche Durchsetzung."
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Stichwörter: Hongkong, Menschenrechte