9punkt - Die Debattenrundschau

Die Archive der Diktatur

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.11.2014. Dem britischen Geheimdienst gehören Tochterfirmen der Vodafone, und sie haben fleißig gelauscht, berichten SZ, NDR und WDR. Die Politologin Ulrike Guérot beklagt in Carta den Zustand der EU, und schuld ist Deutschland. Amy Knight fragt im NYRBlog, warum der Westen Russland nicht mit seiner Verantwortung für den Abschuss der MH 17 konfrontiert. In der SZ freut sich Norman Manea über den Wahlsieg des Klaus Johannis in Rumänien. Und wer bei den New York Times entlassen wird, bekommt keinen Klaps auf die Schulter.

Überwachung

Die Vodafone-Tochter Cable & Wireless hat nicht nur für den britischen Geheimdienst GCHQ gearbeitet - sie hat ihm glatt gehört, berichtet das medienübergreifende Recherchenetzwerk von WDR, NDR und SZ nach Durchsicht von weiteren Snowden-Papieren: "Der Tarnname des vor zwei Jahren von Vodafone übernommenen Unternehmens lautete offenbar "Gerontic". Kalendereinträge zeigen, dass es ein "gemeinsames Projektteam" von Gerontic-Mitarbeitern und Geheimdienstleuten gab." Eine nützliche Kooperation, wie es scheint: "GCHQ hielt in einer Datei fest, dass der Dienst auf insgesamt 63 Unterseekabel zurückgreifen konnte."

Zur Überwachung von Aktivisten und Journalisten setzen Regierungen weltweit Trojaner ein - das Bundeskriminalamt bereitet gerade die Neuauflage des "Staatstrojaners" vor (mehr hier). Die Initiative Resist Surveillance bietet nun mit "Detekt" ein Open-Source-Tool an, das die Schadsoftware erkennen soll, berichtet Eike Kühl auf Zeit digital: "Acht bekannte Trojaner erkennt Detekt, die alle ähnlich funktionieren: Die Nutzer laden eine Datei aus dem Internet herunter, indem sie auf entsprechende Links oder E-Mail-Anhänge klicken. Einmal installiert, können die Trojaner nicht nur verfolgen, was auf dem Bildschirm passiert, sondern auch Skype-Gespräche mithören oder die Webcam eines Laptops aktivieren."
Archiv: Überwachung

Internet

Laut Ermittlungen des NDR nutzt der IS für seine Kommunikation den von deutschen Neonazis betriebenen Internetdienst "0x300", berichten Robert Bongen und Julian Feldmann auf der Webseite der Sendung Panorama: "Zahlreiche Kameradschaften und Neonazi-Gruppen sind über E-Mail-Adressen des Anbieters erreichbar... Rechtsextremisten empfehlen "0x300" als besonders sicheren und für deutsche Behörden nicht zugänglichen "Postfachanbieter". Die IP-Adresse werde nicht gespeichert, der Server stehe in den USA."
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Europa

Die Politologin und Thinktankerin Ulrike Guérot beklagt in Carta den gegenwärtigen Zustand der Europäischen Union. Schuld seien einerseits die alten Männer, die vor einer engeren Union zurückschreckten, andererseits Deutschland in der Eurokrise: "Der performative Sprechakt - "Wir sind wirklich eins" - ist nämlich in Europa ausgeblieben. Er ist vor allem während der Eurokrise ausgeblieben und darum glaubt heute keiner mehr an ihn. Man hätte diesen politischen Sprechakt der europäischen Einheit viele Male tätigen können: zu Beginn der Bankenkrise 2008, als Angela Merkel die deutschen Spareinlagen sicherte, die europäischen Nachbarn inklusive Frankreich aber sich selbst überließ; oder 2009/ 2010, als die Frage von Eurobonds diskutiert und sofort von Deutschland verworfen wurde."

Bei den Protesten des Euromaidan wurde mehr Demokratie und weniger Korruption gefordert. Diese Forderungen umzusetzen - und damit zu beweisen, dass "Europas Gesellschaftsmodell attraktiver" ist als die russische Kleptokratie -, ist wichtiger als militärischer Widerstand im Donbass, meint Christoph von Marschall im Tagesspiegel: "Wenn sich das Leben in den kriegsfreien Regionen, und das sind mehr als vier Fünftel der Ukraine, durch Reformen sichtbar bessert, wird dieses Beispiel auf die Ostukraine und Russland ausstrahlen. Der Krieg darf nicht weiter ein Hindernis für Reformen oder eine Ausrede für ihre Verschiebung sein."

Die Sprache des Westens gegenüber Russland ist zwar deutlich, aber die Sanktionen sind es nicht, meint Amy Knight im NYRBlog, die sich vor allem über eins wundert: "Westliche Politiker haben es bis heute vermieden, Russland direkt mit dem MH 17-Desaster zu konfrontieren. Aber immer mehr inoffizielle Untersuchungen - darunter ein letzte Woche herausgebrachter sehr detaillierter Bericht des unabhängigen Journalisten Bellingcat - zeigen unzweideutig, dass ein russisches Raketensystem bentzt wurde, um das Passagierflugzeug abzuschießen - mit 298 Toten."
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Archiv: Europa

Medien

Im Newsroom der New York Times stehen womöglich Entlassungen an, berichtet James West in Motherjones.com: "Schon im Oktober kündigte die Times einen Plan an, hundert Newsroom-Jobs durch Abfindungen abzuwickeln." Aber offenbar haben sich nicht genug Freiwillige gemeldet. Wer sich nicht abfinden lässt bekommt in einer internen Mail, die Mother Jones zitiert, eine klare Ansage: "Wir sollten hier vielleicht wiederholen, dass es bei Entlassungen dann keinen Klaps auf die Schulter mehr gibt."
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Stichwörter: New York Times, Mother!

Politik

Selbst die Tunesier stecken im Dilemma der arabischen Länder nach dem "Frühling". Gerade freute man sich, dass in Tunesien säkulare Kräfte obsiegen, da warnt eine Gruppe von Intellektuellen in Libération vor dem aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten Bèji Caid Essebsi, der für sie eine zu große Nähe zum alten Ben-Ali-Regime hat: "War er es nicht, der an der Spitze der proviorischen Regierung von 2011 behauptete, dass die Heckenschützen Ben Alis nur ein Gerücht seien? Der alles getan hat, damit die Archive der Diktatur schnellstens verschwinden? Der die "Stammeskämpfe", die so viele Tote und Verletzte brachten, angefacht und hat ausbrechen lassen?"

Dass der deutschstämmige Klaus Johannis bei der rumänischen Präsidentschaftswahl mit Victor Ponta den "überaus angesehenen Repräsentanten eines hinterhältigen, selbstsüchtigen, sehr provinziellen und mittelmäßigen Apparats" geschlagen hat, erscheint dem Schriftsteller Norman Manea in der SZ wie ein Wunder: "Ein rumänischer Präsident, der einer protestantischen Minderheit angehört! Und das in einem östlichen Land, in dem die orthodoxe Kirche als tragende Säule der Nation betrachtet wird! Das einzige Verbindungsglied zwischen solch einem Wunder und der hiesigen Geschichte besteht in der Erinnerung an die deutschen Hohenzollern-Könige Rumäniens, die sich als loyal erwiesen haben und als einigende Kraft."
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Geschichte

Hilmar Klute berichtet in der SZ von einer Tagung am Münchner Institut für Zeitgeschichte zum Thema Lachen über Hitler: "Es gibt den brennenden Wunsch vieler deutscher Humorarbeiter, Adolf Hitler in seiner angeblichen Banalität zu zeigen, und da möchte man zumindest nachfragen, ob ein Mann, der sechs Millionen Juden ermordet hat und zumindest darangegangen ist, die Welt anzuzünden, wirklich mit dem Begriff der Banalität abzufertigen sei. Der Historiker Axel Drecoll fand dafür die handhabbare Formel: Die Banalität Hitlers und seine Qualifizierung als "absolute Null bergen nicht mehr Erklärungspotential als der Dämon Hitler.""




Street Art, basierend auf Mel Brooks" Film "The Producers". (Foto unter Creative Commons-Lizenz bei Flickr veröffentlicht von Freenerd.)
Archiv: Geschichte

Gesellschaft

Ralf Bönt fordert in einem kleinen Essay für die Welt ein Umdenken in der Gender-Debatte: "Kardinalfehler in der jahrzehntealten Debatte ist, die Frau als Boss denken zu können, den Mann aber nicht als Mutter. Dabei ist es der Vater, der fehlt."

(Via Huffpo.fr). Es ist Herbst. Die Vögel verlassen die Bäume.

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