9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.11.2023. In der FR wirft Geert Mak den deutschen Medien und der Politik Einseitigkeit mit Blick auf den Nahostkonflikt vor. Deutschland ist historisch dazu verpflichtet, an Israels Seite zu stehen, schreibt Steven Uhly in der FAZ. Ebenfalls in der FAZ bekennt Moritz Rinke seine Zerrissenheit, wenn es darum geht, sich positionieren zu müssen. Die Welt protokolliert die Gräueltaten der Hamas, die sie in dem Video sehen konnte, das die israelische Regierung veröffentlicht hat. In der SZ warnt die Soziologin Yasemin El-Menouar davor, Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Und ZeitOnline notiert beschämt, was Recep Erdogan alles unwidersprochen in Berlin von sich geben durfte.
17.11.2023. In Geschichte der Gegenwart erklärt der Rechtswissenschaftler Uriel Abulof, wie sehr sich Netanjahu und die Hamas seit den frühen 1990er Jahren unterstützten. In der Welt fragt Alain Finkielkraut die jungen Muslime, die für die Palästinenser auf die Straße gehen, warum ihnen das Schicksal der Uiguren und Rohingyas so gleichgültig ist. "Wer anderen das Existenzrecht abspricht, hat keine Toleranz verdient", meint Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda in der SZ. Im Tagesspiegel befürchtet Wolfgang Ullrich eine zunehmende Instrumentalisierung von Interessen im Kulturbetrieb. Für die FR bricht Judith Butler ihr Schweigen. Und im Guardian rät Timothy Garton Ash dem Westen, die Welt so zu sehen, wie sie ist.
16.11.2023. Merkt ihr eigentlich nicht, dass es gegen euch und die Demokratie geht, fragt Igor Levit die Deutschen, die nicht gegen Antisemitismus auf die Straße gehen. Eine jüdische Antizionistin wie sie werde in Deutschland zum "Freiwild", schreibt Judith Butler der Zeit. Die Welt fragt die Palästinenser, weshalb sie sich als "Verfügungsmasse ihrer Führung missbrauchen" lassen. Linker Antisemitismus ist weniger verbreitet als rechter, hat aber großen Einfluss, hält Wolfgang Kraushaar in der SZ fest. Außerdem: Die Welt fordert nach dem Fall Seipel, dass die Öffentlich-Rechtlichen die Kreml-nahen Netzwerke in ihren eigenen Häusern offenlegen.
15.11.2023. Israels Gegenschlag sei "prinzipiell gerechtfertigt", schreibt Jürgen Habermas in einem offenen Brief, in dem er auch antisemitische Reaktionen verurteilt. Den wesentlichen Fragen aber weicht Habermas aus, kommentiert die SZ. Es gibt keine westliche und keine arabische Regierung, die die Palästinenser unterstützt, beklagt Sayed Kashua, israelischer Schriftsteller mit arabischen Wurzeln, in der FAZ. Die Welt wirft Emmanuel Macron, der die Israelis zu einem dauerhaften Waffenstillstand auffordert, Scheinheiligkeit vor. Die Mehrheit der Deutschen hat mit Religion nur mehr wenig am Hut, entnimmt die FAZ einer aktuellen Untersuchung.
14.11.2023. Der Spiegel erklärt, wie schwierig die Berichterstattung über den Krieg in Gaza derzeit ist. ZeitOnline geht der Frage nach, ob Israel das Völkerrecht bricht. Die Hamas interessiert sich nicht für die Palästinenser, sondern nur für die Auslöschung Israels, schreibt in der taz der Philosoph Gabriel Berger. Das möchte die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr in der FR allerdings kontextualisieren dürfen. Die israelische Armee führt unterdessen in einem Video die Hamastunnel unter einem Krankenhaus vor.
13.11.2023. Wir müssen "die Sprache verstehen, die ein Verbrechen ausdrückt", sagt der Historiker Raphael Gross im Spiegel im Blick auf Naziverbrechen, aber ausdrücklich auch im Blick auf den 7. Oktober und kritisiert scharf die postkolonialen "Kontextualisierungen". Ebenfalls im Spiegel denken Meron Mendel und Richard C. Schneider über das Trauma des 7.Oktober nach. Das Verbrechen des 7. Oktober war auch eindeutig als Femizid gemeint, der Hass auf Frauen, der ihm zugrundeliegt, muss auch der Integrationspolitik zu denken geben, fordert Necla Kelek in der NZZ.
11.11.2023. Durs Grünbein schreibt in der SZ das "J'accuse", auf das die deutsche Öffentlichkeit (und bei weitem nicht nur diese) gewartet hat: "Ich hätte mir vieles träumen lassen, aber dass sich der nackte Judenhass, die Fratze des Antisemitismus, einmal wieder so unverstellt zeigen würde, dies in Deutschland, in Westeuropa, an amerikanischen Universitäten und anderswo..." Es gibt heute viele weitere wichtige Interventionen gegen den linken Antisemitismus, der sich in den letzten Wochen austobte, von Tania Martini in der taz, Eren Güvercin in der FR, Nicholas Potter ebendort, Pierre-André Taguieff in Le Monde, Novina Göhlsdorf in der FAS. Aber auch die Gegenseite äußert sich: Etienne Balibar und Edgar Morin entblöden sich in Le Monde nicht, Israel "Töten um des Tötens willen" vorzuwerfen.
10.11.2023. Der Krieg in der Ukraine geht weiter, und die FAZ zieht eine trübe Bilanz: Auch wegen fehlender Waffenlieferungen ist die Ukraine bei ihrer Gegenoffensive nicht vorangekommen. In der NZZ analysiert der Historiker Andreas Wirsching die Kapillarverbindungen zwischen Nazi- und postkolonialen Diskursen. In der SZ denkt die Rechtswissenschaftlerin Michaela Hailbronner darüber nach, wie ein AfD-Verbot durchgesetzt werden könnte. In der FAZ erklärt Michael Brenner, warum das zionistische Projekt kein koloniales war.
09.11.2023. "Mitgefühl mit den Opfern ist offenbar nur möglich, solange die Täter dem Westen zugeordnet werden können", meint Navid Kermani, der die Palästina-Bewegung in der Zeit fragt, wo die Empörung war, als Russland die Zivilbevölkerung bombardierte. In der FAZ sieht der Philosoph Wilfried Hinsch die Verhältnismäßigkeit des israelischen Gewalteinsatzes nicht gegeben. Wie genau soll Israel denn auf das schlimmste Pogrom seit dem Zweiten Weltkrieg reagieren - mit einer Schlüsselübergabe an die Hamas vielleicht, fragt Henryk Broder in der Welt. Der Tagesspiegel fordert, Antisemitismus endlich als Straftatbestand ins deutsche Recht zu integrieren.
08.11.2023. Für die Juden in der Diaspora bedeutet das Massaker der Hamas einen Bruchpunkt, meint Rafael Seligmann in der FAZ: Im Gegensatz zu den Juden in Israel sind sie wehrlos dem Schutz ihrer nichtjüdischen Umwelt preisgegeben. Auf SpiegelOnline erzählt der iranische Aktivist Reza Khandan, wie einige Iraner aus Kritik am Regime zu radikalen Fürsprechern Israels werden. Amerikanische Unis reagieren hochsensibel auf jede Form von Gewalt, es sei denn, es geht gegen Juden, sagt der israelische Psychologe Shai Davidai in der Welt. In der SZ erinnert der Historiker Wolfgang Niess an den Hitlerputsch vor hundert Jahren.