9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Der Anfang und nicht das Ende

07.11.2023. Unter der Überschrift "Philosophy for Palestine" haben Akademiker aus Nordamerika und Europa, darunter Judith Butler, Etienne Balibar und Nancy Fraser, ihre Solidarität mit den Palästinensern gegen den "ethno-suprematistischen" Staat Israel erklärt. In Medium fragt die türkisch-amerikanische Philosophin Seyla Benhabib, ob diese Philosophen wirklich mit der Hamas die Zerstörung Israels wollen. In der NZZ fragt der Schriftsteller Doron Rabinovici, warum Teile der Linken Juden als Menschen akzeptieren können, aber nicht den Menschen als Juden. Bei Zeit online will der israelische Historiker Tom Segev die Hoffnung auf eine Zweistaatenlösung nicht ganz aufgeben.

Erlösende Befreiungsgewalt

06.11.2023. "Hört uns zu", flehen in Deutschland lebende Palästinenser in einer SZ-Reportage: Ihre Argumente würden nicht beachtet, ihr Leid würde von Medien und Politik nicht als individuelles wahrgenommen, und die Rede Robert Habecks sei für sie ein Fußtritt. Währenddessen fanden in Essen und Berlin lautstarke propalästinensische Demos statt, in denen Israel ein Genozid vorgeworfen und die Pogrome der Hamas veschwiegen wurden. Faschismus entsteht nicht ohne Wegbereiter, erinnert Michael Brenner in der FAZ.

Man muss es doch wenigstens versuchen

04.11.2023. Die Bedrohung durch die Hamas und andere Terrororganisationen kann zu einem zweiten Holocaust führen, fürchtet Niall Ferguson, der in der Welt auch einen Dritten Weltkrieg nicht ausschließt. "Wer nach dem 7. Oktober noch glaubt, BDS sei harmloses Geschwurbel, dem ist nicht zu helfen", schreibt Josef Schuster ebenfalls in der Welt. "Die deutschen Kinder, die heute 'Free Palestine from German Guilt' rufen, verkörpern und performen selbst die nicht verarbeitete deutsche Schuld", meint die taz. Giorgi Margwelaschwili, ehemaliger Präsident Georgiens, ruft die georgische Gesellschaft in der taz zur "totalen Gegenwehr" gegen die Regierung auf.

Die Selbstverständlichkeit dürfte vorbei sein

03.11.2023. Auf die Frage, was den Terror der Hamas rechtfertige, antwortet der palästinensische Philosoph Sari Nusseibeh im FR-Interview: "Der Terror Israels." Die israelischen Terroropfer versuchen unterdessen weiter schlicht zu überleben: Wie erklärt man einem Kind, dass seine Mutter entführt ist, fragt Roni Roman in der taz. Robert Habecks Rede löst bei der FAZ Bewunderung aus: vor allem, weil er die BDS-freundlichen Lebenslügen der deutschen Linken nicht durchgehen lässt. Der Spiegel berichtet über die deutsche Kulturszene, die offenbar noch nicht weiß, wie sich der neuen Lage anpassen soll, es herrsche "Unsicherheit, Angst, etwas falsch zu machen".

Werdet lieber politisch ernstzunehmen

02.11.2023. Klare Statements in den deutschen Medien: Was viele von euch wollen, wäre ohne einen Holocaust 2.0 nicht zu haben, ruft die taz der Linken zu. SpiegelOnline und SZ analysieren die Propaganda der Hamas, auf die so viele Aktivisten reinfallen. "Die meisten deutschen Empörten, die von Israel als 'rassistischem Regime' sprechen, dürften nicht einmal den Begriff Sepharden kennen", meint SpiegelOnline. FAZ und Zeit blicken derweil auf die Kirchen, die lieber herumdrucksen, als Partei zu ergreifen.

Ihr sollt wissen, wie wir uns fühlen

01.11.2023. Die Bundesregierung hätte vorab die Zusammenarbeit mit der israelischen Regierung verweigern müssen, jetzt aber darf es auch in den Medien keine Neutralität geben, sagt der Historiker Moshe Zimmermann in der taz. SpiegelOnline denkt über eine Lösung nach dem Krieg in Israel nach. Die Ruhrbarone haben bei den Unterzeichnern des "Weltoffen"-Aufrufs  nachgefragt, wie sie heute zu BDS stehen. Im Tagesspiegel erklärt Sergey Lagodinsky, wie Moskau in Dagestan mit Antisemitismus Politik macht. Und die FAZ erinnert daran, dass der Krieg in der Ukraine keineswegs vorbei ist.

Die volle Ladung intersektionaler Feinfühligkeit

31.10.2023. Wie konnten wir so dumm sein zu glauben, es ginge der Internationalen Linken um Menschenrechte, fragt Nele Pollatschek in der SZ. In der FR verurteilt auch Eva Illouz die Linke, vor allem aber fordert sie, Netanjahu, der die größte Katastrophe über Israel gebracht habe, aus dem Amt zu entfernen. In der Berliner Zeitung empfiehlt der Historiker Manfred Kittel jenen, die Israel Völkermord vorwerfen, einen Blick auf die UN-Genozidkonvention von 1948 zu werfen. In der taz behauptet Hasan Özbay, auf den laut FAZ die antisemitischen Posts von Fridays for Future zurückgehen, die Positionen seien im Konsens entschieden worden. Es gibt gar keinen Konsens, entgegnet Luisa Neubauer auf ZeitOnline: Das Thema Israel hatte man bisher ausgespart, um miteinander arbeiten zu können.

Es gibt ein Umdenken

30.10.2023. Wie kann Deutschland weiterhin Beziehungen zu einem Staat unterhalten, dessen Staatschef, Erdogan, die Hamas als Befreiungsbewegung und Israel als Kriegsverbrecher bezeichnet, fragt Deniz Yücel, der in der Welt auch an türkische Pogrome erinnert. Für die insgesamt noch knapp 20.000 Juden in der Türkei brechen wieder schwere Zeiten an, ergänzt die taz. Spätestens seit den "Al-Quds"-Märschen, die 2014 auch Deutschland erreichten, hätte man wissen müssen, welcher Judenhass hier "schlummert", ärgert sich die jüdische Schauspielerin Raquel Erdtmann in der FAS. Die SZ verabschiedet den Postkolonialismus.

Schneller laufen

28.10.2023. Der Terror ist nicht vorbei, wir sind mittendrin, sagt  Ricarda Louk, Mutter der entführten Deutschen Shani Louk, in der FAZ. In der SZ stellt Eva Illouz fest: "Die Linke hat terrorisierte Juden in der ganzen Welt und in Israel schamlos im Stich gelassen." Auch die taz versucht zu begreifen, was die Linke umtreibt, und konstatiert, dass in den Kibbutzim gerade linke Israelis umgebracht und entführt wurden. In der FR erklärt der Historiker Richard Overy, warum der Zweite Weltkrieg für ihn im Jahr 1931 anfing.

Kein Verlangen nach Demokratie

27.10.2023. Es wird schwer für Israel, die Hamas ist nicht nur eine Organisation, sondern eine Ideologie, sagt der israelische Hamas-Experte Assaf Moghadam in der taz. Die türkische Republik wird hundert. Aber bis heute gibt es in der Türkei keinen Gesellschaftsvertrag, kein ziviles Gefühl für die Gesellschaft, sagt der türkische Politologe Cengiz Aktar in der FR. Terroristen, das sind für Erdogan demokratisch gewählte kurdische Bürgermeister, Journalisten oder Feministinnen, die Hamas zählt nicht dazu, schreibt Deniz Yücel in der Welt. Alle Medien sind entsetzt über die krass antisemitischen Instagram-Posts der "Fridays for Future".