9punkt - Die Debattenrundschau

Dann war es eben keiner

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.11.2019. In der NZZ blickt Klaus Theweleit auf 12.000 Jahre alte Gewalt- und Kriegsgeschichte, die sich im männlichen Körper eingeschrieben haben. In der FAZ zerpflückt der Historiker Ulrich Herbert die Geschichtsschreibung seines Kollegen Wolfram Pyta im Dienste der Hohenzollern. Wenn Europa Kunst behalten will, erklärt es sie zum Besitz der Weltgemeinschaft, spottet Felwine Sarr im Standard. Streaming ist nur umweltfreundlich, mahnt die SZ, wenn man hinterher nicht zum Schauplatz fliegt. Und in der taz erklärt die Linken-Politikerin Caren Lay Clubs und Diskotheken zum Kulturschutzgebiet.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.11.2019 finden Sie hier

Ideen

Ein tolles Interview führt in der NZZ Judith Sevinç Basad mit dem Männerforscher Klaus Theweleit. Sie steckt es gut weg, wenn er den ganzen "journalistischen Quatsch" von der toxischen Männlichkeit vom Tisch fegt. Und dann spricht Theweleit doch sehr einschlägig über Dominanz und die europäische Vergewaltigungskultur seit Zeus: "Das kommt überhaupt nicht von der Biologie, sondern das ist gesellschaftlich so entstanden. Männer tragen in unserer Kultur eine 12.000 Jahre alte Gewalt- und Kriegsgeschichte im Körper, die ihnen eine Dominanz verleiht und in unseren Gesellschaften gepflegt und gefördert wird. Seitdem es diese männerdominierten Gesellschaften gibt, gibt es auch den Übergriff auf den weiblichen Körper und einen dauernden Vorschriftenkanon mit Definitionen, wie Weiblichkeit auszusehen hat. Auch alle Buchreligionen haben sich an dieser männlichen Dominanz orientiert. Einer der Hauptzwecke der Bibel und des Koran besteht darin, Lebensregeln für Frauen aufzustellen: wie sie zu gebären und zu heiraten haben, was sie dürfen und was sie nicht dürfen. Religionen sind manngemacht, Gottes Wort ist auch immer das Wort des Mannes. Damit ist der Übergriff von Anfang an gegeben."
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Europa

Der Guardian bringt ein Update zur immer größere Kreise ziehenden Affäre um die Ermordung von Daphne Caruana Galizia. Maltas Premierminister Joseph Muscat scheint jetzt doch zurücktreten zu müssen, sein Kabinettschef wurde freigelassen, ohne dass Anklagen erhoben werden, obwohl ihn der mafiöse Geschäftsmann Yorgen Fenech als Mastermind der Ermordung benannt hat. In der Times of Malta überschlagen sich die unglaublichsten Meldungen: "Yorgen Fenech, der Hauptverdächtige im Mordfall, wurde von der Polizei zum fünften Mal gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt. Offenbar kann gegen ihn nicht Anklage erhoben werden, bis ein Gericht über die Eingabe entschieden hat, mit der er die Ermittlungen unter Inspektor Keith Arnaud stoppen lassen will. Fenechs Anwälte bergünden dies damit, dass der leitende Ermittler enge Verbindeungen mit Stabschef Keith Schembri pflegt und die Quelle gewesen sein soll, die ihn mit Informationen versorgte." Ach, und Schembri soll auch Arnauds Frau einen Job besorgt haben.

Die polnische Regierung bringt gegenüber Deutschland immer wieder die nicht gezahlten Reparationen aufs Tapet. In der NZZ erinnert heute der außenpolitische Funktionär Slawomir Dębski an die Zerströrungen des Zweiten Weltkriegs und donnert: "Die Deutschen sind für ihren Vernichtungsfeldzug gegen Polen zu billig weggekommen." Weiter schreibt er: "Deutschland blieb den Polen nach dem Krieg vieles schuldig. Und vielleicht wäre die Haltung der polnischen Bürger zur Frage der Reparationen anders, wenn es nicht diesen Zwiespalt in der deutschen Haltung gäbe. Einerseits plädiert Deutschland für Moral in den internationalen Beziehungen, anderseits forciert es eigene Interessen, oft ohne auf die Verbündeten und die europäischen Nachbarn zu schauen."

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Geschichte

Jan Böhmermann hat dankenswerter Weise auf Hohenzollern.lol die Gutachten öffentlich gemacht, mit denen die Hohenzollern nachweisen wollen, dass Kronprinz Wilhelm dem Aufstieg der Nazis nicht erheblichen Vorschub leistete, obwohl er als imaginierter Reichspräsident Hitler zu seinem Reichskanzler machen wollte und obwohl er zur Wahl der NSDAP aufrief. Der Historiker Ulrich Herbert zerpflückt in der FAZ nun das Gutachten des Hindenburg-Biografen Wolfgang Pyta, der für die Hohenzollern recht gewagte Thesen aufstellt, und endet: "Aber war der 'Kronprinz' eine wichtige Figur in dem Ränkespiel, das Hitler schließlich an die Macht brachte? Hat er dem Nationalsozialismus 'Vorschub geleistet'? Ja - gewiss nicht weniger, aber wohl auch nicht mehr als all die anderen hochrangigen Vertreter der vaterländischen Verbände, der deutschnationalen Parteien, der Clubs und 'Ringe' der rechtsradikalen Intellektuellen, der Großagrarier und der Großindustrie, die die Republik zerstören und das neue Reich der Rechten aufbauen wollten, ohne Parlament, ohne Gewerkschaften und ohne Juden - allerdings unter der Voraussetzung, dass sie selbst dabei irgendeine wichtige Rolle spielen durften. Aber wenn selbst die es nicht waren, die 'Vorschub leisteten', dann war es eben keiner. Wie gehabt."
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Archiv: Geschichte

Kulturpolitik

Im Standard-Interview mit Stefan Weiss spricht der senegalesische Ökonom Felwine Sarr, über Afrikas kulturelle und ökonomische Wurzeln und natürlich auch über die Rückgabe geraubter Kolonialkunst. Und er stellt klar, dass es vor allem um einige wichtige Objekte geht, die bei militärischen Expeditionen gewaltsam angehäuft wurden: "In Europa dreht sich alles um Fragen des Besitzes, des Rechts oder der Frage, ob die Objekte ohnehin universellen Status hätten, also der 'Weltgemeinschaft' gehörten und sich die Rückgabefrage daher nicht stelle. In Afrika hingegen fragt man viel nach dem immateriellen Wert der Objekte, die für Afrikaner traditionell oft gar keine Objekte, sondern Subjekte waren. Man fragt sich, ob und wie man diese Gegenstände in die Gemeinschaft resozialisieren könnte oder ob sie durch den langen Aufenthalt in den Museen nicht sogar ihren Spirit' verloren haben. Auch die Ansicht, wonach diese Objekte einzig ins Museum gehören und nirgendwo anders mehr eingesetzt werden können, ist eine westliche und von daher eigentlich hinterfragenswert."

Hunderte von Clubs und Diskotheken sind in den vergangenen Jahren der Verdrängung aus der Innenstadt zum Opfer gefallen. In der taz spricht sich die kulturpolitische Sprecherin der Linkspartei, Caren Lay, dafür aus, Clubs nicht länger als Vergnügungsstätten wie Spielhallen oder Sexkinos zu behandeln, sondern als Kulturorte: "Wenn sie immerhin schon mal als Kultureinrichtung in der Baunutzungsverordnung eingestuft wären, dann hätten sie zumindest einen besseren Standortvorteil und einen besseren Schutz, was kommunale Entscheidungen anbelangt. Es gibt aber nun auch das sogenannte Berghain-Urteil, wo selbst ein Gericht zu der Erkenntnis gekommen ist, dass Clubs mit den Einrichtungen der vermeintlichen 'Hochkultur' gleichgestellt werden sollen. Man muss diese Trennung von Hochkultur und Populärkultur in der Kulturpolitik überwinden."

Gesellschaft

Eigentlich hätte die Digitalisierung das Leben und Wirtschaften umwelfreundlicher machen können. Leider ist genau das Gegenteil eingetreten, weiß in der SZ Michael Bauchmüller, und das liegt nicht nur daran, dass die vielen Lieferfahrzeuge die Innenstädte verstopfen. Auch am Streaming: "Ökologisch ist das eigentlich eine feine Sache, früher musste man Filme auf DVDs bannen. Dreimal geguckt, standen sie nur noch herum, irgendwann flogen sie in den Müll. Zu Videotheken muss am Samstagabend auch niemand mehr fahren, der Film kommt auf Knopfdruck. Das Problem, sagt Gröger, sei nur: 'Die Leute schauen sich bei Netflix eine Serie an, und gleich danach wollen sie die Original-Schauplätze besuchen.' Flugtickets und ein Apartment, klar, gibt es auf Knopfdruck vom Sofa aus. Ohne Energie läuft aber auch digital nichts. Mittlerweile frisst Informationstechnik sieben Prozent des weltweiten Stromverbrauchs, der Energiehunger entspricht dem des gesamten Luftverkehrs. Das Wachstum verläuft exponentiell, in Deutschland verdoppelt sich der Verbrauch alle zwei Jahre."

Im Guardian lästert die spitzzüngige Marina Hyde nach der Klimadiskussion der BBC, bei der Boris Johnson und Nigel Farage durch Eisblöcke ersetzt wurden, weil sie keine Lust zur Teilnahme hatten: "Boris Johnsons größter Beitrag zur Vermeidung von Plastikmüll scheint der Verzicht auf Kondome zu sein."
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Politik

Mit der ganzen Macht des Staates den Antisemitismus bekämpfen statt nur gutgemeinte Initiativen zu fördern, das klingt so entschlossen und richtig, doch in der taz glaubt Samuel Salzborn trotzdem nicht dran: "Dem Bundesinnenministerium fällt kaum mehr ein, als die Nachrichtendienste personell aufzustocken - unfassbar, wenn man die Frage stellt, wie der Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt eigentlich überhaupt arbeitet, so es ihm nicht einmal gelingt, die Organisierung und Bewaffnung von Neonazis wahrzunehmen? Die Erkenntnisse, die es über Rechtsextremismus in Deutschland gibt, kamen so gut wie noch nie vom Verfassungsschutz, sondern von antifaschistischen Initiativen, engagierten Journalist/innen und aus der wissenschaftlichen Forschung."
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Stichwörter: Antisemitismus

Internet

Auf Netzpolitik berichtete Alexander Fanta bereits gestern, dass das EU-Parlament vor der Europawahl im Mai 2019 zur Wählermobilisierung ausgerechnet auf die amerikanische Firma Nationbuilder setzte, die bei Datenschützern einen ähnlichen Ruf genießt wie Cambrdige Analytica: "Auf der zugehörigen Webseite sammelte das Parlament die Namen, E-Mail-Adressen und Herkunftsländer von Unterstützern - die Daten landeten auf den Servern von Nationbuilder in den USA. Wie die Daten dort verarbeitet wurden und ob sie rechtswidrig an andere Firmen weitergegeben wurden, ist Gegenstand der Untersuchung des EU-Datenschutzbeauftragten. Nationbuilder ist bei Datenschützern umstritten. Die Plattform lässt ihre Kunden Wählerdaten aus unterschiedlichen Quellen abgleichen und zusammenführen. Kunden können etwa in der 'Match'-Funktion die E-Mail-Adressen eines möglichen Wählers eingeben, Nationbuilder ergänzt wie von Zauberhand seine Profile in sozialen Medien."
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