9punkt - Die Debattenrundschau

In Gefolgschaft und Gegner sortiert

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2018. Mit Rechten reden ist ab einem bestimmten Punkt sinnlos, meint die taz mit Blick auf Chemnitz. Die Berliner Zeitung setzt dagegen auf die sanfte Macht des Arguments. Die NZZ beobachtet die Demontage des Rechtsstaats in Italien. In Österreich spüren die Rechtspopulisten erstmals etwas Gegenwind: Die Anhebung der Höchstgrenze der Wochenarbeitszeit auf 60 Stunden kommt nicht gut an. Auch unter NS-Opfern galt schwul sein oftmals als ehrenrührig, erinnert im Tagesspiegel die Historikerin Anna Hajkova.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.09.2018 finden Sie hier

Europa

Angst und bange wird Andres Wysling in der NZZ zumute, wenn er mit Blick nach Italien sieht, wie Matteo Salvini ohne jeglichen Gegenwind den Rechtstaat aushöhlt und Italien immer weiter nach rechts treibt: "Nicht einen Deut kümmert sich Salvini um die Rechtmäßigkeit seines Vorgehens. Vielmehr verhöhnt er unbotmäßige Richter und knüpft damit an den früheren Regierungschef Berlusconi an. Es entsteht der Eindruck, dass der Herr über die italienische Polizei bewusst die weitere Demontage des ohnehin wackligen Rechtsstaats betreibt. Das läuft auf die Herrschaft der Willkür statt die Herrschaft des Rechts hinaus. Es ist das Konzept der autoritären Rechten."

Durch einen Zusammenbruch der Ukraine in Folge von Putins Politik des "Ausblutens" würden Millionen Flüchtlinge in die EU strömen, befürchtet der am Institut für Euro-Atlantische Kooperation Kiew tätige Politologe Andreas Umland ebenfalls in der NZZ. Die EU muss jetzt eingreifen, meint er: "Einerseits sollte Russlands Zugang zu westlichen Finanzmärkten weiter eingeschränkt, das 'Nord Stream II'-Projekt eingefroren und der Bewegungsraum von Entscheidungsträgern im Putin-Regime stärker restringiert werden. Andererseits sollte man der russischen Bevölkerung eine zukunftsweisende Vision verbesserter Beziehungen mit dem Westen aufzeigen. Im Falle einer Beilegung aller Territorialstreitigkeiten im postsowjetischen Raum von Transnistrien über die Krim bis Südossetien könnte Russland mit einem EU-Assoziierungsabkommen, einem visafreien Reiseregime für den Schengenraum sowie einem Membership Action Plan der Nato belohnt werden."

In der taz lehnt Bettina Gaus die Aufforderungen, Extremisten wie in Chemnitz zuzuhören und mit ihnen zu diskutieren, rundheraus ab. Irgendwo gibts eine Grenze, meint sie:  "Der Mechanismus ist stets derselbe: Extremisten behaupten, dass zwei und zwei fünf sei. Und sie finden Gesprächspartner, die sich mit ihnen sachlich auseinandersetzen, immer in der Hoffnung, dass die Öffentlichkeit sich von Tatsachen überzeugen lässt. Diese Hoffnung trügt. So funktioniert das offensichtlich nicht. Die Washington Post hat dem US-Präsidenten mehr als 4.000 Falschaussagen nachgewiesen, und es ist seinen Anhängern schlicht egal. Sie jubeln ihm dennoch zu - und zwar zu Recht. Weil er, im Unterschied zu seinen Gegnerinnen und Gegnern, verstanden hat, dass der Kampf um die kulturelle Hegemonie kein zivilisierter Diskurs ist, in dem es um die besseren Argumente geht, sondern eben ein Kampf."

Doch, reden muss man, meint Arno Widmann in der Berliner Zeitung, auch wenn ihm die hasserfüllten Leute in Chemnitz, die "Absaufen! Absaufen! Absaufen!" brüllten, entsetzt haben: "Aber man unterschätze auch nicht die sanfte Macht des Arguments. Es haut einen nicht um, aber es dringt in einen ein, kann noch Monate, Jahre später einen umstülpen. Es gab einmal Zehntausende in der Bundesrepublik, die skandierten 'Brecht dem Staat die Gräten - Alle Macht den Räten!' Zwei Jahrzehnte später gehörten viele von ihnen zu den vehementesten Verteidigern der bundesrepublikanischen Demokratie. Sie wussten, wie kostbar und wie prekär sie war."

Wie angreifbar die Rechte ist, sobald man sich nicht mehr auf die Flüchtlingsdebatte einlässt, kann man gerade in Österreich beobachten, schreibt Malene Gürgen, ebenfalls in der taz. Dort hat die Koalition aus ÖVP und FPÖ gerade die Höchstgrenze der Wochenarbeitszeit auf 60 Stunden angehoben: "'Die Regierung ist sehr geschickt darin, von unpopulären sozialpolitischen Maßnahmen abzulenken, indem sie die Diskussion auf Asylpolitik lenkt'", lässt sich Gürgen von Martin Schenk, stellvertretender Direktor der Diakonie Österreich und Armutsforscher, erklären. "Tatsächlich ließ sich das auch beim 12-Stunden-Tag beobachten: Als die Debatte auf dem Höhepunkt war, preschte die Regierung mit dem Vorschlag vor, künftig sollten auf europäischem Boden keine Asylanträge mehr gestellt werden können. 'Über Arbeitszeiten redet da keiner mehr', sagt Schenk. Noch scheint das Kalkül aufzugehen: Zwar hat die FPÖ laut Umfrageergebnissen gegenüber dem Wahlergebnis leicht an Zustimmung verloren, insgesamt sitzt die Regierung aber nach wie vor fest im Sattel."
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Wissenschaft

In der taz ist Ekkehard Knörer entsetzt über die Abwiegelung der Missbrauchsvorwürfe gegen die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Avital Ronell im akademischen Milieu: "Wer sich in den vergangenen zwanzig Jahren auch nur in der Nähe des German Department der NYU bewegt hat, konnte von den mehr als beunruhigenden Zuständen dort wissen. Wie eine Sektenführerin hat Ronell die Studierenden in Gefolgschaft und Gegner sortiert, hat gemeinsam mit einem anderen Professor Studierende, die nicht auf Linie waren, und auch die Kollegen terrorisiert. ... Desillusionierend ist, wie blind sich die gewieften Theoretiker*innen der Macht für einen sehr konkreten und vor ihrer Nase befindlichen Fall von Machtmissbrauch zeigten, wie arrogant sie sich gegen die Opfer solidarisierten, wie uneinsichtig die meisten von ihnen nach wie vor sind und wie sie die Schuld überall und vor allem bei den zugegeben oft bösartigen und törichten Gegnern der Dekonstruktion, nur nicht bei ihrer eigenen privilegiengestützten Machtvergessenheit suchen."
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Geschichte

Im Tagesspiegel erzählt die Historikerin Anna Hajkova die Geschichte des in Auschwitz ermordeten Zionisten Fredy Hirsch und des Arztes Jan Mautner, deren schwule Beziehung bis heute von NS-Überlebenden verschwiegen wird, da sie als "ehrenrührig" gelte: "Womöglich verschwand Hirschs große Liebe auch deswegen aus der allgemeinen Erinnerung, weil die Häftlingsgesellschaft vielfach homophobe Vorurteile produzierte, die sich bis heute in den Überlebendenberichten und somit auch in der Geschichtsschreibung zu den KZs widerspiegeln. Eines der seit jeher tiefsitzendsten homofeindlichen Ressentiments ist der Vorwurf der vermeintlichen Pädophilie aller Homosexuellen. Anschuldigen, er habe sich zu Jungen hingezogen gefühlt, trafen auch Fredy Hirsch. Manche Überlebenden erinnerten sich gar, Hirsch habe sie begrapscht."
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Medien

In der FAZ stellt der amerikanische Professor für Journalismus Jay Rosen dem deutschen Journalismus, über den er gerade drei Monate geforscht hat, ein insgesamt recht gutes Zeugnis aus, hat zum Schluss aber eine Frage: "Ein letzter Gedanke: Die Nutzer journalistischer Angebote, also die Leser, Zuschauer, Hörer, die Gebührenzahler und Pay-TV-Abonnenten, haben heutzutage mehr Macht. Sie haben mehr Macht, weil sie mehr Auswahl haben, weil das Mediensystem keine Einbahnstraße mehr ist und weil Populisten dazu aufrufen, aus dem System auszusteigen - eine Gefahr, die Journalisten ernst nehmen müssen. Wenn in einer Beziehung eine Seite mächtiger wird, verändert das die Beziehung. Der deutsche Journalismus muss das zur Kenntnis nehmen und sich entsprechend weiterentwickeln. Sind Sie dazu bereit?"
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Stichwörter: Rosen, Jay