9punkt - Die Debattenrundschau

Mit seinem Quietscheentchen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.09.2018. Die New York Times weiß, warum Ian Buruma bei der New York Review of Books heftigen Ärger bekommen hat, aber nicht, ob er aus freien Stücken ging. In Brüssel eröffnet das Afrikamuseum neu, das einst gebaut wurde , um die blutige belgische Kolonialgeschichte zu feiern und nun ein ganz neues Konzept hat. SZ und politico.eu berichten. Und Bülent Mümay schildert in der FAZ das Leben unter einem Autokraten, der sich ein Flugzeug im Wert von 500 Millionen Euro "schenken" lässt, während die Arbeiter an der Baustelle des Großflughafens nicht mal bezahlt werden.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.09.2018 finden Sie hier

Ideen

Ian Buruma hat Hals über Kopf die Leitung der New York Review of Books aufgegeben, berichtet Cara Buckley in der New York Times. Er hat einen Essay des kanadischen Autors und prominenten Radiomoderators Jian Ghomeshi veröffentlicht, der sich mit den zahlreichen Anklagen von Frauen wegen sexueller Belästigung auseinandersetzt (er ist vor Gericht freigesprochen worden). "Der Essay hat sofort für Aufruhr gesorgt, einige kritisierten den als selbstmitleidig empfundenen Ton, und die Beschönigung von Anklagen, die immerhin von Schlägen und Würgen sprachen. Es waren über zwanzig Frauen und nicht 'einige', wie Ghomeshi schrieb. Buruma zog weiteren Zorn auf sich, weil er ein Interview gegeben hatte, dem vorgeworfen wurde, dass er kein Interesse an den Beschuldigungen gegn Ghomeshi zeige." Ob Buruma aus eigenen Stücken gegangen ist oder gefeuert wurde, konnte die New York Times nicht in Erfahrung bringen.

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari skizziert im Interview mit der Zeit die großen Gefahren, die uns drohen: Ein Nuklearkrieg, Klimawandel und die Digitalisierung. Letztere vor allem können unsere Gesellschaften fast unbemerklich verändern - freier Wille, Individualität war mal. "Das Individuum war mächtig, solange es eine Blackbox war, solange kein äußerer Beobachter meine individuellen Präferenzen, Wünsche und Gedanken kennen konnte. Die gesamte liberale Ordnung gründet auf dieser Annahme: Keiner weiß es besser als der Wähler, keiner weiß es besser als der Kunde. Aber wenn wir ein System haben, das tatsächlich in die alte Blackbox Individuum reinschauen und entsprechend dessen tiefste Bedürfnisse vorhersagen und manipulieren kann, dann gibt es das klassische Individuum nicht mehr."

Tilman Baumgärtel schreibt den Nachruf auf Paul Virilio in der taz: "Wer den Fortschritt analysieren will, muss auch die Unfälle verstehen, die er ausgelöst hat, fand Virilio, und hatte auch dafür einen griffigen Slogan: 'Die Erfindung des Autos war auch die Erfindung des Autounfalls.'" Und in der Welt schreibt Ulf Poschardt: "Gegen den Eskapismus, das Eckenstehertum, die Orchideen-Akademie setzte Virilio ein radikales, unverschämtes 'Denken, was ist'. Er ahnte die geistige Leere der neuen Lenker der Welt voraus und versorgte sie mit jenen Begrifflichkeiten, die erhellten, auf welche disruptiven Herausforderungen die Menschheit zuraste."
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Gesellschaft

Whistleblowing wird in Deutschland nicht ausreichend abgesichert, schreibt der Jurist und  Berater des Deutschen Whistleblower-Netzwerks Simon Gerdemann in der taz: "Das deutsche Whistleblowing-Recht besteht aus einem Flickenteppich einzelfallgetriebener Gerichtsentscheidungen, bereichsspezifischer Einzelnormen und oft eher schlecht als recht aus dem Ausland übernommenen Unternehmensrichtlinien. Öffentliche Stellen, an die Whistleblower sich mit Informationen wenden und auf Schutz hoffen können, sind hierzulande rar. Für Betroffene hat das zur Folge, dass sie sich trotz enorm hoher beruflicher und persönlicher Risiken nicht auf den Schutz des Rechts verlassen können."

Ernie und Bert aus der "Sesamstraße" sind als schwules Paar imaginiert worden, hat sich neulich herausgestellt. Jan Feddersen ist in der taz nicht überrascht: "Man erkennt die gute Ehestimmung auf Anhieb. Wer sich so liebevoll neckt und auf die Schippe nimmt, muss miteinander gut können, in guten wie in schlechten Zeiten. Ernie ist immer der Verspielte, der Bert mit seinen Erzählungen teils zum Wahnsinn treibt, andererseits aber auch - etwa mit seinem Quietscheentchen - Liebe signalisiert: Sie haben ein gemeinsames Leben mit Hobbys und Verwandtschaften draußen."
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Stichwörter: Whistleblowing

Kulturpolitik

Nach langer Renovierung und Neukonzeption eröffnet demnächst das Afrikamuseum in Brüssel wieder, das einst gebaut wurde, um die besonders blutige Kolonialpolitik des Königs Leopold II. zu feiern und die Belgier günstig zu stimmen, um die Schulden des Königs zu übernehmen, der seine Kolonie zuerst als Privatunternehmen betrieb. Esther King besucht das Museum für politico.eu, schildert die Auseinandersetzungen um die Konzeption und die Kritik von Migrantenverbänden, spricht mit dem Chef Guido Gryseels über die selbstkritische Konzeption des Hauses. Auch der Autor Adam Hochschild kommt zu Wort: "Um die Machtdynamik einer großen öffentlichen Institution zu verändern, die zu gut achtzig Prozent von der Regierung subventioniert wird, 'braucht man eine Lobby', sagt Hochschild, Autor von 'King Leopold's Ghost', einer Geschichte der belgischen Besetzung des Kongo. 'Geschichtsmuseen spiegeln diese Machtdynamik in ihrer Gesellschaft mehr wider als irgendetwas sonst. Kein Land macht einen wirklich guten Job im Umgang mit schwierigen Perioden seiner Vergangenheit, wenn es nicht wirklich dazu getrieben wird.'"

Nur ein Saal ist der Zeit der Sklaverei, den Morden und Plünderungen, den kolonialen Jahrzehnten bis zur Phase nach der Unabhängigkeit 1960 gewidmet, ansonsten wird der Blick eher auf das zeitgenössische Afrika gerichtet, berichtet in der SZ indes Thomas Kirchner, der mit Gryseels gesprochen hat: "Das Thema ist weiterhin heikel in Belgien, fast jede Familie hat ein Mitglied, das direkt oder indirekt mit dem Kongo zu tun hatte. Jenen, die der belgischen Herrschaft nachtrauern und sich jegliche Kritik verbitten, versucht er zu erklären, warum der Kolonialismus ein 'unmoralisches Herrschaftssystem' sei. 'Wer sind wir denn, ein Land militärisch zu besetzen, seine Bürger in Weiß und Schwarz zu teilen und alle Profite nach Hause zu tragen?' Um die Alt-Kolonialisten zu beschwichtigen, fügt er hinzu: 'Das heißt nicht, dass viele einzelne Menschen dort nicht auch Gutes getan haben, die Ärzte zum Beispiel, die Leute heilten und Kinder impften.'"

Es gibt jene Museen, die im Umgang mit Kolonialkunst mit den Nachfahren der ehemaligen Herkunftsgesellschaften kooperieren - und jene, die Kultur als Ressource verstehen, über die frei verfügt und die parodiert und inszeniert werden könne, schreibt die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin in der NZZ. Warum sind sakrale Namen und Handwerkstechniken indigener Völker nicht geschützt?, fragt sie weiter: "Indigene Völker versuchen dagegen, ihre Kultur vor dem Zugriff besitzergreifender Fremder zu schützen, weil sie Kultur als einen wichtigen Teil ihrer eigenen Identität verstehen. Kulturelles Erbe ist für viele indigene Völker eine Möglichkeit der Selbstfindung, nachdem sie jahrzehnte- oder jahrhundertelanger Fremdbestimmung unterworfen waren. Auch wehren sie sich gegen globale Vereinnahmungen ihres traditionellen Wissens, das ebenfalls als frei flottierende Ressource behandelt wird."
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Religion

Henning Hirsch, Anwalt und Autor bei den Kolumnisten, unterhält sich mit seine jungen Kollegin Raja A., die das Kopftuch verteidigt und sich beklagt, dass sie als Referendarin bei der Staatsanwaltschaft nicht vor Gericht plädieren durfte: "Als Begründung wurde ich gefragt: 'Wie soll sich denn der Angeklagte fühlen, wenn er sich mit einer Staatsanwältin konfrontiert sieht, die Kopftuch trägt?' Was für ein fadenscheiniger Unsinn! Der Angeklagte ist ein Betrüger, Vergewaltiger oder Mörder, eben jemand, dem eine x-beliebige Straftat vorgeworfen wird. Und er bekommt Angst vor einer Kopftuch tragenden Staatsanwältin? Eine völlig willkürliche Argumentation des Chefs, der jede Grundlage in den Verwaltungsvorschriften fehlte."
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Stichwörter: Kopftuch, Kopftuchdebatte

Medien

Weshalb aktuelle Debatten, etwa über Migration, Rechtspopulismus oder Tagespolitik zu medialer Empörung führen, große Zukunftsthemen wie Klimawandel oder Ressourcenknappheit hingegen kaum beachtet werden, erklärt im SZ-Gespräch der Publizist und Gründer des Wiener "Zukunftsinstituts" Matthias Horx: "Wir leben in einer Zeit der Hypermedialität, in der das Mediensystem wie eine gigantische Echokammer wirkt. In dieser Kammer werden alle Hässlichkeiten und Provokationen immer weiter verstärkt. Das wirkt wie eine Entzündung in der Gesellschaft, eine Hysterisierung der öffentlichen Meinung. Der Rechtspopulismus nutzt diesen Echo-Effekt, um die Aufmerksamkeiten zu verschieben. Und so werden die wirklichen Zukunftsthemen an den Rand gedrängt."
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Europa

Tayyip Erdogan hat sich einen luxuriösen Jumbo-Jet, der auf dem Markt 500 Millionen Dollar gekostet hätte, vom Scheich von Katar "schenken" lassen. Bülent Mumay liefert in der FAZ eine seiner bitteren Kolumnen zu dieser Meldung. Der Jet wird demnächst auf dem neuen Großflughafen von Istanbul landen, um den "Sie uns unseren Medien zufolge so arg beneiden". "Auf der Großbaustelle, auf der die Arbeiten beschleunigt wurden, weil Erdogan ihn so schnell wie möglich eröffnen will, kommen beinahe jede Woche mehrere Menschen bei 'Arbeitsunfällen' ums Leben. Seit sechs Monaten wird den Arbeitern ihr Lohn vorenthalten, jetzt legten sie die Arbeit nieder. Ihre Forderungen lauten: Untersuchung der Todesfälle, eine saubere Unterkunft auf der Baustelle und menschenwürdige Arbeitsbedingungen."
Archiv: Europa