9punkt - Die Debattenrundschau

Die Biene und die Blume

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.09.2018. Jeremy Corbyn soll sich nicht auf seinen Antirassismus berufen, meint Howard Jacobson im Jewish Chronicle - denn der Antisemitismus sei eigentlich kein Rassismus. Die taz berichtet über einen Streit der Feministinnen bei den Grünen. Im Guardian verteidigt Chantal Mouffe ihre Idee eines Linkspopulismus. Die FAS sammelt Protestnoten von AutorInnen gegen die Entlassung der Rowohlt-Verlegerin Barbara Laugwitz.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.09.2018 finden Sie hier

Europa

Kluge Analysen zu den schwedischen Wahlen mit der relativen Niederlage der Rechtspopulisten (ja, 18 Prozent, aber ihnen waren weit über 20 Prozent vorausgesagt worden) gibt es in den Zeitungen noch nicht. Lesenswert aber die Tweets des Economist-Kolumnisten Jeremy Cliff über falsche Obsessionen der Medien im Blick auf die "Rechten". Sein Thread beginnt so:

Wir befinden uns in Deutschland nicht im Jahr 1932, meint der Historiker Michael Wildt auf Zeit online. Aber ein paar Lehren könne man schon aus dieser Zeit ziehen. Zum Beispiel diese: "Auch wenn Hitler die NSDAP nach 1925 öffentlich auf einen Legalitätskurs verpflichtete, so war Gewalt für die Nationalsozialisten doch stets ein Mittel der Politik. Mit Reden, Broschüren, Plakaten wurde Hass gegen Juden und Marxisten geschürt, Gewalt als 'Selbstverteidigung' gerechtfertigt. Hier hält Weimar einen politischen Lackmustest bereit: Eine Partei, die sich nicht klar von demokratiefeindlicher Gewalt distanziert, ist keine demokratische Partei."

Der Tagesspiegel sieht den Leiter des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen unter dem Verdacht, dass er "besondere Dienstleistungen für eine Partei erbringt, deren demokratische Grundausrichtung infrage steht". Heißt: die AfD. Hintergrund ist ein Bericht des Handelsblatts, wonach es "mit Blick auf die AfD 'undichte Stellen' in den Sicherheitsbehörden gebe, insbesondere dem Bundesamt für Verfassungsschutz. In manchen Verfassungsschutzämtern der Länder besteht demnach die Sorge, dass dort gesammelte Informationen und etwaige Einschätzungen über die AfD 'ihren Weg in die Öffentlichkeit oder direkt in die Hände der AfD finden'." Der Sprecher des Verfassungsschutzes hat die Vorwürfe zurückgewiesen.

Der Jewish Chronicle druckt eine bitterböse Rede des Schriftstellers Howard Jacobsons über Jeremy Corbyn und den Antisemitismus. Corbyns Beteuerung, er habe sich stets gegen Rassismus gestellt, verfängt bei ihm nicht: "Denn Antisemitismus ist nicht wirklich ein Rassismus. Er ist eher ein Aberglaube, eingebettet in Theologie, getränkt von mittelalterlicher Irrationalität, runderneuert für die linke Ökonomie, und exhumiert, wann immer eine Erklärung für alles Böse in der Welt gesucht wird. Antisemitismus als Rassismus anzusprechen, ist für Jeremy Corbyn ein Widerspruch in sich, denn in seinen Augen werden Juden weder unterdrückt noch ausgebeutet, sondern sind - als Wucherer, Kolonialisten und Verschwörer - die eigentliche Quelle des Rassismus selbst."

Die Sunday Times meldet unterdessen, dass die "israelkritische" Aktivistin Ewa Jasiewicz, die durch das Graffiti "Free Gaza and Palestine", das sie an eine Mauer des Warschauer Ghettos sprühte, bekannt wurde, zu einem Kulturkongress der Labour-Partei eingeladen wurde, bei dem auch Corbyn spricht.
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Internet

Viel retweetet wird Max Fishers und Katrin Bennholds New York Times-Artikel über Youtube und die Ereignisse in Chemnitz: "Nutzer, die nach Nachrichten über Chemnitz suchen wurden in ein Rattenloch von Hass und Desinformation geschickt. Als das Interesse an Chemnitz wuchs, so scheint es, schickte Youtube viele Deutsche zu extremistischen Seiten, deren Seitenaufrufe in den Himmel schossen." Aber die Öffentlich-Rechtlichen auf Youtube sind doch auf Youtube präsent? Was ist mit Funk.net, das eigens für Youtube gegründet wurde?
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Stichwörter: Chemnitz, Chemnitz 2018

Gesellschaft

Am Wochenende tagte ein Frauenkongress der Grünen, der nochmal den Spalt zwischen den verschiedenen Denkarten des Feminismus offenbarte. Autorinnen der Emma protestierten gegen den "intersektionalen" und kulturalistischen Ansatz der meisten Sprecherinnen bei den Grünen, berichtet Patricia Hecht in der taz. Aber die Grünen lassen sich von der Verteidigung des Kopftuchs und einem Feminismus, der den Antirassismsus über die Frauenfrage stellt, nicht abbringen: "Die frauenpolitische Sprecherin der Grünen, Gesine Agena, ist dazu sehr klar: 'In Zeiten des Erstarkens der AfD, in denen Rechte versuchen, Frauenrechte für sich zu vereinnahmen, muss grüne Politik intersektional, solidarisch und antirassistisch sein', sagte Agena der taz. 'Wir brauchen einen Feminismus, der unterschiedliche Diskriminierungen sieht und der auch solidarisch ist, wenn Frauen mit Kopftuch angegriffen werden. Unser Feminismus und unsere Frauenpolitik stehen für die Selbstbestimmung von Frauen in all ihren vielfältigen Lebensentwürfen.'"

Nach einem Emma-Artikel über Chemnitz (unser Resümee) ordnet auch die Bloggerin und SZ-Autorin Meredith Haaf die Emma "rechts" ein: "Chefredakteurin Schwarzer äußert sich regelmäßig dazu, dass ihr zufolge vom Islamismus 'eine politische Gefahr im Weltmaßstab' ausgehe. Dieses Feindbild deckt sich mit dem derjenigen, die in Chemnitz zuletzt viel mehr zum Ausdruck brachten als nur Sorge."
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Kulturmarkt

Viele Autoren des Rowohlt-Verlags zeigen sich über den sang- und klanglosen Rauswurf der Verlegerin Barbara Laugwitz entsetzt, meldet Julia Encke in der Sonntags-FAZ. Zu den Autoren, die sich äußern, gehören Paul Auster, Eckhart von Hirschhausen, Siri Hustvedt und Elfriede Jelinek. "Auf Nachfrage dieser Zeitung, ob dieser jähe Wechsel der Unternehmenskultur eines hochangesehenen Autorenverlags nicht widerspreche und die Kündigung im Zusammenhang mit einer größeren Umstrukturierung der Holtzbrinck- Buchverlage stehe, antwortete Joerg Pfuhl, CEO der Holtzbrinck-Buchverlage, dass er 'derzeit nichts über die Pressemitteilung hinaus kommunizieren' könne."
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Politik

Das Leben unter Trump fühlt sich zusehends an wie das Leben unter einer Besatzung, schreibt Anne Applebaum in der Washington Post. Aber es sind auch die Institutionen, die der heutigen Situation nicht gewachsen seien, fügt sie hinzu und spricht das Wahlmännersystem an, durch das das Ergebnis für Trump so verzerrt wurde: "Vielleicht haben wir auch unterschätzt, inwieweit sich unsere im 18. Jahrhundert entworfene Verfassung als unzureichend für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts erwiesen hat. Im Jahr 2016 erfuhren wir, warum es wichtig ist, dass unser Wahlkollegium - ursprünglich dazu bestimmt, eine weitere Gruppe von Menschen zwischen die Volksabstimmung und die Präsidentschaft zu stellen... - zu einer schalen Fiktion geworden ist."
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Ideen

Selbst Joi Itō, seit 2011 Leiter des Media Lab des Massachusetts Institute of Technology, ist derzeit vom digitalen Zeitalter etwas enttäuscht, gibt er im Gespräch mit Zeit online zu. Ganz mag er seinen Optimismus aber nicht aufgeben: "Gibt man jedem eine Stimme, sind die Arschlöcher die Lautesten. Sie übertönen alle anderen. Wir waren sehr naiv damals, als es mit dem Netz losging. Manche sind es bis heute. Aber eigentlich bin ich wirklich ein Optimist. ... Ich würde empfehlen, sich Martin Nowaks Studien anzuschauen, der in Harvard Mathematik und Biologie lehrt und dort das Programm für Evolutionary Dynamics leitet. Seine Computersimulationen legen die These nahe, dass für die Evolution kooperatives Verhalten bedeutsamer war als Konkurrenzverhalten. Schon die Darwinistische Vorstellung der Evolution wurde oft zu sehr auf die Lesart reduziert, dass der Stärkere stets gewinnt. Nahe liegender wäre, sich einfach noch mal die Biene und die Blume anzuschauen und von deren kooperativem Verhältnis zu schwärmen. Statt gegeneinander sollten wir miteinander arbeiten."

Im Guardian verficht die Vordenkerin des Linkspopulismus Chantal Mouffe erneut ihre Idee, dass die Linke nur mit Populismus auf den Populismus der Rechten reagieren könne. "Der einzige Weg, Rechtspopulismus zu bekämpfen ist, ist eine progressive Antwort auf die Forderungen zu geben, die er in fremdenfeindlicher Sprache formuliert. Das heißt, man muss den demokratischen Kern in diesen Forderungen anerkennen und die Möglichkeit sehen, diese Forderungen in radikaldemokratischer Richtung durch einen neuen Diskurs zu artikulieren. Dies ist die politische Strategie, die ich 'Linkspopulismus' nenne."

Die FAS druckt Eva Menasses Eröffnungsrede zum Internationalen Literaturfestival Berlin, in der sie das Internet für den Rechtspopulismus verantwortlich macht: "In Verbindung mit den neuen technologischen Möglichkeiten jedoch sind Macht und Einfluss der neuen Rechten in einem Ausmaß angeschwollen, das noch vor kurzem unvorstellbar war. 'Flood them with shit', wird Steve Bannon zitiert, der sich vorgenommen hat, Vernunft und Glaubwürdigkeit ganz generell und global zu zerstören, sowohl die von Medien als auch die von herkömmlicher Politik."

Außerdem: In der NZZ berichtet Urs Hafner von einem internationalen Philosophiekongress in Basel zum Thema "Was ist Geist?".
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